US-WahlkampfDie verspätete Frau

Einmal weinen reicht nicht: Hillary Clinton muss sich ändern, wenn sie Vorbild für Politikerinnen sein will von Miriam Meckel

Lernt sie es noch? Hillary Clinton, die die erste Präsidentin der USA werden möchte, hat in ihrer bisherigen Kampagne den Faktor Frau nicht nur ausgespart, sie hat ihn nahezu negiert. Die 60-Jährige ist in der Öffentlichkeit bislang nicht betont weiblich aufgetreten, dafür aber demonstrativ machtbewusst. Beides ist ein Problem in einer Zeit, in der Politik der herkömmlichen Art in der Krise steckt – einer Krise, die vornehmlich männlich ist, weil ihre Repräsentanten hauptsächlich Männer sind.

In vielen Demokratien wenden sich Bürgerinnen und Bürger vom politischen System ab, weil sie keine Lust mehr haben auf die immergleichen Machtspiele, die Wahlkampfrituale und das zuweilen zynische Herrschaftsgebaren seiner Repräsentanten. Die USA bekommen das nach acht Jahren Bush-Regierung besonders stark zu spüren. Das politische Klima scheint gefroren, die Politiker wirken erstarrt.

An diesem Punkt schlägt die Stunde der politischen Außenseiter. Diese Chance hat Barack Obama glänzend genutzt, Clinton dagegen kaum. Die einstige First Lady hat versucht, etablierter zu sein als das Establishment und härter als die männlichen Politvorbilder (zum Beispiel ihr eigener Mann). Hätte sie den Faktor Frau nicht negiert, dieser Wahlkampf hätte längst auch die Stunde der Frauen sein können.

Als die männliche Form von Politik noch funktionierte, da mussten Frauen harte Kerle sein, um den Aufstieg zu schaffen. Margaret Thatcher hält noch heute her als Urtyp der erfolgreichen, aber entweiblichten Einzelkämpferin. Von ihr ist der Ausspruch überliefert: »Wenn Sie in der Politik etwas gesagt haben wollen, wenden Sie sich an einen Mann. Wenn Sie etwas getan haben wollen, wenden Sie sich an eine Frau.« Man kann dies als Vorausschau auf das Duell zwischen Obama und Clinton sehen: Der Mann macht eine gute Figur, aber der Beweis für sein Können steht noch aus. Die Frau hat genug Erfahrung vorzuweisen, dringt damit aber öffentlich kaum durch. Zwischen dem politischen Talent von Frauen und ihrer gesellschaftlichen Anerkennung tut sich bis heute eine Kluft auf.

Hillary Clinton hätte die Chance, diese Kluft zu überbrücken, aber sie ist eine Spätmerkerin. Wie immer der Wandel (change) aussehen soll, der inzwischen bei allen Kandidaten in den amerikanischen Vorwahlen, ob Demokraten oder Republikaner, zum Zentrum des Wahlkampfs geworden ist, Hillary hat ihn bislang nicht verkörpert. Sie hat nicht verstanden, die besondere Chance zu vermitteln, die in ihrer Kandidatur liegt: dass hier erstmals eine Frau antritt, die politische Erfahrung mit einer überzeugenden Persönlichkeit verbindet. Macht sie so weiter wie bisher, kann sie scheitern. »She has overstayed her welcome«, sagen die Amerikaner: »Davon hatten wir jetzt erst mal genug.«

Vor inzwischen 30 Jahren schrieb die US-amerikanische Soziologin Gaye Tuchman einen international beachteten Aufsatz über die »symbolische Verleugnung« der Frauen in den Medien. Missachtung, Trivialisierung und Ausgrenzung prägen den Umgang mit Frauen in der Öffentlichkeit, so ihre These. Wer als Frau öffentlich etwas werden will, darf als Frau nicht erkennbar sein, so lautet der Umkehrschluss. In den Anfängen des Clinton-Wahlkampfs konnte der Beobachter den Eindruck gewinnen, Hillary habe diese Empfehlung strikt befolgt. Schließlich gibt es auch heute noch genug Belege für Tuchmans These. Wenn sich die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner in den Medien als »Chanel-Pupperl« bezeichnen lassen muss, wenn Ségolène Royal ihre gesamte Kandidatur hindurch mit der unterstellten Gleichung »schön gleich unpolitisch« oder gar »schön gleich doof« zu kämpfen hatte, dann zeigt das: Weiblichkeit ist in der Politik nicht unbedingt karriereförderlich. Schön sein allein reicht nicht aus, eine klare Position muss dazukommen.

