Baden-WürttembergFreiburg probt die Prohibition

Alkoholverbot in der Innenstadt: Wie ein grüner Bürgermeister in Baden-Württemberg Gewalttaten verhindern will von Claudia Füßler

Betrunkene Jugendliche, die einander die Köpfe blutig schlagen, junge Randalierer, die Scheiben zertrümmern und Rückspiegel abbrechen, Volltrunkene, die morgens um vier auf der Straße liegen und sich in die historischen »Bächle« übergeben – spätestens im Sommer vergangenen Jahres war klar: Freiburg hat ein Problem. 1298 Gewalttaten hatte die Polizei im ersten Halbjahr gezählt, ein Drittel davon in der Altstadt. In jedem zweiten Fall gab es eine klar erkennbare Ursache: Alkohol.

Seitdem patrouillieren jeweils sieben Beamte in der Sonderschicht Gewalt, der sogenannten Gewa City, an den Wochenenden in der Innenstadt. Ausgerüstet sind sie mit schusssicheren Westen, Schlagstöcken und Pfefferspray, was die Polizisten nicht übertrieben finden. Es sei der Versuch, einer eskalierenden Lage Herr zu werden, heißt es.

Gut ein Jahr ist es her, dass in Freiburg erstmals auffiel, in welchem Ausmaß die Gewalt unter Jugendlichen zugenommen hatte. Jugendliche Disko- und Kneipengänger begnügten sich nicht mehr mit pubertären Pöbeleien, sondern verdroschen einander in großem Stil. Knochen brachen, es floss Blut. Wenn die Polizei schließlich eintraf, standen viel zu wenige Beamte einer viel zu starken Meute gegenüber.

Stadt, Polizei und Gastwirte begegneten dem Problem mit einem eiligen Notprogramm: Hausverbote, ein freiwilliger Verzicht auf Flatratepartys, eine massiv verstärkte Polizeipräsenz in der Innenstadt. Möglichst präventiv ansetzen, lautete zunächst der Grundgedanke. Erst als alles Zureden nichts half, griff die Stadt zu drastischeren Maßnahmen. Seit Anfang des Jahres herrscht zusätzlich ein begrenztes Alkoholverbot auf Straßen und Plätzen in Freiburgs Innenstadt – eine Premiere in Baden-Württemberg.

Von Freitag bis Sonntag und an den Nächten vor Feiertagen gilt in dem Disko- und Partyviertel rund ums ehrwürdige Martinstor zwischen 22 und 6 Uhr: kein Sekt, kein Bier, kein Schnaps auf offener Straße. Alles, was Promille hat, wird umgehend von den Beamten konfisziert. Das sogenannte Warmtrinken soll eingedämmt werden und damit hoffentlich die Zahl der später einsetzenden Schlägereien.

Für Freiburger Verhältnisse ist diese Politik eine Sensation. Im Rathaus regiert ein grüner Oberbürgermeister, grün ist auch die stärkste Fraktion im Gemeinderat, und auf ihre Liberalität hält sich die Stadt viel zugute. Freiburg ist Verbotscity, lästerten nun die Kritiker.

Essenzieller aber als die Debatte über das Gut oder Böse von Verboten ist die Frage: Bringt es was? Die Praktiker von der Gewa waren zunächst skeptisch. Die Jugendlichen würden nun wahrscheinlich außerhalb der Bannmeile Hochprozentiges kippen, bevor sie die Tanzfläche entern, heißt es.

Freiburgs Polizeisprecher Ulrich Brecht will auch jetzt noch keine verfrühte Euphorie aufkommen lassen. Selbst im fernen Hamburg, weiß er, wird der Freiburger Versuch genau beobachtet. Zahlen gebe es noch nicht, sagt Brecht, doch die Eindrücke der Kollegen zeigten einen deutlichen Trend: Die Gewalt in der Innenstadt stagniere, sei vielleicht sogar rückläufig. Ob und wie sich das Alkoholverbot auf die Statistik auswirke, werde man am Ende der siebenmonatigen Pilotphase wissen.

