Nokia Funkstille in Helsinki

Betriebsräte fordern, Politiker schimpfen, Nokia schweigt. Während die Ära der heimischen Handyproduktion endet, erreicht der Streit um die künftige europäische Standortpolitik eine neue Dimension

Sie schwenkten rote Fahnen. Zu Tausenden trafen sie sich am Dienstag vor der Fabrik in Bochum, um ein Zeichen zu setzen, dass man noch im fernen Helsinki sehen sollte: Deutsche Nokianer kapitulieren nicht. Sie kämpfen gegen die Entscheidung, das Werk zu schließen und die Produktion von Mobiltelefonen ins rumänische Cluj zu verlagern. Berliner Spitzenpolitiker wie Verbraucherminister Horst Seehofer und SPD-Fraktionschef Peter Struck sekundierten und forderten mehr oder weniger direkt zum Nokia-Boykott auf. Würden die Verbraucher freilich alle Handys aussondern, die nicht mehr hierzulande zusammengeschraubt werden – Deutschland wäre ein mobilfunkfreies Terrain. Denn mit dem Nokia-Werk in Bochum schließt die letzte Produktionsstätte für Mobiltelefone im Land.

Die 2300 Beschäftigten stehen vor dem Nichts. »Die Schließungspläne sind eine Kampfansage an die gesamte IG Metall«, schimpfte Gewerkschaftschef Berthold Huber. Am Montag berichteten Betriebsrätin Gisela Achenbach und Gewerkschafterin Ulrike Kleinebrahm von den ersten Verhandlungen mit dem Vorstand in Helsinki – sie blieben ergebnislos. »Unser Ziel ist klar«, sagt Kleinebrahm entschlossen: »Erhalt des Standortes und der Arbeitsplätze.« Nokia will sich nicht äußern. Die Finnen geben sich jedoch ebenso fest entschlossen, ihren Plan durchzuziehen. Auch wenn die Bochumer noch so viele rote Fahnen schwenken und Politiker »Karawanenkapitalismus« anprangern und »Sauerei« schimpfen.

»Das ist eine typische und nachvollziehbare Reaktion, wenn irgendwo in Europa Arbeitsplätze abgebaut werden. Aber sie wird die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas nicht verbessern – im Gegenteil«, sagt der ehemalige finnische Regierungschef Esko Aho. Als Mitglied der liberal-bäuerlichen Zentrumspartei führte er Finnland 1995 in die Europäische Union – und erlebte Niedergang, Verwandlung und Wiederaufstieg von Nokia aus der Nähe. Aho weiß, wie die Konzernlenker ticken.

»Anfang der Neunziger stand Nokia kurz vor der Pleite«, sagt der Expolitiker, der heute den finnischen Innovationsfonds Sitra leitet. »Dann aber entschied das Management, sich nur noch auf Mobilfunk zu konzentrieren.« Zuvor war Nokia ein eher schlampig geführter Gemischtwarenladen; die Palette reichte von Fernsehern bis zu Fahrradreifen. Alle Randbereiche wurden verkauft, das Handygeschäft ausgebaut, und heute ist Nokia mit rund 65.000 Beschäftigten und einem Marktanteil von etwa 40 Prozent weltweit die Nummer eins in seiner Branche.

Aho sagt, dass die Europäer von Nokia einiges lernen könnten. Bei Standortentscheidungen beispielsweise dürfe man weder zimperlich sein noch seiner Vergangenheit hinterhertrauern.

Mehr als die Hälfte der Nokia-Aktien gehört amerikanischen Anlegern

Wer trotzdem zurückblickt in die jüngere Vergangenheit von Nokia, kann dort eine Reihe interessanter Dinge entdecken.

Erstens: Nokia hat stets ein weltweites Standortmonopoly gespielt – außerhalb Finnlands. Gemessen an der Größe der Fabriken, ist heute China der bedeutendste Standort, im Jahr 2000 war es noch Finnland. Gleichwohl ist die Zahl der Arbeitsplätze in der Heimat der Handybauer relativ konstant geblieben. Mit stets mehr als 20.000 Beschäftigten war sie sogar vergleichsweise hoch, obwohl auch Finnland nicht gerade als klassisches Niedriglohnland gilt.

