Kuba : Insel der blinden Passagiere

Die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez berichtet aus einem verschlossenen Land, das sich widerwillig öffnet

Teo kennt diese Gespräche. Stumm faltet der elfjährige Schüler winzige Papierschiffchen. Schiebt sie auf den Tisch, als könne die Redeflut der Erwachsenen die Bötchen flottmachen. »Ja, die Schiffe…«, sagt die Mutter, und ihr Blick wandert von der Balkonbrüstung im 14. Stock über die Stadt. Dorthin, wo die vollkommene Leere blauen Wassers Havannas Uferstraße Malecón einschließt. »Die Schiffe sind unsere Obsession«, nickt Yoani Sánchez, die Augen wieder auf ihren Sohn gerichtet.

Es gibt sie nicht, die Schiffe, für die allermeisten der elf Millionen Kubaner. Es gibt sie nicht einmal für die Fischer. Florida, das mit unvergleichlichen Lebensbedingungen, zwei Millionen Exilkubanern und den von der CIA finanzierten Propagandasendern lockt, liegt nur 90 Meilen, 145 Kilometer, nördlich des Wassers. Gäbe es die Schiffe, wäre das altkommunistische Eiland schon bald von seiner gebildeten und talentierten jungen Generation entvölkert.

Offiziell wird darüber kein Wort gesagt, gedruckt, gesendet. Doch Yoani, die 1975 geborene, studierte Philologin, hält sich nicht an die Schweigepflicht. Sie hat unlängst einen schmerzlichen Befund über die Obsession verbreitet. Er erinnert an ein berühmtes Gedicht, das noch Anfang der sechziger Jahre – nach dem Sturz des Diktators Batista und dem Triumph Fidel Castros – die demokratische Öffnung des Landes mit dem weiten Azur des Meeres verglich. Daran anknüpfend, schreibt Yoani:

»Mir wird immer klarer, dass die blaue Weite, von der wir umgeben sind, uns von Tag zu Tag weniger gehört. Wie ist es anders zu erklären, dass wir sie nicht befahren und die Früchte des Meeres nicht genießen dürfen. Paragrafen zwingen uns, dem Besten, das wir haben, den Rücken zu kehren. Ein Volk, vom Meer umschlungen, das nicht einmal mehr die Seekrankheit kennt!… So müssen wir also selbst das Meer auf die täglich länger werdende Liste der Mangelwaren setzen… Die See, die, wie Jorge Luis Borges schrieb, schon war und blieb längst vor den Menschen, Ideologien, Gesetzen.«

Eine oppositionelle Flaschenpost? Ein kubanischer Samisdat, der in den kleinen, zersplitterten Grüppchen der Dissidenten weitergereicht wird? Nichts da. Alle Welt und dazu die rund 200.000 Kubaner, die zum Internet Zugang haben dürfen, können die bittersüßen Worte über die Mangelware Meer lesen unter: www.desdecuba.com/generaciony . Yoani Sánchez ist die originellste Stimme aus der winzigen Blogger-Schar, die sich neuerdings von Kuba meldet, wo Privatpersonen der Besitz von Computern untersagt ist.

Unter dem Rubrum »Generación Y« stellt die heutige Web-Designerin ihr »Logbuch« (spanisch: bitácora) mit Alltagsnotizen seit dem vergangenen April ins weltweite Netz. Mehr als 70 Kommentare hat sie bisher durchbekommen. »Meine Chronik«, sagt sie, »kennt keinen Groll, keinen Hass, keine Kompromisse mit der Partei, keinen Optimismus – nur die Vorgabe, frisch und frei zu schreiben.«

Nur wären selbst das kaum mildernde Umstände gewesen, solange Fidel Castro und seine Revolutionsgarden noch die Macht voll ausübten. Aber seine Zeit ist abgelaufen. Zwar hat sich der Comandante en Jefe bei den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag noch einmal als Abgeordneter wiederwählen lassen. Doch er ist seit dem Sommer 2006 ans Krankenlager gefesselt und wird kaum wieder in die Ämter zurückkehren, die er vor den Notoperationen seinem jüngeren Bruder übertragen hatte. Seither versucht Rául Castro, das Land nicht nur wirtschaftlich zu öffnen – wenn auch mit aller Vorsicht, die ihm angesichts der exilkubanischen Übernahme-Träume in Miami geboten sein müssen. Um die Bevölkerung zu versöhnen, die sich in ihrer materiellen Not längst verbittert von den ein halbes Jahrhundert alten Siegesparolen abgewendet hat, ruft Rául die Bürger auf, über die Richtung der künftigen Entwicklung zu diskutieren. Der Parteijugend redet er zu, unterschiedliche Meinungen zu wagen. Das Denken der anderen soll nicht mehr gänzlich tabu sein. Und plötzlich, in diesem Dezember, erschien sogar Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck auf Havannas Leinwand – beim traditionellen Festival des neuen lateinamerikanischen Films.

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