Börsencrash Diesmal steht es wirklich Spitz auf Knopf

Die taumelnden Börsen drohen die Weltwirtschaft nach unten zu reißen. Jetzt sind kluge Notenbanker und Politiker gefragt

Der Körperumfang von Jochen Sanio dürfte von nun an eine Angelegenheit öffentlichen Interesses sein. Er habe, so der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht vergangene Woche nach Risotto und Rotwein, ein paar Pfunde zugelegt, weil sich die Lage im Finanzsektor über die Weihnachtstage beruhigt habe.

Irgendwie schön für Sanio, dass es nun drunter und drüber geht. Fast täglich werden neue Horrormeldungen aus der Bankenwelt bekannt. Denn die Krise an den Kreditmärkten hinterlässt eine Spur der Verwüstung in den Bilanzen. Die WestLB räumte ein, dass sie den Wert ihrer Anlageportfolios um eine Milliarde Euro nach unten korrigieren muss. Das Institut wird für 2007 einen Verlust von rund einer Milliarde Euro ausweisen, die Eigentümer – Sparkassen und das Land Nordrhein-Westfalen – müssen zwei Milliarden Euro nachschießen. Die Landesbank Baden-Württemberg muss mehr als eine Milliarde Euro abschreiben, die Hypo Real Estate 300 Millionen. Bei der Citigroup in den USA summieren sich die Belastungen allein im vierten Quartal 2007 auf 18 Milliarden Dollar, bei Merrill Lynch auf 11,5 Milliarden, bei der Bank of America auf 5,3 Milliarden. Selbst in China entdecken die Banken Löcher in ihren Bilanzen. Insgesamt haben die großen Häuser nach Daten der Ratingagentur Standard & Poor’s weltweit 90 Milliarden Dollar verloren. Das sind schlechte Vorzeichen für die kommenden Wochen, wenn die deutschen Finanzkonzerne wie Deutsche Bank, Commerzbank oder Allianz ihre neuen Geschäftszahlen vorlegen. Außerdem mehren sich die Zeichen, dass sich wegen der Krise am Immobilienmarkt das Wachstum in den USA abschwächt – der größten Volkswirtschaft der Welt.

Die US-Notenbank beeilte sich, um das Schlimmste zu verhüten

An den Börsen macht sich Untergangsstimmung breit. Kein Wunder, der Dax vollführte am Montag den größten Kurssturz seit dem 11. September 2001. Auch in den USA und Asien sackten die Aktienmärkte ab. In Indien musste sogar der Handel ausgesetzt werden. Die US-Notenbank Federal Reserve sah sich gezwungen, zum Äußersten zu schreiten und das Geld zu einem außerplanmäßigen Zeitpunkt billiger zu machen. Nach einer eilig anberaumten Telefonkonferenz wurde der Leitzins am Dienstag um einen dreiviertel Prozentpunkt nach unten gesetzt.

Ist das der Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems, vor dem Pessimisten schon seit Langem warnen? Eigentlich bestünde kein Anlass zur großen Furcht, denn die Weltwirtschaft ist in einem soliden Zustand. Doch jetzt wächst die Gefahr, dass die Krise sich selbst zu nähren beginnt.

Eine Korrektur an den Märkten war überfällig. Die US-Wirtschaft ist aus den Fugen geraten. Jahrelang haben Verbraucher im Vertrauen darauf, dass der Wert ihres Eigenheims weiter steigt, ihre Konten geplündert und Geld ausgegeben. Weil nun der Immobilienmarkt schwächelt, müssen die Amerikaner mehr sparen. Das bremst das Wachstum. Die Börsianer haben über diesen Sachverhalt bisher hinweggesehen. Dramatisch ist das alles nicht, letztlich sogar willkommen. Denn nur wenn die Exzesse der Vergangenheit bereinigt werden, bleibt die amerikanische Wirtschaft stabil. Und: Die Abschwächung in den USA kommt zu einer Zeit, in der in den Schwellenländern und in Europa die Konjunktur brummt, was die Weltwirtschaft stützt.

