Weltwirtschaft: Unreif für die Insel
Die Wirren der Weltwirtschaft zeigen: Niemand kann sich mehr abkoppeln. Deshalb brauchen wir globale Regeln
Und ewig platzt die Blase – vom Tulpenwahn 1637 bis zum Dotcom-Desaster 2000. Historische Fußnote: Während der »Tulpomanie« brachten 40 Zwiebeln in Holland so viel wie 1000 Tonnen Butter. Dagegen war die Halbierung des Dax nach 2000 eine milde Korrektur.
Was lehrt die jüngste Blase, die unter dem unhandlichen Begriff »Subprime-Krise« die Märkte quält? Vorweg: Das Gerede von der »Abkopplung« der amerikanischen von der Weltwirtschaft hat sich ebenfalls als Blase entpuppt. Der Absturz in New York spiegelte sich getreulich rund um die Welt wider, wobei die Aktien im Wirtschaftswunderland China am heftigsten litten – mit einem Minus von 16 Prozent (Januar). Ebenso tief fiel der Euro-Index (Stoxx). Japan, Hongkong, Indien – überall ein Minus im zweistelligen Bereich.
Aktien sind ihre eigene virtuelle Welt, zeichnen aber eine harte Realität namens »Globalisierung« nach. Früher wurde nur in Frankfurt oder London gehandelt, heute wird weltweit und rund um die Uhr gekauft, ergo der Gleichtakt der Märkte. Indonesiens Finanzminister konstatiert: »Im Kapitalmarkt entkoppeln sich die Regionen nicht; sie rücken immer näher zusammen.«
Und die Realwirtschaft? Die anheimelnde Nachricht von der Trennung hat sich als Ente erwiesen, weil die neuen Aufsteiger in Asien schon strukturell nicht aufwiegen können, was an amerikanischer Nachfrage in diesem Abschwung verloren geht.
Die Rechnung ist einfach. Der Export macht im gesamtasiatischen Raum über 40 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) aus, der Privatverbrauch nicht einmal die Hälfte – Tendenz sinkend. In den USA aber hat die Konsumquote einen Höchststand von 72 Prozent erreicht. Wie kann Asien die »Lokomotive« spielen, wenn Amerika für China & Co. ein so wichtiger Kunde ist? iPhones mögen dort zusammengebaut werden, gekauft aber werden sie in Amerika, wo die Hypotheken platzen, die Häuserpreise purzeln und die Banken fast täglich mit Wertberichtigungen schocken.
Amerikas Untugend – es verbraucht mehr, als es produziert – bleibt also vorläufig Motor der Weltwirtschaft. Das amerikanische Konjunktur-Sofortprogramm wird hoffentlich Treibstoff in den Rest der Welt pumpen. Sinkende Zinsen könnten die Last kurzlaufender Hypotheken erleichtern oder zum Neukauf animieren. Im Frühjahr schon werden die Haushalte ein paar Hundert Dollar an Steuerrückzahlungen erhalten. Geben sie das Geld aus, könnten die USA wieder für neuen Schwung in der Weltwirtschaft sorgen.
Am Anfang war die US-Immobilienblase. Gegen derlei Exzesse aber helfen Konjunkturprogramme so wenig wie Antibiotika gegen Viren. »In den USA«, urteilt der frühere Finanzminister Larry Summers, »liegt die Wurzel des gegenwärtigen Übels, folglich sollten sie auch im Zentrum der Lösung stehen.« Die Banken sind nur insofern schuld, als sie mit all den neuen Finanzinstrumenten im Blasenfieber getan haben, was erlaubt war.
Eine kluge staatliche Politik würde jetzt nicht Mauern hochziehen, sondern sie abbauen, und zwar im Dienste der Transparenz. Offenlegung und Auskunftspflicht sind das Gebot der Stunde: Was habt ihr an Finanzinstrumenten, die russischen Matrioschkas ähneln – eine Puppe in der anderen? Das zweite Gebot: Ihr müsst eure Kunden kennen, wissen, wer die Hypothek aufgenommen hat und wo die Immobilie steht, nicht blind Schachteln kaufen, in denen Tausende anderer stecken. Drittens: Wie bewertet ihr solche Schachteln? Hier müssen verbindliche Kriterien her – möglichst weltweit. Viertens: Wer passt auf die Aufpasser auf – all die Rating-Agenturen, die ein Papier leichtsinnig als AAA einstufen, also von höchster Sicherheit, und es dann plötzlich auf »höchstes Risiko« runterfahren? Schließlich sollten sich die Zentralbanken endlich auf Zusammenarbeit einigen. Wenn schon die Märkte verknüpft sind, sollten es auch die Geldwächter sein.
Ganz schlicht: Globale Märkte brauchen globale Regeln. Dies ist die Aufgabe der Staaten, aber im Dienste des Wachstums und zum Wohle der Verbraucher. Protektionismus und Kapitalkontrollen – die ewige Versuchung, wenn die Märkte verrücktspielen – wären dagegen schieres Gift für eine Weltwirtschaft, die immer noch schneller wächst als die der nationalen Systeme.
Regeln, nicht Reglementierung – damit die nächste Blase nicht zum weltweiten Tulpenwahn gerät.
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