KUNSTMARKT Hätte die Künstlersozialkasse Juan Gris gerettet?
Juan Gris war einer der bedeutendsten Künstler der Moderne. Mit neunzehn Jahren zog er von Madrid nach Paris und wurde Picassos Nachbar. Gilt jener als Erfinder des Kubismus, war Gris dessen »Vollender«. Er hatte nur einen Fehler: Juan Gris ging zu selten zum Arzt. Das lag sicher auch an seiner prekären finanziellen Situation was angesichts der Preise, die seine Gemälde heute auf Auktionen erzielen, wie bittere Ironie erscheinen muss (La Grappe de Raisin von 1917 wird am 5. Februar bei Sothebys für 500000 bis 700000 Pfund aufgerufen, sein Kleiner Pierrot von 1924 in der gleichen Auktion ist auf 180000 bis 250000 Pfund geschätzt). 1924 erkrankte Gris schwer, sein Zustand verschlechterte sich rapide. Trotzdem hielt er noch zwei Jahre durch, bevor er am 11. Mai 1927, sechs Wochen nach seinem vierzigsten Geburtstag, an einer Harnvergiftung starb.
Ob die Abgeordneten des Deutschen Bundestages Juan Gris unschönes Künstlerschicksal vor Augen hatten, als sie viele Jahre später das sogenannte Künstlersozialversicherungsgesetz verabschiedeten, ist nicht ganz klar. Jedenfalls gründeten sie 1981 eine Institution, die in dieser Form einmalig ist in Europa: die Künstlersozialkasse mit Sitz im bis dahin gesteigerter künstlerischer Aktivitäten unverdächtigen Wilhelmshaven.
Die Idee war soziale Gerechtigkeit. Künstlern sollten dieselben Vergünstigungen gewährt werden wie Arbeitnehmern in Festanstellungen, denen ihr Arbeitgeber ja auch qua Gesetz die Hälfte der Beiträge zu Kranken- und Rentenversicherung zahlt. Seitdem geben die Mitglieder der KSK am Ende eines jeden Jahres eine Schätzung ihrer fürs nächste Jahr zu erwartenden Einkünfte ab. Daraus berechnet die KSK die Höhe der Beiträge, die monatlich zu entrichten sind, und steuert den gleichen Betrag bei. Mancher Künstler mag bei der Angabe seiner Einkünfte schummeln.
In Deutschland beträgt der Umsatz aus künstlerischer Arbeit durchschnittlich weniger als 10000 Euro im Jahr. Bei den 1983 als weitere Berechtigte hinzugekommenen Publizisten, das heißt: freien Journalisten, Übersetzern, Werbetextern und PR-Arbeitern, ist es nur wenig mehr. Inzwischen hat die KSK 150000 Mitglieder. Finanziert werden deren Zuschüsse vom Bund und von den sogenannten Verwertern, zu denen auch Galeristen zählen. Früher teilten sich Verwerter und Bund ihren Anteil je zur Hälfte, seit zwei Jahren zahlt der Bund nur noch 40 Prozent. Susanne Zander, Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Galerien, beklagt, der Bund stehle sich aus der Verantwortung: »Dass dies zulasten der Galerien und Kunsthändler geht, empfinde ich als ungerecht.« Aber natürlich freue es die Galeristen, dass für die Gesundheit und die Rente ihrer Künstler gesorgt werde.
Und selbst unerkannte Genies sich den Gang zum Arzt leisten können.
- Datum 05.01.2009 - 18:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.06 vom 31.01.2008, S.M46
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