Polen
»Ganz ohne Scham«
Ein Buch wirft Polen vor, nach Kriegsende 1500 Juden getötet zu haben. Nun hat das Land einen neuen Bestseller – und einen Skandal
Der Täter erzählt ungerührt, als habe er ein Stück Vieh zerlegt. »Ich habe einen Juden drei Mal mit dem Stein auf die Brust, das rechte Bein und den Kopf getroffen, dann ging ich weg. Ich möchte betonen, dass das Blut von dem Juden auf meine Kleidung spritzte. Als ich mir die Hose gesäubert hatte, sah ich, dass sie einen anderen Juden an den Beinen und Händen rausschleppten wie ein Kalb. (...) Sie schlugen den Juden erst mit Stöcken, dann mit Eisenrohren. Am Anfang rührte sich der Jude etwas und schrie, aber sie schlugen ihn auf den Mund, und er hörte auf zu schreien. Der erste Jude, den ich getötet habe, schrie bei mir nicht.« An diesem Tag starben 36 Juden in der südöstlichen polnischen Stadt Kielce. Das Grauen ereignete sich in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, man schrieb den 4. Juli 1946. Die Juden wurden nicht von Deutschen gelyncht. Sie starben durch die Hand von Polen.
»Es gab die Überzeugung, dass man die Juden loswerden müsse«
Die Passage stammt aus Polens neuem Beststeller, dem Buch »Angst« (»Angst. Antisemitismus in Polen nach dem Krieg. Geschichte eines moralischen Niedergangs«, Krakau 2008) des polnischen Historikers und Soziologen Jan Tomasz Gross, der seit den sechziger Jahren in den USA lebt und dort in Princeton Geschichte doziert. Die ersten 25000 Exemplare waren binnen einer Woche verkauft. Und die Reaktionen auf das Buch stehen dem Verkaufserfolg in nichts nach. Als »Polen- und Judenhasser« hat man den 61-Jährigen bezeichnet, als Nestbeschmutzer diffamiert. Denn mit den Anschuldigungen, die Gross gegen die Polen erhebt, trifft er ihren empfindlichsten Punkt: Er rüttelt an dem über Jahrhunderte gepflegten Opfermythos, er zerstört das Bild von den Polen als edlen Widerstandskämpfern. Und er nimmt die polnische Gesellschaft kollektiv in die Verantwortung für das, was mit den polnischen Juden nach dem 8. Mai 1945 geschah. Die antisemitischen Exzesse seien keine Erscheinung am Rande der polnischen Gesellschaft gewesen, behauptet Gross. Sie fanden offen statt.
Nach dem Pogrom von Kielce verließen innerhalb von nur drei Monaten nahezu 61000 Juden das Land, in den ersten drei Nachkriegsjahren flüchteten insgesamt 200000 aus Polen. Der Pogrom von Kielce war der blutigste, aber längst nicht der einzige gegen Juden nach 1945. Insgesamt, so Jan Gross, seien rund 1500 Juden in den Nachkriegsjahren Opfer des polnischen Antisemitismus geworden. Das sei keine Überraschung. Denn schon in den Kriegsjahren quälten und töteten Polen Juden, öffentlich, »bis das Morden von wehrlosen Opfern zur langweiligen Routine verkam«. Die Polen töteten demnach nicht nur aus Furcht vor den Deutschen. Sie meinten, mit den Juden minderwertige Geschöpfe vor sich zu haben, die es nicht anders verdient hätten. »Man sah Hitler als Todfeind an, und natürlich hat ihn niemand unterstützt. Aber es gab die allenthalben verbreitete Überzeugung, dass man die Juden loswerden müsse. Darum haben die Polen in den ersten Nachkriegsjahren die ethnische Säuberung, die Hitler begonnen hatte, zu Ende gebracht«, sagte Gross dem polnischen Magazin Wprost.
Als die Überlebenden des Holocaust zurückkehrten, stießen sie auf tiefe Feindseligkeit und Angst, dass sie womöglich ihren verlorenen Besitz zurückfordern würden. Dieses bedrohliche, antisemitische Klima hätte nur die einzige wirkliche Autorität eindämmen können: die Kirche. Die aber habe geschwiegen – und damit zu der Gewalt gegen Juden beigetragen. Ihre Stimme hätte die Macht gehabt, die Massen zu besänftigen. Doch Stefan Wiszynski, Bischof von Lubin und als Ikone des Widerstandes gegen den Kommunismus verehrt, schrieb keinen Hirtenbrief. Es sei nicht widerlegt, dass Juden nicht doch Christenblut für ihre Rituale benutzen würden, sagte er und verwies auf einen Gerichtsprozess gegen einen Juden, der 1913 in Russland stattfand. Einzig der Bischof von Tschenstochau bezeichnete die angeblichen rituellen Morde an katholischen Kindern als das, was sie waren: eine Lüge.
