Jahr der Mathematik Betstunden für Fromme

Am 23. Januar wird das »Jahr der Mathematik« eröffnet. Am Nutzen der bisherigen Wissenschaftsjahre gibt es jedoch erhebliche Zweifel

Bei jeder Marketingaktion muss man sich irgendwann fragen, ob sie ihr Ziel erreicht. Der deutschen Wissenschafts-PR geht es da nicht anders. Wenn kommende Woche in Berlin feierlich das »Jahr der Mathematik« eröffnet wird, dann schwingt im Hintergrund auch diese Frage mit. Denn glaubt man einer (bislang unveröffentlichten) Studie des Wissenschaftssoziologen Peter Weingart, gibt es da in Deutschland noch einigen Verbesserungsbedarf.

Der Bielefelder Soziologe hatte im Auftrag des Bundesforschungsministeriums (BMBF) die verschiedenen Formate der Wissenschaftskommunikation international verglichen. Dabei kamen auch die sogenannten Wissenschaftsjahre auf den Prüfstand. Seit acht Jahren finden in Deutschland diese groß angelegten Werbeveranstaltungen für die Forschung statt. 2005 wurde Albert Einstein gefeiert, das vergangene Jahr stand im Zeichen der Geisteswissenschaft, und jetzt wird aktuell die Mathematik ins Rampenlicht gerückt.

Zwischen 5 Millionen Euro (Mathejahr) und 13 Millionen (Einsteinjahr) stellt das BMBF dafür zur Verfügung; die Werbeagentur Scholz & Friends liefert das Werbekonzept dazu. Doch erreicht der ganze Aufwand auch sein Ziel – und worin besteht dies überhaupt? Beides sei alles andere als klar, stellt Peter Weingart in seiner »Vergleichenden Analyse Wissenschaftskommunikation« fest.

Die Strategie scheint etwas zu simpel: »Gut, dass wir darüber geredet haben«

Zwar erreichten die diversen Aktionen, mit denen die Forscher das Publikum für ihre Arbeit begeistern wollen, durchaus »hohe Teilnehmerzahlen und Medienaufmerksamkeit«, heißt es in der Studie. Allerdings machen Weingart und seine Mitarbeiterinnen Simone Rödder und Miriam Voss auch »die für derartige Großformate typischen, konzeptionell begründeten Schwächen« aus. Was bisher fehle, sei nicht nur »eine genauere Definition der zu erreichenden Zielgruppen« und eine »bessere Koordination der vielfältigen Veranstaltungen«, sondern auch »das Einbinden von Events in längerfristige Kommunikationsstrategien«.

Damit bringt er noch einmal das auf den Punkt, was auch frühere Evaluationen schon feststellten. Denn im Auftrag des BMBF wurde bisher jedes Wissenschaftsjahr von einer unabhängigen Agentur evaluiert – mit stets ähnlich unbefriedigenden Ergebnissen.

Der Evaluationsbericht zum Jahr der Technik 2004 stellt etwa fest, dass dessen Ziele in »verschiedenen Quellen immer wieder anders« und »sogar an manchen Stellen widersprüchlich formuliert« seien. Diese Scheu, sich festzulegen, begründen die Protagonisten der Wissenschaftsjahre gern damit, dass man der Eigeninitiative der Forscher breiten Raum gebe. Jede Initiative, die aus dem Elfenbeinturm herausführe, sei willkommen, und überhaupt sei Kommunikation an und für sich schon ein positiver Wert.

Das mag sein. Wenn sich allerdings die Wissenschaftsjahre in einem »gut, dass wir darüber geredet haben« erschöpfen, ist das zu wenig. Das hat man mittlerweile auch im Bundesforschungsministerium erkannt. Dort kann man Weingarts Kritik durchaus nachvollziehen. »Bei jedem Veranstaltungsformat gibt es Verbesserungsmöglichkeiten, und in dieser Hinsicht gab es ja bereits eine Entwicklung in den vergangenen Wissenschaftsjahren«, sagt Forschungsministerin Annette Schavan. So versuche man etwa, die jeweilige Zielgruppe mehr in den Fokus zu nehmen und für eine stärkere Nachhaltigkeit der Veranstaltungen zu sorgen. Und Weingarts Studie, die seit Monaten beim BMBF auf Eis liegt, sei auch deshalb noch nicht veröffentlicht, »weil sie genau zu einem Zeitpunkt kam, an dem auch wir über eine Neuausrichtung beraten haben«.

