Campus-Maut Es geht doch!

Studienkredite müssen nicht abschrecken - allerdings nur dann, wenn die Bildungspolitiker an der Verschuldungsschraube drehen.

Die Bilanz zum Start der Studiengebühren vor einem Jahr war verheerend: Nur 713 Studenten schlossen in Niedersachsen einen Kreditvertrag ab, gleichzeitig brach die Zahl der Bafög-Neuanträge um mehr als acht Prozent ein. In den anderen Bundesländern mit Campus-Maut sah es nicht viel besser aus, offenbar schreckten gerade die sozial schwächeren Abiturienten vor den Krediten zurück und verzichteten häufig sogar ganz auf ein Studium.

Dabei war das Versprechen der Wissenschaftsminister, die Abschreckungswirkung der Gebühren durch ein sozial gerechtes Kreditsystem zu flankieren, eine der Grundvoraussetzungen für ihre Einführung gewesen. Selbst die Gebührenbefürworter mahnten plötzlich lautstark: So nicht!

Umso erleichterter ist jetzt Andreas Pinkwart (FDP), Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, angesichts der überraschend guten Zahlen, die er präsentieren kann: Rund 51 000 der Studenten an Rhein und Ruhr nutzen inzwischen ein Gebührendarlehen, 18 Prozent aller Beitragspflichtigen.

Wie der Erfolg zu erklären ist? NRW hat die Maximalverschuldung, die einem Studenten inklusive Bafög zuzumuten ist, von Anfang an niedrig angesetzt. Bei 10 000 Euro Kredit ist Schluss, alles darüber hinaus muss der Student nicht zurückzahlen. Faktisch bedeutet das laut Pinkwart, dass zwei Drittel aller Bafög-Bezieher komplett von der Rückzahlung der Gebührenkredite befreit sind, also am Ende gebührenfrei studieren. Diese großzügige Regelung scheint sich mittlerweile unter den Studenten herumgesprochen zu haben.

Aus diesem Erfolg lassen sich zwei Lehren ziehen: Erstens sollten die anderen Bundesländer dem Beispiel folgen und ihre Verschuldungsgrenzen senken, in Niedersachsen etwa liegt sie bei happigen 15000 Euro. Zweitens, und das mag trivial klingen, müssen sie es ihren Studenten auch sagen. Denn die Kommunikationsstrategien vieler Minister nach Einführung der Campus-Maut waren oft noch katastrophaler als die Kreditbedingungen. Dann hätten die Studiengebühren, bei sinnvoller Verwendung an den chronisch unterfinanzierten Hochschulen, doch noch eine Chance auf Akzeptanz.

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings auch in NRW: Nicht etwa das Wissenschaftsministerium finanziert die Großzügigkeit, sondern die übrigen, also die zahlenden Studenten. 18 Prozent ihrer Gebühren gehen in einen Ausfallfonds. Es wäre mehr als eine symbolische Geste, wenn die Landesregierung einen Zuschuss zu dem Fonds bewilligte.

Die Studenten haben ein Recht darauf, dass ihre Gebühren möglichst vollständig bei ihrer Hochschule ankommen – und nicht Sozialpolitik damit gemacht wird, für die an sich das Land aufkommen sollte.

Könnte Pinkwart seinen Finanzminister von einem solchen Schritt überzeugen, wäre Nordrhein-Westfalen ein noch leuchtenderes Vorbild für die anderen.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn 18 Prozent der Maßstab sind an dem der Erfolg eines Gesetzes bemessen wird , ja dann will ich nichts gesagt haben....

  2. Vielleicht etwas abseits vom Thema, aber wenn ich lese, wie gut Studierende doch unterstützt werden, wird mir schlecht.
     
    Studierenden aus ärmeren eine Hilfe zu zahlen ist vom Prinzip her eine feine Sache - man will ja auch kein Potenzial vergeuden, sozial gerecht sein und dergleichen. Doch auf den Zweiten Blick sieht die Förderung für finanzschwache Studierende anders aus.
     
    BaföG an sich kriegen viele. Doch nur wenige erhalten den vollen Satz, von dem man auf sehr armen Verhältnissen noch gerade eben leben kann. Für die große Gruppe derer, die nicht den Höchstsatz erhalten, sondern die vielleicht mal 50 oder 100 Euro erhalten sieht die Welt oft schon anders aus - wenn die Eltern nicht aufstocken können. Aus eigener Erfahrung ist es selten der Fall. Somit müssen die betroffenen nebenbei arbeiten - was für viele abschreckend ist.
     
    Letzten Endes steht die Politik aber ganz gut da: Man fördert ja die, die es wirklich brauchen. Nur das von denen statistisch gesehen kaum jemand studiert. Also kann man behaupten, Bildung zu fördern ohne es wirklich zu tun.

