Lassen Sie uns reden Eckart Witzigmann und "Konnopke"-Chefin Waltraud ZiervogelSeite 5/5

Witzigmann: Woher kommt das?

Ziervogel: Da gibt es einen einfachen Grund: Alle bei uns hatten Arbeit, die Kinder kamen früh in die Krippe. Die Eltern haben im Betrieb gegessen, die Kinder im Kindergarten oder in der Schule. Und zu Hause wurde nicht mehr gekocht. Die Folge ist: Die Generation der heutigen Studenten kann noch nicht mal einen Kaffee kochen, da brennt das Wasser an.

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Witzigmann: Das ist aber nicht nur im Osten ein Problem. Ich versuche schon seit Längerem, Geschmacksschulung zu einem Politikum zu machen. Ich habe deshalb auch ein Familienkochbuch geschrieben. Kinder müssen früh und spielerisch an das gesunde, abwechslungsreiche und genussvolle Essen herangeführt werden. Da sind in erster Linie die Eltern gefragt, die die Esskultur – darunter verstehe ich das Miteinander beim Kochen und das gemeinsame Einnehmen selbst einfachster Speisen – wieder mehr pflegen sollten. Das müsste bereits in den Kindergärten losgehen und in den Schulen vertieft werden.

Gibt es eigentlich einen Sterne-Koch aus einem ehemals sozialistischen Land?

Witzigmann: Aus einem ehemals sozialistischen Land nicht, aber ich kenne einen mit einer sehr sozialen Ader, nämlich den Conte Rossini aus Brissago, ein guter Freund von mir. Leider ist er früh bei einem unglücklichen Fahrradsturz gestorben. Der hat zum Beispiel für sein ganzes Dorf Risotto gekocht. Er wollte, dass alle was Gutes zu essen bekommen.

Gibt es irgendetwas, was Sie, der Meisterkoch, von Frau Ziervogel lernen könnten?

Witzigmann: Na ja, klar, wenn sie mir das Geheimnis ihres Ketchups verrät.

Und Sie, Frau Ziervogel, was, glauben Sie, könnte Ihnen Herr Witzigmann beibringen?

Ziervogel: Muss ich nachdenken. Nee, ich glaube: nischt. Nix.

Herr Witzigmann, was ist für Sie Genuss?

Witzigmann: Nach einem Tag harter Arbeit an einem schönen Platz sitzen und ein Glas gut gekühlten Champagner trinken. Oder zwei Gläser.

Ziervogel: Also, ich muss ja sagen, mit dem Champagner können Sie mir gestohlen bleiben. Neulich haben ein paar Freundinnen und ich gesagt: Jetzt wollen wir’s mal wissen, jetzt probieren wir mal einen. Was soll ich sagen? So was von sauer! So ein Sauzeug! Da ist mir ein halbtrockener Rotkäppchen-Sekt viel lieber.

Was ist dann für Sie Genuss?

Ziervogel: Kann ich Ihnen genau sagen: Wenn ich morgens um vier in meinem Garten sitze, die Vögel fangen an zu zwitschern, und ich trinke meinen Kaffee. Ich gucke den Himmel an, und alles ist gut.

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Christine Meffert

Waltraud Ziervogel: In der DDR mischte sie den Ketchup für ihre berühmte Currywurst selbst. Als sie 1976 die Wurstbude Konnopke’s von ihrem Vater Max übernahm, war sie vierzig Jahre alt. Damals standen vor allem Arbeiter Schlange vor dem Imbiss in Berlin-Prenzlauer Berg, heute sind es Studenten und Touristen. Auch Gerhard Schröder hat hier schon eine Wurst verspeist.

Eckart Witzigmann: Witzigmann gilt als einer der besten Köche der Welt. Er wurde 1941 geboren und ging bei Paul Bocuse in die Lehre. Berühmt wurde er als Chefkoch im Münchner Tantris und als Besitzer des Aubergine. Seine Kunst der Verfeinerung hat er in etlichen Büchern beschrieben. Seit 2006 läuft seine Dinnershow Witzigmann & Roncalli Bajazzo.

 
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