Senioren Ab in die WG

Sie fürchten das Altersheim. Allein im vertrauten Zuhause wollen sie ebenso wenig bleiben. Deshalb wagen auch alte Menschen das Experiment einer Wohn- oder Hausgemeinschaft

So hatten sie es sich vorgestellt, das Alter: Ein langes Leben in der Familie klingt aus, wie es immer war: Eltern, Kinder, Kindeskinder, wenn nicht unter einem Dach, so doch wenigstens in der Nähe. Und so ist es gekommen: Die Kinder sind fort, berufsbedingt, privat bedingt, was immer, sie und die Enkel sieht man alle paar Monate. Und aus Eltern sind Großeltern geworden. Alte Leute. Noch zu zweit, wenn es gut geht. Doch allzu oft längst allein. Die Stille wächst. Was tun?

Ins Heim? Vielen graut davor. Solange es irgend geht, im vertrauten Haus bleiben? Viele müssen kapitulieren – vor einer Krankheit, vor der Einsamkeit, vor dem Alter eben. Und jetzt?

Einige Alte sind aufgebrochen, um Neuland zu suchen, gemeinsam mit weniger alten Gefährten, nach dem Motto der Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als den betreuten Tod finden wir allemal. Eine von ihnen ist Heide Thomsen.

Noch wenige Wochen, dann wird sie die Wohnung für immer verlassen, in der sie 30 Jahre gelebt hat. Sie sitzt an dem derben hellen Esstisch, an dem sie 30 Jahre gesessen hat, auf der Bank ohne Rückenlehne. »Den Tisch haben wir zum Einzug bei Kaufhof gekauft«, sagt sie. »Er sollte eine dicke Platte haben, damit man auch mal mit der Faust draufhauen kann. Unser Sohn war damals zwölf.«

Mit Mann, Sohn und Tochter »und einem Hasen« bezog sie 1977 diese helle, große Vierzimmer-Eigentumswohnung im Zentrum von St. Augustin bei Bonn. Ihr Ton klingt heiter, doch ihr Gesicht bleibt ernst. Ihr Mann ist schon elf Jahre tot, und die Kinder sind lange aus dem Haus, beide leben bei Frankfurt am Main. Die Wohnung ist ihr viel zu groß geworden. Viel zu still. Am Esstisch sitzt sie schon viele Jahre allein.

Dass sie hier nicht bleiben könne, wisse sie seit dem Tod ihres Mannes, sagt sie. »Nun musst du dich kümmern«, habe sie sich damals vorgenommen. »Allein sollte man nicht hausen, wenn man alt wird, das geht nicht gut aus.«

Heide Thomsen studierte Landwirtschaft, wie ihr Mann, und arbeitete bis zur Geburt des zweiten Kindes bei einer Bank auf dem Lande. Später nahm sie, »was sich so anbot«: Sprechstundenhilfe, Nachhilfelehrerin, Sterbebegleiterin in einem Hospiz. Nun ist sie 81 und ein Muster an Selbstdisziplin und Haltung. Ihre weißen Haare sind sorgfältig frisiert. Ihre Sätze formuliert sie druckreif. Sorgen machen ihr die Augen, sie werden immer trüber.

Vor Kurzem hat sie mit dem Aussortieren begonnen. Von der Hälfte ihrer Möbel wird sie sich trennen müssen, die neue Wohnung hat nur zwei Zimmer und eine schmale Küchenzeile. Für den schweren Familienesstisch ist dort kein Platz. Auch für das Bücherregal nicht. Drei Regalreihen Bücher hat sie schon zum Altpapier gegeben. »Fachbücher, alle über fünfzig Jahre alt.« Aber die große, schwere Standuhr, die so laut tickt und jede Viertelstunde dumpf schlägt, die muss unbedingt mit.

Auch ihre unvollendete Doktorarbeit fiel ihr in die Hände – abgebrochen, nachdem ihr Doktorvater überraschend gestorben war. »Ich habe sie noch mal gelesen. Und dann weggeworfen.« Fiel das nicht schwer? »Das ist vorbei, vorbei, vorbei«, sagt sie und wirft den Kopf nach hinten.

All die Jahre hat Heide Thomsen diesem Augenblick entgegengelebt. Nun, da er gekommen ist, ist ihr etwas bange zumute. Weil sie ihre vertraute Welt verlässt, und mehr noch, weil ihr neues Leben ein Experiment ist: Sie zieht in ein Mehrgenerationenprojekt. Zwar hat sie die meisten künftigen Mitbewohner ganz gut kennengelernt. Aber wie wird es sein, mit ihnen in einem Haus zu leben, wenn auch in der eigenen Wohnung? Für alle ist das Neuland.

Gleich nachdem ihr Mann gestorben war, Mitte der neunziger Jahre, schloss sich Heide Thomsen dem Verein Amaryllis an. Drei Ehepaare hatten ihn in Bonn gegründet und suchten Interessierte: Alt und Jung, Alleinstehende und Familien mit Kindern sollten unter einem Dach leben. Der Verein bekam so viel Zulauf, dass das Projekt an seiner Größe zu scheitern drohte.

