»Tolle Technik – man sieht es nicht, man hört es nicht.« Ein sympathischer junger Mann steht barfuß am Strand und erklärt am Modell ein Gezeitenkraftwerk: »Am Meeresboden befinden sich Turbinen. Die Strömung, die zwischen Ebbe und Flut entsteht, treibt diese Turbinen an, und es wird saubere Energie erzeugt. Das Ganze müssen Sie sich wie Windräder unter Wasser vorstellen, nur dass hiermit wetterunabhängig und daher zuverlässig Strom produziert wird.« Das Reklamefilmchen des E.on-Konzerns läuft seit November im Fernsehen.

Tatsächlich wird schon seit fast zehn Jahren in Europa und Nordamerika mit derartigen Kraftwerken experimentiert. Doch technisch ausgereift ist keine der bisher erprobten Anlagen. Das Projekt, mit dem der Stromriese E.on sein Umweltimage aufpolieren möchte, existiert sogar nur auf dem Papier. Es fehlt eine Baugenehmigung, der Testlauf einer Turbine ist erst in diesem Jahr geplant. Dass E.on tatsächlich bereits 2010 sauberen Strom aus dem Meer schöpfen wird, halten Fachleute für ausgeschlossen.

»Ich fürchte, dass bei einer derart unseriösen Kampagne auch die seriösen Forschungsprojekte einen negativen Touch abbekommen«, sagt der Physiker Jochen Bard von der Universität Kassel. Er hat die von der EU geförderte britisch-deutsche Gezeitenströmungsturbine Seaflow mitentwickelt und seit 2003 getestet. Seaflow gehört zu den weltweit zuverlässigsten Pilotanlagen. Strom kann die in der Bucht von Bristol an einem Stahlmast befestigte Turbine allerdings nicht erzeugen, aus Kostengründen entfiel der Netzanschluss. Erst der Nachfolger SeaGen soll mit zwei Rotoren bis zu 1,2 Megawatt elektrische Leistung liefern. Er ist bereits gebaut, durfte aber mangels Genehmigung noch nicht ins Wasser der nordirischen Strangford-Meerenge.

Derzeit ist eine 0,3-Megawatt-Anlage im norwegischen Hammerfest der weltweit einzige Generator, der tatsächlich Unterwasserstrom erzeugt. Sechs Turbinen, die ein amerikanisches Unternehmen Ende 2006 im East River verankert hatte, wurden von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg zwar als »erstes kommerzielles« Unterwasserkraftwerk gefeiert, mussten aber wieder an Land geholt werden. Die Strömung war stärker als erwartet und hatte die Aluminiumrotorblätter verbogen. In diesem Jahr soll es einen neuen Anlauf geben.

Ein deutsch-koreanisches Joint Venture plant, mit mehreren Hundert Generatoren in einem »Gezeitenströmungspark« in der südkoreanischen Provinz Jeollanam-do ein großes Kohlekraftwerk zu ersetzen. Ein Prototyp der Turbine ist bei Voith-Siemens in Heidenheim in Bau. Die acht Meter langen Rotorblätter sollen auch dann noch hohe Leistung bringen, wenn sich Muscheln und Algen festgesetzt haben. »In 40 Meter Wassertiefe müssen die Turbinen so wartungsfrei wie möglich sein«, sagt der Stuttgarter Strömungstechniker Albert Ruprecht. »Taucher können in der starken Strömung nicht arbeiten.«

Eindringendes Salzwasser, Korrosion und Getriebeschäden waren einige der Probleme, die bei bisherigen Testanlagen für Stillstand gesorgt haben. Sie lassen sich mit technischem Geschick lösen. Für die Auseinandersetzung mit Fischern und Genehmigungsbehörden um die besten Standorte gilt das jedoch nicht. Selbst wenn sich dafür eine Lösung findet, bleibt noch das Kostenproblem. Alle bisher erprobten Anlagen erzeugen die Kilowattstunde Unterwasserstrom für über 20 Cent – und damit weit teurer als Windparks. Ausreichend starke Gezeitenströmung gibt es nur an wenigen Küstenabschnitten. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen schätzt das weltweit nutzbare Potenzial auf nur etwa ein Zehntel der Offshore-Windenergie .

»Mit dieser Technologie plant E.on ein weltweit einzigartiges Gezeitenkraftwerk«, heißt es in der Fernsehreklame. Damit werde »zum ersten Mal eine signifikante Menge Strom aus einem Gezeitenkraftwerk in das Stromnetz eingespeist«, behauptet die zugehörige Website. Beide Behauptungen sind falsch. Und gründliche Kritiker rechnen vor, dass der Stromriese wesentlich mehr Geld in die Werbekampagne als in die Entwicklung seines Unterwasserkraftwerks gesteckt hat. »Greenwashing« heißt so etwas in Fachkreisen.