Die grobe Marschrichtung wurde schon 1999 vorgegeben, als sämtliche großen deutschen Wissenschaftsorganisationen ein gemeinsames Memorandum zum Public Understanding of Science and Humanities (PUSH) unterzeichneten. Damals wurden die Forscher aufgefordert, mehr Verständnis und Akzeptanz für die Wissenschaft zu wecken, und auch dazu, mehr Studienanfänger für technisch-naturwissenschaftliche Fächer zu begeistern. Diese Motive sind heute so aktuell wie damals.

Viele Forscher scheinen allerdings noch immer dem Missverständnis aufzusitzen, man müsse die Öffentlichkeit nur richtig belehren, damit sie die Methoden und Ergebnisse ihrer Forschung verstünde und akzeptierte. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, dass Bürger, die sich in der Physik auskennen, vor Kernkraftwerken weniger Angst haben. Oder dass sie der Stammzellforschung gegenüber aufgeschlossener seien, wenn sie die dazugehörigen biologischen Grundbegriffe verstünden.

Dass dies ein Trugschluss ist, hat die einschlägige Forschung schon lange bewiesen. Studien zeigen immer wieder, dass ein größeres Maß an scientific literacy eher mit einer kritischeren Einstellung gegenüber umstrittenen Forschungszweigen einhergeht. Dieser Trend lässt sich auch europaweit beobachten. In Nationen mit höherem wissenschaftlichen Kenntnisstand (etwa in Dänemark oder Deutschland) wird sehr viel kritischer über Themen wie Kernenergie oder Gentechnik diskutiert als in Nationen wie Spanien oder Italien, deren Bürger sich in der Wissenschaft weniger gut auskennen, ihr aber meist fortschrittsgläubiger und optimistischer begegnen.

Deshalb fordern die Bielefelder Soziologen in ihrer Studie auch »eine Stärkung und Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Dialogs«. Nun ist davon in den Wissenschaftsjahren viel die Rede. »Die Jahre eröffnen Räume für lebendige und kontroverse Dialoge zwischen Bürgern und Bürgerinnen und den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen« – so hieß es etwa im Jahr der Chemie 2003. Ein Jahr später stellte der Evaluationsbericht allerdings fest: »Im Text ist von einem ›kontroversen Dialog‹ die Rede, was bedeuten würde, dass dabei unterschiedliche Werthaltungen zum jeweiligen Wissenschaftsthema zur Sprache kommen. In den Veranstaltungen des Jahrs der Chemie konnte ein solcher Meinungs-Austausch kaum beobachtet werden.« Stattdessen hätten Formate dominiert, in denen die Wissenschaftler den Laien vor allem informiert und ihm ihre eigene Meinung klargemacht hätten.

Die Projekte haben an den Schulen kaum nachhaltige Effekte

Von Kommunikationsexperten werden daher die Wissenschaftsjahre heute gern als »Betstunden für die Frommen« belächelt: Sie ziehen vor allem jene an, die von der zu vermittelnden Botschaft ohnehin schon überzeugt sind. Das aber verkehrt den gewünschten Effekt des Wissenschaftsdialogs geradezu ins Gegenteil. Statt auch jene einzubeziehen, die der Wissenschaft bislang eher uninteressiert oder ablehnend gegenüberstanden, verschärfen solche Veranstaltungen noch die Spaltung. Es zeige sich, »dass der Dialog selber selektiv wirkt«, heißt es zum Beispiel im Evaluationsbericht für das Jahr der Lebenswissenschaften. »Das vorgeschaltete Interesse … schließt erkennbar gewisse soziale Gruppen mit niedriger formaler Bildung und sozialem Status aus.«