    • Hipper
    • 04.02.2008 um 10:11 Uhr

    Wirklich überzeugend ist das aber immer noch nicht. Zumal mir immer noch niemand einigermaßen plausibel erklären konnte, welche akuten Probleme des deutschen Bildungswesen durch die Einführung von Studiengebühren nun konkret gelöst werden! Alles was man diesbezüglich zu hören kriegt sind ideologische Milchmädchenrechnungen, rhetorisches Geplänkel, vage Andeutungen oder realitätsferne HochglanzparolenAbgesehen davon, dass die Erhebung einer "Campus-Maut" einen zivilisatorischen Rückschritt darstellt, sehe ich nicht, wie ausgerechnet mit einer solchen Maßnahme der chronische Akademikermangel und die skandalöse Bildungsungerechtigkeit in unserem Lande behoben werden sollte.  

    • Anonym
    • 06.02.2008 um 20:17 Uhr

    Nachdem ich mein Abitur gerade nachhole (auf dem 2. Bildungsweg) werd ich demnächst auf die Uni gehen. Ich hab mich eingehend informiert und bin mit dem Konzept der Studiengebühren, die international immer noch sehr gering sind, einverstanden. Auch wenn ich mit meinem Geldbeutel mehr davon hät wenn es sie nicht gäbe, ich hab auch keine reichen Eltern sondern eine alleinerziehende Mutter. Aber ich sehe nicht das ich als angehender Akademiker, der später mehr als genug zum Leben verdienen wird, die Ausbildung dafür kostenlos bekomme - bezahlt vom Durchschnittsbürger der einem Lehrberuf nachgeht und diesen Staat trägt (Diskussionen ranken sich zwar gern um Minderheiten wie Arbeitslose, "Manager", etc. - aber das ist nicht die Mehrheitsgesellschaft). Auch bin ich kein Lehensherr so dass ich sagen würde, na der Schlosser braucht ja auch einen Ingenieur der ihm erstmal "zeigt" wie er sein Zeug nach einem Plan zu fräsen hat etc. - das ist blöder Schmarn. Der Ingenieur ist ohne den Schlosser nämlich ebenso nichts. Ich werd mit Schulden in den Beruf gehen, aber es gibt entsprechende Regelungen die mir eine flexible Rückzahlung ermöglichen so das ich in keinem Fall in eine Schuldenfalle tappe. Und wenn die Lehre sich dann auch wieder verbessert (mehr Professoren etc.) dann zahle ich gerne dafür. Und ich brauche auch niemand der für mich und andere "Betroffene" spricht der vielleicht vor 30 Jahren mal studiert hat..

  3. Ich finde es toll, dass Bafög Empfänger nicht mehr als 10.000 Euro zahlen müssen. Bei mir ist es jedoch so, dass meine beiden Geschwister auch studieren, meine Eltern aber zuviel Geld verdienen, als dass wir Baföf bekommen würden. Würde meine Mutter aufhören als Lehrerin zu arbeiten, würden wir deutlich mehr Geld über Bafög und Studiengebühren vom Staat geschenkt bekommen als meine Mutter im Monat ausgezahlt bekommt.Durch diesen großen Unterschied zwischen Bafög Empfänger und nicht Bafög Empfänger sind Studiengebühren bestimmt nicht sozialer geworden!

  4. Ironstorm, aber einen Bildungskredit können Sie doch auch - unabhängig vom Baföganspruch - beantragen. Und zwar nicht nur für die Studiengebühren, sondern auch für die Lebenshaltungskosten. Ich war während des Studiums in einer ähnlichen Situation (Elterneinkommen knapp über der Baföggrenze) und ich hätte gerne Studiengebühren gezahlt, wenn ich zugleich die Möglichkeit gehabt hätte, ein Studentendarlehen zu bekommen. Ich hätte dann sehr viel weniger jobben müssen.

  5. Da ich kurz vor dem Ende meines Studiums stehe, benötige ich hoffentlich keinen Studienkredit mehr. Soweit ich weiß, muss man aber bei einem Studienkredit den vollen Kredit inklusive nicht gerade niedriger Zinsen zurückzahlen.Ich würde mir ein Studienmodell wie Dänemark wünschen, wo jeder Studierende unabhängig vom Einkommen der Eltern ein "Grundeinkommen" erhält. Dieses kann man dann später, wenn man genug verdient, zurückzahlen. Das würde auch das Problem beheben, dass einige Kinder bei ihren Eltern die Finanzierung des Studiums einklagen müssen...

  6. Bei uns haben die Gebühren nicht wirklich zu Verbesserungen bei getragen.Nach Abzug  erwähnten 18% Absicherung für soziale Notfälle und anderen Verwaltungskosten bleibt ja auch nicht mehr allzuviel übrig ... aber Unis brauchen viel Geld, man könnte natürlich sagen Gebühren hoch -> mehr Geld, aber das sozial sehr ungerecht.Würde es viel mehr begrüßen, wenn Akademiker wenige Prozent ihres Gehalts an die Unis abführen müssten (wenn man 20 Jahre arbeitet muss man etwa 20€ pro Monat zahlen, um die bisher üblichen 500€ pro semester, bei 10 semestern studiendauer aufbringen ->5000€), aber ich denke es würde von sehr vielen als wesentlich "gerechter" empfunden und auch keine Abschreckende Wirkung und soziale Auslese nach sich ziehen. Das Bafög wird ja zum glück demnächst endlich mal erhöht, wenn man den Höchstsatz bekommt bzw einen Teil und den Rest von den Eltern, kann man davon leben find ich.

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