Frankreich
Mann, Sarko
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy inszeniert seine Beziehung zu Carla Bruni. Angeber oder ganzer Kerl? Zwei Ansichten
PRO:
Nie im Leben hätte ich ihn gewählt. Als Staatsbürgerin hätte ich nichts für einen Präsidenten übrig, dem kurz nach Amtsantritt nichts Gescheiteres einfällt, als Gastfreundschaft mit den dubiosesten Figuren der internationalen Politik zu pflegen und sich im Urlaub an den Rockzipfel von George W. Bush zu hängen.
Als neutrale Beobachterin indes (und ein bisschen auch als Frau) hege ich eine gewisse heimliche Sympathie für solcherart Narreteien. Sowie für den pubertär-anarchischen Typus, der sie ausführt: den Typus des Halbstarken. Und Nicolas Sarkozy ist nun mal nichts anderes als ein reaktionärer, Präsident gewordener französischer Halbstarker in kleinbürgerlicher Fasson. Es gibt für Frauen Schlimmeres. Vor allem Langweiligeres. Ein Mann wie Sarkozy wird nie richtig erwachsen, aber auch nie zu Marmor, und wer es mit ihm aushält, ebenfalls nicht.
Gut: Das Schauspiel, welches der halb nackt herumreitende Franzose mitsamt seinen grausamen Sonnenbrillen so bietet, ist alles andere als attraktiv im klassischen Sinn. Auf hundert Meter Entfernung sieht man ihm den uncoolen Streber an, den Energiestau ruckartig überspielter Präpotenz. Sarkozy ist das Gegenteil von geschmeidig, das heißt ein bisschen terrierhaft. Und, nebenbei gesagt, ein waschechter Macho schon deshalb nicht, weil ihm der möchtegernhafte Entschluss, ein solcher zu sein, viel zu neurotisch aus den Augen schreit. Wer Nicolas Sarkozy beim G8-Treffen in Heiligendamm herumzappeln, neben Tony Blair die Hände zwischen den Knien kneten, beim Gruppenfoto der Staatsführer vor schierem Dabeiseinsglück hemmungslos kindisch strahlen sah, konnte ahnen, wie es in einem Mann zugeht, der gern mitterrandhafter als Mitterrand wäre und sich dabei real in Situationen bringt, die in einem Film von Woody Allen gut aufgehoben wären.
Was daran – lachen Sie nicht! – menschlich und erotisch so anziehend ist? Ganz einfach: das Vitale der Unbekümmertheit, die ein Mann haben muss, der sich dermaßen in die Karten seiner Macken und Unzulänglichkeiten, seiner ganzen halbstarken Protzerei und Ego-Fantastereien schauen lässt. Ein solcher Mann tritt durch die Tür und verbreitet die Botschaft: Leute, so bin ich nun mal. Nicht sehr groß gewachsen, nicht sehr schön, nicht besonders intelligent und noch lange nicht im Endstadium der Persönlichkeitsentwicklung. Aber einzigartig und erfolgreich. Also bitte, wo ist das Problem und wo die nächste Party?
Und diese Botschaft wirkt bei Frauen. Schlichtweg, weil sie die Behauptung enthält, dass es neben dem männlichen Idealsein noch was Aufregenderes und Lebendigeres gibt. Das wärmt und macht munter. Es wird kein Zufall sein, dass an Nicolas Sarkozy bevorzugt Diven aus der Perfektionsbranche des Modelns hängen bleiben. Was außerdem für Sarkozy als Objekt des Begehrens spricht: dass er die stilistischen und habituellen Schräglagen, die der Aufstieg eines typischen Aufsteigers in einer Aufsteigergesellschaft mit sich bringt, nicht sonderlich kaschiert und den Abenteuern der Blamage nicht ausweicht. Hier, sieht das Frauenauge, lebt ein Kerl auf eigene Rechnung. Das sext mehr als Bildungs- und Geschmackssicherheit.
Mag ja sein, dass an der Liaison mit Carla Bruni von seiner Seite aus ursprünglich ein paar publicity-strategische Gedanken beteiligt waren. Aber wie steht es denn damit? Die Zeitungen dieser Welt drucken ganze Porträtserien der Männer, die im Liebesleben von Madame Bruni auftraten. Darunter Leute wie Donald Trump und Mick Jagger. Der eine Chiffre für maximal money . Der andere Chiffre für maximal sexyness .
Und unser Mann? Chiffre für grotesk aus dem Ruder gelaufene Inszenierung der öffentlichen Romanze und für maximal Risiko. Wenn Carla Bruni demnächst feststellt, dass ihr Monogamie und Élysée-Palast zu ersterbend sind, kann sie mit Cécilia eine flotte WG aufmachen. Und Sarko steht blöder da denn je.
Wie gesagt: Einen Staatspräsidenten stellt man sich anders vor. Einen perfekten Ehemann wohl auch. Nur hat eine Frau, die es mit einem solch unkompensierten Typen aushält, die Chance, sich lebenslang Humor erhalten zu müssen.
Von Ursula März
CONTRA
Zunächst mal dies: Liebe ist immer gut. Auch wenn so ein übergeschnappter Lausejunge wie Nicolas Sarkozy, dem man eigentlich gerne mütterlich einen Beruhigungstee reichen würde, mit der schönen Carla vor der Weltpresse herumprotzt, muss man zugeben: Große Leidenschaften sind immer eine prima Sache. Und dieser aufgedrehte virile Angeber ist zwar albern, aber vermutlich erst das Mittelschlimmste, was einer Frau erotisch widerfahren kann.
