ArchäologieGeburt einer Metropole

Gerade hat Berlin seine Gründung vor 770 Jahren gefeiert. Jetzt beweisen Archäologen: Die Stadt ist ein halbes Jahrhundert älter von Kai Michel

Claudia Melisch strahlt. Da führt Berlins aus dem Amt scheidender Landesarchäologe Wilfried Menghin seinen Nachfolger über die wichtigste Ausgrabung der Hauptstadt, und die Projektleiterin kann mit einer Sensation aufwarten. Heute Vormittag hat sie eine Holzbohle im Labor datieren lassen, die in einem der mittelalterlichen Erdkeller steckte. Die Eiche, von der sie stammt, wurde im Jahr 1192 gefällt, ergab die dendrochronologische Bestimmung. Damit ist das Holz der früheste gesicherte Nachweis für die Anfänge Berlins – und die Hauptstadt fast ein halbes Jahrhundert älter als gedacht.

»Ein Glücksfall«, sagt Menghin. Dass hier am südlichen Zipfel der Museumsinsel die Wiege Berlins stand, war klar. Nur wusste man bisher nicht, seit wann. Eine auf das Jahr 1237 datierte Urkunde berichtet von einem Pfarrer namens Symeon aus Cölln. So hieß die ältere Hälfte der anfänglichen Doppelstadt an der Spree. Daher gilt 1237 als offizielles Geburtsjahr der Hauptstadt. Wissenschaftlich gesicherte Beweise für das Alter aber gab es keine. »Ein Ziel der Grabung war die tatsächliche Altersbestimmung von Berlin«, sagt Claudia Melisch und freut sich: »Auftrag ausgeführt.«

Dabei ist die 39-jährige Archäologin noch längst nicht am Ende ihrer Arbeit. Ihr siebenköpfiges Team hat mit ebenso vielen Grabungshelfern erst zwei Drittel des Areals freigelegt, das meiste per Hand. Aber schon jetzt ist die Grabung am Petriplatz jene mit den bedeutendsten Funden in Berlin seit dem Mauerfall. Das will etwas heißen, ist doch seit 1989 die halbe Stadt umgegraben worden. Die Archäologen stoßen nicht nur auf Gegenstände des Alltags, sie finden auch die Überreste der Menschen, denen sie einst gehörten. 670 Skelette haben sie bisher geborgen; täglich werden es mehr.

Ein Bagger schüttet gerade Sand über mächtige Felssteinmauern, die mit weißen Geotextilien abgedeckt sind. So werden sie frostfest gemacht, erklärt Melisch, die nun über das Ausgrabungsareal führt. Zwei, drei Steinwürfe weit vom Auswärtigen Amt gelegen, hat man auf gut einem Hektar ein Fenster in die Geschichte Berlins geöffnet. Ausgerechnet an einem der trostlosesten Orte der Stadt: Hinterm Bauzaun wälzt sich der Verkehr über die achtspurige Gertraudenstraße, Hochhäuser und triste Neubauten stehen Spalier. Nichts kündet davon, dass hier die Geburtsstätte der heutigen Metropole liegt. Kein Wunder, dass selbst eingefleischte Berliner den Petriplatz nicht kennen. Und auch die Petrikirche nicht, die hier stand.

Deren getreppte Kalksteinfundamente im Boden sind das Einzige, was vom Kirchengebäude übrig blieb. Die Waffen-SS nutzte den 98 Meter hohen Turm in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs als Ausguck. Die Rote Armee beschoss die Kirche mit Granaten. 1960 sprengte die DDR die Ruine, weil sie dem Ausbau Berlins zur sozialistischen Hauptstadt im Wege stand, und legte einen Parkplatz an. Zum Glück!

Die Archäologen fanden nicht nur die Fundamente der Petrikirche, sondern auch die von mindestens vier ihrer Vorgängerbauten. Gleich unter dem Asphalt stieß man auch auf die dicken Mauern eines mittelalterlichen Gebäudes. Archivrecherchen ergaben, dass es sich um eine Lateinschule handelte. Lange schon war sie aus dem Gedächtnis der Stadt verschwunden – Berlins erste Schule, an der der Priesternachwuchs Liturgie und Latein paukte. »Es ist erstaunlich, wie groß das mittelalterliche Gebäude war«, sagt Melisch, zeigt auf das Mauergeviert und klettert hinein. Die Kellerwände sind weiß. »Kalk«, erklärt sie. 1730 waren die Häuser bis zur Spree hin abgebrannt. Auch die Lateinschule erwischte es, ihre Keller aber nutzte man nach dem großen Feuer als Bassin, um den Kalk für die Neubauten anzurühren. Später kippte man die Grube mit Abfall voll und legte darüber den Petriplatz an. »Diese Müllkippe aus der Mitte des 18. Jahrhunderts haben wir jetzt ausgegraben«, sagt die Archäologin. Was fanden sie nicht alles: Lederschuhe und Gürtelschnallen, Ofenkacheln und Tonpfeifen, Tierknochen und Austernschalen. Dazu feine Schnitzereien, Kämme und Kinderspielzeug. Außerdem sammelten die Ausgräber über 1.000 bunt schillernde Glasmarken ein, auf denen die Namen der Flaschenhersteller vermerkt waren, sogar aus Brüssel und Bad Pyrmont stammten einige Exemplare.