Nun, nach über einem Jahrzehnt, ist es so weit. 2006 wurde der erste Spatenstich gesetzt, inzwischen ragen am Rande des neuen Wohn- und Wissenschaftsparks Bonn-Beuel drei mächtige Mehrfamilienhäuser empor. Mit ihren Fassaden in Terrakotta und Gelb und den steilen, gegeneinandergesetzten Pultdächern heben sie sich deutlich von den konventionellen Neubauten ringsum ab und unterstreichen schon architektonisch die Ansprüche des Projekts. Zwei Häuser sind bezugsfertig, im dritten führen Handwerker letzte Arbeiten aus. Wenn auch dieses fertig ist, werden hier 66 Menschen leben, davon 20 Kinder und Jugendliche.

Heide Thomsen will mittendrin wohnen, da, wo es am lautesten ist und sie alles überblickt. Ihre neue Wohnung liegt im ersten Stock, genau auf jener Ecke, an der die drei Häuser zusammenstoßen. Eine Glastür führt von ihrem Wohnzimmer auf den Laubengang, der alle Häuser auf der Höhe der ersten Etage verbindet. »Ich will Kindergeschrei. Ich will sehen, dass Jugendliche immer wieder den gleichen Blödsinn machen, von Generation zu Generation aufs Neue«, sagt sie.

Ihre Siedlung wünscht sich Heide Thomsen als »ein Dorf, wie man es sich im Idealfall vorstellt – wie es aber vielleicht nie war«. Sie hofft, »dass es kommunikativ wird mit all den Generationen. Ich bin gespannt, wie wir uns vertragen werden, wie wir uns streiten werden.« Und sie baut darauf, »dass ich Hilfe haben werde, wenn ich sie brauche. Ich habe meine Verwandten ja nicht hier.« Ihre größte Sorge ist, an Demenz zu erkranken. »Ob das die Gemeinschaft auffangen könnte?«

Auf keinen Fall möchte sie ihre letzten Jahre so verbringen wie ihre Schwester, eine frühere Ärztin. Die ist 85 und lebt seit zehn Jahren in einem teuren Altenstift in Bad Neuenahr mit allem Komfort. »Dort machen sie viele schöne Dinge, die alten Menschen sollen es gut haben – aber sie sollen nichts mehr tun, sie sollen überall rausgehen, selbst aus dem Kirchenvorstand!« Abgesehen davon, dass sie sich so ein Heim gar nicht leisten könnte, sagt sie, »möchte ich nicht so weggesperrt werden«.

Wie wollen wir im Alter leben?

Die Frage bohrt umso mehr, je deutlicher sich zeigt, dass steigende Lebenserwartung auch Nachteile mit sich bringt. Im hohen Alter wächst die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken und zum Pflegefall zu werden. Die Lösung, die sich die meisten Deutschen fürs Alter wünschen, nämlich einfach dort wohnen zu bleiben, wo sie immer schon gewohnt haben, wird sich zunehmend als unrealistisch erweisen. Selbstständiges Wohnen bis zum Ende in den vertrauten vier Wänden wird, je älter die Menschen werden, immer seltener möglich sein – abgesehen davon, dass nur ein Prozent aller Wohnungen altengerecht ausgebaut ist, womit Deutschland das Schlusslicht in Europa bildet.

Bei leicht schrumpfender Gesamtbevölkerung nimmt laut Statistischem Bundesamt die Zahl der über 65-Jährigen jährlich um rund 500.000 zu ( siehe Grafik » ). Allein von 2003 bis 2006 wuchs sie von 14,9 auf 16,3 Millionen. Die Bevölkerung im Rentenalter wächst also Jahr für Jahr um eine Großstadt von der Einwohnerzahl Dresdens oder Nürnbergs. Parallel dazu steigt die Zahl der Pflegebedürftigen – von 1991 bis 2002 laut Bundesfamilienministerium von 1,6 auf über 2 Millionen. Bis 2020 wird sie auf 2,8 Millionen klettern, prognostiziert die Bundeszentrale für politische Bildung.

Für die Betroffenen heißt das in der Regel: ab ins Heim, wenn keine Angehörigen da sind, die eine ambulante Pflege zu Hause leisten können. Die familiären Netze werden grobmaschiger, der Arbeit wegen ziehen die Kinder oft weit weg. Die Distanzen der Eltern zu ihren erwachsenen Kindern haben sich stetig vergrößert, konstatiert der Alterssurvey der Bundesregierung, »dementsprechend hat auch die Kontakthäufigkeit abgenommen«.

Der Perspektive Heim oder Einsamkeit versuchen ältere Menschen zunehmend durch neue Wohnformen zu entfliehen. Gemeinsames Wohnen, am liebsten mehrere Generationen unter einem Dach, soll ihre Sehnsucht nach sozialem Anschluss erfüllen. Und diese Gemeinschaft, so hoffen sie, soll sich um sie kümmern, wenn sie hinfällig werden. Selten ist damit die klassische Wohngemeinschaft gemeint, in der man sich Küche und Bad teilt, eher die Hausgemeinschaft mit getrennten Wohnungen und einem Gemeinschaftsraum.

Noch ist es eine kleine Minderheit, die sich für diese Art zu wohnen entscheidet – aber mit rasant steigender Tendenz. Die Anfragen beim Forum Gemeinschaftliches Wohnen (FGW) in Hannover sind von 2005 auf 2006 um die Hälfte angestiegen. Das Forum berät alternative Wohnprojekte und hilft bei der Suche nach geeigneten Initiativen. »Die Generation, die jetzt in den Ruhestand geht, erklärt ganz klar: ›Ich will nicht ins Pflegeheim‹«, sagt Ingeborg Dahlmann vom FGW.

