Hessen-Wahl
Vergiftet
Roland Koch ist ein fähiger Ministerpräsident. Aber diese Wahl darf er nicht gewinnen
Roland Koch ist einer der stärksten Politiker Deutschlands. Er hat rhetorisches Talent, in der Sache ist er kompetent. Er hat Hessen in den vergangenen acht Jahren nicht so gut regiert, wie man es hätte erwarten können, aber auch längst nicht so schlecht, dass die landespolitische Bilanz seine Abwahl begründen würde. Im wirtschaftlichen Abschwung könnte man ihm die notwendige ordnungspolitische Härte zutrauen. Nicht zuletzt gehört er zu der aussterbenden Spezies von konservativen Politikern, die in der Lage sind, verunsicherte, radikalisierte Wähler zurückzuholen ins demokratische Spektrum. Dennoch wäre es eine Katastrophe für die politische Kultur in Deutschland, wenn Koch am Sonntag die Wahlen in Hessen gewinnen würde.
Das hat weniger zu tun mit den letzten vier Jahren christdemokratischer Alleinregierung als mit den letzten vier Wochen schwarzen Wahlkampfs. Wobei man es sich hier nicht zu einfach machen sollte. Populismus ist nichts Schönes, gehört aber so untrennbar zur Politik wie das Foul zum Fußball. Und, ehrlich gesagt, wer Sport ganz ohne Härte sehen möchte, der sollte doch lieber Beachvolleyball gucken. Selbst dass Koch die brutale Attacke zweier Jugendlicher auf einen Rentner zum Wahlkampfthema gemacht hat, wird man ihm noch nicht vorwerfen können. Er hat nur überpointiert, wo andere verharmlosten. Mit seiner Forderung, auch schon Kinder unter 14 Jahren in den Knast zu stecken, ging er zu weit, keine Frage. Dennoch ließe sich auch diese Drehung an der Kochschen Wahlkampfschraube noch als hitzebedingter Aussetzer abhaken.
Bis an die Grenze des Erträglichen ging Koch erst damit, dass er die ausländische Herkunft der Jugendlichen so penetrant ins Zentrum stellte. Doch selbst das überbot er noch, als er seinem Wahlkampf am Ende einen generell ausländerfeindlichen, demagogischen Sound unterlegte, der sich ins Unterbewusstsein der Wähler fressen sollte. Das zeigte sich in der Formulierung, er lasse sich von »Türken-Vertretern« nicht den Mund verbieten. Diese »Türken-Vertreter« sind überwiegend deutsche Staatsbürger. Es handelt sich bei ihrer Kritik also nicht, wie der Begriff suggeriert, um eine Einmischung von außen, sondern um eine innerdeutsche Debatte, mithin um etwas ganz und gar Legitimes.
Endgültig offen zutage trat die Absicht Kochs, an ausländerfeindliche Instinkte zu appellieren, als er ein – scheinbar – anderes Wahlkampfthema anschlug: die vermeintliche Gefahr einer rot-rot-grünen Koalition in Hessen. Das neue CDU-Plakat schreit: »Links-Block verhindern! Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!« Kommunisten, die kennt man, Frau Ypsilanti mittlerweile auch. Doch, so werden sich selbst in Hessen viele fragen, wer ist bloß dieser Al-Wazir?
Nun, der Mann heißt mit Vornamen Tarek, er ist der Spitzenkandidat der hessischen Grünen, und wenn er Müller, Meier oder Koch hieße, dann stünde da: »SPD, Grüne und Kommunisten stoppen!« Weil der von einem jemenitischen Vater abstammende Al-Wazir aber einen fremdländisch klingenden Namen trägt, wurde er und nicht seine Partei auf das Plakat gebannt. Ypsilanti, Al-Wazir und Kommunisten – wenn da mal nicht eine gefährliche Überfremdung des deutschen Bundeslandes Hessen droht –, das ist die gar nicht so unterschwellige Botschaft der Koch-CDU. Sie kombiniert Fremdenfeindlichkeit mit Diffamierung des politischen Gegners. Und das ist, ohne Umschweife gesagt: eine Schweinerei.
