So hatten sie es sich vorgestellt, das Alter: Ein langes Leben in der Familie klingt aus, wie es immer war: Eltern, Kinder, Kindeskinder, wenn nicht unter einem Dach, so doch wenigstens in der Nähe. Und so ist es gekommen: Die Kinder sind fort, berufsbedingt, privat bedingt, was immer, sie und die Enkel sieht man alle paar Monate. Und aus Eltern sind Großeltern geworden. Alte Leute. Noch zu zweit, wenn es gut geht. Doch allzu oft längst allein. Die Stille wächst. Was tun?

Ins Heim? Vielen graut davor. Solange es irgend geht, im vertrauten Haus bleiben? Viele müssen kapitulieren – vor einer Krankheit, vor der Einsamkeit, vor dem Alter eben. Und jetzt?

Einige Alte sind aufgebrochen, um Neuland zu suchen, gemeinsam mit weniger alten Gefährten, nach dem Motto der Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als den betreuten Tod finden wir allemal. Eine von ihnen ist Heide Thomsen.

Noch wenige Wochen, dann wird sie die Wohnung für immer verlassen, in der sie 30 Jahre gelebt hat. Sie sitzt an dem derben hellen Esstisch, an dem sie 30 Jahre gesessen hat, auf der Bank ohne Rückenlehne. »Den Tisch haben wir zum Einzug bei Kaufhof gekauft«, sagt sie. »Er sollte eine dicke Platte haben, damit man auch mal mit der Faust draufhauen kann. Unser Sohn war damals zwölf.«

Mit Mann, Sohn und Tochter »und einem Hasen« bezog sie 1977 diese helle, große Vierzimmer-Eigentumswohnung im Zentrum von St. Augustin bei Bonn. Ihr Ton klingt heiter, doch ihr Gesicht bleibt ernst. Ihr Mann ist schon elf Jahre tot, und die Kinder sind lange aus dem Haus, beide leben bei Frankfurt am Main. Die Wohnung ist ihr viel zu groß geworden. Viel zu still. Am Esstisch sitzt sie schon viele Jahre allein.

Dass sie hier nicht bleiben könne, wisse sie seit dem Tod ihres Mannes, sagt sie. »Nun musst du dich kümmern«, habe sie sich damals vorgenommen. »Allein sollte man nicht hausen, wenn man alt wird, das geht nicht gut aus.«

Heide Thomsen studierte Landwirtschaft, wie ihr Mann, und arbeitete bis zur Geburt des zweiten Kindes bei einer Bank auf dem Lande. Später nahm sie, »was sich so anbot«: Sprechstundenhilfe, Nachhilfelehrerin, Sterbebegleiterin in einem Hospiz. Nun ist sie 81 und ein Muster an Selbstdisziplin und Haltung. Ihre weißen Haare sind sorgfältig frisiert. Ihre Sätze formuliert sie druckreif. Sorgen machen ihr die Augen, sie werden immer trüber.