Umgekehrt gilt das Gleiche: Sosehr sich Hillary als Machtpolitikerin inszenierte und nicht als Frau, so beschränkt blieb sie in ihren Möglichkeiten. Das amerikanische Volk liebt an seinen Präsidentschaftskandidaten ganz besonders das Authentische und Menschliche, weil es Korrekturen an den eingefahrenen Mechanismen des dualen Parteiensystems in Washington verspricht. Hillary aber präsentierte sich den Amerikanern zunächst als hart und zielstrebig, zuweilen besserwisserisch und zickig. Sie wird öffentlich als »machthungrige Eishexe« beschrieben, in Wahlkampf-Weblogs gar mit dem Terrorchef Osama bin Laden verglichen.

Andere sind da längst weiter. Angela Merkel etwa, im Wahlkampf 2005 als harte Reformerin misstrauisch beäugt, mutierte als Kanzlerin zu einer öffentlich verträglichen Mischung aus Moderation, Pragmatismus und Apricot. Hillary Clintons Häutung schien im Coffeeshop von Portsmouth, New Hampshire, zu beginnen. Bei ihrem Gefühlsausbruch auf Wahlkampftour, der in Medien weltweit Niederschlag fand, hatte sie nicht nur Tränen in den Augen. Sie schilderte zum ersten Mal, was sie persönlich antreibt. »Ich könnte das nicht machen, wenn ich nicht leidenschaftlich daran glauben würde, dass ich das Richtige tue«, sagte sie. »Ich habe so viele Ideen für dieses Land, und ich will nicht, dass wir zurückfallen. Das ist sehr persönlich für mich, es ist nicht nur politisch.«

Ihr Bekenntnis trug ihr nicht nur Beifall ein. Bösartig fragte beispielweise die New York Times- Kolumnistin Maureen Dowd: »Kann Hillary sich ins Weiße Haus zurückheulen?« Frauen, die Frauen unterstützen, weil sie Frauen sind, das ist zuweilen normativ-feministische Fiktion. Frauen stellen komplizierte Anforderungen an ihre Geschlechtsgenossinnen. Sie wollen keine politische Hardcore-Imitation mit Busen, aber auch kein Weichei. Sie wollen keine Repräsentantin des politischen Establishments, aber verlangen politisches Profil. Es reicht nicht, dass eine Frau die höchste und härteste aller Glasdecken durchstoßen will. Sie muss auch bei den Haltungsnoten vorne liegen. Auch dafür war die Cafészene von Portsmouth ein Beispiel: Die Wählerin, die Hillary zum Weinen brachte, hatte wissen wollen, wie die Kandidatin das alles jeden Tag schafft, wie sie das durchhält. Und sie setzte nach: »Wer macht Ihre Haare?« Gut möglich, dass auch diese Frage Hillary die Tränen in die Augen trieb – wie lange noch finden Frauen bei Frauen die Frisur wichtiger als das politische Programm?

Trotzdem, erst Hillary, die Regungsfähige, wird auch regierungsfähig. Denn erst dann wird sie die wahlentscheidenden Stimmen der Frauen auf sich vereinigen. Sie kann damit die Vorwahlen der Demokraten verändern – und die politische Kultur der Vereinigten Staaten. Mit ihrer besonderen Mischung könnte Clinton versöhnen, was in der Politik zunehmend auseinanderfällt: politisches Programm und Persönlichkeit. Damit könnte sie für die Frauen in der Politik Terrain zurückerobern, das ihnen verloren gegangen ist. Über Jahrzehnte hinweg glaubten Frauen, als Einzelkämpferinnen im politischen Nahkampf Emotion und Persönlichkeit verdrängen zu müssen, um härter als die Männer und unangreifbarer als der Konkurrent zu sein. So trugen sie dazu bei, stereotype Bilder von Politik und Politikern zu zementieren. Eine Frau kann die Klischees aufbrechen, indem sie ihr Frausein zulässt. Es ist Hillary Clintons große Chance.

