Ausbildung Wer gut ausbildet, gewinnt
Lehrlinge kosten nur Geld, glauben viele Unternehmen und Politiker. Das ist ein fataler Irrtum.
Deutschland ist Exportweltmeister auf der ganzen Breite hoch innovativer Produkte und produktionsbezogener Dienstleistungen. Selbst der starke Euro hat daran nichts geändert. Eine der Ursachen für die hohe Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft ist eine hoch entwickelte Facharbeitertradition und das duale Berufsbildungssystem, das diese Fachkräfte hervorbringt.
Auszubildende wachsen in den ausbildenden Betrieben durch zunehmend selbstständig wahrzunehmende Arbeitsaufträge in ihren Beruf hinein. Die Auszubildenden entwickeln dabei nicht nur ihre berufliche Fachkompetenz, sondern zugleich berufliche Identität. Darauf basieren berufliches Engagement und Qualitätsbewusstsein, eine Grundlage für hohe Arbeitsproduktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Die so Ausgebildeten schließen nicht selten ein Ingenieurstudium ab. Das gute Verstehen zwischen Studierten und Gelernten hat hier eine ihrer zentralen Ursachen. Um diese Praxis werden vor allem Deutschland und die Schweiz mit ihren entwickelten dualen Berufsbildungssystemen von vielen Ländern zu Recht beneidet. So weit, so gut.
Der Anteil der ausbildenden Betriebe ist in den letzten drei Jahrzehnten zurückgegangen. Nur noch die Hälfte der Betriebe, die ausbilden könnten, bilden aus. Nur rund 4 Prozent der Beschäftigten sind Auszubildende. Das ist deutlich zu wenig angesichts des steigenden Fachkräftebedarfs. Eine durchschnittliche Ausbildungsquote von sechs bis sieben Prozent gilt unter Fachleuten als angemessen.
Die Politik reagiert auf die krisenhafte Entwicklung der dualen Berufsausbildung mit Finanzierungskonzepten. In den Köpfen von Politikern und von vielen Unternehmern hat sich die Gleichung »Ausbildung gleich Kosten« eingenistet. Ein Auszubildender kostet nach den offiziellen Veröffentlichungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 8600 Euro pro Jahr. Betriebswirtschaftlich würde ein Unternehmen, das trotzdem ausbildet, sich ökonomisch nicht rational verhalten. Wer genauer hinschaut, kommt zu einem ganz anderen Ergebnis. Kürzlich publizierte die Forschungsgruppe Bildungsökonomie der Universität Bern die Ergebnisse einer repräsentativen Untersuchung für die Lehrlingsausbildung in der Schweiz. Danach ergibt sich landesweit ein Nettoertrag von 500 Millionen Schweizer Franken im Jahr. Die betriebliche Ausbildung ergibt also für die große Mehrheit der Schweizer Betriebe ein Plus! Die Begründung für dieses Ergebnis ist weniger geheimnisvoll, als es zunächst anmutet.
In einer Fallstudie berichtete der Inhaber einer Landschaftsgärtnerei mit 30 Beschäftigten und sechs Auszubildenden von den Erfolgen seiner guten Ausbildung, die regelmäßig Landessieger hervorbrächten. »Meine sechs Meister und ich betreuen die Auszubildenden in realen Arbeitsprozessen so gut, dass sie am Ende des zweiten und am Beginn des dritten Ausbildungsjahres wie vollwertige Arbeitskräfte arbeiten können.« Auszubildende schaffen in diesem Unternehmen – abzüglich aller Berufsschultage – etwa das halbe Arbeitsvolumen eines Gesellen, kosten aber nur etwa ein Drittel. »Nur so kann ich mein Angebotsniveau aufrechterhalten, um am Markt zu konkurrieren«, begründet der Chef sein Ausbildungsengagement.
Drei wissenschaftliche Studien liegen mittlerweile vor, die auch für Deutschland bestätigen, dass sich eine betriebliche Ausbildung so gestalten lässt, dass sie zugleich eine hohe Ausbildungsqualität erreicht und sich selbst finanziert. Für die kaufmännische Berufsausbildung hat dies bereits 1994 eine Studie der AEG nachgewiesen. Für den großen Ausbildungsberuf, den Kraftfahrzeugmechaniker, wurde 1998 in einer Studie des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes bestätigt, dass die Ausbildung in Betrieben mit mehr als 30 Beschäftigten kostenneutral ist oder sogar Nettoerträge bringt. Anfang Januar hat die Bremer Landesinitiative »Innovative Berufsbildung 2010« Untersuchungsergebnisse zu den Kosten, Erträgen und zur Qualität der betrieblichen Berufsausbildung vorgelegt, die die Schweizer Untersuchungsergebnisse bestätigen. Auf der Basis von rund 100 Ausbildungsbetrieben mit etwa 900 Auszubildenden ergibt sich ein durchschnittlicher Nettoertrag von 300 Euro. Über die Hälfte der Unternehmen bildet rentabel aus. Das bildungspolitisch herausragende Ergebnis dieser Studie ist die neue Erkenntnis, dass eine hohe Ausbildungsqualität sich positiv auf die Rentabilität der Ausbildung auswirkt. Eine gute Ausbildung kennt daher nur Gewinner: die gut Ausgebildeten und die Ausbildungsbetriebe, die im Durchschnitt mit ihrer Ausbildung Nettoerträge erwirtschaften.
