Baden-Württemberg : Freiburg probt die Prohibition

Alkoholverbot in der Innenstadt: Wie ein grüner Bürgermeister in Baden-Württemberg Gewalttaten verhindern will

Betrunkene Jugendliche, die einander die Köpfe blutig schlagen, junge Randalierer, die Scheiben zertrümmern und Rückspiegel abbrechen, Volltrunkene, die morgens um vier auf der Straße liegen und sich in die historischen »Bächle« übergeben – spätestens im Sommer vergangenen Jahres war klar: Freiburg hat ein Problem. 1298 Gewalttaten hatte die Polizei im ersten Halbjahr gezählt, ein Drittel davon in der Altstadt. In jedem zweiten Fall gab es eine klar erkennbare Ursache: Alkohol.

Seitdem patrouillieren jeweils sieben Beamte in der Sonderschicht Gewalt, der sogenannten Gewa City, an den Wochenenden in der Innenstadt. Ausgerüstet sind sie mit schusssicheren Westen, Schlagstöcken und Pfefferspray, was die Polizisten nicht übertrieben finden. Es sei der Versuch, einer eskalierenden Lage Herr zu werden, heißt es.

Gut ein Jahr ist es her, dass in Freiburg erstmals auffiel, in welchem Ausmaß die Gewalt unter Jugendlichen zugenommen hatte. Jugendliche Disko- und Kneipengänger begnügten sich nicht mehr mit pubertären Pöbeleien, sondern verdroschen einander in großem Stil. Knochen brachen, es floss Blut. Wenn die Polizei schließlich eintraf, standen viel zu wenige Beamte einer viel zu starken Meute gegenüber.

Stadt, Polizei und Gastwirte begegneten dem Problem mit einem eiligen Notprogramm: Hausverbote, ein freiwilliger Verzicht auf Flatratepartys, eine massiv verstärkte Polizeipräsenz in der Innenstadt. Möglichst präventiv ansetzen, lautete zunächst der Grundgedanke. Erst als alles Zureden nichts half, griff die Stadt zu drastischeren Maßnahmen. Seit Anfang des Jahres herrscht zusätzlich ein begrenztes Alkoholverbot auf Straßen und Plätzen in Freiburgs Innenstadt – eine Premiere in Baden-Württemberg.

Von Freitag bis Sonntag und an den Nächten vor Feiertagen gilt in dem Disko- und Partyviertel rund ums ehrwürdige Martinstor zwischen 22 und 6 Uhr: kein Sekt, kein Bier, kein Schnaps auf offener Straße. Alles, was Promille hat, wird umgehend von den Beamten konfisziert. Das sogenannte Warmtrinken soll eingedämmt werden und damit hoffentlich die Zahl der später einsetzenden Schlägereien.

Für Freiburger Verhältnisse ist diese Politik eine Sensation. Im Rathaus regiert ein grüner Oberbürgermeister, grün ist auch die stärkste Fraktion im Gemeinderat, und auf ihre Liberalität hält sich die Stadt viel zugute. Freiburg ist Verbotscity, lästerten nun die Kritiker.

Essenzieller aber als die Debatte über das Gut oder Böse von Verboten ist die Frage: Bringt es was? Die Praktiker von der Gewa waren zunächst skeptisch. Die Jugendlichen würden nun wahrscheinlich außerhalb der Bannmeile Hochprozentiges kippen, bevor sie die Tanzfläche entern, heißt es.

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