Wer möchte heute noch auf die Veröffentlichung einer CD warten? An dem Tag, da der fertige Tonträger einer Band in den Handel kommt, mit Cover, Booklet und Barcode, ist die darauf enthaltene Musik oft schon Klingklang von gestern. Dem Trend, das Neueste vom Neuen aus dem Netz zu saugen, sei’s gedankt, dass wir durch Blogosphäre, MP3-Foren und Share-Zirkel sausen, auf der Suche nach den vielen losen Musikteilchen, die sich auf iPods übertragen lassen. Allerdings könnte das totgesagte Langspielformat dem kriselnden Geschäft mit Tonträgern etwas Luft verschaffen, wenn alle Musiker ihre Arbeit so gewissenhaft erledigen würden wie Hot Chip.

Die Aufregung, die der britischen Band kurz vor Erscheinen ihres neuen Werks Made In The Dark entgegenschlägt, hat auch mit dem Format »Album« zu tun: In Zeiten, in denen Musik zum ortlosen Datensatz geworden ist, wächst zugleich das Bedürfnis nach Konstruktion und Zusammenhang. Hot Chip kommen diesem Bedürfnis entgegen. Wann hat eine relativ junge Band sich zuletzt so für das Große und Ganze stark gemacht, für das Konzept einer Kunstform, die von der Covergestaltung übers Songwriting bis zur Soundästhetik reicht? Wenn die Vorhersagen stimmen, strahlt das Dark- Album bald als Fixstern über allen Tanzflächen und Musikzimmern.

Laptopkontemplation und Referenzen an vierzig Jahre Pop-Geschichte

Dazu passt die Aussage von Hot-Chip-Sänger Alexis Taylor: »Wir wollen nicht nur ein oder zwei gute Tracks produzieren, wir wollen Alben veröffentlichen, die besser als die aller anderen sind.« Dazu passt auch das Votum der Fachpresse, die in der Musik von Hot Chip den bahnbrechenden »Weg vom Zitat zum Ich« (Spex) entdeckt oder das Quintett aus London schlicht als »heißeste Electro-Pop-Band der Gegenwart« (Musikexpress) feiert. Dem Hype ist durchaus Glauben zu schenken: Es geht in jedem Moment um alles, keine Aufgabe ist den Briten zu groß. In ihren Songs entdecken Hot Chip die unterirdischen Verbindungen zwischen Black Music und Folk und Tanzparkett-Heulern. Wenn Made In The Dark eine Haltung transportiert, dann ist sie in den tieferen Schichten dieser selig machenden Klangarbeiten zu finden.

Leadtrack, Ballade, Liebeslied, Discohymne und die alte Adrenalinbombe Gitarre – (fast) nichts wird ausgespart, was den Pop-Fan an die Klassiker der Analog-Ära erinnern könnte, um diese im nächsten Moment mit einem Haufen unverschämt gut klingender Hits zu überrennen, die ihr Geheimnis nicht allzu schnell preisgeben. Man darf den Unterschied auch fühlen: In die Pappschachtel der CD hat Grafikdesigner Darren Wall Linien und Spalten prägen lassen, die zur taktilen Wahrnehmung einladen. Ob es sich auf dem Cover etwa um eine Höhlenmalerei der Steinzeit oder die Darstellung einer menschlichen Zelle vor Kupferpatinagrün handelt, lassen die Artworker bewusst offen, der Fan möge ganzheitlich beim Genuss des Albums vor sich hin brüten.

Made In The Dark ist eine Dialog-Platte im Spektrum von Laptopkontemplation und dem großen Jungsding Rock ’n’ Roll, ein Spiel mit Referenzen aus 40 Jahren Pop-Historie, das sich zwischen Alexis Taylor und seinem langjährigen Kumpel und Bandkollegen Joe Goddard entwickelt hat, ein Puzzle, in dem die Grenzen dessen, was möglich und was gut und zeitgemäß (oder gerade nicht) ist, ständig verschoben werden. Taylor und Goddard machen schon seit Highschoolzeiten gemeinsam Musik, sie haben ihre Songs anfangs mit ein paar Billig-Synthies im Schlafzimmer aufgenommen, bevor sie den Schritt nach draußen wagten. Sänger und Songwriter sind nur Eckpunkte in ihrem Rollenrepertoire, wie die übrigen Bandkollegen strecken sie ihre Fühler als DJs und Remixer in Produktionen der anderen. Und doch bleibt der Jungsverband die Basis ihres Schaffens, ihr Ziel die Frage, wie man aus Puzzlesteinen etwas Größeres schafft.

Wegweisende Alben wollen eben mehr als nur gute Songs. Dark Side Of The Moon, das erfolgreichste Rock-Album der Siebziger, wurde zur Fanfare für den Beginn einer neuen Soundepoche, die von den rhythmischen Möglichkeiten der Maschinen in der Moderne erzählte. Sgt. Pepper’s, das Opus magnum der Beatles, endete mit dem langsamen Sterben des Pianos zum Finale von A Day In The Life, auf der Originalpressung gefolgt von einem 15-Kilohertz-Ton – der Aufbruch in die Pop-Collage. Bei Hot Chip läuft das Album in einer knisternden Pianoballade mit dem Titel In The Privacy Of Our Love aus, der die Band eine zwanzig Sekunden kurze weltferne Kammermusik angefügt hat: ein Alleingang auf dem Synthesizer. Das sind die Stellen, die das Zeug dazu haben, sich im Gedächtnis der Pop-Gemeinde festzubrennen.