Schleswig-Holstein Moschee, na und?

In einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein errichten Muslime ein Gotteshaus mit 26 Meter hohen Minaretten. Niemand stört sich daran

Als das Hamburger Abendblatt kurz vor Weihnachten verkündete: »Minarette über Rendsburg – kaum einer regt sich auf«, da ließ die Resonanz nicht lange auf sich waren. Ein halbes Dutzend Protest-Mails gingen im Rathaus ein, in denen fundamentalistische Christen den Verwaltungschef der 30.000-Seelen-Gemeinde am Nord-Ostsee-Kanal zornig beschuldigten, mit dem Bau einer Moschee die Fundamente des christlichen Glaubens auszuhöhlen. Ein solches Bauwerk passe doch einfach nicht in eine deutsche Kleinstadt. Keines der Protestschreiben kam aus dem Rendsburger Raum.

»Wir sind hier tolerant und weltoffen«, sagt Bürgermeister Andreas Breitner, zugleich stellvertretender SPD-Landesvorsitzender. »Der Bürgermeister ist ein guter Mann«, attestiert ihm Mercam Mergen. Mergen ist jung, drahtig, redegewandt und als Ingenieur bei einer benachbarten Werft beschäftigt, die sich auf den Bau teurer Luxusjachten spezialisiert hat. Außerdem ist Mergen stellvertretender Vorsitzender des Islamischen Zentrums Rendsburg, und sein Lob für den Bürgermeister ist darauf zurückzuführen, dass dessen Verwaltung die Errichtung der mächtigen Moschee am Stadtrand mit der schon erwähnten »Toleranz und Weltoffenheit« begleitet.

Was keine Selbstverständlichkeit ist. Denn an der Grenze zur Nachbargemeinde Büdelsdorf entsteht ein Bau wie aus Tausendundeiner Nacht. Acht Jahre lang schon wächst die Moschee, und ehe der letzte Handwerker das imposante Bauwerk verlässt, werden noch weitere vergehen. Der fast 300 Quadratmeter große Betsaal aber ist so gut wie fertig. Es ist ein prachtvoller Raum, überwölbt von einer farbenfroh ausgemalten Kuppel. »Acht Meter Durchmesser«, sagt Mercam Mergen, »aber schreiben Sie ruhig zehn.«

Es ist Sonnabendnachmittag, aber überall wird geschraubt und gespachtelt. 90 Prozent des Bauwerks sei durch Eigenleistung entstanden, behauptet einer aus dem Vorstand. Fragt man nach der Summe, die bisher für Ankauf des Grundstücks und für die Baumaßnahmen aufgebracht worden ist, gibt es die unterschiedlichsten Auskünfte. Von 800.000 Euro spricht der erste Vorsitzende des Zentrums, Ramazan Mutlu. Mohamad Ali Deghan, nach eigenen Worten Projektleiter, versichert, bis zur Fertigstellung würden es mindestens 1,2 Millionen. Vor Baubeginn hatte er bei einer Firma einen Kostenvoranschlag eingeholt. Da sich mit dem häufigen Wechsel im Vorstand des Zentrums auch die Baupläne änderten, darf man vermuten, dass sich die veranschlagten 5,5 Millionen Mark im Lauf der Baujahre in Euro verwandelt haben.

Besser Transparenz als Hinterhof, sagt der Verfassungsschutz

Auf die Frage, wer das alles bezahle, lautet die einstimmige Antwort: Es sind alles Spenden. Kräftig gezahlt haben offenbar die Mitglieder der Rendsburger islamischen Gemeinschaft, insgesamt etwa 500 Gläubige. Geld ist aber auch aus dem europäischen Ausland geflossen, aus Dänemark, den Niederlanden und Belgien vor allem. Organisatorische Unterstützung beim Spendensammeln gibt der Dachverband der islamischen Gemeinschaft in Deutschland, Milli Göruș, den der Verfassungsschutz beobachtet.

Befürchtungen, dass abseits der Ballungsgebiete eine Zelle islamistischer Extremisten die Provinz unterwandern könnte, zerstreuen Kieler Verfassungsschützer mit Nachdruck. Es bestehe keinerlei Gefahr, versichern sie. Der Bau der Moschee nebst Gemeindezentrum sei sogar zu begrüßen: Transparenz sei besser als Hinterhofmilieu.

Mit Sinn für Aktualität nennt Mercam Mergen die »Eindämmung der Jugendkriminalität« als eine wichtige Aufgabe des neuen religiösen Zentrums. Die Betreuung des Nachwuchses genießt offenkundig Vorrang, der »Hobbyraum« im Kellergeschoss ist der einzige schon völlig eingerichtete Teil der Moschee. Mit Fernsehgerät, Tischtennisplatte und Tischfußball.

Genau genommen, dürfte der Raum zwar gar nicht genutzt werden, denn noch ist er nicht auf seine Sicherheit geprüft und damit freigegeben. »Wir halten uns bei der Moschee stets exakt an die gesetzlichen Bestimmungen«, versichert Andreas Breitner immer wieder. Gleichzeitig aber will er auch bei seinen 3300 ausländischen Mitbürgern den Titel »guter Bürgermeister« nicht verlieren und vermeidet unnötige Konfrontationen.

Erstaunlicherweise gab es in Rendsburg keinen offenen Protest gegen die Moschee. Der Rat der Stadt hat sich nie mit dem Thema befasst, es gab keine politischen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien. Was zu entscheiden war, dass entschied lautlos die Verwaltung. Etwa über die Höhe der beiden Minarette. 29 Meter hatten die Bauherren beantragt, 26 Meter bewilligte die Bauaufsicht, »streng nach Gesetz«, wie Andreas Breitner einmal mehr versichert. Mit der vereinbarten und mittlerweile erreichten Turmhöhe sind beide Seiten völlig zufrieden. Bürgermeister Breitner auch deshalb, weil, wie er augenzwinkernd formuliert, das neue Wahrzeichen der Stadt deutlich niedriger sei als das alte Wahrzeichen, nämlich die in 42 Meter Höhe den Nord-Ostsee-Kanal überquerende Eisenbahnhochbrücke.

Gebetsrufe vom Minarett? Das wagen die Muslime nicht vorzuschlagen

Wenn das markante Bauwerk aus gelbem und weißem Klinker auch auf den Seiten der örtlichen Landeszeitung nur selten Beachtung findet, dann sind dafür nach Ansicht von Bürgermeister Breitner neben der »Toleranz« zwei weitere Gründe ausschlaggebend. Zum einen die lange Bauzeit, in der sich die Anwohner an das Projekt gewöhnen konnten, und zum anderen die Tatsache, dass die Moschee an einer Stelle steht, »an der nicht jeder Rendsburger ständig vorbeikommt«. Im Flächennutzungsplan ist die Gegend als »Mischgebiet« ausgewiesen. Bislang prägen zwei stillose Zweckbauten für ein Gymnasium und ein Altersheim sowie ein Matratzen-Discounter die Umgebung der Moschee.

So gesehen, spricht nicht viel dagegen, den frommen Muslimen aus Rendsburg einen Wunsch zu erfüllen, den sie bislang nicht vorzubringen wagten: ein Muezzin, der vom Minarett herab die Gläubigen zum Gebet ruft. Aber, als habe er schon zu viel gesagt, fügt Mercam Mergen hinzu: »Wir wollen keinen Streit, und wir machen nichts gegen den Bürgermeister.«

 
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