Wirkungsvoller als die Freiburger Prohibitionspolitik ist möglicherweise eine andere Regelung. Gemeinsam mit dem Alkoholverbot beschloss der Gemeinderat mit hauchdünner Mehrheit eine Änderung der Polizeiverordnung. Jetzt dürfen die Polizisten gegen Gruppen einschreiten, bevor Nasen bluten. Es genügt, wenn Beamte »Gefahr im Verzug« melden. Ein umstrittener und pikanter Passus. Denn die neue Strategie, gegen saufende Gruppen einzuschreiten, wenn »Dritte erheblich belästigt« werden, könnte sich auch gegen Randgruppen wie Punks und Obdachlose richten.

In der Polizeieinheit Gewa City überwiegt inzwischen aber der Optimismus. Die Beamten merken jedes Wochenende, dass sich die Lage allmählich entspannt. Kaum einer widersetzt sich, wenn ihm die Bierflasche abgenommen wird. Und die Gruppenschlägereien haben abgenommen. Es sei eben ein Unterschied, ob zehn oder zwanzig Beamte anrücken. Oder sogar schon da seien, ehe einer der Widersacher überhaupt zuschlagen konnte. Die Strategie scheint aufzugehen.

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Leserkommentare
  1. Ich bin erstaunt, in den Januarwochen wird weniger auf offener Straße getrunken als in den Sommermonaten??? Das kann ja nur an den zehn oder zwanzig Polizisten liegen die da anrücken! Mit dem Auto wohlgemerkt, denn Fahrräder darf man in der Innenstadt nicht mehr abstellen - sonst müsste jeder Beamte zwischen 40 und 50 Euro zahlen um seinen grünweißen Drahtesel aus der Gewahrsam zu befreien.
     

  2. Das kleine verschlafene Freiburg tut so, als wären im Ort plötzlich Verhältnisse wie im New York der 80er Jahre eingekehrt.Mir scheint diese Behauptung vor allem ein Vorwand zu sein, um den Einflussbereich des Staates und der Exekutive bis zum Exzess zu erweitern.Ich bin gespannt, ob sich die Deutschen erneut wie die Lämmer zur Schlachtbank führen lassen oder ob es dieses mal eine Umkehrbewegung geben wird.

  3. in Deustchland? hahaha nein.
    In Deutschland kann man demonstieren gegen was man will, man ist sowas wie ein Terrorist für ein Großteil der "guten Deutschen".
    Ich hab da Kollegen. So um die 35 sagen die "Man dürfte gar nicht demonstrieren dürfen, denn man hat ja gewählt und damit müsse man sich dann abfinden" Solche Leute wollen auch noch als intelligent behandelt werden. Auf meine Antwort das Wahlen wohl dazu da sind demokratisch zu wählen, daß man morgen noch demonstrieren dürfe, kam nur Kopf schütteln. Naja wahrscheinlich waren sie noch nicht selbst von irgend etwas betroffen.

  4. Wenn di jugentgewalt wirklich si zugenommen hat und so schlimm ist kann ich es verstehen, eine slche aktion als Übergangslösung zu machen bis sich die Lage beruhigt hat und wieder unter komtrolle ist. Wer öftern nachts unterwegs ist wird schnell merken das zwischen 10 und 20 Politzisten ein deiutlicher unterschied ist. Da wenn den jugentlichen die politzei als zu stark erscheint sie dochlieber eine ruhige Nacht haben als eine Prügellei anzufangen. Auch das man Alkehol auf der Strase verbited heist für viele jugentliche ja nur das man sich nicht so gesaufen darf seinen Stoff auf der Strasse von Politzisten beschlagnahmt zu kregen, was ja schon mal überhaupt eine Grentz ist. Nur sollten solche Aktionen dann auch wieder eingestellt werden wenn sich die Lage entspannt und nicht zur Normalität werden.

