Es ist kalt in dem Londoner Hotelzimmer, in dem Sean Penn sitzt. Er trägt Jeans und Bauarbeiterstiefel, eine graue Bomberjacke und einen Gesichtsausdruck, als sei gerade sein Lieblingshund überfahren worden. Dabei ist es einfach die Welt, die ihn ankotzt. Er ist schließlich Idealist.

Sean Penn gilt als Extremist, in seinen Schauspielrollen wie in seinen Regiearbeiten. Sein Spielfilm »Into the Wild« ist nun eine Feier des Außenseiters und eine Feier Amerikas. Penn erzählt darin von Chris McCandless, der mit dem College fertig ist, die Eltern sind stolz und zufrieden – da verschwindet er, verschwindet für zwei Jahre und wird erst gefunden, als es zu spät ist: Er hat den Traum gelebt, er ist ihm bis nach Alaska gefolgt und weiter, bis in den Tod. »Into the Wild« beruht auf einer wahren Geschichte, und als Sean Penn das Buch in die Hände bekam, mit dem Jon Krakauer in den neunziger Jahren einer ernüchterten Generation ihren Bestseller schenkte, las er es in einer Nacht durch und dann noch einmal, und dann kaufte er die Filmrechte, weil er wusste, dass er einen Freund gefunden hatte, wenn auch einen toten.

DIE ZEIT: Wir haben zwanzig Minuten, Mister Penn.

Sean Penn: Keine Ahnung, ich bin nicht der Cop.

Die blonde Pressefrau, die am Fenster sitzt und auf ihrem Laptop herumtippt, nickt zu uns herüber. Zwanzig Minuten. Sean Penn prüft noch einmal kurz, ob hinter seinem rechten Ohr wirklich noch die Zigarette klemmt. Sie klemmt.

ZEIT: Wären Sie gern mit Chris McCandless befreundet gewesen?

Penn: Ich war auf dem Set, wo wir den Bus aufgebaut hatten. Ein Bus wie der, in dem Chris verhungert ist. Wir waren im gottverlassenen Niemandsland. Zwischen den einzelnen Einstellungen bin ich immer wieder an den Rand des Sets gegangen, habe auf die Berge geschaut und nachgedacht oder einfach gepinkelt. Was man eben so macht da draußen in der Wildnis. Eines Tages sah ich eine Art Leuchten über der Ebene. Und als ich wieder zurück am Set war, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, dass da jemand neben mir stand. Ich war ziemlich genervt und sah mich nach jemandem um, der den Typ vom Set schmeißen konnte. Dann dachte ich: Moment mal, das Profil kennst du doch?! Aber der Typ war weg. Einfach weg. Na ja, ich würde sagen, Chris ist immer noch da. Er ist da draußen, irgendwo.

ZEIT: Sie wurden ein wenig paranoid, als Sie den Film drehten?

Penn: Das ist nicht paranoid. Ich wollte nur, dass er da ist. Ich wollte, dass sich unsere Wege kreuzen.

ZEIT: War es seltsam für Sie, dass die Filmfigur Chris heißt – wie Ihr Bruder, der 2006 gestorben ist?

Penn: Es war nicht seltsam. Es war einfach so. Punkt.

ZEIT: Über was hätten Sie mit Chris gesprochen, wenn Sie ihn getroffen hätten?

Penn: Über alles. Ich weiß nicht. Ich plane meine Unterhaltungen nicht im Voraus.

ZEIT: Chris war ein widersprüchlicher Charakter. Sehr offen und sympathisch – und dabei kaum gebunden. Fast scheint es, als habe er Menschen verletzt, weil er sich so leicht wieder von ihnen verabschiedet hat.

Penn: Wissen Sie, was ich glaube? Dass wir in eine Welt hineingeboren werden, in der sich niemand die Zeit nimmt, der zu werden, der er ist – und all diese Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen Menschen, die sich diese Zeit nehmen.

ZEIT: Am Ende des Films, als Chris verhungernd im Bus kauert, versteht er, dass das Glück, das er in der Wildnis gesucht hat, nur dann Glück ist, wenn man es mit jemandem teilen kann. Ein Zitat von Tolstoj.

Penn: Man muss etwas besitzen, bevor man es teilen kann. Erst am Ende war ihm das gelungen.

