Unterricht Nicht hängen lassen!

Sportunterricht kommt an deutschen Schulen zu kurz

In der Turnhalle der Reinhardswaldschule in Berlin-Kreuzberg ist es kalt. Ein Kippfenster lässt sich nicht mehr schließen. Sybille Röser bringt an diesem Dezembermorgen die Schüler der 1 und 2a dennoch ins Schwitzen. An einer der Übungsstationen rutschen die Jungen und Mädchen auf Teppichfliesen eine schräg gestellte Bank hinunter, an einer anderen sitzen sich zwei Schüler auf den Fliesen gegenüber und ziehen sich an einem Seil entlang aufeinander zu.

Als Klassenlehrerin unterrichtet Sybille Röser ihre Schüler auch in Sport – obwohl sie darin nicht ausgebildet ist. »Ich habe mir Tipps von Kollegen geholt, Fachliteratur gelesen und Fortbildungen gemacht«, sagt die 43-Jährige. Ans Geräteturnen traut sie sich dennoch nur ungern heran, vor allem bei älteren Schülern. »Das ist mir zu riskant, weil ich nicht die richtige Hilfestellung geben kann.«

In der anderen Turnhallenhälfte der Reinhardswaldschule unterrichtet gleichzeitig Ute Windelband ebenfalls Erst- und Zweitklässler. Die Lehrerin hat Sport studiert und lässt die Schüler an diesem Morgen an den Ringen schwingen und hallenhohe Metallstangen hochklettern. »Turnen ist wichtig, darauf bauen fast sämtliche Sportarten auf«, so die Fachlehrerin. Damit auch die Schüler der 1 und 2a Abrollen an der Reckstange und Sprünge über den Bock üben können, legen die beiden Lehrerinnen ihre Klassen hin und wieder zusammen und machen gemeinsam Unterricht.

In Berlin werden 33 Prozent des Sportunterrichts an Grundschulen von Lehrern ohne Sportausbildung unterrichtet, bundesweit sind es gar 50 Prozent, wie die Schulsportstudie Sprint herausfand. Dabei ist nach Ansicht von Experten gerade in der Primarstufe qualifizierter Sportunterricht wichtig. »Die Bewegungserziehung für die unter Zehnjährigen muss vielfältig und intensiv sein, damit die Kinder Spaß an der Bewegung und ein gutes Körpergefühl entwickeln. Später schafft man das nicht mehr so leicht«, sagt der Karlsruher Sportwissenschaftler Klaus Bös.

Der Grund für den Sportlehrermangel ist das sogenannte Klassenlehrerprinzip, wonach die Klassenlehrer die Grundschüler in den ersten Klassen in sämtlichen Fächern unterrichten sollen. Daran will der Leiter der Sprint-Studie, Wolf-Dietrich Brettschneider, auch nicht rütteln. Er fordert aber: »Sport muss Bestandteil der Grundschullehrerausbildung werden, oder die Lehrer müssen sich fortbilden.«

Im deutschen Schulsport fehlt es nicht nur an Fachlehrern. Jede vierte Sportstunde findet erst gar nicht statt; von den drei Wochenstunden, die in der Regel in der Sekundarstufe auf dem Stundenplan stehen, werden im Schnitt nur 2,2 gehalten. Häufig fällt der Sport aus, weil Turnhallen und Leichtathletikanlagen sanierungsbedürftig sind. »Sport ist ein vernachlässigtes Fach«, so Brettschneiders Fazit. Seine stiefmütterliche Behandlung steht in krassem Gegensatz zur gestiegenen Bedeutung, die Ärzte und Wissenschaftler dem Schulsport zuschreiben. Auf Wiesen und Spielplätzen oder in Hinterhöfen toben und klettern, den Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen, das machen immer weniger.

In den vergangenen 25 Jahren sei die Beweglichkeit der Kinder, ihre Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer um 10 bis 15 Prozent zurückgegangen, so Sportwissenschaftler Brettschneider. Die Rumpfbeuge, bei der man mit den Fingerspitzen den Fußboden erreichen muss, schaffen 43 Prozent nicht mehr; ein Viertel der Kinder treibt überhaupt keinen Sport, wie eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts belegt.