Silke Gross hat lange in einem Hospiz gearbeitet und dort gesehen, »wie einsam Menschen sterben können«. Die Hospizarbeit hat sie »in dem Wunsch bestärkt, in der Gemeinschaft leben zu wollen«. Fast von Anfang an gehört die 53-Jährige dem Verein Amaryllis an. Die zwei Töchter waren damals noch klein, sie sollten eigentlich dabei sein. Inzwischen studieren sie außerhalb von Bonn. Amaryllis ist so für Silke Gross und ihren Mann, einen Projektleiter in der Entwicklungszusammenarbeit, ein Projekt fürs eigene – kinderlose – Altern geworden.

Auch die Grossens wollten mittendrin wohnen. Von ihrem Küchenfenster aus hat Silke Gross alles im Blick. Sie sieht, wer kommt, wer geht. Noch ist der Innenhof vor dem Fenster eine Brache, auf der sich Erdhügel türmen. Sobald es wärmer wird, soll der Hof begrünt werden.

Niemandem soll seine Wohnung gehören, das fördere nur Egoismus, sagen die Bewohner

Als wollten sie zeigen, dass sie sich der Gemeinschaft verbunden fühlen, haben fast alle Bewohner auf Gardinen verzichtet. Jeder soll bei jedem in die Fenster gucken dürfen. Wenn abends drinnen die Lichter angehen, sieht man draußen Hälse sich recken. Ja, klar, sagt Silke Gross, man wolle jetzt wissen: Wie sind die anderen so eingerichtet, wie leben sie? Tagsüber kommt es vor, dass plötzlich Nachbarn in der Balkontür stehen, um sich zum Kaffee einzuladen. Wie viel Nähe ist möglich? Wie viel Distanz nötig? Das alles, sagt Silke Gross, müsse sich nun finden. Noch kennen sie einander nicht gut.

Für das Wagnis hat Silke Gross das ruhige Leben im eigenen Einfamilienhaus in einem besseren Bonner Vorort aufgegeben. »Alles war etwas spießig, gepflegte Vorgärten, Kieswege bis zur Haustür. Mein Mann und ich konnten uns nicht vorstellen, dort alt zu werden.«

In den vergangenen Jahren hat sich Silke Gross ganz dem Amaryllis-Projekt gewidmet. Sie hat dafür ihren Beruf als Sozialarbeiterin an den Nagel gehängt – geplant war für ein Jahr, daraus sind drei Jahre geworden. Sie führt das »Projektsekretariat«, für viele in der Siedlung ist sie Vertrauensperson und Anlaufstelle, viele Krisen hat sie mit ihrer moderierenden Art entschärft. In der langen Entstehungszeit gab es heikle Momente, in denen das Projekt auf der Kippe stand. Um Details wie die Frage, ob die Fensterrahmen aus Kunststoff oder aus Holz sein sollen, entzündeten sich heftige Streitereien. Manche Nerven lagen am Ende blank. Es gibt keinen Plan für Gemeinschaftswohnprojekte. Wer es in Angriff nimmt, muss viele Hürden überwinden und Rückschläge hinnehmen.

Anfangs hatte Amaryllis nach einem leer stehenden Haus gesucht. Mehrere ehemalige Botschaftsgebäude, die nach dem Regierungsumzug leer standen, sah man sich an; sie erwiesen sich alle als ungeeignet. Nach dem Entschluss, neu zu bauen, begann die mühsame Suche nach einem Grundstück. Als es endlich gefunden war, erwies sich die Eigentümerin, die Stadt Bonn, als zäher Verhandlungspartner, zumal beim Preis.

Das soziale Projekt genoss keinen Bonus, auch nicht bei der den Bau finanzierenden Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) in Bochum. Zwar fördert sie bevorzugt »nachhaltige« Projekte, deswegen verzichtet sie aber nicht auf Sicherheiten. Einen Teilkredit mussten die Vereinsmitglieder mit Bürgschaften aus ihrem Freundeskreis absichern.

Die jetzige Gemeinschaft steht im Wesentlichen seit 2005 fest. Manche kannten sich schon viele Jahre, andere stießen kurz vor Baubeginn dazu. Wer aufgenommen werden wollte, dem wurde ein Bekenntnis zu den »Grundeinstellungen« des Vereins abverlangt – »Interesse an einer verbindlichen Gemeinschaft«, »Mitgestaltung des Zusammenlebens«, »gegenseitige Hilfe und Unterstützung im Alltag« bis hin zu einer »ökologisch verantwortlichen Lebensweise«.

Letzteres heißt zum Beispiel, dass die Zahl der Autos langfristig auf 16 beschränkt werden soll, mehr Parkplätze wurden nicht angelegt. Einige Bewohner werden ihre Autos abschaffen oder mit anderen teilen müssen. Noch ist nichts beschlossen. Behutsam soll das heikle Thema angegangen werden. Die Grossens haben sich aber schon mit zwei alleinstehenden Frauen geeinigt, ihren Familien-Golf gemeinsam zu nutzen; die beiden Frauen haben ihre Autos bereits verkauft.

