Börsenkrise Die Schuld der Banken

Geldmanager tragen die Hauptverantwortung für Konjunkturangst und Kursgewitter

Panik? An den Aktienbörsen rund um den Globus sind die Kurse in dieser Woche brutal gefallen. Am Montag sanken die Anteilspreise der 30 größten deutschen Unternehmen, deren Wertentwicklung im Deutschen Aktienindex (Dax) ausgedrückt wird, um gut sieben Prozent. Die Eigentümer sämtlicher deutscher Aktien, von denen viele Ausländer sind, wurden an einem Tag um gut 60 Milliarden Euro ärmer. Ein heftiger Schlag, ja. Aber Panik?

Das Verhalten der Anleger kann ebenso gut als die Rückkehr zur Vernunft interpretiert werden. Mit einem Mal haben viele Akteure die Gefahr erkannt, in der sich die Weltwirtschaft befindet. Das Kollektiv der Anleger hat keineswegs die Nerven verloren, wie viele Börsenmakler und Experten zu Beginn der Woche nahelegten. Es beginnt vielmehr zu begreifen, dass die ökonomische Lage ernster ist, als es Politiker, Notenbanker und Banker bislang auszusprechen wagen. Die USA befinden sich wohl jetzt schon in einer Rezession, und die getrübte Konsumlaune der Amerikaner wird auch die Volkswirtschaften in Asien und Europa treffen – die deutsche nicht zuletzt.

Die Schuld an dieser Krise tragen zuallererst die Banken. Kreditinstitute aus den USA verfielen auf die Idee, unbedarfte Bürger systematisch zu unüberlegten Immobilienkäufen zu verführen. Da bauten oder kauften sich Menschen Häuser, die sie sich objektiv nicht leisten konnten. Manche liefen blind in ihr Unglück, andere setzten kühn darauf, dass ihre Immobilien im Wert immer weiter steigen würden. Ein übles Kettenbriefspiel.

Erfunden wurde es in den Chefetagen der Finanzriesen – das Motiv dahinter war Gier. Die Banken hatten einen Weg gefunden, wie sich an Krediten für schwache Schuldner großes Geld verdienen ließ: Man behält die Forderung zur Rückzahlung nicht in den Büchern, sondern verkauft sie einem Ahnungslosen. An solchen war in der Bankenwelt kein Mangel, sie fanden sich bei der IKB in Düsseldorf und bei der SachsenLB in Dresden, aber auch bei den mächtigen US-Banken Merrill Lynch und Citigroup.

Die vielen kippeligen Kleinkredite wurden zu Forderungspaketen zusammengefasst, von Investmentbankern gegen hohe Gebühren in neuartigen Wertpapieren verbrieft und dann an Investoren weltweit verkauft. Die nahmen sie gerne, denn sie kassierten dafür hohe Zinsen. Die Risiken sahen sie nicht. Die Finanzbranche verdiente glänzend an den Wackelkrediten, und auf die an dem Geschäft beteiligten Banker regnete es über Jahre Provisionen, Bonifikationen und Optionen. Warner gab es genug, aber die Gier kannte keine Grenze.

Dann, im Sommer 2007, zeigten sich massive Risse an diesem spekulativen Kartenhaus. Die Immobilienpreise in den USA gerieten ins Rutschen, während die Zinsen landesweit stiegen. In wachsender Zahl gerieten Hausbesitzer in Schwierigkeiten und konnten ihre Raten nicht mehr zahlen. Für 2008 werden eine Million Zwangsversteigerungen erwartet. Damit steht auch der Wert der in alle Welt verkauften Kreditpapiere infrage. Das ist fatal, weil die Banken noch auf einem zweiten Feld versagt haben: Sie haben es versäumt, einen funktionierenden Markt zu schaffen, auf dem die von ihnen erfundenen Finanzinstrumente gehandelt werden können. Das ist verhängnisvoll, denn was man nicht verkaufen kann, dessen Wert lässt sich auch nicht beziffern. Was so lange ein Plus für die Banker war – dass ihr neues Lieblingsgeschäft im Dunkeln ablief –, wird nun zur vollends unübersehbaren Gefahr. Keiner wusste, wie groß die Risiken waren, und den Banken gelang es nicht, das zu tun, was derzeit an den Aktienmärkten weltweit geschieht: realistische Korrekturen vorzunehmen. Dort werden die Werte des unternehmerischen Vermögens im Licht neuer Informationen gegenwärtig fundamental neu bestimmt. Das ist für manche bitter, aber es ist auch bitter notwendig.

