Frau Ziervogel, wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?

Waltraud Ziervogel: Um halb vier. Ich stehe immer um halb vier auf. Bis vor Kurzem hat mich mein Mann immer zur Arbeit gefahren. Seit er krank ist, geht das nicht mehr. Jetzt holt mich eine Kollegin ab. Zehn nach vier steht sie vor der Tür.

Eckart Witzigmann: Ich bin als Chefkoch des Tantris – und auch als Besitzer des Aubergine – immer um fünf Uhr aufgestanden. Es gibt eine eiserne Regel: Bis um sechs Uhr muss man als Koch auf dem Markt gewesen sein. Ich liebe Märkte, die Hallen der Gärtner, schöne Kohlrabi, die Kräuter, den Spinat, die Radieschen. Der Frühling ist die schönste Zeit, da fällt mir am meisten ein dazu, was ich kochen will. Früher waren die Märkte übrigens anders, da gab es nichts von dem, was heute üblich ist: frischer Sauerampfer oder Estragon. Das mussten die Gärtner erst in ihr Angebot aufnehmen. Beim Einkaufen auf dem Markt muss ich mich immer bremsen, da komme ich schnell in einen gewissen Kaufrausch.

Ziervogel: Das kenne ich. Ich kaufe Donnerstag für die ganze Woche ein. Am besten, man isst vorher ’ne Wurst. Nie einkaufen mit leerem Magen! Wenn ich Hunger habe, kaufe ich immer zu viel.

Ein hübsches Bild, wie Sie beide da am Tisch sitzen, hier im Berliner »Weltrestaurant Markthalle«. Eckart Witzigmann, 1994 vom Gault Millau zum Koch des Jahrhunderts gekürt, und Waltraud Ziervogel, Königin der Currywürste, Ihr Imbiss Konnopke ist Kult. Zwei Köche, zwei Welten.

Ziervogel: Ich bin keine Köchin, ich bin eine Wurstfrau.

Witzigmann: Na, na, Sie sind doch berühmt für Ihre spezielle Ketchup-Curry-Mixtur. Verraten Sie mir, wie Sie die machen?

Ziervogel: Nein. Das wird niemandem verraten.

Witzigmann: So sind wir Köche, jeder hat sein Geheimnis.

Frau Ziervogel, wenigstens ein bisschen können Sie doch erzählen.

Ziervogel: Ich komme aus der DDR, und man muss festhalten: In der DDR gab es keinen Ketchup. Vor dem Bau der Mauer haben wir uns im Westteil mal eine Flasche besorgt – dann standen der Familienrat in der Küche, mit verschiedenen Gewürzen. Es wurde so lange gerührt, bis wir den Geschmack hatten, den wir wollten. Der ist bis heute so geblieben.

Wie haben Sie die Mischung nach dem Bau der Mauer hingekriegt?

Ziervogel: Das war immer ein großes Theater. Mal gab es aus der Sowjetunion Tomatenmark in Büchsen, mal gab es eine echte DDR-Erfindung: Tomatenpüree, total plürrig. Dann gab es beides nicht und stattdessen eine Mischung aus beidem. Später kam das Schlimmste, Senfketchup, das war ganz grausam. Wir mussten ganz schön zaubern, dass unser Ketchup Woche für Woche gleich schmeckte. Nach der Wende sind wir zur Metro gefahren und haben alle Sorten Ketchup durchprobiert. Vieles war nicht unser Ding, so sirupartig. Jetzt nehmen wir immer Werder-Ketchup und verfeinern dann.

Herr Witzigmann, wenn Sie zurückdenken: Was war der Geschmack Ihrer Kindheit?

Witzigmann: Mein Geschmack wurde durch meine Mutter geprägt und ihre Hingabe zur gutbürgerlichen Küche, aber auch durch meinen Vater, der ein sehr kritischer Feinspitz war. Einfache Gerichte gab es, aber meine Mutter hat immer besonders gut und einfallsreich gewürzt, mit Muskat etwa. An den Kartoffelbrei musste Muskatnuss. Muskatnuss war sicher ein Geschmack meiner Kindheit.

Wenn ich an den Geschmack meiner Kindheit denke, sehe ich auch einen großen Tisch, an dem ich saß, wenn wir meine Verwandten in Vorarlberg besuchten. Einfache Gerichte gab es, leckere Käsespätzle zum Beispiel. Hier wurde mein Geschmack auch durch wunderbare Düfte geprägt. Das selbst gebackene Brot roch traumhaft, und es schmeckte unvergleichlich. An den Duft und den Geschmack der Äpfel, Birnen und Pflaumen aus dem Garten denke ich heute noch gerne zurück. Im negativen Sinne ist der Geschmack meiner Kindheit eindeutig: frische Ziegenmilch. Aus der wurde unser Kakao gemacht, daran denke ich noch heute mit Schaudern. Die Ziegen liefen im Garten herum. Sie wurden auch selbst geschlachtet.

Haben Sie die Ziegen geschlachtet?

Witzigmann: Nein, ich kann das nicht, bis heute nicht. Ich war als junger Lehrling mal im Salzburger Schlachthof und sah, wie eine tuberkulöse Kuh geschlachtet wurde. Da habe ich mir, wie soll ich es sagen, einen Ekel geholt.

Ziervogel: Ich kann auch nicht schlachten. Mein Vater und mein Mann haben das immer gemacht. Ich komme ja von einem Bauernhof, wir hatten Zicklein, Kaninchen, Hühner. Wenn die anfingen zu mausern, mussten sie geschlachtet werden.