Klassiker der Moderne (96) Aus dem Schrein
Fela Kutis Klangkosmos kann nicht auf eine Platte begrenzt werden: Jazz und Afrobeat fanden in langen Sessions zusammen. Seit den frühen Siebzigern ist seine Musik die Waffe der nigerianischen Opposition
95 Musikklassiker wurden in dieser Rubrik bereits vorgestellt, die Serie geht auf ihr Ende zu, doch eine afrikanische (wahlweise auch: asiatische, neuseeländische, australische) Aufnahme war bislang nicht dabei. Die Globalisierung hat eben doch noch zu keinem wirklich globalen Blick auf die Kulturen der Welt geführt. Es gibt aber auch Musiken, die sich aus anderen Gründen dem Blick und dem Ohr des Westens entziehen.
Fela Kuti, Saxofonist, Agitator und Bandleader, hat zwar Schallplatten eingespielt, so viele sogar, dass die Diskografien, die sein Schaffen verzeichnen, zu langen, unübersichtlichen Listen anschwellen. Manche wollen über 50 Alben gezählt haben. Vermutlich weiß niemand genau, wie viel Material editiert ist und was noch in Archiven vor sich hin staubt. So bedauerlich dies unter Gesichtspunkten der Vollständigkeit und der Verfügbarkeit sein mag, so folgerichtig ist es zugleich. Tonträger dokumentieren nur auf höchst unzulängliche Weise, was diese Musik ausmacht.
Als Waffe und Medium der nigerianischen Gegenöffentlichkeit kursierte die Musik des Fela »Anikulapo« (der Jäger, der den Tod in Schach hält) Kuti zwar seit den frühen Siebzigern auf Kassetten und LPs. Sie verband die Opposition gegen das Militärregime, wo immer sie gehört wurde, ihr eigentlicher Ort aber war der Shrine. In diesem Refugium von einer Konzertstätte residierte und experimentierte Kuti, hier entwickelte er während frei fließender Sessions, die sich über Stunden oder sogar Nächte erstreckten, mit wechselnden Ensembles die Vision eines den Kontinent umfassenden, von amerikanischem Jazz und westafrikanischem Highlife beeinflussten Afrobeat. Auf Scheiben pressen lassen sich diese rauschhaften Improvisationen nur unter Einbußen. Ihr Ziel ist Trance, ihr Medium der Augenblick, der zwar reproduzierbar, aber nur im selben Raum teilbar ist. In ihrer Gesamtheit stehen sie quer zur technischen und kulturellen Grenze eines Formats.
Jamsessions dauern eben länger als die durchschnittlich 20 Minuten einer LP-Seite und oft auch länger als die 100 Minuten einer CD. Sie lassen den Samen der Improvisation wehen, wie und wohin er will, sie sind der lebendige Widerspruch zur europäischen Idee eines von einem Einzelmenschen geschaffenen »Werks«. Hoffnungslos, Kutis wuchernden Klangkosmos nachträglich doch noch auf eine bestimmte Aufnahme zu begrenzen, doch ohne die Trennung von Sound, Ort und Ereignis, die der Konservierung als Tonträger zugrunde liegt, hätten wir Nichtnigerianer bis heute gar keinen Eindruck von dem, was im Shrine vor sich ging.
The Best of the Black President
ist zumindest als Einstieg zu empfehlen, die Sammlung
The Best of Fela Kuti
enthält als Bonus die DVD
Music Is a Weapon
(beide Wrasse Records/harmonia mundi). Selbererleben jedenfalls ist keine Option mehr: Der Shrine wurde kurz nach Fela Kutis Aids-Tod 1997 ganz uneurozentristisch von der nigerianischen Polizei dem Erdboden gleichgemacht.
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- Datum 06.02.2008 - 11:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.01.2008 Nr. 06
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