Eine weitere Regel: Niemandem hier soll seine Wohnung gehören. Eigentum fördere nur Besitzstandsdenken und Egoismus, sagt Klemens Roloff. Es komme vielmehr darauf an, »das Verantwortungsgefühl für das Gemeinwesen zu entwickeln«, meint der 58-jährige Journalist. Ob das funktioniert, ob die Älteren, wenn sie Hilfe brauchen, tatsächlich von den Jüngeren unterstützt und notfalls gepflegt werden, muss die Zeit erweisen. Ebenso, ob dieser Generationenvertrag im Kleinen über die jetzt beteiligten Generationen hinaus Bestand hat. Die heute Jungen sind darauf angewiesen, dass, wenn sie selbst alt werden, Junge von morgen nachziehen.

Um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, hat der Verein die Amaryllis-Genossenschaft gegründet, sie ist Eigentümerin der drei Neubauten. Wer eine Wohnung mieten wollte, musste ihr beitreten – und tief in die Tasche greifen: Je Quadratmeter Wohnfläche war eine Einlage von 400 Euro zu zahlen. Für eine 50 Quadratmeter kleine Zweizimmerwohnung macht das 20.000 Euro. Dennoch decken die Einlagen nur ein Fünftel der Baukosten in Höhe von 5,2 Millionen Euro.

Damit auch Bewerber mit geringem Einkommen einziehen konnten, wurden einige Wohnungen mit öffentlichen Mitteln gefördert. Für sie beträgt die monatliche Kaltmiete nur 4,80 Euro (gegenüber 8,20 Euro bei den frei finanzierten Wohnungen). Eine – wenngleich reduzierte – Einlage ist jedoch auch für die geförderten Wohnungen zu zahlen. Damit der Einzug daran nicht scheitert, haben die besser gestellten Vereinsmitglieder einen Fonds gegründet; aus ihm werden die Einlagen gezahlt, wenn jemand keine Rücklagen hat.

Gemeinschaft sei ihm immer wichtig gewesen, sagt Klemens Roloff. Deshalb hätte er auch gern eine große Familie gehabt. Aber eigene Kinder haben er und seine Frau, die als Sozialpädagogin arbeitet, leider nicht. »Alt zu werden ohne Kinder war mir immer ein Gräuel«, sagt er.

Viele Eigeninteressen, die sich ergänzen – darauf beruht ein Mehrgenerationenprojekt

Doch nun ist Eva da. Seit Kurzem tobt das einjährige Mädchen durch die kleine Erdgeschosswohnung des Ehepaars. Die Eltern des Mädchens, das Ehepaar Röhler, beide Mitte 30, beide Sozialwissenschaftler und berufstätig, haben die Roloffs gefragt, ob sie die Patengroßeltern ihrer Eva werden wollten. Natürlich wollten sie. »Wir waren uns auf Anhieb sympathisch«, sagt Roloff.

Alexander Röhler und seine Frau sind zwei jener Menschen, die wegen des Berufs weit weg gezogen sind von ihrer Heimat. Er stammt aus Leipzig, sie aus Bamberg; dort leben auch Evas richtige Großeltern, doch die sieht sie nur selten. »Wir sind jetzt sozusagen die Großeltern für den Alltag«, sagt Klemens Roloff.

Jeden Donnerstag ist »Großelterntag«, dann holt er die Kleine in der Kindertagesstätte ab, den Nachmittag verbringt sie bei ihm und seiner Frau, bis sie der Vater abends abholt. Im Haus gegenüber hat Eva schon eine gleichaltrige Spielgefährtin gefunden. Noch wohnen die Röhlers nicht hier, sie warten darauf, dass das dritte Haus fertig wird und sie bald einziehen können.

Beide Paare machen keinen Hehl daraus, dass ihr Arrangement eigennützigen Interessen dient: Die Roloffs haben das Kind, das sie immer ersehnt haben. Und sollten sie alt und hilfsbedürftig werden, ist da ein junges Paar, das ihnen helfen wird – sozusagen im Ausgleich für die Hilfe, die die Röhlers heute genießen. Dank der Roloffs können die jungen Eltern ihren Berufen nachgehen und wissen ihr Kind gut aufgehoben. Darauf, meint Alexander Röhler, beruhe ein Mehrgenerationenprojekt: viele Eigeninteressen, die sich ergänzten. Früher hätten Nachbarschaftsverhältnisse diese Funktion erfüllt, doch die lösten sich auf. »Durch Computer und Handy sind wir nicht mehr darauf angewiesen, mit Nachbarn in gutem Kontakt zu stehen. Aber man braucht Menschen in der Nähe, um sein Leben zu bewältigen.« Für ihn ist das »ein großes Experiment«, dessen Teil er ist, das er aber auch mit wissenschaftlich-neugierigem Blick beobachtet.

Jede Bewohnerin hat ein Amt – »das Amt sagt mir: Ich kann noch was, ich bin noch was«

Eine gewisse Distanz hält er für nötig, »um miteinander zurechtzukommen«. Er und seine Frau haben eine Wohnung im zweiten Stock gewählt, die notfalls völligen Rückzug ermöglicht. Man kann sie nicht einfach unangemeldet über die Terrasse besuchen. Ihr Haus ist das einzige, das über einen Aufzug verfügt, weil hier die alten Menschen wohnen werden. Und die Tiefgarage für alle liegt unter diesem Haus. Röhler kann also über Lift und Tiefgarage kommen und gehen, ohne einen Menschen treffen zu müssen. Und wenn er will, kann er wieder ausziehen. »Ich kann hier aber auch sesshaft werden«, sagt er.