Mittlerweile wird an den Börsen aber nicht mehr auf eine sanfte Korrektur, sondern auf eine tiefe Krise spekuliert – und zwar nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Wenn die amerikanische Wirtschaft in eine schwere Rezession stürzt, wird das auch den Aufschwung in Europa abwürgen. Schon werden Erinnerungen an das Platzen der Internetblase im Jahr 2000 wach, als der Dax um 70 Prozent nachgab. Oder an den Börsencrash des Jahres 1929, als der New Yorker Dow-Jones-Index an einem Tag mehr als zehn Prozent verlor. Es folgte die Weltwirtschaftskrise.

Sorgen bereitet den Börsianern vor allem, dass der Finanzsektor selbst sich in größte Schwierigkeiten laviert hat. Noch vor einem Jahr erlebte die Branche einen unvergleichlichen Boom, die Gewinne erreichten Rekordniveau. Mit dem traditionellen Bankgeschäft, bei dem die Institute Kredite vergeben und an den Zinsen verdienen, hatte die Praxis in den großen Finanzhäusern nur noch wenig gemeinsam. Stattdessen wurde mit Kreditforderungen gezockt. Was in den Paketen steckt, hat nur selten jemand genau geprüft, auch nicht die Ratingagenturen, die großzügig beste Bonitätsnoten vergaben. Keiner wollte außen vor bleiben, schließlich ließ sich Geld verdienen. »Solange die Musik spielt, muss man mittanzen«, hat der geschasste Chef der Citigroup, Charles Prince, diese Logik einmal auf den Punkt gebracht. Die Banken profitierten dabei von einer Regulierungslücke: In der Regel müssen sie, wenn sie Kredite vergeben wollen, Kapital zurücklegen, um so für mögliche Zahlungsausfälle gewappnet zu sein. Dies gilt aber nicht für Kredite an eigens zum Spielen geschaffenen Anlagegesellschaften. Ohne diese Ausnahmeregel, die zum Jahresbeginn abgeschafft wurde, hätten die Institute die Risiken überhaupt nicht eingehen können.

Eigentlich sollte der Kreditverkauf dafür sorgen, dass die Lasten auf der ganzen Welt verteilt werden. Das ist ökonomisch sinnvoll, denn je breiter die Streuung, desto geringer die Gefahr, dass eine Bank unter der Last kollabiert. Tatsächlich, Ironie der großen Zockerei, aber hat sich gezeigt, dass am Ende doch die großen Finanzhäuser die Risiken in ihren Büchern stehen haben. Denn als wichtigste Sammelstelle für die Kreditpakete entpuppten sich genau jene Anlagegesellschaften, für die nun die Großbanken mit Krediten geradestehen müssen.

Immer noch gilt: Eigentlich sind die Belastungen für den Finanzsektor verkraftbar. Die Institute haben ein erhebliches Polster für schlechte Zeiten angelegt. Der Wert der Finanzprodukte, die mit US-Wohnungshypotheken besichert sind, beläuft sich auf rund 1200 Milliarden Dollar. Thomas Mayer ist Chefvolkswirt der Deutschen Bank für Europa. Er schätzt, dass davon 400 Milliarden Dollar nicht mehr zurückgezahlt werden – wobei auf die Banken etwa ein Drittel der Summe entfallen dürfte. Das ist im Vergleich mit früheren Krisen nicht viel. Die Kosten der japanischen Bankenpleiten nach dem Zusammenbruch des Immobilienbooms der neunziger Jahre beliefen sich nach Schätzungen des Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff auf 800 Milliarden Dollar, die noch dazu in einem einzigen Land anfielen. Da geht es den größeren USA im Vergleich deutlich besser. Außerdem haben die Banken den Großteil der Ausfälle bereits abgearbeitet – nicht zuletzt weil Staatsfonds aus Asien und dem Nahen Osten den US-Instituten erhebliche Kapitalspritzen verabreicht haben.

Ein Finanzprodukt ist nur das wert, was am Markt bezahlt wird

Doch wer sagt, dass es an der Börse rational zugeht? Je miserabler die Stimmung an den Märkten wird, desto mehr wächst die Gefahr, dass es zu einer Kaskade von Verlusten kommt. Ein Finanzprodukt ist nun einmal nur so viel wert, wie Marktteilnehmer zu zahlen bereit sind. Das hat weitreichende Folgen. Wenn die Investoren neben Hypothekenpapieren auch ihre Pakete mit US-Konsumentenkrediten wie heiße Kartoffeln fallen lassen, wenn sie auf einmal Aktien meiden, dann müssen die Banken neue Abschreibungen vornehmen. Denn viele dieser Anlagen stecken in ihren Bilanzen. Schnell kann dann ein Korrekturbedarf in der Größenordnung von mehreren Hundert Milliarden Dollar erreicht werden.

