KunstImmer schön in der Schwebe

Gerhard Richter ist erfolgreicher als jeder andere Maler – und doch wird seine Kunst meist missverstanden. Versuch einer Aufklärung aus Anlass der Retrospektive in Baden-Baden von 

Das erstaunlichste Bild dieser Ausstellung hängt verschämt im Keller, gleich neben den Garderobenschränken. Es soll nicht auffallen, soll nicht dazugehören, denn am liebsten wäre es Gerhard Richter, es gäbe dieses Bild gar nicht. Er hätte es auch bestimmt vernichtet, damals schon, in den sechziger Jahren. Wäre da nicht sein Künstlerfreund Günther Uecker gewesen, der ihn im Atelier besuchte, die aufgeschnittene, rot besudelte, mit Nägeln übersäte Leinwand sah und meinte, das sei doch großartig, genau das Richtige für seinen Partykeller. Das schien Richter nicht der dümmste Ort dafür zu sein, und so ließ er sich nicht weiter bitten und schrieb auf die Rückseite: »Dies schlechte Bild vermache ich G. Uecker – Richter«.

Seit voriger Woche ist das schlechte Bild in Baden-Baden zu sehen, und das ausgerechnet in einer Ausstellung, die Richter selbst eingerichtet hat. Ihn ärgert das natürlich, doch was sollte er machen, Frieder Burda hatte es sich so gewünscht. Und ihm gehört das Party-Bild heute, ebenso wie das ganze Museum, das nun eigens für Richter freigeräumt wurde. Ein wenig verwegen ist das schon, in dem vergleichsweise kleinen Haus das Riesen-Œuvre eines Malers zeigen zu wollen, den manche für den wichtigsten der Gegenwart halten. Doch gerade im Überschaubaren liegen die Stärken dieser Ausstellung: Hier, in einer klugen, dichten Auswahl von 60 Werken, lässt sich erkennen, was Richters Kunst ausmacht. Mehr noch: Es zeigt sich, wie oft sein Werk missverstanden wird.

Erstes Missverständnis: Richter, ein Maler ohne Eigenschaften. Immer wieder wird er als das Chamäleon unter den deutschen Malern beschrieben, als einer, der stets ein anderer ist, nicht festgelegt auf einen Stil, eine Methode, einen Formenkanon. Während sich andere Künstler darüber stritten, ob nicht die abstrakte Kunst viel besser sei als die gegenständliche oder umgekehrt, löste Richter die Gegensätze auf seine Weise: mal gegenständlich, mal abstrakt. Nichts ist ihm fremd, kein Sujet, keine Technik, so denkt man. Und steht dann neben den Garderobenschränken vor Richters Party -Bild.

Das hat er sich nie wieder gestattet, so viel Blut, so viel Bosheit. Die Vorlage für das Bild ist ein Zeitschriftenfoto, auf dem der Entertainer Vico Torriani, beglückt vom eigenen Strahlecharme, lachenden Damen Bowle kredenzt. Richter hat Torriani aufgeschlitzt, er lässt ihn bluten aus Augen und Mund, bis das Bowleglas voll ist. Er zerschneidet das Aufgesetzte, sticht hinein in die verlogene Heiterkeit. Niemand würde dieses Bild auf den ersten Blick einen Richter nennen.

Das Chamäleon ist eben keineswegs so schillernd-bunt, wie oft behauptet wird. Auch wenn er sich selbst gern entkommen wäre, ist er doch stets beim Eigenen gelandet, bei einem Richter-Stil. Alles Unkontrollierte, Unsaubere, jede Form von überschießendem Gefühl wird man bei ihm vergeblich suchen. Sein Prinzip der Prinzipienlosigkeit mag ihm diverse Techniken und Sujets erschlossen haben, dennoch blieb vieles unter Verschluss. Seine Bilder sind aus der Distanz gemalt, er liebt den Blick von oben herab auf die Welt, stets muss er die Kontrolle wahren. Das Rauschhafte hingegen, das Offenkundige ist ihm fremd, schon darum mag er sein Party- Bild nicht.

Zweites Missverständnis: Richter, der Weichzeichner. Auch wenn seine Kunst nicht in Blut und Wunden liegt – traumverloren, wie oft behauptet, ist sie deshalb noch lange nicht. Vor allem in den sechziger Jahren entstanden viele Bilder des Aufbegehrens: gegen Pathos, gegen Überhöhung, gegen den Geniekult der Künstler. Es waren Verstöße, mal offen aggressiv, mal lakonisch. Er malte Fotos und Textbrocken aus Zeitschriften ab und wehrte sich so gegen den Anspruch, ein Künstler müsse originell sein und alles aus tiefster Seele schöpfen. Er pinselte nach, was ihm unterkam, scheinbar beliebig: einen Kuhkopf, Klorollen oder Fotos aus dem Familienalbum. Und wenn es die Alpen waren, dann ließ er sie nicht glühen, sondern verbarg sie hinter Wirbeln aus Grau und Schwarz. Der röhrende Hirsch, vom Farbnebel verschluckt – welch Affront!