Das Buch »Angst« ist ausgerechnet von einem katholischen Verlag veröffentlicht worden, was für manche Kleriker den Skandal noch skandalöser macht. Die Lektüre des Buches würde ihn »schmerzen«, meint Stanislaw Dziwisz, Erzbischof von Krakau und bis zum Tod des polnischen Papstes Johannes Paul II. dessen Sekretär. Er schrieb an den Verlag. »Eure Aufgabe ist es, die geschichtliche Wahrheit zu verbreiten und nicht, gleichzeitig antipolnische und antisemitische Dämonen zu wecken.« Andere kritisieren, das Buch sei »pseudowissenschaftlich«. Gross würde das Handwerk eines Historikers nicht beherrschen, aber als solcher auftreten, urteilte der Präsident des polnischen Instituts für Nationales Gedenken. Andere werfen ihm vor, die Fakten seien nicht neu, einseitig zusammengestellt und interpretiert. Daraus habe Gross seine kollektive Anklage gemacht.
Angeklagt hatte der Autor schon einmal. Da ging es aber nur um ein Dorf, nicht um eine ganze Gesellschaft. Vor acht Jahren veröffentlichte er das Buch Nachbarn. Darin schildert Gross, wie das polnische Dorf Jedwabne 1941 seine Juden vernichtet. Die einstigen Nachbarn wurden zunächst gequält, schließlich in einer Scheune zusammengetrieben und verbrannt. Das Buch löste zum ersten Mal seit 1945 eine Diskussion über die Rolle der Polen bei der Judenvernichtung aus. Damals reicherte Gross wissenschaftliche Fakten mit zahlreichen Augenzeugenberichten an, die das Unbeschreibliche und alltägliche Grausamkeiten in Worte fassen. Im Ausland nahm man Polens Auseinandersetzung mit seiner ungeschönten Geschichte anerkennend zur Kenntnis.
Dieser Methode bleibt Gross treu. Ausführlich zitiert er im aktuellen Buch aus Augenzeugenberichten und Briefen wie einem Fundstück von 1947. »Meine verehrte Tochter«, schreibt darin eine Frau. »Der Zug hatte fast acht Stunden Verspätung. Du kannst Dir vorstellen, wie müde ich zu Hause ankam. In meinem Waggon standen viele Juden um mich herum. Ach, diese verfluchten Barbaren haben schrecklich gedrängelt und Unruhe verbreitet, ein Höllenlärm war das. Wenn ich meine Sicherheitsnadel nicht gehabt hätte, mit der ich den jüdischen Dreck um mich herum gepiekt habe – ich weiß nicht, wie ich es sonst nach Hause geschafft hätte. So aber hatte ich zumindest meine Freude daran, diese Barbaren zu ärgern.«
Dem Autor soll die Einreise nach Polen verboten werden, forderte eine Partei
Gross historische Arbeit ist nicht nüchtern, sie ist drastisch, sie verstört. Und obwohl selbst Befürworter des Buches Gross Verallgemeinerung kritisieren – sein eigener Verleger räumt im Vorwort ein, dass die Frage, ob der Autor das Mittel der Verallgemeinerung nicht überstrapaziere, legitim sei –, betonen sie die enorme Bedeutung: Es zwinge Polen radikal zur weiteren Auseinandersetzung mit der Geschichte. Das vor acht Jahren erschienene Buch Nachbarn war ein Anfang, das neue Buch »Angst« ein weiterer Schritt, der die Debatte vorantreibt. Natürlich wühlt das auf.
