Neurologie Migräne als Muse

Der Zusammenhang von Kunst und Kopfschmerz. Ein Gespräch mit dem Neurologen Klaus Podoll

Sie betrachten Gemälde, um Migräne zu erforschen. Was sagt die Kunst über das Kopfweh?

Ein Migräneanfall wird häufig von einer sogenannten Aura begleitet, die etwa 30 Minuten dauert. Dabei handelt es sich um eine Art neurologisches Gewitter im Gehirn, das Seh- und Wahrnehmungsstörungen verursacht. Es ist sehr schwer, diese Symptome klinisch zu erfassen, da der Arzt sie nicht direkt beobachten kann. Nun verarbeiten viele Laien und professionelle Künstler mit Migräne ihre Aura-Erlebnisse auf Gemälden und Zeichnungen. Die Werke helfen uns, die Störungen zu klassifizieren und exaktere Diagnosen zu stellen.

Macht Migräne kreativ?

Natürlich wird nicht aus jedem Migränepatienten gleich ein Künstler. Die Aura beschert manchmal aber Eindrücke, die weit über die Alltagsrealität hinausführen. Die Betroffenen sehen flackernde Zickzacklinien, kaleidoskopartige Formen, farbige Mosaiken. Manche Migräniker meinen, ihre Umgebung in tausend Scherben zersplittern zu sehen. Gesichter und Gegenstände erscheinen merkwürdig verformt – eine Wahrnehmung, die sonst nur durch Drogen entsteht.

Auf welche bekannten Künstler sind Sie bei Ihren Forschungen gestoßen?

Der italienische Maler Giorgio de Chirico litt seit der Kindheit an Migräne und erlebte intensive Auren. Seine »Metaphysische Malerei« gilt als Vorläufer des Surrealismus und wurde zum Vorbild für Picasso, Magritte, Ernst und Dalí, der übrigens ebenfalls Migräne hatte. Auch aus der heutigen Kunstszene gibt es Beispiele: Die Japanerin Yayoi Kusama nutzt ihre Halluzinationen als Inspirationsquelle. Sie ist für ihre Netzmuster, die Polka-Dots und ihre verformten Stoffskulpturen berühmt. Kusama selbst behauptet, an einer Zwangsneurose zu leiden. Ich denke aber, dass sie eine schwere Form der Migräne hat.

Wie kamen Sie darauf, Künstler und Kunstwerke neurologisch zu betrachten?

Vor einigen Jahren wurde ich auf eine Bildersammlung aufmerksam, die der britische Migräneforscher Derek Robinson im Auftrag der British Migraine Association zusammengetragen hat. Es sind rund 600 Gemälde von professionellen Künstlern und Laien, allesamt Migräniker. Mit Hilfe dieser Bilder verständige ich mich mit meinen Patienten. Sie beziehen sich auf die bildlich ausgedrückten Erfahrungen und unterstützen mich so bei der Diagnose. Neben der klinischen Bedeutung interessiert mich aber auch, wie Künstler ihre Migräne bewusst als Inspirationsquelle nutzen.

Erkennen Sie Bilder von Migräne-Künstlern auf den ersten Blick?

Nein. Die Erlebnisse einer Aura wirken oft unterschwellig auf den Bildern. Es gibt zwar einige typische Motive wie etwa die Zickzack-Figuren. Aber Vorsicht: Die gespaltenen Köpfe bei Picasso oder die Spiralmuster bei van Gogh deuten noch nicht auf eine Migräne hin. Man muss die Biografien der Künstler einbeziehen. Sonst stünde ein Großteil der modernen Kunst unter Migräneverdacht.

Interview: Helen Bömelburg

Klaus Podoll, 49, ist Neurologe und Psychiater am Klinikum Aachen

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.01.2008 Nr. 06
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    • Schlagworte Migräne | Neurologie | Giorgio de Chirico | Künstler | Aachen
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