Das weiß man auch im BMBF. »Das Defizit, dass bildungsferne Schichten schlecht erreicht werden, versuchen wir zum Beispiel zu beseitigen, indem wir die Schulen einbeziehen, Wettbewerbe oder Mitmachprojekte veranstalten oder in die Stadtviertel hineingehen«, sagt Annette Schavan. Weitere Anregungen könnte man sich aus Großbritannien holen, das von Anfang an dem deutschen PUSH-Programm als Vorbild diente. Dort werden unter der Devise giving a voice to the unheard speziell Projekte gefördert, die wissenschaftsferne Schichten ansprechen. Weingarts Studie verweist zum Beispiel auf das Projekt Delivering Inclusion in Science Communication (Disc), das sich an die afrokaribische Minderheit in Großbritannien wendet und mit deren Vertretern Themen erarbeitet, die für sie von besonderem Interesse sind.

Auch die Nachwuchsförderung an Schulen ist hierzulande noch ausbaufähig. Zwar gab es schon bisher in jedem Wissenschaftsjahr Schülerwettbewerbe und Infostände für Jugendliche. Doch das waren häufig Einmalaktionen, die kaum nachhaltige Wirkung erzielten. Oder es wurde, wie im Einsteinjahr, viel zu spät daran gedacht. Denn damals waren die entsprechenden Unterrichtsmaterialien für Lehrer erst so spät verfügbar, »dass diese oft im laufenden Schuljahr und somit dem Einsteinjahr gar nicht mehr behandelt und dessen Popularitätseffekte damit nicht mehr genutzt werden konnten«, wie der entsprechende Evaluationsbericht feststellt.

Auch das soll anders werden. Im Jahr der Mathematik 2008 gelten Schüler und Lehrer erstmals als zentrale Zielgruppe. »Mathematik gilt bei Jugendlichen oft als Angstfach«, weiß die Forschungsministerin. »Deshalb haben wir uns vorgenommen, in diesem Jahr gezielt Schülerinnen und Schüler anzusprechen.« Außerdem wolle man mehr als bisher darauf achten, dass die Projekte über das Mathe-Jahr hinaus fortgeführt werden, verspricht die Ministerin. Dieser Sinneswandel ist auch auf den Einfluss der Telekom-Stiftung zurückzuführen, die erstmals neben dem BMBF als Mitveranstalterin eines Wissenschaftsjahres auftritt und sich die Förderung der Mathematik und der Lehrerfortbildung schon lange auf die Fahnen geschrieben hat.

Es wäre schön, wenn das Jahr der Mathematik damit eine Trendwende einleiten würde: Weg von den aufwendigen, unspezifischen und wenig zielführenden Großveranstaltungen hin zu einem eher lokalen Engagement, das sich mit klaren Zielvorgaben an ganz bestimmte Adressaten (etwa Schulklassen, Berufsanfänger, Patientengruppen) richtet und das dann tatsächlich langfristige Wirkung erzielt. Das Ziel für die nächsten Wissenschaftsjahre lässt sich damit in vier Worten zusammenfassen: Weniger Show, mehr Effekt.

 
Leser-Kommentare
    • Crest
    • 22.01.2008 um 11:58 Uhr

    In Nationen mit höherem wissenschaftlichen Kenntnisstand (etwa in
    Dänemark oder Deutschland) wird sehr viel kritischer über Themen wie
    Kernenergie oder Gentechnik diskutiert als in Nationen wie Spanien oder
    Italien, deren Bürger sich in der Wissenschaft weniger gut auskennen,
    ihr aber meist fortschrittsgläubiger und optimistischer begegnen.
     
    In meinen eigenen Kontakten, die ich repräsentativ nennen darf,
    hatte ich eigentlich nie den Eindruck eines 'höheren'
    wissenschaftlichen Kenntnisstandes der eigenen Bevölkerung.
     
    Herzlichst Crest

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