Röhlers pragmatische Haltung, die das Eigeninteresse nicht leugne, sei genau die richtige, wenn ein Gemeinschaftswohnprojekt funktionieren solle, meint Josef Bura von der Stadtentwicklungsgesellschaft Stattbau Hamburg.

Seit Jahren berät der Sozialwissenschaftler Menschen, die ein solches Projekt starten möchten. Viele begingen den Fehler, es mit altruistischen Motiven zu begründen. »Man zieht in so ein Projekt nicht ein, weil man anderen helfen will – man zieht ein, um sich selbst zu helfen.« Es komme darauf an, die Interessen auszuhandeln, und das erfordere soziale Kompetenz. »Wer nicht mit zwölf oder zwanzig Menschen zusammensitzen kann, sollte kein Projekt mitmachen.«

Klemens Roloff und seine Frau haben sich, anders als die Röhlers, für relativ distanzloses Wohnen entschieden, sie leben wie auf dem Präsentierteller. Wer vorn vorbeigeht, kann in ihre Küche sehen. Und ihre ebenerdige Terrasse hinten lädt zum Spontanbesuch geradezu ein. Die Raumaufteilung hat der Architekt nach den Wünschen des Ehepaars vorgenommen.

Lauter individuelle Wünsche hatte der Architekt zu berücksichtigen. Die Grossens etwa wollten eine Wohnung, die sich im Alter verkleinern lässt, wenn die Töchter ausziehen werden. Jetzt leben sie noch wie in einem Reihenhaus auf drei Etagen. Die Wohnung ist so geschnitten, dass sich die Kinderzimmer als eigenständige Wohnung abtrennen lassen. Die bunte Vielfalt im Innern sieht man den Häusern nicht an, von außen wirken sie harmonisch und einheitlich.

»Ich hatte nicht einen Bauherrn, sondern 30«, sagt Bodo Frömgen-Siebenmorgen, der Architekt, gut gelaunt. Wenn man ihn sieht, im Norwegerpulli, mit Pferdeschwanz und Vollbart und von stämmiger Statur, kann man sich vorstellen, dass ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Seit 20 Jahren entwirft er mit seiner Frau Häuser für Gemeinschaftswohnprojekte. Das erste baute er für sich selbst und seine Familie plus neun andere Familien. »Wir haben das mit Gleichaltrigen gemacht.« Das würde er heute nicht mehr tun. Die Kinder, alle dort geboren, sind inzwischen erwachsen und ziehen nach und nach aus. »Plötzlich stehen wir ohne Kinder da. Uns stellt sich die Seniorenfrage: Was tun wir mit den leeren Räumen?«

Die Seniorenfrage.

In der wunderschönen Jugendstilvilla am Rand der Göttinger Innenstadt stellte sie sich von Anfang an. Hier haben sie aus Prinzip genau das getan, was der Hamburger Berater Bura Projektgründern stets auszureden versucht: Keine »altershomogene« Gruppe bilden! Immer heterogen, »sonst landet man in einem Altersheim, in das kein jüngerer älterer Mensch einziehen will«.

Die dreistöckige Villa, 1908 von einem Göttinger Professor im vornehmen Ostviertel erbaut, ist ein architektonisches Juwel. Überall Holzvertäfelungen und feine Intarsien, Nischen und Erker, im Eingangsbereich ein offener Kamin. Dazu ein parkähnlicher Garten mit alten, ausladenden Bäumen. Das Haus gehörte der Stadt und wurde Anfang der neunziger Jahre altengerecht renoviert und umgebaut. Es ist heute in elf Zweizimmerwohnungen aufgeteilt, hinzu kommen 335 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche, darunter ein Gästeappartement. Im Souterrain hat der Verein Freie Altenarbeit Göttingen seine Büros.

Elf resolute Damen im Alter zwischen 69 und 85 Jahren zogen 1994 hier ein; der Verein hatte mit ihnen gemeinsam das Konzept für eine selbst organisierte Alten-WG entwickelt. Es knüpfe daran an, »was alte Menschen können – und nicht daran, was sie nicht mehr können«, sagt der damalige Vereinsvorsitzende Michael Jasper.

Jasper war die treibende Kraft. Mit gerade 25 Jahren wurde er Leiter der örtlichen Fachschule für Altenpflege – der jüngste in Deutschland in solcher Funktion. Seither, sagt er, sei er »ein Gegner der Heim-Monostruktur der Altenpflege in Deutschland«. Er gewann die Stadt Göttingen für sein Konzept – weg von der »betreuenden und versorgenden Hilfe«, hin zur Selbstorganisation der Alten. Die Stadt stellte die Villa für zunächst 25 Jahre kostenlos zur Verfügung. Die Renovierungskosten von mehr als einer Million Mark werden durch die Mieten der Bewohnerinnen über ebenfalls 25 Jahre abbezahlt. Die Warmmiete beträgt im Monat, je nach Wohnungsgröße, zwischen 420 und 650 Euro.

