»Ganz ähnlich sieht es gertrude stein. also kopfhals ins ungesicherte hinein«. Wenn Ulf Stolterfoht eine Auskunft über sein Schreiben gibt, dann diese. Und in seinem neuen Buch feiert er denn auch hemmungslos, ganz wie in alten Hymnen, die Engelstrompete und das Binsenkraut, Stechapfel, Fliegenpilz und Winden: In diesen wunderbar pflanzlichen Erscheinungsformen der Natur spürt er schwindelerregende Substanzen auf, psychedelisch stimulierende Stoffe, die das Bewusstsein auf ganz neuartig lyrische Weise erweitern. Selbst der Krokus hat es in sich: »notburga deutet den krokus als himmlischen kuß. genossen in maßen verschafft er dir apostolische phasen«.

Stolterfoht kommt es nicht unbedingt auf den Reim an. Aber er nimmt ihn gerne mal mit, eher im Vorübergehen. Er hat sich sein eigenes Metrum erschaffen, konsequent seit seiner ersten Veröffentlichung sieht es so aus: der Hexa-, Penta- und Stolterfoht-Meter, ein langer, in wilden, unberechenbaren Rhythmen voranschreitender Sechszeiler, der eine ungeahnte Sogwirkung entfalten kann. Jede Zeile meist mit einem Break in der Mitte, markiert durch einen Punkt. »Break« muss man hier tatsächlich sagen, denn dieser Begriff stammt aus der Musikersprache, in die der 1963 geborene Stolterfoht hineingewachsen ist: die Sprache des Jazz, der freien Improvisation, der ihre engeren Grenzen sprengenden Rock- und Popmusik natürlich auch. Das Schriftbild von Stolterfohts Texten ist durch jene Sechszeiler geprägt. Wenn man ihn nach der Idee fragt, die dieser Form zugrunde liegt, lächelt er milde. »Das ist eher Zufall«, sagt er. »Irgendwie musste ich den Text ja gliedern.«

In einer kurzen Nachbemerkung zu seinem letzten Band dankt er »den gaststätten rund um die piazza bologna« in Rom. Im Gespräch hebt er besonders die Casina Fiorita hervor: Umtost vom vierspurigen Verkehr von allen Seiten, bildet sie eine kleine unscheinbare Insel. Die Hölle dieses Lärms wird durch unvermutete Schwankungen erzeugt – plötzlich einsetzende Hup-Böen stören das Gleichmaß. »Das ist für das Schreiben am besten«, sagt der Dichter. Wenn der äußere Widerstand groß genug ist, steigt auch die Chance, sich auf einen Punkt zu konzentrieren.

Durch das Jahresstipendium der römischen Villa Massimo hat sich Stolterfoht seinen schwäbischen Ursprüngen so angenähert wie nirgendwo sonst. holzrauch über heslach heißt sein Band, er wurde jetzt mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Heslach ist ein Teil von Stuttgart, der sich dem bürgerlich-soignierten Ambiente dieser Stadt schon immer so weit wie möglich entzogen hat: eine Arbeitersiedlung, die regelmäßig von den Geruchsschwaden der Stuttgarter Hofbräu heimgesucht wird, intensiv nachschwelenden Zerfallsprodukten von Hopfen und Malz. Wenn man Ulf Stolterfoht zuhört, ist diese Herkunft unverkennbar. Eine ruhige, nahezu unantastbar scheinende Standhaftigkeit geht von ihm aus, geprägt von einer weichen, dunkel getönten Stimme. Doch die äußere Erscheinung lässt nicht unbedingt auf die Texte schließen, die dieser Mann schreibt.

In holzrauch über heslach tauchen immer wieder Fragmente aus früheren Epochen auf, über das achtzehnte Jahrhundert bis ins Mittelalter, autobiografischen Zuordnungen konsequent entrückt. Und dennoch schmuggelt sich dann und wann ein charakteristisches Zeitgefühl hinein, wie unversehens. Anfang der achtziger Jahre ist Stolterfoht, wie er erzählt, zum ersten Mal zum New-Jazz-Festival nach Moers gefahren. Im Text findet sich eine Erklärung: für »weiße schulverweigerer« gab es »nur lyrik und improvisierte musik, um dem ghetto zu entkommen«. Die Texte, die der junge Stolterfoht schrieb, müssen so einem Geist entsprochen haben. Als er sie den Freunden zeigte, sagten die zwar etwas von einem gewissen Sound, gaben ansonsten aber an, überhaupt nichts zu verstehen. Stolterfoht, der sich einem radikalen Antisubjektivitätsprogramm verschrieben hatte, eine ästhetische Notwendigkeit angesichts des damaligen Bekenntniskults, beschloss, dies offensiv zu wenden.

Er hatte sich für seine Texte in verschiedene Fachsprachen eingearbeitet, in Psychiatrie oder Geologie etwa, er versenkte sich in Schriften wie Der kleine Radiotechniker oder Anweisungen zur Schweinezucht aus volkseigenen Betrieben der DDR. Also deklarierte er seine Lyrik ebenfalls als Fachsprache. Seine ersten Gedichtbände tragen alle den Titel fachsprachen – 27 Abschnitte, unterteilt in drei Bücher. Durchdrungen von Sprachtheorie, thematisiert sich die Sprache immer wieder selbst, einmal gibt sich der Text den Imperativ: »arbeit am wortschatz. liebevolles eindringen in den sprachleib«.

holzrauch über heslach überrascht daher durch den unverkennbar autobiografischen Stoff. Stolterfoht will zwar keineswegs von seinen Prämissen abrücken, die Virtuosität seiner Stolterfoht-Meter übertrifft die der fachsprachen eher noch. Aber er ist selbst verblüfft über die Eigendynamik, die das Heslacher Thema entwickelte. In die komplexen Satzstrukturen, in den assoziativen Rhythmus aus Wörtern und Motiven schieben sich konkrete Erinnerungen: »reste von biographie: da find man dich nie« verkündet er gleich anfangs programmatisch. Das Geschehen rings um den Ochsenplatz verdichtet sich allerdings immer wieder. Da gibt es etwa den Gegensatz zu den unerreichbaren Vaihingern oben auf dem Berg: Diesseits wirbt »radiosattler« noch selbstbewusst mit dem Spruch »alles außer soul«, den »zentralen dogmata geschuldet: weiß, schwäbisch, pietistisch, hetero«. Jenseits jedoch, nicht zuletzt wegen der amerikanischen Kasernen, »standen illinois-massai, gurkha-regimenter«.