Atelierbesuch Der Findling
Tatiana Trouvé war mit ihren Objekten lange erfolglos. Nun ist sie die Aufsteigerin der französischen Kunstszene
Ihr Atelier, sagt Tatiana Trouvé, könne überall liegen. »Ich glaube nicht an die kreative Energie von Orten.« Das Hauptmerkmal ihres schlauchförmigen Arbeitsraums im Pariser Vorort Pantin ist die Abwesenheit aller Paris-Klischees. Sporadisch erzittert er wie durch ein Erdbeben, doch das sind nur die Gabelstapler, die in der Etage darüber Paletten umherfahren.
Zwei Heizkörper vor einer zehn Meter langen Fensterfront. Die Fenster sind vergittert, was auf den ersten Blick deprimierend wirkt, auf den zweiten beruhigend ist, denn Pantin zählt zu den Vierteln der Banlieue, in die sich Nicolas Sarkozy angeblich nicht hineintraut und auch Tatiana Trouvé nur untertags oder mit Hund, einem Rottweiler, dem man, wie sie sagt, »zum Glück nicht ansieht, wie nett er ist«.
Tatiana Trouvé hat die Schultern hochgezogen. Lederjacke, offenes Lachen. So steht sie da zwischen ihren Sägen und Lötmaschinen, mit denen sie ihre Werke erschafft: eine große, frierende Frau in ihrem kleinen, zugigen Reich, das einen daran erinnert, was der Kunsthype der vergangenen Jahre mit seinen reichen Sammlern und krachenden Partys fast vergessen ließ. Dass das Kunstmachen eine harte, entbehrungsreiche, einsame Tätigkeit ist.
Trouvé zählt zu den Aufsteigerinnen des letzten Jahres. Vor zwei Tagen erst ist sie aus Miami zurückgekommen, wo sie auf der Art Miami Basel einen schönen, beklemmenden Wald aus Metallbäumen aufgebaut hat, deren Äste in schwarzes Leder eingenäht sind. »Das Leder erinnert an Korsagen, die Stütze und Handicap zugleich sind«, sagt sie und deutet auf ein Gestänge in der Mitte des Ateliers: der letzte Baum, nicht fertig geworden.
Der Auslöser der erstaunlichen Karriere der Tatiana Trouvé war ein zentnerschwerer Felsblock. Im Frühjahr wurde er in der Ausstellung Airs de Paris gezeigt: ein unbehauener Stein, mit Dutzenden Vorhängeschlössern beschlagen, die sich an ihn klammern wie Muscheln. Sie nennt ihn Polder . Fast alle ihre Werke heißen zurzeit so. Polder – wie das in Holland dem Meer abgerungene Land, was erst einmal irritiert, denn der Begriff suggeriert etwas Mühsam-Langwieriges. Dieser Polder hier schien aber vom überschäumenden Kunstmarkt wie über Nacht mitten hineingespült ins Centre Pompidou.
Wenn Kunstwerke wirklich gelingen, sind sie meist einfach und zugleich zwingend, dann schaffen sie es, das Licht mit einem Mal auf alle anderen Werke eines Künstlers zu werfen. Trouvés Polder ist so ein Werk. Er stand da wie ein Findling, der nicht mehr wegzubekommen ist aus den Museen der Welt. Schroff und an sich unzugänglich, weshalb es nicht der Schlösser bedurft hätte, die ihn weiter verschließen. »Man weiß nicht, ob der Stein die Schlösser hält, ob die Schlösser den Stein halten«, erklärt Tatiana Trouvé. Erklärt ist eigentlich das falsche Wort. Sie gibt nur Hinweise, wie ihre Kunst zu verstehen ist.
