RomanEin Schlag ins Gesicht der Welt

Der jüdische Autor David Albahari war der Popstar der serbischen Literatur. Im Exil hat er nun sein bedeutendstes Werk verfasst: Einen geheimnisvollen Roman über den Antisemitismus auf dem Balkan

Der Krieg holt ihn immer wieder ein, wohin er auch flüchtet und was er auch schreibt. David Albahari, 1948 geboren, war schon ein bekannter Autor, als Jugoslawien zerfiel und er vor der existenziellen Notwendigkeit stand, sich selbst neu zu entwerfen. Aus dem provokanten Jüngling, dem ungebärdigen Popstar der serbischen Literatur wurde ein grüblerischer Erzähler, der obsessiv immer wieder in die Abgründe hinabtaucht, die sich auf dem Balkan aufgetan haben. Gerade als die jüdischen Gemeinden Jugoslawiens in Bedrängnis gerieten, wurde er zu deren Vorsitzendem gewählt. Die Juden des Balkans hatten sich stets als Mittler und Boten zwischen den verschiedenen Nationalitäten verstanden; wenn diese aber aufeinander einschlagen, ist der Bote nicht mehr gefragt, er hat das Feld, das zum Schlachtfeld wird, zu räumen. In den frühen neunziger Jahren organisierte Albahari den Exodus der Juden aus Sarajevo, und danach emigrierte er selbst. Was er seither im kanadischen Calgary schreibt, hat wenig mit dem zufälligen Ort des Exils, viel hingegen mit jener Welt zu tun, aus der er kam, mit dem Hass, dem Krieg, mit der Blutspur, die auf dem Balkan einst wechselnde Okkupanten und schließlich die Todesschwadronen der eigenen Nationalisten gezogen haben.

So entstanden in den vergangenen Jahren etliche Bücher, Tagelanger Schneefall etwa, Götz und Meyer oder Mutterland, in denen der Autor gerade deswegen zu universellen Fragen durchzustoßen weiß, weil er nicht schon von vorneherein beim Allgemeinen, Globalen ansetzt, sondern literarisch präzise eine ganz spezifische Situation, eine besondere Region erkundet. Bei Albahari geht es stets wunderbar altmodisch um Gut und Böse, Treue und Verrat und zugleich raffiniert postmodern um das Spiel mit täuschenden Perspektiven, mit Lügen, die sich als wahr, und Wahrheiten, die sich als Trug erweisen.

Ein am Rand des Wahnsinns delirierender unerhörter Monolog

Der Roman Die Ohrfeige, jetzt von Mirjana und Klaus Wittmann mit sprachschöpferischer Intensität ins Deutsche übertragen, ist sein Meisterwerk, ein grandioser, am Rande des Wahnsinns delirierender Monolog, der den Ich-Erzähler in rätselhafte Geschehnisse verwickelt, über die er bis zuletzt keine Klarheit gewinnen kann – und der die Leser mitreißt in einen Strudel von Verschwörungen und Gegenverschwörungen, aus dem kein Entrinnen ist. »Ja, es ist schon schlimm, dass die Bücher ein Ende haben, während das Leben weitergeht«, heißt es nach 300 Seiten, aus deren Lektüre man nicht so leicht heraus- und in den Alltag zurückfindet. Beklemmung und Verwirrung, in die man mit diesem Buch gerät, das immer noch eine Ebene einzieht, kaum dass man sich auf der vorangegangenen zurechtgefunden zu haben glaubt, haben damit zu tun, dass der Roman, so kunstvoll er komponiert ist, nichts anderes bieten möchte als ein »Abbild des Lebens, das immer chaotisch ist«. Albahari lässt keinen Zweifel daran, dass es ihm bei seinem artifiziellen Spiel nicht um die Tricks der Literatur, sondern um die Geheimnisse des Lebens, um die Geschichte der Lebenden und der Toten geht.