Vor allem aber fischte man Unmengen an Geschirr aus dem Müll. In einem Baucontainer versuchen die Forscher, einen Teil der Scherben zusammenzupuzzeln. »Erstaunlicherweise handelt es sich oft um ganze Gefäße, die hier entsorgt wurden.« Melisch zeigt einen Teller, auf dessen Rand links die Gabel und rechts das Messer aufgemalt sind. »Hier kann man sehen, dass Benehmen keine Kunst ist, sondern nur eine Frage der Organisation.« Auch zwei gefüllte Fässchen entdeckte man, der Inhalt wartet, in Beuteln abgefüllt, darauf, untersucht zu werden. Was könnte es sein? »Gurkenskelette«, scherzt die Archäologin.

Nachdem der Abfall ausgegraben war, setzte man die Buddelei fort und stieß unter der Schule auf noch ältere Erdkeller. »Um das Jahr 1200 standen hier Fachwerkhäuser«, erklärt die Grabungsleiterin. »Weil man die nicht unterkellern konnte, grub man im Freien separate Keller.« Noch ist die Rampe zu erkennen, die hineinführte. »Und in den Pfostenlöchern hier steckte das Geländer.« Die Archäologen gruben weiter – mittlerweile 3,5 Meter tief – und fanden an der Grundwassergrenze die Balken, mit denen der Keller abgestützt war. »Normalerweise erhält sich im märkischen Sand kein Holz so lange.« Aber jenes Stück, das sich heute als das älteste Baumaterial Berlins entpuppte, überdauerte die Jahrhunderte, weil es unter Sauerstoffabschluss im Wasser lag.

Überraschenderweise verliefen vor den ersten Häusern schon gepflasterte Wege. Ein Weg aus faustgroßen Steinen führt bis zur Kirche. »Hier hat man später ein Grab hineingeschnitten«, sagt die Archäologin und zeigt auf die Stelle. Tatsächlich liegt zwischen den Steinen ein Skelett, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt. Ein Friedhof umgab die Kirche, der, wie man aus einer alten Zeitungsmeldung weiß, 1717 aus hygienischen Gründen aufgegeben wurde. Er war fast 600 Jahre in Betrieb; sogar unter den allerersten Kirchenfundamenten gibt es Gräber. »Wir haben bald 700 Bestattungen geborgen«, sagt Melisch.

Schon 60 Zentimeter unter der Erde stieß man auf Skelette. Melisch zeigt auf eine freie Sandfläche. Es dauert etwas, dann erkennt man: Überall ragen Knochen aus dem Boden, lugen Schädel in die Wintersonne. Der Regen hat sie frei gewaschen. Bei neuen Bestattungen wurde keine Rücksicht auf die Toten in der Erde genommen. Bei jedem Spatenstich stießen die Totengräber auf alte Gerippe. Als dann im 18. Jahrhundert ein Platz entstand, entsorgte man die Leichen, die im Weg waren, in einer Grube. »In der haben wir mindestens 350 Individuen gefunden«, sagt Melisch. Ob Gas- oder Wasserleitung, Rohre für Fernwärme oder Kanalisation: Wann immer etwas in den letzten Jahrzehnten über den Petriplatz verlegt wurde, mussten sich die Arbeiter durch Gebeine wühlen. Selbst in den jetzt offen liegenden Abwasserkanal ragen Oberschenkelknochen hinein.

Unter einem Grabungszelt werden gerade behutsam einige Skelette freigelegt. Die Anthropologin Jeannette Fester wertet die Menschenfunde aus. »Noch können wir keine endgültigen Aussagen machen«, sagt sie, »aber es fällt auf, dass hier mehr junge Erwachsene begraben sind, als zu erwarten war.« Diese Altersstufe gilt eigentlich als Lebensphase mit geringer Sterblichkeit. »Das deutet auf eine hohe Anzahl von Infektionskrankheiten hin.« Tuberkulose oder Cholera trafen eben auch jene, die mitten im Leben standen.