Betriebe mit Nettoausbildungskosten haben daher allen Anlass, die Qualität ihrer Ausbildung unter die Lupe zu nehmen. Zwei Faktoren sind es vor allem, die die Ausbildungskosten verursachen: Erstens sind dies Ausbilder, die ausschließlich Ausbildungsaufgaben außerhalb produktiver Arbeits- und Geschäftsprozesse wahrnehmen. Diese traditionelle Rolle wird in der modernen Ausbildung zunehmend abgelöst durch Ausbilder, die die Lehrlinge in produktiven Arbeitsprozessen anleiten und begleiten. Diese Ausbilder sind daher in ihrer Ausbildungstätigkeit zugleich produktiv tätig. Vor allem in der industriellen Berufsausbildung hat sich im vorigen Jahrhundert eine Ausbildungstradition herausgebildet, die auf das lehrgangsförmige Lernen in betrieblichen Ausbildungszentren setzt. Hier sind die Forschungsergebnisse ebenso eindeutig: Diese verschulten Formen betrieblicher Ausbildung mindern die Ausbildungsqualität und erhöhen die Ausbildungskosten. Betrachtet man das Verhältnis von Kosten und Erträgen der Ausbildung über den gesamten Ausbildungszeitraum, dann erkennt man, dass sich im Durchschnitt vor allem im ersten und zweiten Ausbildungsjahr Nettokosten ergeben. Eine zweijährige Berufsausbildung, wie in der bildungspolitischen Debatte gelegentlich gefordert, würde daher die Ausbildungskosten deutlich erhöhen und die Qualität mindern.
Die Konsequenzen, die sich aus den bildungsökonomischen Untersuchungen ergeben, liegen auf der Hand. Es besteht kein Anlass, die Ausbildung direkt und indirekt zu subventionieren, da sich eine gute Ausbildung durch die Ausbildungserträge selbst finanziert.
Vor allem die großindustrielle Berufsausbildung ist herausgefordert, sich auf das Herzstück des betrieblichen Lernens zu besinnen, das Lernen in realen Arbeits- und Geschäftsprozessen, und Auszubildenden als ihren neuen Mitarbeitern etwas zuzutrauen. Das Isolieren von Auszubildenden in praxisfernen Lehrwerkstätten ist eine Fehlentwicklung und muss korrigiert werden.
Die bildungspolitisch begründete Praxis, zusätzliche Ausbildungsplätze bei außerbetrieblichen Bildungsträgern zu schaffen, kommt dem Eingeständnis gleich, dass das duale Berufsbildungssystem nur mit staatlicher Alimentierung erhalten werden könne. Die Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Qualitätsforschung zeigen, dass es sich für alle Beteiligten lohnt, berufliche Bildung als Innovation und Investition zu betrachten und zu organisieren und nicht als eine Maßnahme zur Versorgung von Jugendlichen mit Ausbildungsplätzen, die der staatlichen Subventionierung bedarf. Dies schließt natürlich nicht aus, dass Betriebe durch staatliche Maßnahmen unterstützt werden, um Jugendlichen mit unzureichender Ausbildungsreife eine Ausbildung zu ermöglichen.
Natürlich kann es kein Ziel beruflicher Bildung sein, Gewinne zu erzielen. Aber es spricht alles dafür, ihre Qualität zu erhöhen. Dann ist sie auch rentabel.
Felix Rauner, langjähriger Direktor des Instituts Technik und Bildung der Universität Bremen, ist einer der angesehensten Berufsbildungsforscher in Deutschland
- Datum 04.02.2008 - 07:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.01.2008 Nr. 06
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...eine Firma ausbilden? Bei Facharbeitermangel ruft man einfach nach der Politik, die möge es bitte richten und die Grenzen öffnen oder die Bildung verbessern. Warum selbst Geld und Mühe investieren, Wirtschaft lernt schnell und es klappt fast immer. Wenn nicht in Deutschland, dann halt mit der EU-Bluecard oder Osterweiterung.