Chris McCandless wirkt wie ein idealistischer Doppelgänger von Sean Penn, ein verwandter Geist. Dieser Chris brach im Sommer 1990 auf, spendete die 25000 Dollar, die er für die Harvard Law School gespart hatte, der Wohlfahrtsorganisation Oxfam und machte sich ohne Geld auf seine Reise, die ihn von Atlanta weit in den Westen der USA führte, immer in den Westen, diesen amerikanischen Sehnsuchtsort, durch die öden Weiten von Texas und durch den magischen Grand Canyon, dann nach Norden, die Küste von Kalifornien hinauf, zu den Weizenfeldern von North Dakota bis nach Alaska, wo er mit einer Packung Reis, Gummistiefeln und ein paar russischen Romanen in den Schnee stapfte und ein Glück fand, das ihm zum Verhängnis wurde. Chris McCandless ist eine uramerikanische Figur, die in der Tradition steht der Naturmystik, wie sie schon Henry David Thoreau in »Walden« im 19. Jahrhundert beschrieben hat, und der pop-romantischen Verherrlichung des Drop-out, wie sie Jack Kerouac in »On the Road« betrieben hat. Bei Chris kam zum Ekel vor der Normalität noch ein moralischer Rigorismus, der Sean Penn besonders imponiert zu haben scheint. Sein eindrucksvoller Film ist Hagiografie und Zivilisationskritik in einem.

ZEIT: Ist es schwierig, mit Ihnen befreundet zu sein?

Penn: Ich habe gute Freunde, wenn Sie das meinen.

ZEIT: Was braucht denn Freundschaft?

Penn: Ich habe vor einer langen Zeit mal mit dem französischen Regisseur Louis Malle gedreht. Wir haben über das Drehbuch geredet, es ging um zwei Menschen, die sich verlieben. Louis, habe ich gesagt, wie soll sich diese Frau denn in diesen Mann verlieben? Mit Frauen, hat Louis gesagt, ist es doch ganz einfach: Entweder sie mögen dich, oder sie mögen dich nicht. In diesem Sinn bin ich eine Frau. Entweder ich mag jemanden. Oder nicht.

ZEIT: Chris musste seine Reise machen, um zu dieser Klarheit zu gelangen.

Penn: Es war ein Kreis, der sich schließen musste. Chris musste in die Wildnis, um herauszufinden, was sein Platz in dieser Gesellschaft sein könnte. Um dann zu helfen, die Gesellschaft besser zu machen.

ZEIT: Was hat Sie denn an dem Buch interessiert, als Sie es zuerst gelesen haben?

Penn: Lärm, Lärm, Lärm, Lärm. Freiheit.

Die Art, wie man sein Leben lebt, kann auch die Kunst in eine Bedingungslosigkeit treiben. Sean Penn führt das in all seinen Rollen vor. Selbst sein politisches Engagement ist hollywoodreif. Er besuchte 2002 den Irak, weil er nicht glaubte, dass es dort Massenvernichtungswaffen gab; er reiste 2005 als Journalist nach Iran, weil er über das Leben im Reich der Mullahs berichten wollte; er traf sich 2007 mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, um seinen Lieblingsfeind George W. Bush mal wieder zu ärgern. Und als er 2005 von CNN gefilmt wurde, wie er den Flutopfern des Hurrikans Katrina in New Orleans half, da konnte man tatsächlich denken, dass man einen Katastrophenfilm eingeschaltet hatte.

ZEIT: Muss es denn etwas Autobiografisches geben, damit Sie ein Filmstoff reizt?

Penn: Die Antwort ist natürlich: Ja. Aber man kann nie so direkt sagen, wie genau einen ein Filmstoff anspricht. Man muss es fühlen. Und wenn man etwas fühlt, dann heißt das, dass man es kennt. Als ich den rostigen alten Schulbus auf dem Cover des Buches das erste Mal sah, dachte ich, das kenne ich doch. Es war wie etwas, das Teil von mir ist.

ZEIT: Haben Sie im Originalbus gedreht?

Penn: Nein. Als ich das erste Mal bei dem Bus in Alaska war, da war mir klar, diesen Ort will ich nicht dadurch zerstören, dass die Crew überall herumtrampelt. Und Dokumentarfilme sind ja auch nicht wahrer als Spielfilme. Wenn man am Originalschauplatz dreht, vermittelt sich nicht unbedingt das, was man fühlt, wenn man dort ist. Man muss also versuchen, einen Ort zu finden, der visuell das ausdrückt, was der Originalschauplatz an Emotionen auslöst.