Zweitens: Nokia ist eigentlich kein finnisches Unternehmen mehr. Zwar ist der Konzern ein Schwergewicht im Aktienindex OMX Helsinki – dem finnischen Gegenstück zum deutschen Dax. Dennoch liegen bloß neun Prozent der Aktien in finnischer Hand. Mehr als die Hälfte von Nokia gehört amerikanischen Investoren; deutsche Anleger sind ähnlich stark vertreten wie die Finnen. Anhand der seltenen Pflichtmitteilungen lässt sich ermitteln, dass allein die Deutsche Bank um die fünf Prozent an Nokia besitzen dürfte, ebenso wie eine US-Fondsgesellschaft. Die Namen weiterer Großaktionäre verrät Nokia nicht, da sei man »vergleichsweise reserviert«.

Drittens: In der Kommunikationsindustrie zu arbeiten bedeutet auch sonst nicht, mitteilsam zu sein. Im Fall Bochums sind viele Fragen noch immer unbeantwortet. Als Vorstandsmitglied Veli Sundbäck den Beschäftigten in der vergangenen Woche die schlechte Nachricht überbrachte, sagte er nur, dass die Arbeitskosten in Bochum »klar unter fünf Prozent« aller Kosten lägen, was zwar niedrig, im Vergleich mit Cluj aber hoch sei. Außerdem seien die Bedingungen für die Zulieferer zu schlecht. Wie sich der Standortwechsel rechnen soll, zumal in Deutschland eine Fabrik abgebaut und eine andere in Rumänien gerade neu errichtet wird, erklärte er nicht.

Der Konzern berichtet stattdessen, dass der durchschnittliche Verkaufspreis pro Mobiltelefon in den vergangenen sieben Jahren von 170 auf 82 Euro gefallen sei. Daher müsse man sparen. Die Gewinne aus dem Handygeschäft hat das bislang aber noch nicht belastet, sie sind im dritten Quartal 2007 mehr als 20-mal so stark gestiegen wie die Umsätze. Wenn an diesem Donnerstag (nach Redaktionsschluss der ZEIT) in Helsinki offiziell der Geschäftsbericht des vergangenen Jahres vorgestellt wird, werde man sich zum Thema Bochum jedenfalls nicht äußern.

Auch die Debatte um den Sinn von Subventionen bleibt anderen überlassen. Nokia soll 88 Millionen Euro erhalten haben, um Jobs in Bochum zu schaffen. Seit Freitag lässt nun das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium prüfen, ob knapp die Hälfte davon zurückgefordert werden kann, weil sich Nokia nicht an Absprachen gehalten habe. Der Konzern weist den Vorwurf zurück – aber der Streit hat längst die Landesgrenzen überschritten.

EU-Industriekommissar Günter Verheugen fordert angesichts der Diskussion ein grundsätzliches Ende von Subventionen. Die Christliche Gewerkschaft Metall schlägt alternativ staatliche Kapitalbeteiligungen bei subventionierten Unternehmen vor, um nationale Interessen zu sichern.

Der finnische Expremier Aho aber sagt, dass Europa endlich die Spielregeln der Globalisierung kapieren solle: »Wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit geht, werden Subventionen für die Industrie künftig keine große Rolle mehr spielen.« Europas Wohlstand gründe vor allem darauf, dass der Kontinent in der Vergangenheit den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft gemeistert habe. Nun geschehe etwas Vergleichbares, sagt Aho: »Europa verwandelt sich von einer Industrie- in eine Wissensgesellschaft. Die Betriebsmittel wandern von einem Ort zum anderen. Unser Ziel muss sein, diesen Prozess so sanft wie möglich zu begleiten – ohne ihn zu stoppen.«

Der Konzern hat einen Ehrenkodex in 32 Sprachen. Aber was heißt das?

Der Bundesagentur für Außenwirtschaft zufolge wuchs die finnische Wirtschaft im vergangenen Jahr um »mindestens vier Prozent«. Man habe durch Investitionen in Forschung, Entwicklung und Informationstechnik zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen, sagt Aho. »Gemeinsam mit Schweden und Israel geben wir, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, weltweit das meiste Geld für diesen Zweck aus.«

Den Beschäftigten des Bochumer Nokia-Werkes wird diese Einschätzung nichts nützen. Selbst wenn ihr Betriebsrat Abfindungen, einen Sozialplan und vielleicht sogar eine Beschäftigungsgesellschaft aushandelt, bleibt für viele nur wenig Hoffnung. Als vor gut einem Jahr BenQ sein Handywerk in Kamp-Linfort schloss, traf es 3500 Beschäftigte – heute sucht noch mehr als ein Drittel von ihnen neue Arbeit.