Dabei will sie nichts verrätseln. Tatiana Trouvé ist eine unprätentiöse, unkonventionelle Frau, die dem Kunstbetrieb mit seinen Ritualen zur Steigerung der Bedeutsamkeit misstraut. Über ihre Arbeit spricht sie in knappen Assoziationen, die auch mal deftig ausfallen, wie wenn sie sagt, dass der Baumstumpf in der Ecke des Ateliers aussehe wie »ein Hintern mit Zellulitis – oder nicht?«. Beim Spaziergang mit dem Hund hat sie den Stumpf gefunden. Zwei Jungen haben ihn ihr für 50 Euro hochgetragen. Nur will einfach kein Kunstwerk aus ihm werden. Tatiana Trouvé hat ihm schon einen Lederanzug geschneidert. Sie schüttelt den Kopf – nein, das ist es auch nicht. »Aber der Stamm hat schon andere Objekte beeinflusst.« Fließende Grenzen von Möglichkeit und Wirklichkeit sind typisch für ihr Werk.
So hat sie eine ganze Sammlung von Titeln zu Werken, die nie entstanden sind, »nicht entstehen konnten«, wie sie sagt, »weil es keine Abnehmer dafür gab«. Der Kunstmarkt hatte sie lange links liegen gelassen. Ein Titel heißt pseudobeleidigt: Hollywood doesn’t want me .
Tatiana Trouvé lacht, wie jemand, der zuletzt lacht, als sie erzählt, wie sie damals im Akkord Bewerbungen für Jobs als Küchenhilfe und Übersetzerin geschrieben habe. »Nicht eine einzige Bewerbung«, sagt sie, habe geklappt.
Das will man kaum glauben. Sie ist hübsch, lebendig, so gar nicht schwer vermittelbar. Sie wird extra Fehler eingebaut haben, damit sie ihre Tage statt mit Zwiebelnschneiden damit verbringen konnte, für ihre vielen Absagen eine Art Gebäude zu errichten, die sie beherbergen. Auch ihre Titelsammlung fand darin Platz. Jahrelang bekam sie Bewerbung um Bewerbung zurück, sie baute und baute. Nach zehn Jahren war sie fertig, hatte immer noch weder Job noch Geld, dafür ein ganzes Dorf aus seltsamen Kiosken: die Installation Bureau d’Activités Implicites (Büro für implizite Aktivitäten). Ist es nun gradlinig oder wahnsinnig, etwas so penibel fortzuführen, für das es kein Anzeichen gibt, dass es jemals jemand haben will?
»Ich hatte keine Wahl«, sagt sie, »ich kann nichts anderes.« Ihre Karriere ist ein einziger Polder: dem Kunstbetrieb abgerungen.
Im Oktober 2007 wurde sie mit dem Prix Marcel Duchamp ausgezeichnet, Frankreichs wichtigstem Nachwuchskunst-Preis. Diesen Sommer folgt die Einzelschau im Centre Pompidou. Paris stürzt sich auf sie, es gibt nicht allzu viele junge Künstler. Kulturell haben sich die Franzosen in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich alles abknöpfen lassen: Die Italiener bestimmen heute die Mode und die Küche und beliefern die Welt mit Prada und Grappa. Die Angelsachsen dominieren die Popmusik und zusammen mit den Deutschen die moderne Kunst – dabei hat Frankreichs Avantgarde sie ja einst begründet.
Doch auch die neue Vorzeige-Französin kommt Frankreich vielleicht abhanden. Trouvé überlegt, nach Berlin zu ziehen. Nicht der kreativen Atmosphäre wegen. Die ist ihr, wie gesagt, egal. »Mein Privatleben«, sagt sie , »stelle ich mir in Berlin lustiger vor.«
Tatiana Trouvé wurde 1968 im italienischen Cosenza geboren. Aufgewachsen ist sie in Dakar, wo ihr Vater Architektur unterrichtete. Zum Kunststudium ging sie nach Nizza. Später zog sie nach Paris, wo sie lange vom Kunstbetrieb ignoriert wurde. Eine Erfahrung, die sie in der Installation »Bureau d’Activités Implicites« verarbeitete, ihrem Hauptwerk. 2007 kam der lang ersehnte Durchbruch. Trouvé war auf der Biennale in Venedig und der Art Basel vertreten. Im Oktober vorigen Jahres bekam sie den französischen Nachwuchspreis Prix Marcel Duchamp.
- Datum 25.01.2008 - 02:44 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 24.01.2008 Nr. 05
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