Ein serbischer Journalist und Schriftsteller, ein wenig müde geworden in seinen mittleren Jahren, abgestumpft von so viel politischer Dummheit ringsum, den kleinen Genüssen des Spazierengehens, Kiffens und Weinbrandtrinkens ergeben, wird am 8. März 1998 Zeuge eines Vorfalls, der ihn völlig aus der Bahn wirft. »Heute, sechs Jahre danach, weiß ich, dass alles sich anders hätte abspielen können«, aber damals geriet er in den Sog rätselhafter, sich überstürzender Ereignisse. Als der Spaziergänger gerade in den mitgebrachten Apfel beißen will, fällt sein Blick auf ein junges Paar, das am Donaukai von Belgrad steht. Unerwartet gibt der Mann der Frau eine Ohrfeige, sodass sie taumelt und mit dem rechten Fuß ins Wasser tritt. Dann verschwindet der Gewalttäter, das Mädchen steht eine Weile alleine, geht schließlich ihrer Wege. Gebannt folgt ihr der Erzähler, »ich wusste nicht, warum ich das tat«, bis sie zu laufen beginnt und er sie im alten jüdischen Viertel Zemun aus den Augen verliert. Anderntags sucht er den Schauplatz wieder auf, dort, wo die Ohrfeige erteilt wurde, findet er auf dem Boden einen großen Knopf und unter diesem einen mit Filzstift gezeichneten Kreis, darin ein Dreieck. Der namenlose Erzähler ist überzeugt, dass es sich um ein Zeichen handelt – aber ein Zeichen wofür?

Jede Antwort bringt neue Fragen, jede Erkenntnis neue Verwirrung

Wie er dieses Rätsel in den nächsten neun Wochen lösen möchte und dabei den Boden unter den Füßen verliert, dies macht den Inhalt des Romans aus; es sind neun Wochen voller Gefahren, sich zuspitzender Konflikte, düsterer Mutmaßungen, die durch die Realität dementiert oder noch überboten werden, voll beglückender und erschreckender Erfahrungen. Indem der antriebslose Journalist, von der Ohrfeige aufgeschreckt, dem Mädchen nachspürt und die Zeichen, die er entdeckt, zu deuten versucht, wird aus dem passiven Flaneur und Beobachter des Lebens ein Beteiligter. Er tritt aus der Lebensform, in die er sich zurückgezogen hat, heraus – und verstrickt sich, doch Leben heißt gerade auch dies: Verstrickung.

Die Handlung ist so aberwitzig verschlungen, dass sie sinnvoll kaum zusammenzufassen ist. Marko, sein bester Freund, lacht über den Erzähler, der paranoid überall Zusammenhänge entdecken möchte, der befreundete Mathematiker Dragan hingegen verweigert ihm unwirsch das Gespräch über die Symbolik von Kreis und Dreieck.

Am Ende des Romans liegt der Verdacht nahe, dass ausgerechnet der beste Freund ein Finsterling, vielleicht sogar ein Mörder oder der Wiedergänger eines Mörders ist, während der abweisende Mathematiker zu jenen Verschwörern zu gehören scheint, die den fiebrig gehetzten, von Zweifel zu Zweifel tastenden Helden bewusst erkoren, damit durch ihn jene Selbstreinigung mit eschatologischen Zügen ins Werk gesetzt werde, deren Serbien bedarf. Über eine Kleinanzeige in der Zeitung, die er beantwortet – »Eine Ohrfeige verändert manchmal den ganzen Kosmos. Chiffre: Handfläche« –, gelangt er in den Besitz eines Manuskriptes, das die verschlüsselte Geschichte Zemuns enthält, und zur Einsicht, dass er Teil eines Spiels geworden ist, das andere ersonnen haben. Schon die Ohrfeige war Teil der Inszenierung, seine Aufmerksamkeit sollte geweckt werden. Aber warum?