Die Nokianer werden sich angesichts dieser Aussichten fragen, was genau mit dem »Verhaltenskodex« gemeint ist, den der Konzern in 32 Sprachen übersetzt hat. Darin steht: »Es geht Nokia nicht vorrangig um die Einhaltung rechtlicher Mindestanforderungen, sondern darum, als Marktführer auch in der Ausübung unternehmerischer Verantwortung weltweit zu den Besten zu gehören.« Eine Antwort werden sie wohl nicht von ihrem Arbeitgeber erhalten.

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Leser-Kommentare
    • kapa
    • 24.01.2008 um 20:28 Uhr

    Diese Sauerei von den Aktiengesellschaften hat hoffenlich hiermit ein Ende das eben nicht an erster Stelle der Profit steht und so alle Macht den Vorstand der Gesellschaften in den Händen gespielt wurde weil sie doch die Arbeitgeber sind.Wenn man bedenkt wieviel ein Arbeiter noch in den 80jähtiger verdient hat und was er jetzt bekommt sollte doch endlich ein Ruck durch alle Deutsche Arbeitnehmer gehen und diese Scheinheiligkeit wenn ihr nicht nach unserer Pleife tanz wir in ein anderes Land ziehen. ein Ende setzten. Ich finde ein Zeichen kann jeder setztenimdem er auf den Arbeitsplatz wieder Anfängt die Menschlichkeit zu zeigten ohne Angst zu haben dadurch den Arbeitsplatz zu verlieren.

  1. In Anbetracht der Tatsache, dass die Unternehmen, die reichlich Gewinne machen, wie z.B.Nokia, Allianz etc., tausende von Arbeitsplätzen ohne Sinn und Verstand vernichten, fällt es einem schwer, noch eine gewisse Objektivität zu wahren. In einem heutigen Beitrag auf WDR 5, Wirtschaftsmagazin, hörte ich auf dem Weg nach Hause im Autoradio einen Beitrag eines Unternehmensberaters, der auf die Risiken am Standort in Rumänien hinwies. Fehlende Infrastruktur, keine qualifizierten Mitarbeiter etc. Bekannt ist, dass viele Unternehmen, deutsche und nicht nur die, die östlichen Länder wegen mangelnder Qualität und Qualifikation der Mitarbeiter verlassen haben. Geiz ist also nicht immer geil. Die Frage ist, wie lange soll das noch so weitergehen. Die Politik kann man sowieso aussen vorlassen, ausser dämlichen Sprüchen, egal welcher Couleur, ist von dort sowieso nichts zu erwarten.

  2. naja, in rumä(h)nien kommt der konzern in ungepfluegte erde.
    vielleicht sind die mitarbeiter nicht qualifiziert, aber qualifizierungsfähiger
    und -williger (der glanz in den augen) , als in gröhlemeyers stadt.
    jedenfalls duerfte sich nokia mit weniger konkurrenz um die topleute
    prügeln muessen, als in d. außerdem liegt in der tatsache, eine fabrik
    komplett nach  neuesten erkenntnissen auf die wiese stellen zu können auch
    ein erheblicher vorteil. da braucht man die alte vielleicht einfach nicht mehr.
    man muß das ja sehen, wenn solche konzerne tophandies ohne mitarbeiter
    herstellen könnten, wuerden sie es tun. da zitiere ich den alten freund stalin:
    "kein mensch, kein problem" : )
     

  3. 4. profan

    der Kreislauf des Kapitals und die Umverteilung hat halt ihre eigenen Gesetze,jetzt ist erstmal Rumänien am zug da sind die Personalkosten,die neuerlichen EU Zuschüsse usw.Die Suche nach Billiglohnländern wird allerdings immer schwieriger,jedenfalls innerhalb der EU und so sollte man sich damit trösten das der verdienende Rumäne dann ja auch wieder ein hochwertiges deutsches Produkt kauft,damit hierzulande Arbeitsplätze sichert,womit sich der Kreis wieder schliesst.Hört sich ganz einfach an,ob es das auch ist? Gewinner in diesen Fall...sicher Nokia.

