Siebeck Nie mehr schlechtes Gewissen!
Endlich geben es die Ernährungswissenschaftler zu: Sie wissen, dass sie nichts wissen. Für uns beginnen wunderbare Zeiten
Wer lesen und hören kann, dem ist seit Langem klar, was Wissenschaftler jetzt mit erschütternder Verstörung bekannt gegeben haben: Sie wissen nicht, welche Lebensmittel gesund sind, welche uns krank machen und warum manche Menschen krank machende Lebensmittel essen können und gesund bleiben und warum andere Menschen von gesunden Lebensmitteln krank werden. »Die wissenschaftlichen Belege und die meisten Ratschläge sind dünn bis wertlos«, so das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München.
»Ich weiß, dass ich nichts weiß«, das war einmal ein Bekenntnis von philosophischer Weisheit. Demnach müsste es heute von klugen Geistern nur so wimmeln, denn sie wissen nicht einmal, warum im Umkreis von Atomkraftwerken mehr Kinder an Leukämie erkranken als dort, wo Kinder im Umkreis von Straßenbahndepots wohnen. Oder im Umkreis von Zoos.
Die Ahnungslosigkeit, was die Ernährung angeht, hat etwas Befreiendes. Sie macht alle Verbote obsolet, mögen sie noch so gut gemeint sein. Habe ich heute Appetit auf Eisbein und Schwarzwälder Kirschtorte, esse ich Eisbein und Kirschtorte mit dem gleich guten Gewissen wie gestern Walnüsse im Austernsalat. So ähnlich – oder genau so – müssen es unsere Vorfahren gehalten haben. Es reichte ihnen die Gewissheit, dass sie, wenn sie etwas Ungesundes essen, schon kotzen würden – wie Frau Hoffmann, wenn deren Brekkies aus China stammen. Ob unsere Vorfahren an Leukämie erkrankten, wenn sie im Umkreis der Filiale eines amerikanischen Schnellimbissrestaurants lebten, lässt sich nicht mehr feststellen.
Mit dem Offenbarungseid der Ernährungswissenschaftler ist glücklicherweise auch die Diskussion überflüssig geworden, ob genmanipulierte Lebensmittel gut oder böse sind. Ob wir uns also wie Kafkas Gregor Samsa in ein »ungeheueres Ungeziefer« verwandeln, wenn wir GMO-Mais essen, oder ob das nur die Aktien von Monsanto in die Höhe treibt. Überflüssig auch deshalb, weil niemand weiß, ob es sich um Produkte aus dem Frankenstein-Labor handelt oder um Naturfutter, das über kurz oder lang auch von Schmetterlingen genetisch verändert worden wäre.
Ein berühmter Schmetterlingssammler war Vladimir Nabokov. Von ihm gibt es Fotos, die ihn im Alter von siebzig Jahren zeigen, wie er am Genfer See hinter den Schmetterlingen her ist wie Humbert Humbert hinter Lolita. Er trägt kurze Hosen, ein Aufzug, in dem er heute auf keine Minderjährige mehr Eindruck machen würde. Aber er fühlte sich zweifellos jünger, als er war. Hatte jemand seine Gene manipuliert?
Das könnte die Nobelpreisträgerin mit dem schönen Doppelnamen gewesen sein, die bis vor Kurzem noch jedem Gen im Land ein drittes Ohr verpasst hätte. Jetzt, da ihre Kollegen zugegeben haben, dass sie nichts wissen, wird sie sich anderen Aufgaben stellen müssen, die bei ihr und ihresgleichen unter der Rubrik »Fortschritt« abgelegt sind. Zum Beispiel der Frage, ob unser Silvesterfeuerwerk wirklich so viel Feinstaub erzeugt wie 5000 Flüge nach New York, und welche Gene man einem Porsche einpflanzen muss, damit er sich in einen leistungsstarken Feinstaubsauger verwandelt.
Oder wieso noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Deutschen nach ihren Frühstücksgewohnheiten zu fragen. Essen sie Eier halb roh, hart gekocht oder gebraten? Essen sie überhaupt Eier? Wenn nicht, was geschieht dann mit den Millionen Eiern, die im Umkreis von Legebatterien verladen werden? Und welche Krankheiten haben Kinder, die im Umkreis solcher Umkreise leben? Schließlich: Welchen Einfluss hat es auf die Gesundheit der Deutschen, wenn alle Umkreise in Sackgassen verwandelt würden?
Egal! Jede Antwort wird die falsche sein. Und für Konsumenten beginnt ein Zeitalter ohne Beeinflussungen: Niemand muss mehr ein schlechtes Gewissen haben, wenn er nachts zum Kühlschrank schleicht und sich die Reste der Pizza holt. Die kann schädlich sein und kann harmlos sein; nur lecker ist sie auf keinen Fall. Weil sie nicht frisch und nicht selbst gebacken ist.
- Datum 24.01.2008 - 11:04 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 24.01.2008 Nr. 05
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Lieber Herr Siebeck,Sie mögen es nicht glauben, aber es gibt außer Ihnen doch noch Menschen, in deren Kühlschrank sich, wenn schon Pizzareste, dann auf gar keinen Fall nicht-selbstgebackene befinden. Und die Selbstgebackenen schmecken zwar aus der Kühlung nicht so doll wie frisch, aber a) was macht man als Single, wenn man nun mal ein Blech Pizza gebacken hat? und b) besser als aus der Packung schmeckt es allemal!
Lieber Herr Siebeck,seltsamerweise habe ich die Erfahrung gemacht, das frische Lebensmittel (auch im nicht zubereiteten Zustand - also meinethalben "roh") eh' viel besser schmecken als gekocht, gebraten, gedünstet oder was auch immer. Bevor Sie nun vermuten, daß das Blut vom letzten Steak mir nun aus den Mundwinkeln läuft... nein, ein Hoch dem Salat! Im übrigen meine ich, daß eher sinnvoll ist, auf den eigenen Körper zu hören. Appetit auf einen Apfel, Sauerkraut lässt wohl ein Defizit an Vitamin C vermuten, Fleisch auf Eiweiss etc. Die gesamte Gentechnik ist eher ein ökonomisches Problem (Patentrechte - und entsprechende Lizenzgebühren für die Erzeuger). Wie ich auf dem Markt immer nach schön krummen Gurken und deformierten Tomaten suche; kurz nach den Lebensmitteln, die nicht EU-marktkonform sind! Natürlich sind die Anstrengungen der Behörden nicht zu wenig zu schätzen, ich vermute, daß die Regelungen bzgl. der Lebensmittelsicherheit tatsächlich zur Vermeidung von Krankheiten und Mangelerkrankungen wesentlich beibetragen haben, nur ob es tatsächlich immer dem Geschmack dienlich ist? Aus eigener Anschauung kenne ich die Produktion für Fast-Food-Ketten. Die Urprodukte sind einwandfrei, die Weiterverarbeitung fast klinisch sauber; und alles um ein gleichbleibend pappiges Brötchen mit Inhalt herzustellen. Ist schon sehr seltsam... santo mu
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