Viele seiner Bilder sehen aus, als hätte Richter sie mit beschlagener Brille gemalt. Er entrückt sie ins Unscharfe – doch gerade das hatte Schärfe. Das Entrücken war eine Absage an alle Ideologien des 20. Jahrhunderts, endlich sollte die Kunst frei sein von jeder Weltanschauung und allein der Kunst gehorchen. Zum Inbild dieser Verweigerung wurde ihm schließlich das große Grau, gepinselt, getupft, gerollt, in riesigen Formaten. Er wollte das Ende der Malerei malen. Und noch heute bewundern ihn manche für diese Konsequenz und Klugheit.

Doch das ist das dritte Missverständnis: Richter, der Intellektuelle. Dass er ungemein reflektiert vorgehe, seine Malerei eigentlich eine Art Philosophie sei, ein Nachdenken über das Wesen der Wirklichkeit und die Wahrhaftigkeit der Kunst, das ist immer wieder gesagt worden, nicht zuletzt von ihm selbst. Bis heute betritt Richter sein Atelier mit Zweifeln an dem, was er dort tut. Der Maler, so hat er es beschrieben, »sieht den Schein der Dinge und wiederholt ihn, das heißt, ohne die Dinge selbst herzustellen, stellt er nur ihren Schein her«.

Schon Platon, der Kunsthasser, hat diese Gedanken umgewälzt und den Malern vorgeworfen, sie seien nichts als Täuscher und Blender. Gegen diese Vorwürfe malt Richter an, er hofft darauf, die Kunst könne vielleicht doch etwas Objektives hervorbringen, etwas, das Bedeutung trägt. Zugleich weiß er, dass jede Art von Bedeutung auch Festlegung heißt, und nichts hasst er mehr, als festgelegt zu werden. Er möchte beides: seine Kunst in der Schwebe halten und sie gründen auf Sinn und Verstand.

Für einen intellektuellen Maler könnte aus diesem Paradox eine produktive Energie erwachsen, und lange war das für Richter auch so. Doch seit den achtziger Jahren beschränkt er sich zumeist darauf, seine Unentschiedenheit zu verwalten. Er hat sich kaum noch entwickelt. Auch das zeigt die Ausstellung in Baden-Baden: Seit Richter seine Kunst mit den Grau-Bildern an jenen Nullpunkt führte, an dem alle Motive, aller Sinn erloschen, fällt es ihm sichtlich schwer, sich neue Perspektiven zu erschließen. Er kämpft an gegen das selbst erzeugte Vakuum – und will es mit Schönheit füllen.

Viertes Missverständnis: Richter, der Virtuose. Vor allem seine kleinen Idyllen, die Apfelbäume am Hang, die stillen Familienszenen, zeugen von der Sehnsucht, zurück zu einer Kunst zu finden, die nicht nur von ihrer eigenen Kunsthaftigkeit handelt. Sein altmeisterlicher Duktus, seine Rückbezüge auf Caspar David Friedrich oder Johannes Vermeer sind oft beschrieben worden. Doch gerade im Vergleich zu diesen Malergrößen zeigt sich, dass Richter mehr von Virtuosität träumt, als dass er sie ins Bild setzt.

Das beginnt bei technischen Mängeln, etwa auf einem Kerzen-Gemälde aus der Sammlung Burda, das bereits erste Risse zeigt. Erst recht schwächelt Richter, wenn man in seinen Bildern nach der komplexen Ikonografie vieler Altmeister sucht, nach ihren allegorischen Anspielungen oder auch nur ihren komplexen bildräumlichen Kompositionen. Man denke etwa an die vielen Vanitas-Bilder, die den Tod geradezu wollüstig inszenieren, üppig in den malerischen Mitteln. Dass Richter dieses Genre als einer von wenigen Künstlern seiner Generation in den Blick nimmt, mag man ihm hoch anrechnen. Doch dann sieht man in Baden-Baden seinen Vanitas-Schädel, einsam auf einem Tisch liegend, dazu im Vordergrund eine brennende Kerze. So viel Leblosigkeit hat selbst der Tod nicht verdient.