  4. Wieso bleibt die Frage des Grundes für einen Beitritt von Bulgarien und Rumänien ohne die Kriterien wirklich erfüllt zu haben aus? Während der deutsche Arbeiter noch blöd guckt, werden mit seinen nicht an ihn mittels Lohn ausgeschütteten Mehrerträgen neue Standorte für die Gewinnmaximierung bereits gewinnträchtiger Unternehmen erschlossen. Warum die Rente nicht sicher ist, warum Ihr von Altersarmut betroffen sein werdet und warum Ihr in direter Konkurrenz zu Niedriglohnlädern steht, müsst Ihr eure Regierung fragen. Wenig ist bisher passiert. Wenn Ihr nichts unternehmt, wird auch wenig übrig bleiben. Dann geht das Gejammer erst richtig los. Aber dafür kann man ja alle 4 Jahre Kreuzchen machen und WM ist ja schliesslich auch noch.

    • wll
    • 25.01.2008 um 9:59 Uhr

    "...Die Suche nach Billiglohnländern wird allerdings immer schwieriger, jedenfalls innerhalb der EU..."
    Ja warum glauben Sie denn, wird von einigen bereits der EU-Beitritt der Ukraine und Weissrusslands diskutiert? Noch mehr billige Arbeitssklaven, die dann den "armen Rumänen" ihre Jobs wegnehmen. Und das trotz der Subventionen, die zur Ansiedlung geflossen sind... Genau das Gleiche haben die Polen erlebt. Haben die z. T. noch hämisch gefeixt, als wir Arbeitsplätze (z. B. bei Opel) an sie verloren haben, wandern ihre Arbeitsplätze jetzt nach Rumänien und Bulgarien ab.
    Angesichts der Preis / Lohn - Relation werden übrigens noch viele Jahre vergehen, bis die Rumänen sich deutsche Waren leisten und so hier zu Lande Arbeitsplätze sichern können.

    • wll
    • 25.01.2008 um 10:09 Uhr

    Naja, so hoch qualifiziert sind die meisten Arbeitsplätze in der Handyproduktion (im Gegensatz zur Entwicklung) nicht. Hier werden einfach die Einzelteile (Platine, Display, Tastatur...) zusammengesteckt bzw. verlötet. Dazu braucht es keinen Elektrotechnik-Ingenieur oder Elektroniker. Die Arbeitskräfte werden in der Regel in kurzer Zeit einfach angelernt, zumal viele Arbeitsschritte von Maschinen wie z. B. Bestückungs- und Lötautomaten erledigt werden. Ich kann mich noch gut an ein Fernsehinterview mit einer Nokia-Mitarbeiter erinnern, die beklagt hat, wie schwer es für Geringqualifizierte in der Region ist, andere Arbeitsplätze zu finden...
    Dass die Schliessung gerade jetzt kommt, lässt sich durch die Aussage des deutschen Nokia-Managements, die Maschinen in Bochum wären abgenutzt und veraltet und müssten demnächst teuer ersetzt werden, leicht erklären. In Rumänien kann man gleich eine topmoderne Fabrik mit EU-finanzierter Infrastruktur hinstellen. Und die Lohnkosten sowie Abgaben sind halt auch deutlich niedriger...

    • Anonym
    • 25.01.2008 um 10:50 Uhr

    Rumänien hat 22 Mio Einwohner. Es musste aus Sicht der romanischen Länder so schnell wie möglich beitreten, um eine sog. qualifizierte Mehrheit der "germanischen" Länder bei entsprechenden Entscheidungen des EU-Ministerrates zu verhindern.  C´est tout. Das Nachbarland Bulgarien mit ähnlichen und teilw. besseren Kennzahlen konnte dann nicht ausgeschlossen werden. Der Beitritt ist für das Land selber eine eher zweischneidige Sache, denn durch die erleichtete Arbeitsaufnahme im EU-Ausland reisen noch mehr junge Menschen aus als vorher. 

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