Wer so viel verdient, sollte wenigstens Verantwortung beweisen, wenn die Sache auffliegt. Doch als die Hypothekenkrise ausbrach, verhielten sich die Banken wie Schnecken, die bei Gefahr in ihr Haus kriechen. Sie liehen sich untereinander kein Geld mehr. Und sie handelten kaum mehr miteinander. Jeder für sich, keiner für alle: Ausgerechnet der Sektor der Wirtschaft, von dem erwartet wird, dass er die produzierenden Unternehmen in ihrem Wachstum unterstützt, erweist sich jetzt als eine Quelle immer neuer Störungen.

Eigentlich ist es gerecht, dass die Banker nun nicht nur Täter sind, sondern auch Opfer, wie die exorbitanten Abschreibungen zeigen, die viele Kreditinstitute vornehmen müssen. Sie sitzen auf Bergen zweifelhafter Anlagen. Amerikas reichster Investor, Warren Buffett, hat nicht übertrieben, als er die neuen Finanzinstrumente vor einiger Zeit als »Massenvernichtungswaffen« bezeichnete. Sie treffen viele.

Banken haben die Aufgabe, Unwägbarkeiten beherrschbar zu machen. Aber diesem Anspruch werden die Institute nicht mehr gerecht. Der Würzburger Bankwissenschaftler Ekkehard Wenger hält es für eine »Entartungserscheinung« des Bankensystems, dass die Risiken darin ständig hin- und hergeschoben werden. »Sie verschwinden aber nicht, sie werden auch nicht besser gestreut, sondern sie landen da, wo sie keiner mehr wahrnimmt.« Banken – die Branche der Verschleierung. Das ging eine Zeit lang gut.

Eine Ursache der Misere liegt in falschen Anreizen für die Führungskräfte der Finanzindustrie. Die Geldmanager haben die Vergütungssysteme so hingebogen, dass es aus ihrer persönlichen Sicht am besten ist, bei ihren Geschäften hohe Risiken einzugehen. Solange die Sache gut geht, kassieren sie hohe Bonifikationen. Geht sie schief, tragen die Aktionäre der Bank die Verluste. Die Verantwortlichen verlieren in aller Regel – nichts. Ebenso asymmetrisch verteilen sich Gewinne und Verluste. Banken haben in den vergangenen zehn Jahren viel höhere Renditen erzielt als Industrieunternehmen. Mit wenig eigenem Kapital schaffen es die Geldhäuser also immer wieder, große Räder in Bewegung zu setzen.

Sie arbeiten dabei wie Trapezkünstler, die ihre Kunststücke über einem Netz aufführen. Ein Industrieunternehmen, das am Markt vorbeiproduziert, ist zum Untergang verdammt. Eine Bank, die sich verspekuliert, besteht weiter. Sie kann in der Regel nicht pleitegehen, denn sie darf nicht pleitegehen. Weltweit hat sich bei Politikern und Zentralbankern die Auffassung durchgesetzt, dass es für die gesamte Wirtschaft zu gefährlich wäre, wenn ein Kreditinstitut schlagartig ausfiele. Zu groß erscheint die Gefahr einer Kettenreaktion im Finanzsektor, die auf die ganze Wirtschaft überspringen würde. Werden die Banken künftig aber nicht an die Kandare genommen und strenger beaufsichtigt, werden Steuerzahler und Sparer immer wieder bluten müssen.