Im Übrigen beuten viele Firmen ihre Lehrlinge schon jetzt regelrecht aus, vor allem am Bau, wie ich innerfamiliär immer mal wieder mitbekomme. An die getraut sich niemand ran, weil Lehrplätze knapp sind. Diese Azubis haben dabei doppelt die schlechte Karte gezogen, einerseits miese Prüfungen weil sie halt mal eben 2 Wochen auf Montage mussten, statt lernen zu können, zum anderen idR miese Behandlung und Bezahlung. Es gab allen Ernstes einen Vorarbeiter, der alle Lehrlinge durchnummerierte, weil er zu faul war sich die Namen zu merken.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch überbürokratische IHK-ler, die einen Mechatroniker lieber einen vollkommen nutzlosen Öffnungsmechanismus (Material usw. hätte ca. 2000,- gekostet) zur Prüfung bauen lassen, als eine Maschine die einer kleinen Firma auch was nützen würde (hab ich selbst miterlebt). Erst nach langen Streiterein gab die IHK dann nach, mein damaliger Chef bildet jetzt nicht mehr aus, der Ärger war ihm einfach zu gross.
Gerade für kleine Firmen ist es dazu ein riesiges Ärgernis, dass Mercedes und Co. zwar IHK-Zwangsgebührenbefreit sind (man höre und staune) aber andererseits quasi den Stundenplan mitgestalten. Während die kleinen Zahler-Firmen dann Azubis bekommen, die zwar mit AUTOCAD umgehen und millionenteure Maschinen bedienen können, aber denen einfachste technische Grundlagen fehlen.
Selber kann ich nur bestätigen, was der Artikel berichtet - sicher habe ich meinen Ausbildungsbetrieb netto größeren Nutzen gebracht als Kosten verursacht, trotz direkter Betreuung durch den Finanzvorstand. Es ist einfach ein Irrglaube, dass Ausbildung teuer sei! Klar gibt es Bereiche, die sehr aufwendig sind und wo besonders die Grundausbildung kaum Nutzen für den Betrieb hat. Wieso man dann aber die Ausbildungsdauer verkürzen will, ist mir schleierhaft. Betriebswirtschaftlich wäre eine Verlängerung unter (fast) allen Umständen sinnvoll, weil man zum Ende hin die Rendite einfährt, wenn der Azubi fast voll mitarbeitet aber noch lang nicht voll verdient!Als Abiturient stört mich vor allem eines an der Berufsausbildung heutiger Bauart: dass sie nicht auf das System unserer Hochschulen angepasst ist. Sehr leicht könnte man zumindest für einige Bereiche (Bankkfm, Ind.-kfm. etc.) zweizügige Berufsschulkurse einrichten. In welchen die engagierteren Schüler (bei entsprechendem Vorwissen) anspruchsvollere Kurse besuchen (z. B. durch Blockunterricht an einer ggf. entfernteren Berufsschule), welche bereits ECTS nach Bolognasystem erteilen und die weniger engagierten Schüler dem klassischen Unterricht folgen. Natürlich ist es politisch nicht wirklich gewollt, dass noch mehr Abiturienten eine Ausbildung machen (und "Ausbildungsplätze wegnehmen") - doch aus meiner Erfahrung im Studium weiß ich, wie wertvoll die Ausbildungskenntnisse waren, und im Berufsleben immer sein werden. Man kennt halt die Basis. Aber ich weiß auch, wieviel meines Grundstudiums bloße Wiederholung bereits gelernten Stoffes im wissenschaftlichen Gewand war. Da hätte ich mir sicher ein Jahr Studium sparen können, wenn meine Berufsschulbelastung nur wenig höher gewesen wäre! Also statt eineinhalb Jahren Ausbildung (maximal verkürzt von drei Jahren) und drei Jahren Bachelorstudium lieber zwei Jahre Ausbildung mit Extrakursen und nur zwei Jahre Studium.Der Vorteil wäre, dass man (in ganz Europa, wenn andere Länder mitmachen würden) zu einem 2 + 2 + 2 System der Ausbildung kommen könnte. Für Abiturienten. Für Menschen mit anderen Abschlüssen könnte man außerdem eine zweite Laufbahn zum Studium eröffnen (indem man BOS/FOS etc. in die BS integriert). Diese könnten dann 4 + 2 + 2 Jahre mit ihrer Ausbildung verbringen, ohne gegenüber Abiturienten zeitlich zurückzufallen. Sie wären halt stärker spezialisiert. Gleiches sollte für den (Industrie)Meister gelten, der eigentlich eine
ähnliche Beachtung verdient wie ein Executive MBA - als
Eingangsvoraussetzung ist in beiden Fällen relevante mehrjährige
Berufserfahrung nach Berufsausbildungsabschluss Pflicht.Sicher ist der Vorschlag noch unausgereift - aber die Stoßrichtung muss klar sein: Deutschland muss sein weltführendes Ausbildungssystem stärken und ausbauen, und gleichzeitig die Fortbildung zum Bachelor / Master integrieren. So kann der spezifisch deutschen Situation Rechnung getragen werden, ohne internationale Flexibilität und Angleichung zu verhindern. Auf keinen Fall dürfen wir die minderwertigen dortigen schulischen Ausbildungssysteme übernehmen!
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