Es geht Koch aber nicht nur um Jugendkriminalität oder um ein Linksbündnis, es geht ihm jetzt vor allem um eines: darum, »die da« von »uns hier« abzugrenzen. Es geht ihm, kurzum, um Feindschaft.
Erstaunlich daran ist, dass ein CDU-Mann der Nach-Kohl-Ära ein solch ausgeprägtes Freund-Feind-Bild in sich trägt, nach dem Motto: Wenn die eigene, die gute Seite in der Defensive ist, dann sind alle Mittel erlaubt, seien es anonyme Spenden oder hinterfotzige Diffamierungen.
Das Denken in Freund-Feind-Kategorien kann eine stabile Demokratie verkraften, jedenfalls solange es nicht zu mächtig wird. Mächtig wird es dann, wenn es Erfolg hat. Sollte Roland Koch mit seiner Kampagne am nächsten Sonntag Erfolg haben, dann würde er zum Rollenmodell für viele andere Politiker. Und dann würde sich zeigen, dass unsere Demokratie so stabil nun auch wieder nicht ist. Im Grunde sind alle Parteien tief verunsichert über ihre Wähler und die Wähler über die Parteien.
Es herrscht wechselseitiges Misstrauen, die demokratische Emphase der Bürger nimmt aber ab. In dieser Phase drohen Politiker erfolgreich zu werden, die insbesondere der ökonomisch und sozial verunsicherten Mittelschicht einen neuen Radikalismus offerieren, die ihnen die Chance geben, zivilisatorische Beißhemmungen abzulegen und endlich mal wieder zu schreien, statt zu argumentieren, die ihnen Feinde liefern, deren Bekämpfung ihnen ein Gefühl von ideologischer Sicherheit geben kann.
Wer glaubt, die Demokratie sei in unseren Breitengraden nicht wirklich in Gefahr, wer meint, die hiesigen Mittelschichten würden schon die Contenance bewahren, der schaue sich in Europa mal etwas genauer um. Was ist los in Italien, in Frankreich, in der Schweiz, in Belgien, in Dänemark? Vielerorts befindet man sich auf dem Weg in eine Post-, oder Parademokratie. Zwei Wege führen dorthin: Hemmungen fallen lassen, Freund-Feind-Denken forcieren. Deutschland ist noch nicht so weit. Noch nicht.
- Datum 26.1.2008 - 12:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.01.2008 Nr. 05
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Selten fand man in den letzten Wochen einen ausgewogenen Artikel zu dem - von beiden Seiten - unsäglich ausgetragenen Wahlkampf, zu einseitig bezogen Medien unter Bezugnahme auf vorgebrachte Einzelthemen und -belege jeweils für die Ihnen genehme Seite Stellung. Die deutlichen Worte des Herrn Ulrich mit der aufgezeigten Gefahr für die Demokratieentwicklung in Deutschland durch die allzu leichte Radikalisierung in Zeiten von wachsender ökonomischer und politischer Unsicherheit, wirken dabei wie ein einsamer Ruf der Vernunft inmitten eines Heeres von Marktschreiern. Sein Artikel erschien zum bestmöglichen Zeitpunkt - nach abgeflauter Emotionalitätswoge, kurz vor Wahltermin -, um den einen oder anderen Wähler noch zu erreichen und zum tiefergehenden Überlegen zu bewegen.
Ich schließe mich meinem Vorgänger an: Der Artikel ist sehr lesenswert, da er gut recherchiert, auf den Punkt gebracht und noch nicht zu spät erschienen ist!Ich habe mich die letzten Tage schon ein wenig gewundert, dass diese Art der Sichtweise fast gar nicht vorkam in den verschiedenen Medien. Immer wurde sich da an den Themen und der Kompetenz der Spitzenkandidaten festgebissen.Meiner Meinung nach, macht sich ein Politiker unwählbar, der heute immer noch versucht, mit billigem Fischen nach ausländerfeindlichen Grundstimmungen und der unterbewussten Angst vor dem Fremden eine Wahl zu gewinnen. Es würde mich sehr freuen, wenn das Wahlergebnis zeigt, dass es genug mündige, nachdenkende Bürger gibt die Roland Koch nicht auf den Leim gehen.Unabhängig von der Kompetenz und den ideologischen Denkrichtingen, welche die beiden Spitzenkandidaten vertreten, ist mir die Art der Frau Ypsilanti wesentlich sympatischer, weil sie einem offenen, demokratischen Land gerecht wird.
