In einem Punkt hat Kardinal Lehmann recht in seinem Plädoyer für den Lebensschutz : Die Würde des Menschen kann nicht abgestuft oder aufgewogen werden – da sind sich alle christlichen Religionen und die Ethik der Aufklärung ausnahmsweise einig. Deshalb darf die Menschenwürde des frühen Embryos – sofern er sie besitzt – nicht gegen die Würde der Kranken aufgerechnet werden, die durch seine Stammzellen gerettet werden könnten. Derartige, hierzulande leider oft geforderte Güterabwägungen sind unethisch – wir kämen ja auch nicht auf die Idee, einen Erwachsenen zu töten, um mit dessen Organen anderen Menschen das Leben zu retten.

Stattdessen muss offen über den moralischen Status eines im Labor hergestellten, fünf Tage alten Embryos diskutiert werden. Diese Blastozyste, eine mit bloßem Auge kaum sichtbare Kugel aus rund 180 Zellen, würde sich im Mutterleib ab dem siebten Tag in die Gebärmutterwand einnisten. Für die Gewinnung embryonaler Stammzellen werden jedoch bei einer künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) übrig gebliebene Blastozysten zerstört.

Besitzt dieser winzige Zellhaufen die volle Menschenwürde, mit allen Konsequenzen? In anderen Worten: Ist die Blastozyste ein Mensch?

Der Harvard-Philosoph Michael Sandel hat dazu ein Gedankenexperiment entwickelt. Stellen Sie sich vor, in einem brennenden Labor befinden sich ein Kind sowie ein Reagenzglasständer mit hundert Blastozysten. Wen retten Sie zuerst? Jeder vernünftige Mensch würde natürlich dem Kind helfen. Die Alternative, einen vollwertigen Menschen für die Zellen in Nährlösung zu opfern, erscheint uns absurd und grausam. Wir würden auch einen Bewusstlosen zuerst retten, obwohl er keine Schmerzen empfindet, oder einen Schwerkranken, der ohnehin bald sterben muss. Das Gedankenexperiment kommt bei Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Kulturkreise und Religionen zum selben Ergebnis.

Auch im realen Leben werden bedenkenlos Blastozysten geopfert – darunter sogar solche, aus denen sich ohne weiteres Zutun ein Mensch entwickeln würde: Die zur Schwangerschaftsverhütung millionenfach eingesetzte Spirale tötet den frühen Embryo bei der Einnistung in die Gebärmutter, also im Alter von 7 bis 14 Tagen. Auch im Zusammenhang mit der IVF werden weltweit Hunderttausende »überzählige« Embryonen vernichtet, die nicht in die Gebärmutter eingepflanzt werden konnten.

Ist der moderne Mensch also ein gottloser Barbar, der millionenfach seinesgleichen mordet?

Nach meiner, freilich nicht katholischen Überzeugung: nein. Der zivilisierte Mensch hat sehr wohl ein differenziertes und tiefes Verständnis für die Würde seines Nächsten. Dieses gründet sich jedoch nicht auf eine kirchlich vorgegebene Doktrin, sondern auf die unmittelbare Erfahrung des anderen als Person, also als vernunftbegabtes Subjekt derselben Art. Wir erkennen die Menschenwürde auch in Alzheimerpatienten im Spätstadium, ungeborenen Kindern und von Geburt an schwer Geschädigten, weil sie eine Person waren, sein werden oder bestimmungsgemäß sein sollten. Basis der Menschenwürde ist letztlich die Zugehörigkeit zur Familie der Menschen, die Schicksalsgemeinschaft der biologischen Art: Jeder von uns könnte auch der andere sein. Wir helfen dem Nächsten, weil er einer von uns ist.

Für eine Blastozyste im Labor empfindet der Mensch dagegen keine Empathie und keine Nächstenliebe, weil sie nicht dem Archetyp entspricht, den wir vom anderen als Spiegelbild des Selbst in uns tragen. Sie ist ein im Labor hergestelltes Kunstwesen ohne Zukunft, das außerhalb des menschlichen Kreislaufs von Geburt und Sterben steht. Daran ändert auch die von Lehmann betonte Tatsache nichts, dass die Blastozyste das Genom eines Menschen enthält: Die Zellen im Reagenzglas sind zwar menschliches Leben (human life), aber keine Person (human being). Wir sollten ihnen trotzdem eine Art von »Würde« zubilligen – etwa so wie einem Menschen entnommenen Organen, wie Leichen oder auch höheren Tieren. Die einzigartige und unantastbare Menschenwürde besitzen Blastozysten jedoch nicht.

Überdies ist Lehmanns Votum »Im Zweifel für das Leben« in der Praxis fatal: Der Blastozyste den moralischen Status eines Menschen zu geben erreicht das Gegenteil des Intendierten. Unter dem Einfluss der katholischen Kirche schützen Deutschland und andere Staaten Blastozysten genauso wie Föten im dritten bis zehnten Monat der Schwangerschaft. Das hat tödliche Auswirkungen: Weil nach der IVF jede befruchtete Eizelle in die Gebärmutter übertragen werden muss, werden bei den resultierenden Mehrlingsschwangerschaften Zehntausende Föten abgetrieben. Die Alternative, einen einzelnen Embryo länger im Labor zu kultivieren und dann einzusetzen, ist verboten, zum Schutz des »Menschenrechts« der Blastozyste. Auch die Feststellung schwerer Erbkrankheiten im Rahmen der IVF ist verboten, um die Blastozyste zu schützen – stattdessen werden Föten mit Erbschäden bis kurz vor der Geburt abgetrieben.

Der – historisch hart erkämpfte – Begriff der Menschenwürde darf nicht zur Unkenntlichkeit verwässert werden. Sonst verliert er seine Wirkung für diejenigen, die eigentlich geschützt werden sollen: Das sind, daran darf kein Zweifel bestehen, nicht Zellen im Labor, sondern die Menschen im wirklichen Leben.

Alexander S.Kekulé ist Virologe und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle (Saale)