Als Bewegungsmuffel haben sich in Studien vor allem Schüler aus sozial schwachen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund erwiesen. Doch ausgerechnet an den Hauptschulen wird ein Drittel der Sportstunden fachfremd unterrichtet, und auch die Ausfallquote ist höher als etwa an Gymnasien.

»Ich merke ganz deutlich, dass viele Kinder vor dem Fernseher geparkt werden. Manche werden nie eine Rolle rückwärts hinkriegen«, sagt Ute Windelband. Ihre Schüler seien ängstlicher und weinerlicher als früher. Der Sportunterricht habe sich dem Leistungsabfall angepasst: »Kopfstand beispielsweise war früher Pflicht, das haben wir jetzt wegen des Verletzungsrisikos rausgenommen.« Auch den Hüftaufschwung am Reck übt sie mit den Kindern kaum noch, und beim Hochsprung gibt’s heute schon bei einer Höhe von einem Meter eine Eins, früher mussten die Schüler zehn Zentimeter mehr schaffen.

Damit die Kinder und Jugendlichen auf die von Medizinern für notwendig erachteten 60 Minuten sportliche Bewegung pro Tag kommen, fordern Experten die tägliche Sportstunde, wenigstens für die Grundschüler. Doch in den »Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung des Schulsports«, welche die Kultusministerkonferenz (KMK) und der Deutsche Olympische Sportbund jüngst beschlossen haben, wird sie lediglich als »wünschenswert« erachtet. »Wir können das nicht vorschreiben, das muss sich jedes Bundesland selbst vornehmen«, sagt Burkhard Jungkamp, Vorsitzender der Kommission Sport der KMK. Das Papier enthält viele gute Wünsche. So sollen ausschließlich qualifizierte Lehrer Sportunterricht geben und sich möglichst viele Schulen »bewegungsfreudig« zeigen – mit Sportfesten beispielsweise oder Bewegungspausen im Unterricht. »Wann und wie das umgesetzt wird, bleibt völlig offen«, kritisiert Siegfried Eith, Sprecher der Sportkommission der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Die Aussichten für eine Stärkung des Schulsports sind eher trüb. Denn die erfordert nicht nur mehr Personal, intakte Sportstätten und damit Geld, sondern auch Zeit. Doch schon jetzt zieht Sport, nicht zuletzt in Folge der Pisa-Tests, im Konkurrenzkampf mit den »harten« Fächern häufig den Kürzeren. So lassen viele Schulleiter Sport eher mal ausfallen als Mathe oder Deutsch.

Lehrer beobachten zudem, dass die Ganztagsschule die sportliche Aktivität der Schüler bislang eher bremst, anstatt sie anzukurbeln. Der Ganztagsbetrieb kollidiert mit den Sport-AGs, die viele Schulen häufig am Nachmittag anbieten. Konkrete Konzepte, wie sich Sport und Bewegung sinnvoll in den ganztägigen Schulbetrieb eingliedern lassen, beispielsweise durch Kooperationen mit Vereinen, vermisst GEW-Sportkommissions-Sprecher Eith. Auch der erhöhte Stundenumfang im auf acht Jahre verkürzten Gymnasium zwingt viele Jungen und Mädchen dazu, sich bei den Sportvereinen abzumelden.

Laut Sportwissenschaftler Bös muss die tägliche Sportstunde kein Wunschtraum bleiben. Er verweist auf eines der Modellprojekte, die er wissenschaftlich begleitet hat. So darf in der Grundschule des Städtchens Daun in der Vulkaneifel seit vier Jahren ein Teil der Schüler täglich für eine Stunde in die Sporthalle. »Die Kinder der Sportklassen haben mehr Ausdauer, sind beweglicher und zeigen weniger Aggressionen«, berichtet Sportlehrerin Kerstin Scheid. Und die Sportschüler sind auch aufmerksamer, wie Tests mit einer Kontrollklasse ergeben haben. »Nach einer Sportstunde können sie auch in der letzten Stunde wesentlich konzentrierter arbeiten«, so Lehrerin Scheid. Viele Eltern würden ihren Nachwuchs jetzt am liebsten in die Sportklassen schicken. Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium genehmigte die Zusatzstunden, doch in zwei Jahren ist damit Schluss. An der Schule denkt man jetzt schon darüber nach, wie sich die tägliche Sportstunde retten lässt.

