Backen, Schuhe machen, drucken – kann ich alles.« Es klang nicht sehr stolz, was die Angestellte einer Großbäckerei dem Soziologen Richard Sennett vor einigen Jahren sagte. Eher elend, denn in Wirklichkeit bediente sie, was immer sie tat, nur eine Computeranlage. In seinem Essay über den Flexiblen Menschen (1998) illustrierte Sennett, was seine Lehrerin Hannah Arendt vor einem halben Jahrhundert in ihrer philosophischen Abhandlung über die Vita Activa am Horizont heraufdämmern sah: eine Welt, in der die übergroße Mehrzahl der Menschen zu bloßen Anhängseln eines kapitalgetriebenen technologischen Prozesses werden.

Sennetts Erzählungen aus der globalisierten Ökonomie zielten tiefer als die Sorge um entlohnte Beschäftigung: Ohne erworbene Fähigkeiten, die sie unverzichtbar machen, werden Menschen unfrei, ohne den kontinuierlichen Faden einer Geschichte von Erfahrungen unsicher und verwirrt; ohne Kenntnis vom Machen der Dinge sind sie auch als Konsumenten nicht urteilsfähig. Das Brachliegen ihrer produktiven Potenzen beschädigt Charaktereigenschaften wie Stolz, Bindungsfähigkeit, Engagement und Loyalität, kurz: der moderne Kapitalismus fragmentiert die Biografien, zerreibt die Kultur und gefährdet die Demokratie.

In seinem neuen, windungsreich geratenen Buch Handwerk sucht Sennett das Mittel zur Revolte gegen dieses Verhängnis nicht in der Politik, sondern, in polemischer Wendung gegen Hannah Arendt, in einem »kulturellen Materialismus kraftvollerer Natur«. Dieser stütze sich auf die anthropologisch tief sitzende »handwerkliche Orientierung«, das dauerhafte menschliche Bestreben, »eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen«.

Die Problematik dieser Bestimmung offenbart sich schon in Sennetts erstem Beispiel, der Erzählung von den Konstrukteuren der Atombombe – sie alle seien »gute Handwerker« gewesen; und das Handwerk des Autors klappert ein wenig in seinem anekdotischen Rückgriff auf die Mythologie, die uns diese Misslichkeit beleuchten soll: wenn er neben dem Schmied Hephaistos auch Pandora, das neugiergetriebene Konsumweibchen, zur Göttin des Handwerks erhebt. Aber handwerkliche Beckmesserei verfehlt Sennetts Intention und Erzählweise. Er will schließlich keine Geschichte, keine Soziologie des Handwerks geben. Als »philosophisch ausgerichteter Autor, der Fragen nach Dingen wie Holzbearbeitung stellt«, interessieren ihn die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen produziert wird, allenfalls am Rande. Es geht ihm um das Handwerkliche an sich, und das destilliert er in gelegentlich aufschlussreichen, oft verwirrenden Kreuz- und Quergängen durch Epochen und Berufszweige.

Das Ganze ist eine Art Materialsammlung zu jenem »aufgeschlagenen Buch der menschlichen Psychologie«, das der junge Marx in der Geschichte der Werkzeuge, der Arbeit und der Industrie sah. Angesichts zunehmender Intellektualisierung und Virtualität erinnert sie lindernd an die von der neueren Neurophysiologie bestätigte Tatsache, dass der Homo faber dem Homo sapiens knapp vorausgeht, die Entwicklung von Hirn und Hand eine untrennbare Einheit bilden; dass – wie wir an Kindern studieren können – zielgerichtetes und kausales Denken im Umgang aller fünf Sinne mit den Materialien der Welt entsteht und »handwerkliche« Intelligenz (Aufmerksamkeit, Fantasie, Improvisations- und Kombinationsgabe) in jedem Menschen geboren wird. Intelligenztests tasten allenfalls die Oberfläche unserer Fähigkeiten ab. Sie kratzen nicht einmal an dem komplexen Zusammenspiel von Wahrnehmung, Materialgefühl, Handfertigkeit und Gedankenblitz, dem wir welthistorische Erfindungen wie die drehbare Töpferscheibe verdanken. Und schließlich liefert Sennett eine Apotheose der Werkstatt, jenes ebenso autoritativen wie »geselligen« Ortes, an dem Handfertigkeiten und soziale Tugenden gelernt werden – im nachvollziehenden Begreifen, im tausendfachen Wiederholen einer Tätigkeit oder einer Haltung, in mühsamen Jahren der Unterordnung unter den Meister. Beim Gemüseschnipseln und nicht beim Lesen von Kochbüchern entsteht Neues.

Nicht von ungefähr stammen die meisten Beispiele aus der goldenen Epoche des vorindustriellen Handwerks: aus Cellinis Goldschmiedewerkstatt oder Stradivaris Geigenmanufaktur, den Ateliers der künstlerischen Glasbläser, Apparatebauer und Meisterköche. Ihre Nachfolger im Maschinenzeitalter, dessen »ökonomischer Kern den neuzeitlichen Handwerker krank macht«, sind in Sennetts Darstellung allenfalls Ärzte, Architekten, Ingenieure, jene also, deren Können immer noch personengebunden ist, durch Erfahrung wächst und nicht in Expertensystemen verschwinden kann.

Auf die alte Frage, wie denn die »radikal emanzipatorische Herausforderung« zu bewältigen sei, »nicht im Kampf gegen die Maschine, sondern in der Arbeit mit ihr«, hat auch Sennett keine Antwort, die über resignierte Gewerkschaftstheoretiker oder den Romantiker John Ruskin hinausweist. Dessen Modell war die gotische Bauhütte, in der die einzelnen Arbeiter im Rahmen eines Gesamtplans schöpferische Freiheit entfalten konnten. Aber wie soll das im Callcenter, am Band bei BMW aussehen? Job-Enrichment, Umschulung, Rotation – mehr fällt auch dem Soziologen nicht ein; und vieles, was er gut reformerisch hier preist, hat er im Flexiblen Menschen noch verurteilt.