 
Leser-Kommentare
  1. Zum einen haben wir hier - enfdlich - mal einen wirklich guten Artikel, der die wahren Ursachen der Finazkrise aufzeigt und auch die Schuldigen benennt. Etwas zu kurz kommen nur die Folgen und die sich daraus ergebende Entwicklung.Eines ist in der gesamten Berichterstattung bisher nie besonders erwähnt worden: Diese Finanzkrise wird Arbeitsplätze kosten ... und es werden nicht die der Heurschrecken sein, die in der Regel mit ihrem zusammengerafften Reichtum schon weitergezogen sind. Wer kommt also für die Kosten der Arbeitslosigkeit auf? Der Steuerzahler.Es muss sich also die Frage gestellt werden: Wie lange sollen wir uns diesen Raubbau noch ansehen? Ist es nicht längst überfällig, diesem ganze Banken-, Börsen- und Aktiengemauschel einen Riegel vorzuschieben? Und das im tatsächlichen Sinne des Wortes mit einem Zellentürriegel.Unternehmen und Manager, die aus Gier unnötige Risiken eingehen, trotz Gewinne oder aus Dummheit Arbeitsplätze vernichten, ihr gesamtes Unternehmenskonzept auf Dumpinglöhne oder Raubbau an Umwelt und Rohstoffen betreiben, müssen endlich für ALL Folgen ihres Handeln zur Verantwortung gezogen werden, bis sie keinen einzigen Cent mehr in der Tasche haben und auch nie wieder haben werden.Während noch vor 30 Jahren der weltweite Handel noch zu 90% durch Warentransfers geschah, sind es heute nur noch 10%.. Der internationalen Handel heute schichtet nur Geld um - er schafft keine Werte, er leistet weder Entwicklung, noch Aufbau, noch Wertschaffung. Es sorgt für keine Warenverteilung, er sorgt für keinen Wohlstand - vielmehr hat er nur Renditen und steigende Managergehälter zum Ziel. Er ist für hohe Risiken, für Armut und für Ausbeutung die Ursache .... es wird Zeit, dass dem ein Ende bereit wird und es Regelung gibt, die auch mit allen Mitteln durchgesetzt werden und die das Risiko allein auf die riskofreudigen Manager beschränken.

  2. Auf die momentane Misere hatten schon in der Vegangenheit drei Indikatoren hingewiesen: Commerzbank, die höchsten Preise für den Servive und die schlechteste Bewertung als Bank im Land. Frage: Wo bleibt das Geld? Dann das Mondgehalt eines Herrn Ackermann. Frage: Wenn ich als Bank schon Millarden in abenteuerlichen Spekualtionen verfeuer, dann darf ich doch auch ein paar Millionen für mich abzweigen ohne das es auffällt? Und zum Schluss ein deutscher Unternehmer, der weder Chinesen zum nähen braucht noch auswandern muß. Und warum? Er hat keine Bank im Aufsichtsrat und er hat gegenüber Banken auch keine Verpflichtungen, sprich Kredite. Das auf die Gesamtwirtschaft in Deutschland übertragen kann man sagen wer sich auf Banken und ihren Spekualtionsgeschäfte verlässt, muss auswandern. Es wäre interessant zu wissen ob es allen im Ausland produzieren deutschen Unternehmen so geht, also Grundig in der Türkei und AEG in Polen, Addidas in China usw. Irgendwo müssen die 30 Prozent für das Börsenspiel ja her kommen. Zitat aus einem Lehrbuch für Hedge: Ich wette das. Ja was denn sonnst...
     