  5. Immerhin wird in Freiburg - im Gegensatz zu vielen anderen Städten - etwas gegen die Gewalt getan. Doch kuriert man hier nicht lediglich an den Symptomen herum?Das Problem liegt m.E. nach in einem ganz anderen Bereich: seit 1990 haben sich die Handlungsmöglichkeiten der Politik spürbar verringert. Dass man gegen viele nachteilige Entwicklungen in der Wirtschaft keinerlei Handhabe mehr hat, zeigt ja das Beispiel Nokia: hier erweist sich die Politik als wehr- und hilflos - ja im Grunde herrscht auf dem Feld der Ökonomie etwas, was deren Protagonisten im gesellschaftlichen Sektor immer verhindern wollten: nämlich Anarchie.Diese Anarchie kommt inzwischen in der Gesellschaft an. Man hält sich nicht mehr an Gesetze und Verordnungen, deren Zahl inflationär zunimmt. Wozu denn auch - wo doch von Seiten einiger 'Eliten' der Gesetzesbruch offen vorgelebt wird, wo Wasser gepredigt, und Wein gesoffen wird. Man ist ja schließlich 'elitär'. Und gesellschaftliche Missstände werden heute meist nicht beseitigt und Probleme gelöst - nein, man sucht sie zu erhalten, kann man doch da seine eigene politische Legitimität ableiten. Eine Politik, die Probleme löst, macht sich auf die Dauer obsolet, die politischen Handlungsträger würden sich selbst damit abschaffen.Wir haben - gefühlter Maßen - ein großes Problem mit den Jugendlichen in den Städten; und diese Probleme werden weiter anwachsen. Man muss kein Prophet sein, um einen gravierenden Generationskobflikt zwischen der heutigen 'Elite' und der nachwachsenden Generation vorher zu sehen. Dieser Konflikt ist bereits da und wird - wenn es ganz schlimm kommt - u.U. gewalttätig ausgetragen werden. Unsere Gesellschaft befindet sich bereits jetzt in einer dramatischen Schieflage.

    • TDU
    • 06. Februar 2008 20:08 Uhr

    warum wieder die gobe Keule auch für die, die sich trotz Alkohohl benehmen können. Vielleicht verbieten wir bald das zu Fuss gehen in der Innenstadt, weil so viele bei "Rot" gehen. Allerdings wäre zu überlegen, statt mit Führerscheinentzug zu drohen, ein Alkohohlverbot für jeden auszusprechen, der alkoholisiert andere Menschen verletzt. Z. b. für einen bekannten Schläger in Köln, 18 Jahr alt, der am Wochende wieder zugeschlagen hat - Alkohohlgehalt 2,1 %o. Anschließend jede Woche zum Test und bei Nichtbefolgung sofort in den Knast.

  6. @sünnerklaasBeeindruckend, wie Sie den Bogen spannen zwischen Kommunal- und Globalpolitik. Glauben Sie das wirklich, oder wollen Sie einen vollkommen unzusammenhängenden Sachverhalt für die "gute Sache" einspannen? Erinnert mich an einen Kommentar zu einem Messerstecher, der in Berlin-Mitte vor einiger Zeit mehrere Menschen verletzt hat. Zufälligerweise wurde an diesem Abend der neue Berliner Hauptbahnhof eingeweiht. Es wurde postuliert, der Jugendliche habe aus Ohnmacht vor der kapitalistischen Machtdemonstration des futuristischen Bahnhofs zugestochen, dessen Kosten besser in Jugendarbeit angelegt worden wären.

  7. Find ich ja irgendwie "symptomatisch" für diese neue, "politisch-korrekte" Gesellschaft (siehe Regulierungswut & Verantwortungsverschiebung per "Komissionitis" etc):

    Ihren eigenen Kindern sind sie nicht mehr in der Lage, auch nur irgend etwas zu verbieten (nicht einmal, sich rüpelhaft u. respektlos aufzuführen), aber der Erwachsenenwelt wollen sie mittlerweile (wie weiland in der ex-DDR) vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hätte!

    Der (Un-)"Geist" der (Alt-)68er weht, allenthalben...

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  • Schlagworte Baden-Württemberg | Freiburg | Alkoholverbot | Feiertag | Gewalt | Jugendliche
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