Auffallend klein waren die Frauen: Im Schnitt gerade 1,47 Meter groß. Sogar eine Zwergin von nur 90 Zentimeter Körpergröße ist unter den Toten. Immer wieder diagnostiziert die Anthropologin schlecht verwachsene Knochenbrüche, rachitisch verbogene Glieder oder Fälle von Knochentuberkulose. Fester greift zu einem Schädel, den sie heute gefunden hat: Vom Nasenbein wuchert der Knochen in die linke Augenhöhle hinein. »Das führte zur Erblindung und drückte den Augapfel aus dem Schädel«, erklärt Fester. An einem anderen zeigt sie eine fortgeschrittene Karies: Die Entzündung fraß Eiterzysten tief in die Kieferhöhle hinein.

Nicht nur blanke Knochen stecken im Boden. »Junge Frauen hatten auf dem Kopf oft Totenhauben aus Drahtgeflecht, das mit Blumen geschmückt war«, erzählt die Anthropologin. Mitunter trugen die Toten Ohranhänger, Fingerringe oder ein Kreuz. Zweimal schon stieß man auf versteinerte Seeigel, die wohl als Talismane dienten. »Oft entdecken wir auch Münzen«, ergänzt Claudia Melisch. »Manchmal wurden die den Toten in den Mund gelegt.« Wozu? »Die Angst vor Wiedergängern war groß. Die sollten sich an den Münzen die Zähne ausbeißen.«

Die Tour durch die Geschichte Berlins nähert sich dem Ende. Zur Breiten Straße hin lag das Cöllnische Rathaus, das das mittelalterliche Stadtensemble von Schule, Friedhof und Kirche vervollständigte. Man riss es 1899 ab, um für ein Luxuskaufhaus Platz zu schaffen. Von dem ließ der Krieg nichts als weiß gekachelte Keller übrig. »Wir graben hier nicht nur die Bauten des Mittelalters und der frühen Neuzeit aus«, sagt Claudia Melisch zum Abschluss, »sondern auch die Menschen und ihre Habseligkeiten.« Die werden noch viel zu erzählen haben.

Bis sie wieder bestattet werden, ruhen die Skelette im Magazin des Berliner Landesdenkmalamts (LDA), in dessen Auftrag der Petriplatz ausgegraben wird. Jedes Individuum hat dort eine graue Archivkiste als Sarg auf Zeit bezogen. Karin Wagner, die Leiterin der Archäologie beim LDA, ist besonders froh, dass die Planungen für den neuen Petriplatz aufgrund der wichtigen Funde inzwischen korrigiert wurden und die Kirchenfundamente auf dem Platz künftig sichtbar sind. Die dicken Mauern der Lateinschule mitsamt der Erdkeller sollen im Untergeschoss eines neuen Hauses zu besichtigen sein.

»Das wird der erste Ort sein, an dem man die frühe Stadtgeschichte Berlins anhand von archäologischen Funden bestaunen kann«, sagt die Denkmalpflegerin. Auch die Skelette werden eine würdige Ruhestätte finden. Die Toten, die jetzt bei der Suche nach der Wiege Berlins geborgen werden, will man in den Fundamenten der Petrikirche beerdigen. Denn dort ist ihr Platz.

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Leserkommentare
    • Sikasuu
    • 02. Februar 2008 12:03 Uhr

    Archäologie:
    Berlin ist 50 Jahre älter als bisher angenommen »Macht Ihr da noch ne Null rein?Grüsse an den Saetzer:-)

  1. Ein lächerlicher Versuch, diese Pseudo-Metropole zu hypen. 

  2. Berlin ist durch diesen Fund und die darauf folgende These jünger, nicht älter, geworden. In der Veröffentlichung der Historischen Kommission zu Berlin "Gründungsstadt Berlin", berichtet der Historiker Winfried Schich von einem anderen Forschungsergebnis. Aus einer früheren (als der jetzigen) Grabung am Petriplatz stammt ein verkohlter Eichenspaltbohlen, der durch dendrochronologische Untersuchung auf "um / nach 1171" datiert wurde. Diese Ergebnisse wurden publiziert und sind längst in die Berlin-Forschung eingegangen. Professor Dr. Schich schrieb seinen Kommentar in dem im Jahr 2000 erschienenen Buch. 

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  • Schlagworte Auswärtiges Amt | Bestattung | DDR | Berlin | Brüssel | Spree
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