Offenbar auch die Staatsanwaltschaft. Seit dem Erscheinungsdatum der polnischen Ausgabe liest die Krakauer Generalstaatsanwaltschaft eifrig und prüft, ob Jan Gross gegen Artikel 132 a des Strafgesetzbuches verstößt. Dieser Artikel wurde vor anderthalb Jahren speziell für Jan Gross verabschiedet, als die englischsprachige Version von »Angst« veröffentlicht wurde. »Wer öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt, dem droht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren«, so der Artikel. Die nationalkatholische Partei Liga Polnischer Familien, bis zum vergangenen Sommer noch an der Regierung beteiligt, nun nicht mehr im Parlament vertreten, übertraf alle hysterischen Reaktionen. Dem polnischen Juden Gross, der nach dem letzten Judenpogrom in Polen in den sechziger Jahren in die USA emigriert war, sollte gefälligst die Einreise nach Polen verboten werden, forderte man. Gross aber ließ sich nicht beeindrucken, weder von dem Artikel 132 a, noch von den Forderungen. Er reiste trotzdem ein.
- Datum 27.1.2008 - 04:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.01.2008 Nr. 05
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war ein gesamteuropäisches Phänomen seit dem frühen Mittelalter. Pogrome gab es von Spanien bis England. Das gelbe Erkennungszeichen hat sich Louis IX von Frankreich ausgedacht. Edward I. von England hat sein Reich umfassend von der jüdischen Population "gesäubert". Als aus westlichen Ländern vertriebene Juden nach Osten zogen, gab es auch dort Pogrome.In den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es auch in den USA virulenten Antisemitismus. Der Filmregisseur Kubrick wurde noch 1999 in einem amerikanischen Restaurant nicht bedient, weil er Jude war.Seit dem II Weltkrieg hat sich das Konzept des Antisemitismus weltweit auf Deutschland konzentriert. Das ist sicher für viele Nationen eine Entlastung.
Wie ist es möglich, dass Polen, Mitglied der Europäischen Union, im Jahre 2006 einen Paragrafen verabschiedet der jenen die „öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder
Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen
bezichtigt.” mit bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe bedroht? Ich bin fassungslos und frage mich was mit Polnischer Nation gemeint ist, der Staat, seine Bürger? Denn die Teilnahme von einzelnen Polen an kommunistischen und nazionalsozialistischen Verbrechen kann doch nicht ernsthaft geleugnet werden.
Beim Draufschauen klingt mir mein Kommentar zu nüchtern. Wenn man im einzelnen über die Folterungen (Zahnziehen ohne Betäubung und vieles mehr, was die menschliche Phantasie zustande bringt...) liest, die Juden durch ihre Herrscher, ob Briten, Franzosen, Polen oder Deutsche, angetan wurden, dreht sich einem der Magen um. Und tiefes Mitleid mit diesem unglücklichen Volk taucht auf, wo eben noch Ärger über die aggressive Siedlungspolitik seiner Nachfahren vorherrschte.
Ich finde den Erscheinungstag des Artikels am heutigen Tag sehr ungünstig; man hätte ihn besser nächste Woche hier in Zeit-online veröffentlich.Der 27.Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, ist doch eher mit deutscher Schuld verbunden.
Wir muessen dankbar sein fuer jede neue Enthuellung von Verbrechen gegen unschuldige Mitmenschen, um so ein ausgewogenes Verstaendnis jener dunklen Geschichte des 2. Weltkrieges und der Jahre danach zu erlangen. Ein Verstaendnis, das Geschichtsbuecher nicht vermitteln koennen. Ich hoffe, dass es nach Tomasz Gross weitere Polen geben wird, die sich mutig zur Wahrheit bekennen. Dabei moechte ich noch einmal die kleine Stadt Sarnowa (frueher Sarne) bei Rawicz im Bezirk Posen anfuehren, wo nach verlaesslichen Zeugen 1945 unschuldige deutsche Buerger, die nicht geflohen waren, geheim hingerichtet wurden, darunter Mitglieder meiner Familie. Seit sieben Jahren bitte ich bei der oertlichen Behoerde, der katholischen Kirche, dem IPN und anderen Stellen in Polen und Deutschland um Aufklaerung. Man weist mich ab mit den fadenscheinigsten Ausfluechten. Man ist noch nicht so weit, hueben und drueben, den offensichtlichen Spuren nachzugehen und der Wahrheit ins Auge zu sehen. Das Werk wohlwollender Menschen ist somit noch nicht vollendet. Ein chinesisches Sprichwort lautet, "To take the life of one innocent human being is like taking the life of all humanity." Das sollte uns zu denken geben und Aufgaben, uns fuer unschuldige Opfer einzusetzen ungeachtet ihrer Volks- Religions- oder Rassenzugehoerigkeit. Wenn wir das fertigbringen, sind wir auf dem besten Wege zu wahrer Verstaendigung und Freundschaft.
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