Im ersten Stock, zur Straße hin, liegt Waltraut Klaers Appartement. Sie ist 82, vor sechs Jahren zog sie hier ein. Die Diele ist etwas eng, hier wurde, wie in allen Wohnungen, nachträglich eine Kitchenette eingebaut. Und wie bei vielen Menschen, die sich im Alter verkleinern mussten, wirkt die Einrichtung etwas zu üppig. Waltraut Klaer hat dem Besucher ein Glas heißes Wasser eingeschenkt, »mein Lieblingsgetränk«.

Es ist 10 Uhr früh, und sie hat schon ein halbes Tagesprogramm absolviert: gleich nach dem Aufstehen im Garten nach dem Rechten gesehen, danach eine Stunde Deutsch-Nachhilfeunterricht gegeben. Die Pflege des Gartens, zusammen mit einem Gärtner, ist ihr »Amt«. Jede Bewohnerin hat ein Amt. Das sei wichtig, meint Waltraut Klaer. »Das Amt sagt mir: Ich kann noch was, ich bin noch was.« Sie ist eine kleine, zierliche Frau, doch voller Energie. Ihre Stimme ist fest und klar, im Haus bewegt sie sich mit schnellen Schritten.

Sie hat ein bürgerliches Göttinger Leben hinter sich, erst als Hausfrau und Mutter dreier Töchter, ihr Mann war Baumeister im Wasserbau, er starb 1994. Dann, die Kinder waren halb erwachsen und sie schon über 40, absolvierte sie eine Kurzausbildung zur Grundschullehrerin. »Ich habe alles unterrichtet.«

Mit 60 ging sie in den Ruhestand – »man darf nicht von allen Schulkindern die Oma sein«. Doch wie sie im Alter leben wollte, darüber hatte Waltraut Klaer nie recht nachgedacht. Sie folgte einer Tochter nach Freiburg, kaufte sich dort ein Häuschen. Doch als deren Familie nach Düsseldorf weiterzog, weil dem Schwiegersohn dort ein attraktiver Job angeboten wurde, sagte sie: »Nun ziehe ich euch nicht weiter hinterher.«

»Als wir große Schwierigkeiten hatten, haben wir uns gestattet, eine Supervision zu holen«

Sie hatte von der Alten-WG in ihrer Heimatstadt Göttingen gehört, bewarb sich und wurde aufgenommen. Noch nie hatte Waltraut Klaer in einer Wohngemeinschaft gelebt, der Schritt fiel ihr nicht leicht. »Das ist ja eine Riesenumstellung nach Jahren des Alleinlebens. Sie müssen sich von Ihrem ganzen Zeug trennen und dann noch Rücksicht nehmen. Der Verlust ist handgreiflich, der Gewinn ist unsicher.«

Sie ist von Anfang an darauf bedacht gewesen, sich abzugrenzen. Mit den anderen Bewohnerinnen ist sie per Sie. Alle hier siezen sich. »Äußere Distanz lässt auf Dauer mehr Nähe zu«, sagt sie. »Und Auseinandersetzungen lassen sich leichter führen, wenn Sie beim Sie bleiben.« Um Probleme zu besprechen, gibt es jeden Dienstagnachmittag im Salon der Villa im Erdgeschoss eine Vollversammlung, Erscheinen ist Pflicht.

Doch sich auseinanderzusetzen will gelernt sein, nicht jeder der alten Damen liegt das. »Als wir einmal große Schwierigkeiten hatten, haben wir uns gestattet, eine Supervision zu holen«, sagt Frau Klaer. Auslöser war das polternde und rechthaberische Auftreten einer Mitbewohnerin. »Die Supervisorin gab uns ein Bild. Wir sollten uns vorstellen, wir lebten an einem feuerspeienden Vulkan. Was uns dabei durch den Kopf ginge, wollte sie wissen.« Die meisten hätten geantwortet, man solle vorsichtig sein und Distanz halten, so nahe an der Gefahr. Sie allerdings, sagt Frau Klaer, habe zu bedenken gegeben: »In der unmittelbaren Umgebung des Vulkans ist die Erde am fruchtbarsten.« Die Dame, die alles auslöste, kam nicht zur Supervision, bald danach zog sie aus.

Dass aus der Alten-WG eine reine Frauen-WG wurde, ergab sich eher unbeabsichtigt. Es hat damit zu tun, dass es viel mehr alleinstehende alte Frauen gibt als alleinstehende alte Männer. Vor allem aber habe es daran gelegen, sagt Michael Jasper, dass die wenigen Männer, die sich für die WG interessierten, »allesamt Versorgungsansprüche gegen die Frauen geltend machten: Wer bügelt meine Wäsche? Wer bekocht mich?« Dazu seien die Frauen zu selbstbewusst und eigenständig.

Die WG selbstbewusster alter Damen – eine Zeit lang war sie Lieblingsthema der Medien. Die eleganten Räume der Jugendstilvilla und der große Garten gaben immer wieder telegene Kulissen ab. Man sah die Frauen gemeinsam kochen oder im Garten eine Rose für eine verstorbene Mitbewohnerin pflanzen, dabei ein Gedicht rezitierend. Man hörte sie abgeklärte Sätze in die Kamera sprechen wie: »Über die Männerzeit bin ich hinaus.« Und immer wieder diesen Satz: »Man muss hier nicht alles zusammen machen, man kann sich auch mal in seine Wohnung zurückziehen.«

Ute Vos kann das nicht mehr hören.

