Englische Literatur So ein Witz

Nick Hornbys neuer Roman »Slam« ist abermals amüsant, aber diesmal leider auch etwas flach

Zuerst, was Freude macht: Nick Hornby ist in seinem neuen Roman Slam sehr oft sehr lustig. Er verfügt über die beneidenswerte Gabe, Pointen zu setzen, die einen leisen, kultivierten Buchleser in der U-Bahn plötzlich zum Mittelpunkt des Interesses machen, weil er ohne Anlauf laut herauslacht. Können Sie ausprobieren. Zum Beispiel mit der Szene, als die 16-jährige Alicia, die von ihrem 16-jährigen Schulkollegen Sam, dem Erzähler dieses Romans, schwanger ist, gemeinsam mit ihm ihren Eltern die heikle Nachricht überbringt.

»Wir setzten uns an den Küchentisch. Es wurde erst lange und umständlich mit Tee und Milch und Zucker und Keksen hantiert, und ich begann mich zu fragen, ob sie es erraten hatten und das ganze Hin und Her mit dem Wasserkocher und so nur ein Vorwand war, um sich noch ein kleines bisschen länger an ihr altes Leben zu klammern. Es wäre auch nicht so schwer zu erraten gewesen. Was sollten wir zwei schon sagen wollen? Wir hatten schon vor einer Weile Schluss gemacht, also würden wir ihnen nicht erzählen, dass wir heiraten wollten. Und Alicia war nicht weg gewesen, also würden wir ihnen auch nicht erzählen, dass wir schon irgendwohin durchgebrannt waren und geheiratet hatten. Was blieb da noch?

›Woran denkst du?‹, fragte Alicias Dad.

Alicia sah mich an. Ich räusperte mich. Niemand sagte etwas.

›Ich bekomme ein Baby‹, sagte ich.«

Lustig war Hornby immer, aber nur lustig war er nie. Er hat neben seinem Humor und der Geschmeidigkeit seiner Sprache einen sicheren Instinkt für alles Berührende. Und er mag seine Figuren. Deshalb hilft er ihnen auch gern, wenn sonst alles furchtbar peinlich würde, mit dem richtigen Witz aus der Patsche, denn Hornby hat es gar nicht gern, wenn in seinen Geschichten auf einmal betretene Stille herrscht oder sich ein kalter Abgrund auftut.

Für eine glückliche Kindheit ist es eigentlich nie zu spät

Aber was heißt schon Geschichten? In Nick Hornbys Büchern passierten noch nie besonders ausgeklügelte Dinge. In seinem ersten Buch The Fever Pitch berichtet er ungeordnet, wirr, aber streckenweise hinreißend involviert über Leben und Leiden eines Fans von Arsenal London (und zwar bevor das Team zum Liebling aller europäischen Fußballintellektuellen wurde). In seinem ersten Roman High Fidelity erzählt Hornby mit charmantem Einfühlungsvermögen, wie ein musikverrückter Plattenhändler am Schluss doch mit seiner Freundin, die ihm eigentlich schon davongelaufen war, zusammenbleibt. In About a boy verhilft er einem privatisierenden Mittdreißiger wenigstens zu ein paar emotionalen Sternstunden. Und in Slam, dem aktuellen Roman, probiert er aus, was vielleicht passieren könnte, wenn zwei 16-Jährige Pech haben und plötzlich, bevor sie keine Kinder mehr sind, selbst als Eltern dastehen.

Kann schon sein, dass der inzwischen 50-jährige Hornby sich über sein eigenes Alter mit der Idee hinwegtröstet, dass es nie zu spät für eine glückliche Kindheit ist. Vielleicht schreibt er sich deshalb alle paar Jahre eine neue: eine Fußball-, eine Popmusik-, eine Ich-kann-machen-was-ich-will-Kindheit.

In Slam stellt er sich nun vor, wie es wäre, wenn er mit dem Skateboard unter dem Arm nach Grind City marschiert, um dort die etwas anspruchsvolleren Tricks zu trainieren: den McTwist, eine 540-Grad-Drehung auf der Rampe oder gar eine halbe Drehung mehr… Das Ergebnis nimmt der Titel des Buches vorweg: »Slam« bedeutet, wenn es dich auf die Schnauze haut.