ZEIT: Das klingt so, als glaubten Sie nicht an Analyse?

Penn: Ich glaube nicht an Antworten. Es gibt keine verdammten Antworten auf die wichtigen Fragen.

ZEIT: Aber den Weg von Chris, seine Suche, sein Schicksal, wollten Sie erklären.

Penn: Nicht erklären.

ZEIT: Zeigen. Beschreiben.

Penn: Das Gefühl ausdrücken, das ich hatte bei dieser Geschichte. Gefühle sind keine Ideen. Gefühle sind Bilder.

ZEIT: Aber es ist eine Suche.

Penn: Natürlich, eine Suche. Eine Vision von Leben, die jeder Mensch kennt.

ZEIT: Wie Sie einmal gesagt haben: Die Frage ist nicht, ob man lernt, richtig zu leben. Sondern richtig zu sterben.

Penn: Der Tod gibt dem Leben seinen Sinn. Es sind die Religionen, die das umdrehen, all diese menschenvernichtenden Religionen. Alle. Das ist der Lärm, der mich so ankotzt. Ich vertraue darauf, dass die Menschen eine Religion haben. Als Individuen, nicht als Gruppe. Wie bitte, man muss zu einem Club gehören, um etwas glauben zu dürfen? Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann und worin sich die Wissenschaft und die Religion einig sind: Wir werden sterben. Wenn wir den Tod akzeptieren als die einzige wirkliche Veränderung in unserem Leben, dann haben wir auch die Möglichkeit, ein paar Antworten darauf zu finden, was wir mit unserem Leben anfangen sollen.

ZEIT: Bescheidener.

Penn: Das wäre meine Hoffnung.

ZEIT: Die Religiosität, die in Ihrem Film aufscheint, hat dabei etwas sehr Amerikanisches – der Gedanke nämlich, dass die Natur Amerikas wahre Religion ist.

Penn: Die Natur ist der beste Ort, eine Art von Bescheidenheit zu lernen. Dort wirst du vielleicht keine wahren Antworten finden. Aber du wirst sicher die falschen Antworten vergessen, mit denen du dich umgibst.

ZEIT: Ihre spirituelle Erfahrung ist Surfen.

Penn: Spirituell? Ich würde eher sagen, dass es ein Geheimnis ist. Und das gefällt mir.

ZEIT: Es gibt Leute, die Ihren Film patriotisch nennen.

Penn: Klingt gut, finde ich.

ZEIT: Weil es das wahre, das gute Amerika ist, der Einzelne, der Outcast, der nach Westen geht, um Freiheit zu finden oder wenigstens den Tod?

Penn: Ich würde das nicht so einfach in Worte packen. Meine Erfahrung mit Amerika ist anders. Amerika ist wie ein Gedicht, und jedes Mal, wenn ich durch das Land reise, gibt es ein paar neue Verse. Der Sinn liegt in den Dingen. Man muss nur genau hinsehen, genau hinhören.

Nach den Filmfestspielen von Cannes wird Sean Penn mit Gus van Sant und Terrence Malick drehen, zwei seiner Idole. Er wird weiter nach der Wahrheit forschen, und das wird ein paar Falten mehr in sein Gesicht graben. Als Kind war er fast krankhaft scheu und lebte in seinem eigenen Kosmos wie jemand, der sich nicht an die anderen verschwenden will, weil er ahnt, dass sie sein Geschenk nicht zu schätzen wissen. In dieser Hinsicht ist »Into the Wild« nun der persönlichste Film von Penn.

ZEIT: Sie haben gesagt, dass Sie nun endlich wissen, was der tiefere Grund dafür ist, dass Sie Filme machen.

Penn: Das ist eine sehr private Sache. Ich kann nur sagen, dass ich vor zehn Jahren vielleicht die Hoffnung hatte, dass Filme die Welt verändern können. Filme sind aber keine Medizin. Wir haben sehr viele Filme gemacht, aber die Dinge laufen nicht viel besser. Vielleicht hatten wir aber einfach nicht den richtigen Film zur richtigen Zeit.

ZEIT: Warum ist es so schwierig, gut zu sein?

Penn: Das ist die falsche Frage. Die Frage ist nicht, warum so wenige Menschen gut sind, sondern warum so viele schlecht sind.

Das Gespräch führte Georg Diez