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Leser-Kommentare
  1. Zuerst tun die Verantwortlichen alles, damit Kinder keine Chance bekommen sich zu bewegen und dann beschimpfen sie die Kinder, dass sie sich nicht bewegen.Ein Kind muss man nicht zur Bewegung animieren. Es genügt, ihm den notwendigen Platz dafür zur Verfügung zu stellen. Es bewegt sich ganz von selbst. Aber genau das ist unerwünscht. Warum wohl parken viele Eltern ihre Kinder vor dem Fernsehen? Weil es keine Alternative gibt! Sie könnten höchstens ihre Kinder samt dem Fernseher entsorgen, damit Ruhe einkehrt und sich niemand mehr aufregen kann. Warum sind Migrantenkinder die größten Bewegungsmuffel? Haben sie die Möglichkeit keine Bewegungsmuffel zu sein?Ja, zeigen Sie die Probleme auf, aber verurteilen Sie nicht die Opfer dieser verkehrten Politik sondern die Verursacher. Adenauer soll mal gesagt haben, für Kinder braucht man nichts tun, die kommen von selbst.

  2. Merkwürdig, dass eine Lehrbefähigung für das Fach Sport für angehende Grundschullehrer nicht mehr obligatorischer Bestandteil der Lehrerausbildung ist, wie es einmal der Fall war (übrigens auch für die Hauptschule). Lehramtsstudenten sowie Junglehrer in der zweiten Ausbildungsphase hospitierten im Sportunterricht bei erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern und hörten Vorlesungen in Sportdidaktik und Methodik. Selbstverständlich hatte man mindestens eine Sportstunde selbst zu halten. Dem Artikel kann man entnehmen – was jeder Praktiker weiß – dass der Sinn des Sportunterrichts ist, die Kinder durch Bewegung beweglich zu machen, die allgemeine Motorik zu fördern, sie zu Ausgeglichenheit und Lernbereitschaft zu führen. Körperliche Beweglichkeit fördert letztendlich auch die geistige.Sicher wäre eine größere Anzahl von ausgebildeten Sportlehrern auch in der Grundschule erfreulich. Da dem nicht so ist, müssen alle LehrerInnen gerade der ersten beiden Klassen aus der Not eine Tugend machen und die dringend nötige tägliche Sporteinheit in den übrigen Unterricht einbauen. Das geht auch ohne großartige Sportstätten, die den „Normalschulen“ ohnehin höchstens zweimal wöchentlich je Klasse zur Verfügung stehen. Anlässe zu solchen Bewegungspausen gibt es genug, aus dem Kindergartenbereich bekannt: Imitieren, Armbewegungen im Schreibunterricht, Singen mit Tanz verbunden, kurz mal im Freien gezielte Gymnastik, Spiele usw. Diese Art Sportunterricht ist vielleicht nicht qualifiziert, trotzdem effektiv. Und macht den Kindern Spaß! Jedenfalls besser, als das ewige Gerede von der täglichen Sportstunde, die wohl nie stattfinden wird.Noch merkwürdiger finde ich, dass die Ganztagsschule den Sportbetrieb angeblich ausbremsen soll. Ist diese Schulform nicht gerade dazu prädestiniert, lehrplanmäßige Sport-AGs anzubieten oder Sportunterricht regulär am Nachmittag zu erteilen? Dieses Problem betrifft ja z. B. auch den Musikschul-Unterricht, der bisher immer am Nachmittag stattfinden muss. Vereine jeglicher Art sollen in die Schulen kommen.Hoffentlich führt das Nachdenken an der Modellschule in der Eifel zur täglichen Sportstunde. Allerdings sollte besonders das Kultusministerium nachdenken!