Das letzte Opfer in dieser Reihe ist die kaum bekannte, aber für den Finanzmarkt enorm wichtige Branche der Kreditversicherer. Sie heißen Ambac oder MBIA und versichern Anleihen und andere Finanzprodukte gegen einen Zahlungsausfall. Weil aber diese Ausfälle zugenommen haben, sind diese Unternehmen in Finanzierungsschwierigkeiten geraten – ganz so, wie ständige Waldbrände einen Feuerversicherer ruinieren können. Kann ein Versicherer im Schadensfall aber gar nicht einspringen, verlieren die Anlagen der Banken den Versicherungsschutz und stürzen weiter im Wert.

Wie schädlich ist all das für die Wirtschaft insgesamt? Auch wenn praktisch alle Banken Stellen streichen wollen, sind die direkten Folgen eher gering. Der Anteil des Kreditgewerbes an der Wertschöpfung ist – zumal in Deutschland – eher klein. Doch der Finanzsektor versorgt die Wirtschaft mit Geld und ist deshalb etwas Besonderes. Wenn eine Bank kollabiert, kann das eine Massenpanik auslösen und die Stabilität des ganzen Finanzsystems gefährden. Und wenn die Institute weniger Kredite vergeben, weil Verluste und Abschreibungen ihr Kapital aufzehren, müssen Unternehmen und Verbraucher ihre Ausgaben einschränken.

Die Geschichte lehrt, dass Bankenkrisen dramatische Folgen haben können. So hat der Zusammenbruch des Immobilienbooms in Japan in den neunziger Jahren den Finanzsektor so stark beschädigt, dass die Kreditversorgung der Wirtschaft praktisch nicht mehr funktionierte. Mehr als zehn Jahre wirtschaftliche Stagnation waren die Folge. Noch sprudeln die Kredite auf der Welt reichlich, doch Umfragen zeigen, dass die Institute auf beiden Seiten des Atlantiks schon heute zögerlicher Geld verleihen als vor Monaten. Wenn neue Milliardenabschreibungen notwendig werden, könnten die Banken schnell den Geldhahn ganz zudrehen. Die Verschlechterung der Stimmung hat dann auf einmal ganz reale Konsequenzen – zumal die Verbraucher den Konsum noch stärker einschränken werden, wenn ihr Aktienvermögen schmilzt. »Die Angst vor dem Absturz ist das größte Absturzrisiko«, sagt Deutsche-Bank-Ökonom Mayer.

Doch die Politik ist nicht machtlos. Sie kann zwar nichts daran ändern, dass die Bürger der USA mehr sparen und die Banken ihre Bilanzen in Ordnung bringen müssen. Doch sie kann die Genesung erleichtern – wenn sie frühzeitig und beherzt eingreift. Das gilt vor allem für die Zentralbanken. Niedrigere Zinsen erhöhen die Gewinnmargen der Finanzhäuser, stabilisieren die Aktienmärkte und verschaffen den überschuldeten Bürgern Luft. Studien zeigen, dass selbst die Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren deutlich milder verlaufen wäre, wenn die Behörden schnell gegengesteuert hätten.

In Kanada, Japan, Großbritannien und der Euro-Zone haben die Zentralbanken Milliarden in das Finanzsystem gepumpt, um jene Institute zu stützen, die sich am Geldmarkt nicht mehr mit Liquidität versorgen konnten. Ohne diese Eingriffe wäre wahrscheinlich längst eine große Bank kollabiert. Insbesondere die Amerikaner haben Lehren aus der Geschichte gezogen. Federal-Reserve-Chef Ben Bernanke hat sich eingehend mit der Weltwirtschaftskrise befasst. Das erklärt, warum er diese Woche so schnell reagiert hat und mit großer Wahrscheinlichkeit nachlegen wird. Die Regierung in Washington berät über ein riesiges Konjunkturprogramm. Sollte die Panik nicht abebben, muss auch die Europäische Zentralbank, die einen solchen Schritt bislang wegen der hohen Inflationsraten noch ausschließt, die Zinsen senken.

