1. Tag

Das Erste, was auffällt, sind die Stimmen. Sie klingen anders hier. Höher. Kehliger. In der Kurzatmigkeit der Verzweiflung überschlagen sie sich, verlieren ihre männliche Tiefe und verfremden die Klage. »Samehni« , es sind immer nur dieselben Worte, sie klingen schrill, »samehni« . Der Speichel trieft in langen Fäden aus dem schluchzenden Mund, der Körper bäumt sich auf über dem Kopf des kleinen Bruders, der nicht mehr friert, obgleich eine beißende Kälte aus der Kühltruhe dringt, in der der 17-Jährige seit einer Stunde ungewaschen liegt. »Samehni« , »Vergib mir«, bricht es aus dem Mann hervor, mit dieser entstellten Stimme.

Eine halbe Stunde war nur vergangen. Eben noch hatten wir in der Stille des hochglanzpolierten, technologisierten Terminals des Grenzübergangs von Eretz gestanden. Dort hatten uns die israelischen Soldatinnen hinter dem Panzerglas über Mikrofon befragt. Mit dieser eigenwilligen Lässigkeit der gelangweilten Wehrdienstleistenden, die endlich jemanden zum Demütigen oder Flirten gefunden haben. Dort hatten die Stimmen diese ruhige Tiefe einer Autorität, die sich ihrer gewiss ist. Immer kontrolliert und etwas zu sinnlich für den Anlass. Eine halbe Stunde war nur vergangen, seit wir unser Gepäck Hunderte Meter durch Schleusen und Stahltore unter unsichtbaren Blicken der beweglichen Kameras getragen hatten.

Und jetzt hier, in der Leichenhalle des Al-Aksa-Hospitals des Flüchtlingslagers von al-Bureidsch: Draußen vor der Eisentür mit den Lamellen stehen die Angehörigen der Toten dieses Nachmittags und verlangen Einlass. Es scheppert, wenn sie mit ihren Fäusten gegen die rostige Tür schlagen, doch sie sind noch nicht dran, jede Familie wird einzeln vorgelassen. Für eine Minute dürfen sie sich dann zu den Leichen in die kühlen Schächte der Truhen beugen, niemand holt sie hervor, die Körper in den blutdurchwirkten Tüchern, nur den Kopf können sie liebkosen, so wie der Bruder von Ziad Ismael Abu Rokbah, der sie nicht hört, die anderen da draußen, die wissen wollen, ob es wirklich wahr ist, was sie befürchten, seit die israelische Armee ihr Lager angegriffen hat, auf der Suche nach Kämpfern, die Israel angegriffen haben.

Sie rufen alle durcheinander, manche tragen Kinder auf dem Arm, zur Notaufnahme, zum Röntgen, Kinder mit Schrapnell in Armen und Beinen, mit Schussverletzungen im Oberkörper. Sie schauen ungläubig auf ihre Wunden, als spürten sie keinen Schmerz, nur Verwirrung. Wer geschossen hat, können sie nicht sagen. »Israelische Soldaten«, antworten die Erwachsenen, die den Rollstuhl schieben. »Sie kommen fast jede Nacht und greifen uns an«, sagen die Angehörigen, die das schlaffe Kind im Arm halten. Ob das stimmt? Ob sie nicht selbst eine Waffe benutzt haben gegen die israelischen Soldaten? Ob sie andere verwundet haben, bevor sie selbst getroffen wurden?

Wir stehen inmitten der Hilflosigkeit und sind hilflos. Allein die Füße der verwundeten Kinder scheinen eindeutige Signale zu senden. Zuerst waren sie mir gar nicht aufgefallen. Aber nach dem dritten schuhlosen Kind drängt sich die Frage doch auf: Warum tragen sie nur Socken? Welcher Terrorist zieht auf Strümpfen in den Krieg?

»Samehni«, abends, im Hotel, unter zahllosen Wolldecken gegen die klamme Kälte des ungeheizten Zimmers, klingen die Worte noch nach: »Vergib mir« – was hatte er nur gemeint, Ziads älterer Bruder? Vergib mir, dass ich dich nicht beschützt habe, heute, als die israelischen Panzer in unsere Straße gekommen sind? Vergib mir, dass ich dich nicht zurückgehalten habe? Vergib mir, dass ich nicht an deiner Stelle gestorben bin? Vergib mir, dass ich in den Widerstand gegangen bin und damit die Vergeltung provoziert habe? Vergib mir, dass ich schuldig oder dass ich ohnmächtig war? Was hatte er nur gemeint?