Sam ist 16. Seine Mutter ist 32. Sein Vater ist auch 32, aber er lebt schon seit ewigen Zeiten nicht mehr mit Sams Mutter zusammen. Und die Geschichte wiederholt sich. Ausgerechnet auf Vermittlung seiner Mutter lernt Sam Alicia kennen, ebenfalls 16, aus besserem Haus. Alicia wird schwanger, das Kind kommt zur Welt, es bekommt den Namen Rufus, weil während der Geburt ein Song von Rufus Wainwright gelaufen ist. Aber bevor klar wird, wie die Geschichte zu ihrem zwangsläufig unromantischen Ende kommen muss, tritt Tony Hawk in Erscheinung.

Hey, Kumpel, du weißt schon, was ich meine

Tony Hawk ist der berühmteste Skateboarder aller Zeiten, und er ist Sams Held. Nick Hornby hat Sam ein Poster von Tony über das Bett gepinnt, sodass Sam, wann immer nötig, mit Tony reden kann. Reden bedeutet, dass Sam Tonys Autobiografie Hawk. Beruf: Skateboarder nach brauchbaren Sentenzen durchforstet und – wie jeder Exeget – zwangsläufig fündig wird und sich leiten lässt.

Daneben übernimmt Tony Hawk aber auch alle Aufgaben, die in einem Zauberspiel von Ferdinand Raimund der freundlichen Fee Lakrimosa zugedacht wären. Zum Beispiel schickt er Sam ein paarmal mit magischer Hand für einen Tag in die Zukunft. Sam kollidiert dann sehr komisch mit den Umständen, in die er sich gebracht haben wird, klar: Es ist immer wieder lustig, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht, solange der Schaden überschaubar bleibt. Außerdem steht Magic Tony für das Happy End gerade.

Jetzt zu den Problemen.

Erstens: Die Geschichte kommt nicht authentisch über die Rampe. Die Pose des Erzählers, uns Leser mit einer Hey-Kumpel-du-weißt-schon-was-ich-meine-Attitüde anzusprechen, ist so künstlich, dass man sich fragt, ob wenigstens Tony Hawk aus Fleisch und Blut ist (ist er, behauptet wenigstens das Lexikon). Nur wenn Sams Vater, ein eher einfach gestrickter Bursche, mit breitbeiniger Bodenhaftung auftritt, kriegen die Dialoge den authentischen Drive, die sie in High Fidelity von Anfang bis Ende hatten. Leider hat Sams Dad meistens woanders zu tun.

Zweitens: Nick Hornby schreibt Wohlfühlliteratur. Dagegen wäre nichts einzuwenden, würde nicht permanent simuliert werden, es ginge um mehr, es ginge um die großen Fragen – wer ist für uns da, wenn wir ihn brauchen? Für wen sind wir da, wenn uns jemand braucht? Was dürfen wir vom Leben erwarten? Und wenn das Leben andere Pläne hat?

Aber die großen Fragen, deren Beantwortung, wie wir wissen, nicht immer auf ein romantisches Ende hinausläuft, wirken in diesem Buch seltsam gefällig, wie bequeme Sitzmöbel in der Wohnlandschaft, die Nick Hornby mit angenehmen, einschmeichelnden Sätzen in warmen Farben ausgemalt hat.

Es geht eben nicht ums Ganze. Es geht um die richtige Pointe, die dafür sorgt, dass die Geschichte nicht auf die falsche Seite kippt, wenn sie – oder einer ihrer Helden – auf der Kippe steht. Es geht um einen literarischen Sound, der beschwingt und lässig ist und nicht quietscht (wobei: Gar so beschwingt erzählt Hornby in Slam gar nicht. Er verliert sich zu oft in umständliche Rollenprosa). Es geht darum, dem Leser mit der einen Pointe die Rutsche zur nächsten Pointe zu legen – und, natürlich, es gibt Schlimmeres, nämlich Geschichten ohne Tiefgang, die nicht einmal lustig sind. »Ich muss euch wohl nicht sagen, dass ich nicht witzig sein wollte«, sagt Sam nach der eher missglückten Mitteilung an Alicias Eltern. »Es kam nur falsch raus.«

Na also.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.01.2008 Nr. 06
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    • Schlagworte Literatur | Nick Hornby | London | Skateboard
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