Wenn die Operation gelingt, kann die Welt noch einmal aufatmen. Und Finanzaufseher Sanio muss sich um seine Figur sorgen.

 
Leser-Kommentare
    • ali-ch
    • 23.01.2008 um 14:08 Uhr

     
    Mist. Und? Was machen wir nun?

  1. Die amerikanischen Großbanken schreiben jetzt ihre gesamten Subprime-Papiere ab, obwohl diese natürlich immer noch einen gewissen Wert repräsentieren.  So sind sie das Problem erst einmal los, und wenn eines Tages der Restwert etabliert ist, können sie ihn als Gewinn verbuchen.Europas Banken hingegen zögern immer noch, ihre wahren Gesamtverluste einzugestehen, und schreiben nur kleckerweise ab.  Das entspricht zwar normalem Bank-Usus, ist aber bei der gegenwärtigen Krise weniger zu empfehlen, weil es die Krise nur in die Länge zieht.Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

  2. Der Artikel birgt eine grosse Unlogik. Einerseits werden die Exesse der vergangenen Jahre beklagt, andererseits sollen Regierung und Notenbanken dafür sorgen, dass der Wahnsinn weiter geht., was denn nun? Gestern war ein historischer Tag. Die Fed verlor das in Jahrzehnten mühsam aufgebaute Vertrauen, denn sie gab offen zu, sich nicht mehr um Inflationsrisiken und Wahrungsverfall zu kümmern. Natürlich kann man Aktienkurse und Nominalgewinne von Unternehmen steigern, wenn man die Inflation anheizt. Genau das hat Bernanke versucht. Bei erhöhter Inflation vertreuern sich die meisten Waren, einschließlich Aktien, aber auch Lebensmittel und Strompreise. Die Kurse steigen weiter, weil eben alles teurer wird. Mit Wertschöpfung hat das nichts mehr zu tun. Es ist nur eine andere Form für  das Leben auf Pump fortzusetzen, doch diesmal zahlen die kleinen und mittleren Einkommen die Zeche, weil das Arbeitseinkommen ständig entwertet wird und sinkt. Inflation entsteht eben nicht durch überzogene Tarifforderungen, sondern durch eine verfehlte Strategie der Notenbanken und die Fed präsentiert gerade ein lehrbuchreifes Beispiel. Es wird noch für Jahre Standards setzen!  Bisher hält die EZB Kurs und emanzipiert sich von der Wall Street. Im Interesse einer langfristigen geseunden Entwicklung muss man manchmal auch eine Rezession in Kauf nehmen.  

    • ali-ch
    • 24.01.2008 um 10:02 Uhr
  3. [entfernt, bitte diskutieren Sie sachlich zum Thema und nutzen Sie die Kommentarfunktion nicht wieder als Pinnwand für Ihre privaten Anliegen/ Redaktion; svb] 

  4. @ Herz (Nr.3):   Die Situation liegt genau umgekehrt.  Die Fed hat ein doppeltes Mandat:  a) der Wirtschaft zu helfen, und b) Inflationskontrolle zu betreiben.  Die EZB hingegen achtet lediglich auf Inflationsgefahr, was in Erinnerung an die deutsche Inflation von 1923 nur allzu verständlich ist.  Sie vergleichen also Äpfel mit Birnen. 
    Bei niedrigem Dollar liegt die US-Inflationsrate noch unter der deutschen, und könnte sogar wegen der Rezession eher weiter fallen.  Die Fed kann sich also vorerst noch leisten, den Leitzins weiter zu senken.
    Die EZB hat genau das entgegengesetzte Problem:  der weiter ansteigende Euro erhöht die drohende Inflationsgefahr womöglich sogar noch.
    Nicht die Fed, sondern die EZB handelte somit falsch.  Falls es in Europa eine Rezession geben sollte, kann man sie nach Herr Trichet benennen.
     

  5. [auf eigenen Wunsch der Autorin entfernt/ Redaktion; svb]

  6. das haben jetzt bloß Andere!Und Banker und Broker haben auch keinen Schaden."It is well enough that people of the nation do not understand our banking and monetary system, for if they did, I believe there would be a revolution before tomorrow morning." – Henry Ford______________________________________
    Meine Nr.1 Politdokumentation 2007:
    John Pilger's "War on Democracy"
    http://youtube.com/result...

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