Wenn sich der Erfolg einer Schule an der Art der Probleme ablesen lässt, mit der ihr Rektor zu kämpfen hat, dann hat es Aleksander Dzembritzki weit gebracht. In sechs Tagen kommt der Bildungssenator, dazu kommen die Senatorin für Stadtentwicklung und die Frau eines ehemaligen Bundespräsidenten, und plötzlich funktionieren die Fahnenmasten im Schulhof nicht mehr. Dzembritzki steht neben seinem Schreibtisch, horcht in den Telefonhörer hinein und verzieht kurz das Gesicht. »Das Hochziehen der Flaggen ist also gewährleistet, ja?«, fragt er dann, betont freundlich, und seiner Stimme ist nicht anzumerken, dass er seit heute Morgen um sieben eine Zensurenkonferenz hinter sich gebracht hat, Akten bearbeitet, Interviewanfragen beantwortet, eine Pressekonferenz vorbereitet und jetzt auch noch Handwerkern hinterhertelefonieren müssen, und das schon seit 20 Minuten. Als Retter der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln darf man nicht kleinlich sein.

Ein paar Hundert Meter weiter, auf der anderen Seite von Nord-Neukölln, sitzt noch ein Rektor in seinem Büro und wartet auch auf seine nächsten Gäste. Sie stammen vom zuständigen Polizeiabschnitt und sollen die Anzeige gegen einen Schüler aufnehmen, der seinen Klassenkameraden blutig geschlagen hat. Der Rektor heißt Detlef Pawollek und leitet seit zwei Jahren die Kurt-Löwenstein-Schule, eine der anderen vier Hauptschulen im Bezirk. »Nicht, dass wir uns falsch verstehen«, sagt er. »Ich gönne der Rütli-Schule die Aufmerksamkeit. Doch es strengt schon an, vieles immer wieder aufs Neue mit großem Aufwand erkämpfen zu müssen.«

Angela Merkel lud Rütli-Schüler sogar ins Kanzleramt ein

Es ist nicht lange her, da waren diese zwei Namen, Rütli und Neukölln, Stigma im Quadrat.Als die Rütli-Lehrer vor zwei Jahren in einem offenen Brief die Auflösung ihrer Schule forderten, stand sie plötzlich wie keine Hauptschule zuvor für das Versagen des Schulsystems in sozialen Brennpunkten: ein Migrantenanteil von über 80 Prozent, überforderte Lehrer, die nicht die Sprachen ihrer Schüler sprechen und Angst haben, vor ihre Klasse zu treten; Schüler, die vom Leben wenig erwarten und ihre Perspektivlosigkeit in Aggression umschlagen lassen. Das waren die Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, die düsteren Bilder einer Schule, die im krassen Gegensatz standen zur schmucken hellen Fassade des frisch sanierten Gründerzeitbaus.

Doch mittlerweile hat die Rütli-Schule einen erstaunlichen Wandel hinter sich: keine Gewaltausbrüche mehr, stattdessen Kooperationspartner von der Deutschen Bahn bis zur Freudenberg-Stiftung, mutige pädagogische Konzepte und jede Menge Politiker, die auf Stippvisite vorbeischauen. Zuletzt war die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, da. Und als Rütli-Schüler einer überfallenen TV-Moderatorin das Leben retteten, lud Angela Merkel sie zur Ehrung ins Kanzleramt. In der Turnhalle steht eine neue Kletterwand, private Sponsoren haben es möglich gemacht. Es scheint so, als wollten Politik und Gesellschaft am Negativbeispiel Rütli-Schule ein positives Exempel statuieren. »Das Signal, das von Rütli ausgeht, ist: Eine Wende ist möglich«, sagt Rektor Dzembritzki, ein noch junger, energischer Mann mit Geheimratsecken. Als er von der Schulmisere in Neukölln hörte, arbeitete er in Schleswig-Holstein, war Beamter auf Lebenszeit. Doch der gebürtige Berliner zögerte nicht lange und bewarb sich auf die Rektorenstelle, die mehr an einen Schleudersitz erinnerte. Er war der einzige Interessent. »Eine Wende ist möglich«, wiederholt er mit Nachdruck, setzt sich kurz hin, steht wieder auf. »Wenn wir es nur wollen und hart dafür arbeiten.«

Als Detlef Pawollek den Satz hört, muss er lächeln, drüben im Fünfziger-Jahre-Zweckbau, der die Kurt-Löwenstein-Schule beherbergt. Es ist kein böswilliges Lächeln, kein Auslachen, keine Besserwisserei, vielleicht liegt darin eine Spur Bitterkeit. »Sicher, hartes Arbeiten gehört dazu«, sagt Pawollek dann. Jahrelange Arbeit, könnte man jetzt ergänzen, doch für solche Spitzen ist er zu sehr Profi.

Die Kurt-Löwenstein-Schule hat laut Senatsinformationen einen Migrantenanteil, der noch über dem der Rütli-Schule liegt, Bildungsferne, Arbeitslosigkeit und Alkoholprobleme prägen viele Elternhäuser. Doch anders als beim Nachbarn Rütli ist das Schulklima hier nie gekippt. Pawollek und seine Vorgängerin haben die Schule ohne all die Hilfen, Spenden und Politikerworte nach vorn gebracht, sozusagen im Windschatten der Rütli-Krise und gegen den aus ihr resultierenden Generalverdacht gegen alle Neuköllner Hauptschüler.