  3. ich wohne gleich neben einer schule und beobachte gelegentlich das
    treiben der schüler/innen an einer sprunggrube innerhalb der anlage. da
    läßt man im winter die kinder, unter aufsicht, mit ihren
    altagsklamotten weitspringen üben, ohne mit ihnen vorher ein
    aufwärmtraining absolviert zu haben. dies schadet der gesundheit! mal abgesehen davon, dass weitsprung kein sport für die schule ist. wenn
    diese schulsportstunde typisch ist, dann weiß man was dort los ist. so
    wird ein kind nie freude am sport gewinnen. so vergrault man das kind,
    ähnlich, wie mit der blockflöte im musikunterricht.

    das hat mit sport nichts zu tun! es wird eine stunde herumgealbert und keiner hat geschwitzt. am ende kann man noch froh sein, dass sich niemand verletzt hat. was soll das?

    • FrEi88
    • 27.01.2008 um 0:39 Uhr

    In der Unter- und Mittelstufe ist Sportunterricht durchaus sinnvoll und notwendig. Wenn die Kinder bislang nur den halben, aber vielleicht irgendwann auch den ganzen Tag sitzen und lernen, brauchen sie Bewegung. Sportunterricht ist dabei eine gute Möglichkeit. Allerdings, ob man diese Bewegung irgendwie in Noten auf dem Zeugnis erscheinen lassen sollte, ist die andere Frage. Ich finde, dass das eigentlich nicht sein muss. Es sei denn, es gibt normative Kriterien, an denen sich diese Note orientiert - allerdings könnte man dann auch gleich schreiben, in welcher Zeit ein Schüler eine bestimmte Strecke rennen kann. Das Verhalten, welches bislang immer zu einem wichtigen Anteil in der Sportnote enthalten war, wird zumindest in NRW jetzt in der Kopfnote ausgedrückt, wodurch auch in der Sportnote nur noch Leistung bewertet werden sollte.Sinnvoller wäre jedoch wahrscheinlich die Teilnahme an Sport-AGs nach amerikanischen und kanadischen Vorbild. Die Mannschaften der unterschiedlichsten Sportarten trainieren zusammen und treten in landesweiten Wettkämpfen gegen die Mannschaften der anderen Schulen an. So können die Schüler erstens ein besseres Mannschaftsgefühl mit ihren Mitspielern aufbauen und zweitens ihre Schule auch nach außen vertreten, was das Verantwortungsbewusstsein erhöht. Kein Sportunterricht kann die Motivation schaffen, die ein schulübergreifender Wettkampf liefert. Außerdem trägt dies dazu bei, dass sich die Schüler eher mit ihrer Schule verbunden fühlen, als bislang.Dass gerade viele Oberstufenschüler der Ansicht sind, dass Sportunterricht für sie nicht notwendig ist, kann man leicht daran sehen, dass sie sich mehr und mehr, sobald sie 18 sind, von den von ihnen als lästig empfundenen Veranstaltungen am Nachmittag befreien. Die Entschuldigungen können sie sich dann ja selbst schreiben.

  4. im laufe der zeit dürfen sich also alle fächer mal melden und beklagen, dass sie zu kurz kommen.
    da offenbar alle fächer irgendwie zu kurz kommen, kann die konsequenz nur sein: schule von 6 bis 20 uhr, oder?

    bedaure, aber nachdem ich etliche dieser jeremiaden gelesen habe (nicht zuletzt angespornt durch das ggw mathematik-jahr) frage ich mich doch, ob nicht eher vernünftige überlegungen zur schulorganisation zu kurz kommen!

    der sportunterricht ist in der mir bekannten form vor allem dazu geeignet zu diskriminieren und bewegungsmuffel zu züchten -- den kindern wird von klassenkameraden (häufig gerade denen, die in anderen fächern nicht reüssieren können) und lehrern deutlich gemacht, dass sie unfähig und unbrauchbar sind, wenn sie gewissen, sinnfreien kriterien (hochsprung, 100m in x sekunden, fussball -- ie organisierter gewalt) nicht genügen, das ganze verbunden mit mannschaftsportarten, die die niederen instinkte trainieren (vorzüglich fussball), indem die kapitäne, idr spezielle lieblinge der sportlehrer, also immer dieselben, willkürlich entscheiden und erwählen oder verwerfen, um dem selbstvertrauen der "unsportlichen" dann noch weitere scharten zu versetzen.

    das ganze wird mit zensuren garniert, deren nachvollziehbarkeit gegen null tendiert und tür und tor öffnet für die willkür der lehrer.

    und dann kommt das grosse wundern, warum kinder nicht zum sport wollen ...

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