Anfang 2006 meldeten der WDR, der MDR, n-tv, Spiegel Online und andere Medien eine politische Sensation. Vom Ticker der Nachrichtenagentur AP hatten sie eine Meldung übernommen: "Bund Deutscher Juristen fordert Aussagen unter ›leichter Folter‹ – Offene Diskussion und Bruch von Tabus verlangt".

Die Meldung war eine Ente. Ein bis heute unbekannter Schalk hatte die Website www.bunddeutscherjuristen.org ins Netz gestellt und dann die heikle Nachricht verschickt, dass dessen Vorsitzender Dr. Claus Grötz, angeblich im Hauptberuf Strafrichter am Bundesgerichtshof, die Folter gefordert habe. Keinem Redakteur war aufgefallen, dass es diesen Richter gar nicht gibt. Auch hatte niemand bemerkt, dass der angeblich bereits 1952 gegründete Bund Deutscher Juristen erst seit dem 28. Dezember 2005, zwei Tage vor der Pressemeldung, seine Website betrieb, dass diese kein Impressum enthält und dass der Urheber nicht zu ermitteln ist.

Das Internet ist ein Geschenk für die Demokratie. Nirgendwo gibt es weniger finanzielle, technische und politische Hürden, seine Meinung zu publizieren. Andererseits greifen im Internet nicht die Qualitätskontrollen, die bei Printmedien üblich sind. Es gibt oft weder Lektorat noch Redaktion, die Möglichkeit der Anonymität begünstigt Missbrauch. Doch viel zu viele Surfer nehmen immer noch alles für bare Münze, was sie in ihrem Browserfenster lesen.

Internetrecherche ist bequem. Das schnelle Medium gaukelt Aktualität vor, deshalb ist es inzwischen bei der Informationsbeschaffung meist die erste Wahl. In der Schule lautet die Aufgabe oft: Finde zum Thema X Informationen im Netz, und viele Schüler (und oft auch die Lehrer) glauben, mit ein bisschen Googeln und dem Ausdruck der Fundstellen sei die Aufgabe erledigt. Dabei fängt die eigentliche Arbeit dann erst an. Die Informationen müssen verglichen werden, man muss ihre Glaubwürdigkeit einschätzen. Das ist schwierig und wird bisher kaum gelehrt, wohl auch, weil viele Lehrer damit selbst überfordert sind. Inzwischen gibt es die ersten Leitfäden, mit deren Hilfe recherchierende Kinder die Vertrauenswürdigkeit von Webinhalten beurteilen können: Das Internet-ABC , das sich an 5- bis 12-Jährige richtet, leitet im Abschnitt Von Autoren und Datendieben zu ersten kritischen Fragen an. Detailliertere Informationen für ältere Nutzer bietet Lehrer Online .

Eine Webseite ist keine Seite wie ein Stück Papier, sondern eine Datei. Außer dem Text enthält sie Befehle, die weitere Dateien wie Bilder, Formatierungsanweisungen und Programmskripte laden. Der Webbrowser zeigt das auf dem Bildschirm an. Allerdings nützt das manchmal nicht viel, denn der Nutzer sieht beileibe nicht alles.

Wer schreibt? Die ersten Fragen betreffen Autor, Text und Aktualität. Wer schreibt? Welcher Standpunkt, welches Vorurteil wird vertreten? Sind die Informationen stabil oder bald überholt? Sind sie plausibel und prüfbar? Gibt es Links, wohin zeigen sie, und funktionieren sie? Besonders wichtig ist die Frage der Aktualität: Ist das Publikationsdatum oder das der letzten Änderung genannt? Viele Informationen im Internet sind undatiert und auch dann noch anrufbar, wenn sie längst veraltet sind. Wenn kein Datum angegeben (oder dies zweifelhaft) ist, kann man bei Archive.org nachsehen, wie lange die Seite schon existiert und wann sie geändert wurde.

Das Umfeld Wichtig ist auch das Umfeld der Seite: Wo erscheint sie – bei einer Zeitschrift, einer Universität, einer Behörde, einer Bürgerinitiative? Eine Website über den amerikanischen Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King, der 1968 ermordet wurde, steht unter www.martinlutherking.org im Netz. Zunächst hat es den Anschein, als pflege hier eine Privatinitiative dessen Andenken. Ganz unten auf der Startseite steht aber, dass sie von Stormfront betrieben wird, einem Neonaziverein in den USA, mit dem Motto: White pride – worldwide.