»Das Gegenteil ist richtig!«, sagt sie. »Es müsste heißen: Man muss sich nicht immer in seine Wohnung zurückziehen, man kann auch mal was zusammen machen.« Wer die Villa besucht, im Kopf die Fernsehbilder von ihr, ist tatsächlich überrascht von der Stille, die hier herrscht. Niemand zu sehen, die Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss nicht geheizt. Keine Spur von quirligem WG-Leben.

Ute Vos ist mit 64 Jahren die jüngste Bewohnerin und die vitalste, ihr Auftreten ist burschikos und direkt. Seit eineinhalb Jahren wohnt die pensionierte Pastorin in der WG, zusammen mit ihrer Labrador-Hündin Mirka. Vos ist die Erste hier, die einen Computer besitzt und E-Mails schreibt. Und sie ist die Erste mit WG-Erfahrung, daran gewöhnt, dass alle sich duzen, stundenlang in der Küche beisammenhocken und über Gott und die Welt reden. So ähnlich hatte sie das auch hier erwartet.

Doch sie musste feststellen, dass das Bild von den streitbaren, autonomen Damen geschönt war. Die vielen Reportagen blendeten den Verein im Souterrain der Villa und seine Unterstützerrolle aus. »Die WG-Frauen sind einfach zu interessant – wen interessiert da schon der Verein?«, sagt Michael Jasper. »Der Verein war ein Netz, da hat sich manche mehr getraut.« Oder, wie Ute Vos sagt: »Vieles hat der Michael gemacht, aber er hat den Frauen das Gefühl gegeben, sie hätten es getan.«

Inzwischen sind die Damen älter und gebrechlicher geworden und haben sich immer mehr in ihre Appartements zurückgezogen. Alle haben nun kleine Küchenzeilen; die große Gemeinschaftsküche bleibt meistens kalt. »Je älter Sie werden, desto mehr spüren Sie die Behinderungen des Alters«, sagt die 80-jährige Charlotte Lierse, die seit acht Jahren hier wohnt. »Dauerndes Zusammenhocken würden wir gar nicht mehr aushalten.«

Vor einigen Jahren stürzte sie in der Dusche und brach sich einen Rückenwirbel. Seither hat sie Rückenschmerzen, ihr Gang ist leicht gekrümmt. »Alle zwei Stunden muss ich mich hinlegen.« Sie gibt sich nicht auf. In ihrem ironisch-distanzierten Blick ist keine Larmoyanz. Aber jede Verrichtung, von der Morgentoilette bis zum Saubermachen, dauere nun länger als früher.

»Je älter Sie werden, desto mehr werden Sie auf Ihr Innerstes zurückgeworfen«

Die Zeit, die für die Gemeinschaft übrig bleibt, wird stetig weniger. Frau Klaer sagt es so: »Je älter Sie werden, desto mehr werden Sie auf Ihr Innerstes zurückgeworfen.«

Die älteste Bewohnerin, Frau Justus, ist mittlerweile 94 – eine ganze Generation älter als Ute Vos, die Jüngste. Frau Justus kann ihr Appartement nicht mehr verlassen. Die meiste Zeit liegt sie im Bett, manchmal sitzt sie im Sessel. Dass sie überhaupt noch hier wohnen kann, verdankt sie dem glücklichen Umstand, eine Pflegerin und eine Haushaltshilfe, die je zweimal in der Woche kommen, bezahlen zu können. Waltraut Klaer geht jeden Morgen zu ihr hinüber und liest ihr zwei Stunden lang vor, erst las sie aus der Lokalzeitung, dann ging sie zu Literatur über, derzeit liest sie Hermann und Dorothea von Goethe.

Die meisten Bewohnerinnen können sich keine Privatpflege leisten. Einige mussten ins Heim umziehen, als sie pflegebedürftig wurden, und sind dort gestorben. Die Kräfte der alten Damen reichen nicht aus, Mitbewohnerinnen zu pflegen. Dabei ist es der Wunsch aller Mieterinnen, bis ans Lebensende hier wohnen zu können. Um dies für möglichst viele Frauen zu erreichen, sagt Ute Vos, müssten jetzt mehr jüngere Alte gewonnen werden, die den Älteren zur Seite stünden. Aus dem Ein-Generationen-Projekt müsse ein Zwei-Generationen-Projekt werden. Davon würden auch die Jüngeren profitieren. »Ich kann von den Älteren lernen, wie sie mit ihrem Altern umgehen«, sagt Ute Vos.

Sie ist einem Carsharing-Projekt beigetreten, manchmal mietet sie einen Van, um mit einigen alten Damen einen Ausflug zu machen, in den Harz, an die Weser. Gestartet wird nachmittags, wenn alle ihren Mittagsschlaf beendet haben. Ihre WG-Ambitionen mit endlosen Diskussionen betrachtet Ute Vos inzwischen als Illusion. »Die Form der WG-Kommunikation ist nicht tragfähig im Alter, das kostet zu viel Kraft. Es ist gut so, wie es ist.«

Wie aber ist es, wenn das Alter sich unerbittlich zeigt – wenn Erinnerungen entgleiten, ganze Identitäten, wenn das eben Gesagte einen Moment später vergessen ist und der eigene Sohn, die eigene Tochter nicht mehr erkannt werden? Eine ehemalige Büroetage im Stadtzentrum ist die erste Wohngemeinschaft für Demenzkranke in Kiel. Hier lebte bis vor Kurzem Frau Mettke*.