Fünftes Missverständnis: Richter, der Ewige. Spätestens seitdem er auf den Auktionen alle anderen zeitgenössischen Maler abgehängt hat, gilt er als einer, der bleibt. Gerade weil er nie ein Held des Augenblicks war, halten viele Sammler und Museen seine Kunst für überzeitlich. Und in gewisser Weise haben sie recht: Gerade Richters Werke aus den sechziger Jahren, die das Beiläufige und Alltägliche für die Kunst erschließen und ihr eine neue Unabhängigkeit erringen wollen, sind aus der Nachkriegskunstgeschichte nicht wegzudenken. Allerdings wird sich Richters Wagemut nur für den erschließen, der um die Kämpfe jener Zeit weiß und die Dogmen der Moderne kennt. Was aber bedeuten die Bilder heute, was morgen? Sind sie mehr als nur ein Eintrag auf der Evolutionstafel der Kunst?

Für viele Künstler der Gegenwart ist das Alltägliche längst zum gängigen Sujet geworden, der Kunstglaube, gegen den Richter still rebellierte, hat sich aufgelöst. Seine Gesten der Entleerung und Relativierung haben ihre Brisanz und damit auch ihre Bedeutung eingebüßt, da heute ohnehin alles leer erscheint und der Relativismus obsiegt.

So werden wohl vor allem Richters Idyllen bleiben, seine Landschaften und Stillleben, die Sehnsuchtsbilder vom Ungefähren. Es gibt auf diesen Bildern nicht viel zu entdecken, sie kennen keine Details, nur Stimmungen, keine Melodien, nur Töne. Auf ihnen kann der Blick gut ruhen, und wer wollte bestreiten, dass Ruhe überzeitlich sei.

Und das Derbe, das Blutige? Die Wut sprüht bis heute aus Richters Party- Bild, eine lustvolle Wut am Niedermachen, am Zurichten. Es ist eben ein Missverständnis, dass nur das Entrückte ewig sei. Das Ungestüme ist es ebenso.

Im Museum Frieder Burda bis zum 27. April; der Katalog bei Hatje Cantz kostet 24 Euro

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Leserkommentare
    • WillyF
    • 27. Januar 2008 17:46 Uhr

    Es ist ja nicht neu, dass Richter sich an bestimmte Bilder seiner Laufbahn nicht gern erinnert. So ließ er nach seiner Ausreise aus der DDR im Jahre 1961 im Deutschen Hygienemuseum Dresden ein 5 x 15 Meter großes (nach seiner Flucht übermaltes) Wandbild zurück, das ganz im Sinne des sozialistischen Realismus der Ulbricht-Ära unter dem Titel "Lebensfreude" ein Liebespaar, tanzende Kinder, Picknick- und Strandszenen zeigte. An den "Diplom-Wandmaler" dieser frühen Jahre möchte Richter verständlicherweise nur ungern erinnert werden - vielleicht auch ein Grund, warum das Bild nach der Wende bis heute nicht freigelegt wurde? Eckhart Gillen meint in seiner Dissertation aus dem  Jahre 2002, dass sich Richter im Westen zu einem Künstler entwickelt habe, der sich bewusst dem ideologischen Blockdenken entzogen und beschlossen habe, fortan "zu denken und zu handeln ohne die Hilfe einer Ideologie ..."  (ibid. S. 186).Das mag sein, war aber auch keine besondere Großtat in der Bundesrepublik Deutschland, in der Künster - anders als in der DDR - eben nicht verfolgt wurden. Was mich an Richter allerdings massiv stört, ist, dass er andere, die nicht den leichten Weg der Flucht in die BRD gingen, sondern in der DDR blieben und dort künstlerisch wirkten, stets mit unnachsichtigem Urteil begegnete. So ließ er m.W. an Werner Tübke, der blieb, kein gutes Haar, obwohl sich dieser in seinem künstlerischen Wirken, das Lucas Cranach und Albrecht Dürer zum Vorbild hatte, nie zu einem Bild wie das der richterischen "Lebensfreude" herabgelassen hätte.Richter hat nach seiner Flucht das künstlerische Establishment gewählt, in dem er vieles, was künstlerisch schon da war, nachmachte und zum Teil vielleicht auch weiterentwickelte. Dass ihn das allerdings zu einem der größten deutschen Künstler der Gegenwart gemacht haben soll, habe ich nie verstanden.