[Gelöscht. Bitte unterlassen Sie pauschalisierte Herabwürdigungen und Hetze. /Die Redaktion pt.]
Der Artikel ist lesenswert - ausgewogen wie einer der vorherigen Kommentatoren schreibt - finde ich ihn nicht. Alles was in dem Artikel zu Roland Koch und seiner Art der Radikalisierung des Wahlkampfes kann ich unterschreiben. Damit aber wird die Gegenkandidatin nicht besser. So aber wird getan. Frau Ypsilanti ist auf der anderen Seite des politischen Spektrums, um keinen Deut besser. Sie polemisiert, ist ideologisch verblendet und kennt dabei weder Freund noch Feind (siehe z.B. ihr Verhalten gegenüber G.Schröder im letzten Bundestagswahlkampf). Sollte sie es schaffen, kann einem Angst und Bange um Hessen werden. Clements Warnung war nicht nur Lobbyismus. Davon redet nur niemand mehr, da es Roland Koch geschafft hat, dass alle Augen auf ihm ruhen.
Einen Tag vor der Wahl wird noch mal nachgelegt. Ich hoffe vergebens! Für Roland Koch, schon weil er das Lügengebäude der vereinigten "anständigen" Heuchler und Lügner zum Einsturz gebracht hat.
Im übrigen, wie wäre es mit dem: Ein "Migrant" mit einer ganz besonderen Vorliebe!
http://de.youtube.com/watch?v=DAt036Nsfes&feature=related
Spes nostra in fide amicorum est!
Ein sehr gut geschriebener Artikel, der sich immerhin rhetorisch um Ausgleich bemüht, aber in der Sache - wie ich finde - fragwürdig und über die Maßen einseitig ist. Das als Evidenz für die Behauptungen vorgebrachte Zitat bzgl. der "Türken-Vertreter" und den gemachten Schlußfolgerungen kann aus folgendem Grund nur schwerlich zugestimmt werden:Richtig mag sein, daß diese "Türken-Vertreter" deutsche Staatsbürger sind. Einverstanden. Aber wieso vertreten dem Etikett nach deutsche Staatsbürger dann kulturfremde Interessen in Deutschland? Ihre Art zu leben ist nunmal überwiegend nicht deutsch, wie können sie da Deutsche sein und für türkische Interessen sprechen, die denen der Einheimischen diametral entgegen stehen? Wie kann jemand tatsächlich, und nicht nur dem Pass nach, deutsch sein und gleichzeitig die Interessen einer anderen Kultur, Ethnie, Religion, wie immer man es bezeichnen will, gegenüber den Einheimischen vertreten?Ich glaube an diesem Punkt ist die Argumentation alles andere als schlüssig...
@Redaktion, meinen Beitrag kann offenbar nur ich lesen, und auch dann nur, wenn ich angemeldet bin. Also meine Damen und Herren der @Redaktion, bei der Stasi hättet ihr "liberalen Demokraten" Karriere gemacht!
Wo habt ihr nur die ganzen schmutzigen Tricks her, wo ihr doch zu den "Anständigen" zählt?
Spes nostra in fide amicorum est!
auch wieder so einer, der anderen vorschreiben will, wie sie zu leben haben.Um es auch Ihnen klar zu machen: Jemand, der sich an die Gesetze hält und für sich selber sorgt, darf in Deutschland so leben wie er will. Und das geht Sie einen feuchten Kehricht an. Ich als gebürtiger Deutscher habe im übrigen genauso wenig Lust, mir von einigen CDU-Blockwarts meine Kultur vorschreiben zu lassen.
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