Miriam Meckel ist Professorin für Medien und Kommunikation an der Universität St. Gallen (Schweiz)

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • newtown
    • 03. Februar 2008 11:03 Uhr

    Verspätet erscheint mir die Analyse dieses Beitrages zu sein.Es geht doch nicht um Mann oder Frau und Schwarz oder Weiß, meiner Meinung nach noch nicht einmal um Demokrat oder Republikaner. Es geht um die Hoffnung auf Authentizität und den Wunsch nach einer besseren Gesellschaft.Wir Wähler mögen ja häufig bescheuert sein und leicht zu täuschen, aber wir erkennen trotz aller Wahlkampfschminke manchmal mehr, als es den Wahlkämpfern lieb ist.Und Authentizität lässt sich nicht verordnen, denn es bedeutet ja eben etwas "aus sich selbst heraus" zu machen, nicht so sehr beeinflusst von den äußeren Umständen.Deswegen hat Barack Obama als politischer Neuling überhaupt erst eine Chance, weil die Menschen das Gefühl haben, dass er jemand sein könnte, der Politik anders definiert, als nur über den kurzfristigen Machterhalt und der die innere Stärke dazu hat, diesen persönlichen Weg auch zu beschreiten.Meine Zweifel in Bezug auf Obama sind größer als meine Hoffnung, aber zumindest ist er der erste Politiker seit einer gefühlten Ewigkeit, der zumindest Hoffnung weckt. Da kann Hillary nicht mithalten, egal wie sie sich inszeniert.

  1. "°"°"uninteressant.Was macht Monica Lewinsky?

  2. Die Analyse von Meckel strotzt vor Konjunktiven. Mit Heiner Geißler gesprochen: Könnte, wäre, hätte: Würde die Katze ein Pferd sein, könnte sie den Baum hinaufreiten.Clinton ist wie sie ist, was nützt da der alchemistisch-feministische Baukasten einer Kommunikationswissenschaftlerin? Nix.

  3. Damit wurde er zweimal ins Amt gewählt.In dieser Zeit bereitete er seinen Jobeinstieg beim russisch-hegemonialen Rohstoffriesen vor.

    • PeterMK
    • 03. Februar 2008 13:06 Uhr

    Frau Clinton plappert förmlich woanders erfolgreiche Sätze, Argumente und Themen nach.Hillary Clinton reagiert lediglich auf den Wahlkampf von Barack Obama. Er ist derjenige, der tiefgreifende Probleme in der Gesellschaft treffend thematisiert und Ecken und Kanten zeigt. Barack Obama hat von Anfang an ein klar strukturiertes "Gesicht". Man merkt, dass er wirklich jemand ist, der etwas verändern will.Hillary Clinton kopiert und adaptiert lediglich. Ich meine jetzt nicht die policies (also einzelne Politikinhalte), sondern Wahlkampfthemen und das Aufgreifen von Problemfragen. Obama bringt sie im Wahlkampf ein, gewinnt damit an Zustimmung, die Clintons adaptieren es, weil sie merken, dass Obama damit Erfolg hat.Obama ist der Impulsgeber. Er kommt ehrlicher und überzeugender rüber. Und an alle, die hier nur Ausschnitte aus den Debatten gesehen haben: Bitte schauen Sie sich diverse Videos unter http://www.youtube.com/us... an. Dann können Sie sich ein ganzes Bild von Barack Obama machen.

  4. Selbstverständlich kann heute in den USA ein Afroamerikaner es zum Präsidenten bringen.  Selbstverständlich kann eine Frau es dort zur Präsidentin bringen, nur eben leider nicht Frau Clinton.  Das hat nicht das Geringste mit ihrem Geschlecht zu tun -- es ist einfach ein politisches Faktum.  Die 60-jährige Hillary schleppt viel zu viel altes politisches Gepäck aus ihrer nicht unproblematischen Vergangenheit mit sich herum, was man in einer Wahlkampagne alles wieder ausgraben würde.  Eine andere Frau -- etwa Frau Pelosi -- könnte es hingegen ohne weiteres schaffen.  
    Jetzt Stimmen von nostalgischen Mitgliedern der eigenen Partei zu sammeln, kann schließlich jeder.  Aber im November auch die Wähler der Gegenpartei zu überzeugen, ist etwas ganz anderes.   Der erfahrene Demokratische Senior-Senator Ted Kennedy, Bruder des einstigen Präsidenten, hat dies erkannt.  Im liegt einzig daran, dass seine Partei gewinnt.  Deshalb unterstützt er jetzt Obama, den einzigen Demokraten, der tatsächlich Chancen hat, im kommenden November zu gewinnen.

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