Goethes Schwager schrieb Romane, warum sollte Schillers Schwägerin keine schreiben? Tats also, und fing an mit Agnes von Lilien - und Schiller veröffentlichte das erste Stück daraus gleich 1796 in seiner Zeitschrift Die Horen, er hatte seine Schwägerin zum Verwechseln gern.

Alle lasen es, bald war auch heraus, wer die erst nach den Sitten der Zeit anonym gebliebene Verfasserin war, und nach 210 Jahren können wir das Buch nun auch lesen (Caroline von Wolzogen: Agnes von Lilien.

Roman. Mit Rezensionen von Friedrich Schlegel und Wilhelm von Humboldt sowie einem Nachwort herausgegeben von Thomas Anz - Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2005 - 289 S., 14,80 ).

Eine Icherzählerin berichtet vergleichsweise knapp ihre Kindheit bei einem Pfarrer ("er legte den Plutarch aufgeschlagen aus der Hand, weil es finster wurde, und nahm die großgedruckte Bibel vor sich"), dessen Kind sie nicht ist, aber das erfährt sie nicht gleich und da sind wir schon mittendrin, denn die Hauptsache des Plots besteht darin, dass kaum einer weiß, wer er eigentlich ist, wer seine Eltern sind, wie er dahin gekommen ist, wo er ist und warum er da ist und so weiter. Eines Tages, und damit geht es dann richtig los, kommt ein Mann ins Haus, und Agnes weiß, prima vista, das ist der Mann ihres Lebens, und er weiß es, und der Pfarrer weiß es, bloß wer er ist, weiß kaum einer, sie weiß es jedenfalls nicht, und ob er weiß, wer sie ist, weiß zumindest der Leser nicht, der immer nur das weiß, was auch die Erzählerin weiß, und das ist eben fast nichts, außer der Liebe "alles dieses ging mir in der Seele auf, und mein Innerstes zerfloss in der Gewalt und im Wechsel der seligen Bilder. Die Stunde der Mitternacht ging so vorüber, und vergebens legte ich mich zum Schlummer, nachdem ich mir ein nettes, weißes Morgenkleid zurecht gelegt hatte."

Grausame Dinge passieren, Trennungen, Entführungen, Totgeglaubte kommen wieder, Agnes soll sogar einen andern heiraten aus Gründen der Staatsräson, denn der Minister ist ein Schuft, und der Fürst (ihr Großvater?) alt. Alles ist fürchterlich durcheinander, aber irgendwann fangen alle an, klärend ihre Schicksale zu erzählen: "Mit himmlischer Heiterkeit blickte sie mir ins Auge, drücke mich an ihre Brust und sagte: Bestes Kind, der Moment ist gekommen, wo mein ganzes Gemüt der reinen Mitempfindung deines Glückes fähig ist." Alle sprechen dabei dieselbe Sprache, man weiß eigentlich nie, wer nun wem wovon erzählt.

Das liegt nicht etwa an den über 200 Jahren zwischen dem Buch und uns, sondern das liegt an der Autorin. Alle ihre Sätze beginnen sich mehr und mehr ähnlich zu sehen (sie sind es syntaktisch auch), kein Satz hat eine innere Spannung, und keiner steht zum vorhergehenden und zum nächsten in irgendeinem Verhältnis, treibend, aufhaltend, steigernd, irgendwie. 3000 gar nicht strukturierte Sätze voller herzbeutelnder und auch noch unerlogener Empfindungen, das ist eine Lektüre wie ewiges Puddingessen. Und 3000 solche Sätze wie die drei oben zitierten sind auch kein Spaß mehr oder Gegenstand ironischen Lesens das ohnehin schlecht angebracht wäre, die Wolzogen ist keine Courths-Mahler, sie kann nur einfach nicht schreiben - das ist ja kein Charakterfehler, nur schade ist es halt.

Viele damals haben gedacht (Schlegel, wohl auch Humboldt, man fasst es kaum: So haben sie also Goethe gelesen?), Goethe hätte das Buch geschrieben, Goethe hat darüber gelächelt - heimlich wird er geflucht und zu sich gesagt haben: Hätt ich doch damals bloß nicht diesen verdammten Werther und eben noch den Wilhelm in die Welt gesetzt jetzt hab ich sie alle auf dem Hals.