Der Erzähler lebt davon, dass er eine wöchentliche Kolumne in der Belgrader Zeitschrift Minut mit den Beobachtungen eines Flaneurs bestreitet. Seine Kolumnen verändern sich, wie er selbst sich verändert, je tiefer er in die Geschichte Zemuns vorstößt, je mehr er, der kein Jude ist, sich mit der jüdischen Geschichte und Gegenwart Serbiens auseinandersetzt. Von drei alten, ewig miteinander disputierenden Juden, die er mit seinem Manuskript aufsucht, wird er in die Geheimnisse der Kabbala eingeführt, und auch dem geohrfeigten Mädchen, zu dem er in heftiger Liebe entflammt, begegnet er bei ihnen. Ein abgekartetes Spiel? Jede Antwort bringt neue Fragen, jede Erkenntnis führt zu neuer Verwirrung auf höherer Stufe, weil »das Unwissen des Unwissenden das Wissen des Wissenden übertrifft und der Wissende nie so viel weiß, wie der Unwissende nicht weiß«.

In seiner Kolumne schreibt der Journalist jetzt »in düsteren Sätzen über unser Unvermögen, das Entsetzliche der Geschichte, in der wir leben, zu begreifen«, er beklagt die »Ohnmacht, die uns erfasst, weil wir keinen Ausweg aus unserer Misere finden«; und er rollt zweihundert Jahre der Geschichte von Zemun auf, zweihundert Jahre, in denen den Juden keineswegs die viel gerühmte Toleranz blühte, weder in der österreichischen Monarchie der vielen Völker noch in der sozialistischen Republik der jugoslawischen Nationen. Sicher vor antisemitischer Propaganda und frei von dem Druck, sich um jeden Preis anzupassen und als die größeren Patrioten zu beweisen, hatten die Juden von Zemun vielmehr nur unter dem Joch der Osmanen gelebt…

Seine Kolumnen tragen dem Journalisten Schmähanrufe ein, Ohrfeigen, die ihm nächtens auf der Straße erteilt werden, die Aufforderung, sich mit dem Judenpack außer Landes zu scheren – der Antisemitismus kehrt während der jugoslawischen Zerfallskriege auf den Balkan zurück, erobert sich die Straßen von Belgrad (und, muss man hinzufügen, die von Zagreb ohnedies). Doch der Weg, der den Erzähler in die Tiefe der Geschichte und durch die Untiefen der Niedertracht führt, ist Teil der Erlösung, wie er selbst womöglich als deren Werkzeug fungiert.

Die Erlösung wird freilich nicht erreicht, so wenig, wie K. in Kafkas Roman jemals das Schloss betritt; die Paradoxa werden nicht aufgelöst, der Erzähler weiß am Ende unendlich viel mehr als vorher, und doch hat er von der Wahrheit noch nicht einmal gekostet. David Albahari hält seinen Roman bis zuletzt in der Schwebe von Politik und Kabbala, Aufklärung und planmäßiger Verwirrung, von Erkenntnis und Rätsel.

 
Leserkommentare
  1. Ich habe den Roman schon vor einiger Zeit im Original gelesen, mit zwiespältigen Gefühlen. Die Handlung ist total mystisch, sehr konstruiert, nicht besonders realistisch. So etwas hat natürlich auch seine Berechtigung, nur erwartet man das nicht unbedingt, wenn man ein Buch von Albahari in die Hand nimmt.Was mich sehr ärgert, ist, daß der Rezensent so viel von der Handlung, von entscheidenden Wendungen, die zum Teil erst gegen Ende des Buches eintreten, verrät. Es handelt sich hier um eines der Bücher, die die Überraschung, ja den Schock des Lesers brauchen.  Kennen Sie die International Movie Database ? Da wird man vor dem Lesern solcher Mitteilungen gewarnt: "Warning ! contains spoilers !". Sollte auch über Ihrem Artikel stehen, Herr Gauß.

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  • Quelle DIE ZEIT, 24.01.2008 Nr. 05
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  • Schlagworte Roman | Geschichte | Rätsel | Jugoslawien | Serbien | Balkan
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