    • Anonym
    • 26.01.2008 um 13:22 Uhr
    3. armut

    die banken sind arm. der 'händler' der 5 milliarden euros in luft auflöste, hat keinen namen. das ist wahre armut.
    der artikel ist arm. er ersetzt recherche durch ressentiment.
    dass die börse crashen würde, ist selbst börsenfernen laien wie mir, seit mindestens zwei jahren klar. jetzt tun alle völlig überrascht.
    ein bisschen so wie beim 'perfekten dinner'. keiner kann wirklich kochen. alle wollen gewinnen. alle sind gespannt und ständig überrascht.
    oh es schmeckt nicht. komisch. aber der blick unters bett, das hat sich gelohnt.
    da waren die versicherungen. wieso erwähnt eigentlich die keiner?
    oder sind die der zweite namenlose hauptgang von morgen?

    • Anonym
    • 26.01.2008 um 13:40 Uhr

    gerade sehe ich, dass der händler einen namen bekommen hat. die bank ist also wieder reich.

  3. Erst die neue Internetwelt ermöglichte es.  Betrüger gab es schon immer, aber die Betrugsmöglichkeiten haben sich heute vertausendfacht.  Sowie eine Zentralbank, sagen wir Tokio, die Zinsrate um ein Viertelprozent ändert, schwirren Millardensummen in Sekundenschnelle um den Erdball, und die Arbitrageurs der Großbanken fahren riesige Kursgewinne ein. Den kaum der Schule entwachsenen Traders an den Computern der riesigen Trading Floors fließen täglich Milliarden durch die Finger.  Da ist die Versuchung für einen intelligenten Trader groß.

  4. Zitat: "Zu groß erscheint die Gefahr einer Kettenreaktion im Finanzsektor, die
    auf die ganze Wirtschaft überspringen würde. Werden die Banken künftig
    aber nicht an die Kandare genommen und strenger beaufsichtigt, werden
    Steuerzahler und Sparer immer wieder bluten müssen."Hier endet der Artikel, obwohl der Autor eigentlich hätte schreiben müssen:Damit wird die Stamokap-Theorie der Jusos der 70er Jahre bewiesen. Sie besagte, dass in der Volkswirtschaft die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert, letztere also vom Steuerzahler bezahlt werden!

  5. Die Fehlspekulationen der öffentlichen und privaten Banken zeigen deutlich, dass Banken mit den Einlagen ihrer Kunden ein gewaltiges Rad drehen.-Entweder teilt man die Banken neu auf in solche, die keinerlei Spekulationen durchführen dürfen und solche, die Risiken jeglicher Art eingehen dürfen.Die zweite Sorte müsste dann zur klaren Abgrenzung zu einfachen Banken die Bezeichnung "Spielbank" erhalten. - oder man etabliert eine weiteres Aufsichtsgremium, das von den möglichen Opfern bzw. Sparern u.s.w. gewählt wird. Auf jeden Fall sollten Manager der Banken für bestimmte Fehler auch mit ihrem privaten Vermögen haften. 

    • WIHE
    • 19.02.2008 um 11:25 Uhr

    "Die Immobilienpreise in den USA gerieten ins Rutschen, während die Zinsen landesweit stiegen. In wachsender Zahl gerieten Hausbesitzer in Schwierigkeiten und konnten ihre Raten nicht mehr zahlen."
    In der FED saßen offenbar auch Leute, die offenbar auch nicht so richtig wussten, was sie taten. Da gerieten Millionen Hausbesitzer in Schwierigkeiten, aber die FED kümmerte es nicht, die ihre Zinsen immer weiter erhöhte, im Glauben, Gutes für das Land zu bewirken. Jetzt, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, werden hastig die Zinsen gesenkt.
    Dass sich im Bankensystem Mißstände durch allzu lockere   Kreditvergabe breitgemacht hatten, war offensichtlich. Hätte man das Problem nicht anders lösen können als dadurch, dass die FED die Wirtschaft erstmal gegen die Wand fahren läßt,  absichtlich oder gar in Unwissenheit?
     
     
     
     
     
     

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