    • hagego
    • 28. Januar 2008 14:00 Uhr

    Gerhard Richter, jetzt 75 Jahre alt, hat den Kunst-Interessierten ein so breites Oeuvre zu bieten, wie kaum ein anderer Maler der Gegenwart.Er kopiert sich nicht selbst, wie es viele Künstler machen - exakt dann, wenn sie Erfolg haben und einem größeren Publikum bekannt werden.Richter probiert - neue Sujets, neue Techniken und auch neue Sichtweisen. Das macht ihn anfangs für Galeristen "unberechenbarer". Museumsbesuchern bietet er über einen längeren Zeitraum keine "typischen" Richter-Werke. Ganz anders etwa, als dies bei Baselitz, Koons, Katz oder Haring der Fall ist.Der "Bildende Künstler" Gerhard Richter arbeitet so, wie es die sogenannten "Gebrauchsgraphiker" jahrzehntelang getan haben: Diese stimmten ihren Stil auf Produkt und Zielgruppe ab. Richter fokussiert sich nun allerdings nicht auf Produkte oder Zielgruppen, aber er probiert verschiedene Techniken aus, um ein Thema optimal zu visualisieren. Optimal heißt für ihn aber keinesfalls, dass er das, was beispielsweise ein Foto zeigt, lediglich nachmalt. Nein, wenn er Bilder malt, die aussehen wie Polaroid-Fotos, dann sehen diese Gemälde tatsächlich wie - leicht verwackelte! - Polaroids aus. Nicht unscharf, sondern "gestochen unscharf" gemalt.Im Gebäude der Victoria Versicherungs-Gesellschaften in Düsseldorf hängen zwei riesige Richter-Werke: "Victoria I" und "Victoria II". Auf den ersten Blick wirken diese Arbeiten, als wären sie mit schneller und leichter Hand entstanden. Das Gegenteil ist der Fall. Richter hat diese beiden 4x6 m großen Ölgemälde eigens für die spezifische architektonische Foyergestaltung im Eingangsbereich der Unternehmenszentrale geschaffen. Der Maler hat großen Wert darauf gelegt, dass seine Bilder nicht bloße Dekoration der Innenarchitektur werden, sondern deren integraler Bestandteil bleiben.Richter kann man heute keiner "Malschule" zuordnen - das schmälert nicht seinen Rang; ganz im Gegenteil!

    • hagego
    • 28. Januar 2008 14:03 Uhr

    Schade, dass aus technischen Gründen immer wieder mal eine Headline einfach "abbricht"...

  1. “Stillos zum Welterfolg“ titelte die FR zur Burda-Retrospektive-Schau. "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen", sagte der heute 75-Jährige bereits Mitte der 1960er Jahre über seine Arbeit. Der STERN (Anja Lösel) behauptet (ebenso am 18.01.), Richter „ ist der teuerste Maler der Gegenwart - und ganz sicher auch der beste“. Die Ausstellung zeige, dass der Kunstmarkt-Künstler „auch deshalb so bedeutend“ ist, „weil er immer wieder überrascht mit neuen Ideen, nie am Bewährten festhält, seinen Stil ständig ändert“. Kunstkritiker meinen: „Eines der größten Probleme für die Kunstkritik hinsichtlich Gerhard Richter scheint dessen vermeintlich fehlender Stil zu sein, der aus Vielseitigkeit oder Beliebigkeit resultiert“. (literaturkritik.de  Nr. 6, Juni 2002.) „Verlogen“ sei auch das Schöne in der Natur glaubt Rchter, weil die Natur angeblich „nicht Sinn, noch Gnade, noch Mitgefühl kennt, weil sie nichts kennt, absolut geistlos, das totale Gegenteil von uns ist, absolut unmenschlich ist." (Ebenda.) Aufklärend schreibt Hanno Rauterberg über das „Chamäleon“ mit „Prinzipienlosigkeit“ (mit Malerei ohne Philosophie), es sei aber „keineswegs so schillernd-bunt, wie oft behauptet wird“. Seit den 80iger Jahre habe der „Intellektuelle“ sich „kaum noch entwickelt“; ihm fehle „Virtuosität“. Zu Recht fragt Rauterberg: “Was aber bedeuten die Bilder heute, was morgen? Sind sie mehr als nur ein Eintrag auf der Evolutionstafel der Kunst?“ Heute erscheine „ohnehin alles leer“ und der Relativismus obsiege. Goethe schrieb 1789 den Aufsatz über „Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil“: „Wie die einfache Nachahmung auf dem ruhigen Dasein und einer liebevollen Gegenwart beruhet, die Manier eine Erscheinung mit einem leichten fähigen Gemüt ergreift, so ruht der STIL auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, in so fern uns erlaubt ist es in sichtbaren und greiflichen Gestalten zu erkennen.“ Im STIL-Prinzip spiegelt sich das künstlerische Streben heute wie ehedem betonte der Kunstwissenschaftler Werner Hofmann 1955. Auch heutzutage werden die Autorität von STIL, das Vertrauen in STIL und den Rang und Wert des STIL-Prinzips thematisiert und reflektiert. Internet-Hinweis: Essay: „Über Gerhard RICHTER, seine drei „Betty“-Gemälde und die „Abstrakten Bilder“, GOETHEs STIL-Begriff sowie die BUERGELiade im hysterischen Welt-Kunst-Jahr 2007“. (art-and-science.)

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