Und jetzt das Dennoch. So toll ist diese Liebe gar nicht. Sie passt nur brav in eine Welt, die sich von Napoleon bis Sarkozy immer gleich geblieben ist. In eine Welt voll mit kleinen, selbstherrlichen Männern mit hohen Absätzen und imposantem Helm- oder Sonnenbrillenschmuck, die sich durch das Lautenspiel langbeiniger Schönheiten das entbehrungsreiche Leben als Führungskraft versüßen lassen. Egal ob Russlandfeldzug oder Atomkraftwerks-Verkaufstour – in der sogenannten Liebe zu einem jungen, den urweiblichen Schöpfungsaufgaben wie dem Gesang, dem Schmuck und Tand ergebenen Weibchen haben die Alphamännchen schon immer Entspannung gesucht.
So halten die Herren Napoleon und Söhne es seit Urzeiten: Am Abend nach getaner Heldentat verzichten sie darauf, die Weltlage mit einer gleichaltrigen Doktorin der Politikwissenschaft noch einmal entspannt im Bett zu erörtern. Das hat Eva Herman messerscharf völlig richtig erkannt.
Alle machen das. Was in Frankreich das Bruni-Modell ist, ist in Deutschland das Doris-Modell. Das Doris-Modell ist, wie alles bei den bodenständigen Teutonen, nicht ganz so langbeinig und glamourös. Auch hängt der Himmel über Hannover nicht ganz so voller Gitarren wie der über Paris. Aber im tiefsten Macho-Kern vergleichbar ist die Sache doch.
Denn Herr Sarkozy tut, was die männliche Führungskraft um die fünfzig eben tut: Er legt es darauf an, eine ungefähr fünfzehn, im weiteren Verlauf vermutlich fünfundzwanzig Jahre jüngere Partnerin zu erwerben. Dieses Liebesmodell ist mittlerweile zu einem unverwüstlichen Klassiker avanciert und reicht vom Pariser Bruni-Liebhaber und dem hannoverischen Altkanzler über die turnusmäßigen Brautschauen des ergrauten Ex-Außenministers unter Berliner Praktikantinnen bis zum platinblonden Busenwunder im Pflegestab des greisen Schönheitschirurgen.
Aus demografischer Sicht ist dieses Liebesmodell nicht unbedingt zu kritisieren, zumal die Herren mit ihren Töchter-Gattinnen zuweilen noch Enkelersatz in Form von eigenem Nachwuchs herstellen oder im Ausland ordern. Aber so richtig begeistern kann es einen nicht.
Das Doris- und das Bruni-Modell sind ödes Patriarchengetue. Das Bruni-Modell unterscheidet sich vom Doris-Modell zwar durch spätrömische Verruchtheit. Frau Schröder-Köpf als Halbnacktmodel, um die Käuferschaft zum verstärkten Konsum von Automobilen zu animieren – das hätten die Hannoveraner ihr nicht durchgehen lassen (manchmal ist der deutsche Spießer doch zu etwas gut). Auch hat Frau Schröder-Köpf nicht mit neunzehn Jahren ihr Studium abgebrochen, um ihr ganzes Können in das Vorführen von Kleidern, Blusen und Röcken sowie in das Verführen der männlichen Kulturindustrie-Elite zu investieren. Doch unser hohes Ideal einer großen Liebe auf Augenhöhe? Nirgends zu sehen.
In der westlichen Warenwirtschaft, wo das neue und gebrauchsspurlose Produkt das beste ist, bestimmen Sarkozy und Co das öffentliche Bild des Liebespaars. Egal ob Staatspräsident, Tennisspieler, Fernsehschaffender oder Bundeskanzler. Sie alle befinden sich in zweiter, dritter, fünfter Ehe, haben Nachwuchs aus diesem oder jenem flüchtigen Besenschrankerlebnis, versteckte Geliebte, abgelegte Ehefrauen und Kinder in reichem und schwerreichem Ausmaß. Doch während sich die Herren vermutlich noch häufiger amourös verjüngen werden, haben es die Damen weniger kommod. Sie müssen sich, wenn die ersten Falten kommen, ihre Männer vermutlich unter den jungen weißrussischen Bademeistern oder irgendwo im Asiatischen suchen. Denn Männer wie Sarkozy nehmen nur frische Ware. Sie bekommen das größte Stück Fleisch und das jüngste Stück Frau auf den Teller. Die anderen müssen essen, was übrig bleibt. So ist das. Liebe muss noch etwas anderes sein.
Von Iris Radisch
- Datum 31.1.2008 - 10:01 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 31.01.2008 Nr. 06
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"Das Doris-Modell ist, wie alles bei
den bodenständigen Teutonen, nicht ganz so langbeinig und glamourös..."Jaja, und Heidi Klum, Claudia Schiffer, Eva Padberg, Tatjana Patiz, etc. sind sicher auch alles Französinnen..."(manchmal ist der deutsche Spießer doch zu etwas gut..."...meinte die dt. Bildungsspießerin beim beherzten Griff in die Klischeekiste, als ihr nichts Besseres mehr einfiel.Mfg., H.
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