Was von ihr blieb, steht nun zusammengeschoben in der Mitte ihres Zimmers. Eine schmiedeeiserne Garderobe, ein abgewetzter Perserteppich, eine Stehlampe mit einem Stoffschirm, ein wuchtiger Lederhocker, ein Stuhl, ein Polstersessel, ein Kleiderschrank aus Weichholz. An der Wand das Pflegebett auf Rollen mit dem Galgen, um sich daran hochzuziehen; das gehört dem Pflegedienst.

Frau Mettke erreichte das gesegnete Alter von 92 Jahren. Dass sie ihr Ende bewusst erlebt hat, davon ist die junge Pflegerin überzeugt. In ihren Armen ist Frau Mettke vor zwei Tagen eingeschlafen. Zuvor war ihr langjähriger Hausarzt gerufen worden. Kaum sei er da gewesen, »ist Frau Mettke ganz schnell gestorben«, sagt die Pflegerin. »Das hat sie selbst entschieden, die hatte einen eigenen Willen bis zum Schluss.«

Die anderen Bewohner haben nicht mitbekommen, dass Frau Mettke gestorben ist. »Als der Bestatter mit dem Sarg kam, haben wir sie in ihre Zimmer geschickt«, sagt die Pflegerin. »Das hätte sie sonst zu sehr durcheinandergebracht.«

Auch Menschen mit schwerer Demenz müssen nicht zwangsläufig ins Heim

Die 240 Quadratmeter große Etage musste nicht umgebaut werden, um sie als WG zu nutzen; die Zimmer sind nahezu gleich groß. Acht Menschen leben hier, derzeit allesamt Frauen. Es ist gerade Mittagszeit, zwei Betreuerinnen bereiten mit den Bewohnerinnen das Essen zu. Eine Frau sitzt am Tisch des Gemeinschaftsraums und schält Kartoffeln, eine andere holt Geschirr aus der schmalen Küche und stellt es auf den Tisch. Andere sitzen in Sesseln und starren vor sich hin oder gehen auf und ab. Aus dem Transistorradio plärrt Christian Anders: »Geh nicht vorbei!«

Alle, die hier leben, sind schwere Fälle von Demenz. Selbst sie müssten nicht zwangsläufig ins Heim, auch dann nicht, wenn sie bettlägerig würden, sagt Thiemo Lüeße, Geschäftsführer des Vereins Mobiles Pflegenetzwerk Kiel, der Träger der Demenz-WG ist. Alle seien »in der Gemeinschaft aufgeblüht und haben hier ein neues Zuhause gefunden«. Manche hätten regelrechte Odysseen durch diverse Heime hinter sich gehabt.

Und alle sollen bis zum Schluss ein normales Leben führen. Einkaufen, kochen, Ausflüge machen, Besuch empfangen – alles, was alte Menschen sonst tun, sollen auch Demenzkranke weiter tun. Betreut werden sie von einem ambulanten Pflegedienst. Ein Angehörigenbeirat regelt alle wichtigen Dinge. Lüeße ist überzeugt, dass sich Demenz-WGs weiter durchsetzen werden. Allein in Kiel gebe es rund 3000 Demenzkranke. Je älter die Gesellschaft wird, desto größer auch die Zahl der Dementen.

Untersuchungen belegen, dass Verhaltensauffälligkeiten dementer Patienten in kleinen und familiären Wohneinheiten deutlich niedriger sind als in Pflegeheimen; Unruhe und Aggressivität sinken spürbar. Dabei seien die WGs nicht teurer als ein Heim, sagt Lüeße: »Mit rund 3300 Euro im Monat sind unsere Kosten mit einer stationären Einrichtung vergleichbar, wir meinen aber, dass unsere Betreuung besser ist als in einem Pflegeheim.« Im Heim müsse sich eine Pflegekraft um 15 Patienten kümmern, in der WG nur um fünf.

Gern würde er eine zweite WG eröffnen, doch es sei schwer, geeignete Wohnungen zu finden; außerdem reagierten Vermieter reserviert. »Schreien die Leute nicht den ganzen Tag?«, sei er schon gefragt worden.

Nach dem Essen ist Mittagsruhe. Die alten Damen gehen in ihre Zimmer. Damit sie sich nicht verlaufen, klebt an jeder Tür ein Foto der Bewohnerin. Nur Frau Meyer*, hochbetagt, kann sich jetzt nicht hinlegen. In ihrem Bett schlafe ihre achtjährige Tochter, sagt sie, die wolle sie nicht stören.

* Name geändert

 
Leser-Kommentare
    • oma68
    • 29.01.2008 um 23:15 Uhr

    Auf Wunsch der Verfasserin gelöscht. Die Redaktion/fk.

  1. Es gibt ein Anwesen nahe Naturschutzgebiet mit Bauernhof, Einzelhäuser, Gemeinschaftsraum etc. und "wartet" auf Initiative.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service