Geldpolitik Gnade für Ben Bernanke

Die amerikanische Notenbank und ihr Chef stehen am Pranger. Das ist ungerecht. Die Welt verdankt den USA einen beispiellosen Wirtschaftsboom

Noch im vergangenen Herbst war bei den Herren des Geldes alles in Ordnung. Eine illustre Schar von Notenbankern versammelte sich im Washingtoner Hay-Adams-Hotel, um zu feiern: Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, war frisch von einem Fachmagazin zum Politiker des Jahres gekürt worden. Ben Bernanke kam, der Gouverneur der amerikanischen Notenbank Federal Reserve. Bundesbankchef Axel Weber ebenso. Auch die Zentralbanklegende Alan Greenspan. Man lobte sich gegenseitig und plauderte entspannt.

Es war eine Art Abschiedstreffen – ein letztes Zusammensein in guten Zeiten. Denn seit sich die Schreckensmeldungen über die Finanzmärkte mehren, stehen die Währungshüter am Pranger.

Das gilt vor allem für die Vertreter der mächtigen Federal Reserve. Ihr Prinzip ist, gegenzusteuern, wenn die Konjunktur einzubrechen droht. Als vor sieben Jahren die Internetblase platzte, drehte der damalige Fed-Chef Alan Greenspan schnell und kräftig den Geldhahn auf und half der Wirtschaft. Sein Nachfolger Ben Bernanke macht es ähnlich. Als vergangene Woche die Aktienmärkte nachgaben, berief er eine Krisensitzung ein und senkte den Leitzins gleich auf einen Schlag um einen dreiviertel Prozentpunkt. So schnell musste es gehen, dass nicht einmal alle Mitglieder des Zentralbankrats an der Schaltkonferenz teilnehmen konnten. Gouverneur Frederic Mishkin war beim Skifahren.

Doch Bernanke erntete für seine Aktion bisher nur wenig Applaus. Die Fed, so der Vorwurf, erzeuge mit ihrer Politik des billigen Geldes genau jene Verwerfungen an den Finanzmärkten, die Banken derzeit zu immer neuen Milliardenabschreibungen zwingen. Und sie riskiere einen gefährlichen Anstieg der Inflation. Es handle sich um einen »unverantwortlichen Akt«, wetterte Willem Buiter, Professor an der London School of Economics und einer der einflussreichsten Experten für Geldpolitik. »Bernanke macht sich zum Sklaven der Aktienmärkte.«

Schon heißt es, die Fed verliere ihre Glaubwürdigkeit. Es geht um viel – für die Zentralbanken und für die Weltwirtschaft. Heute, da der Wert des Geldes nicht mehr durch reale Vermögenswerte wie Gold gedeckt ist, hängt die Stabilität der Währungen vom Vertrauen in die Kunst der Notenbanker ab. Das geht gerade verloren. Ein Fehler. Denn die Kritik an den Bankern in der Fed trifft die Falschen.

Die Waffe Leitzins – scharf und gefährlich

In der Finanzbranche zeigt man im Allgemeinen gerne, was man hat. Anders ist es in der Welt der Notenbanker. Da ist Zurückhaltung die oberste Tugend. Das Hauptquartier der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Stadtzentrum ist denn auch kein besonders eindrucksvolles Gebäude, nicht einmal für die bescheidenen Standards der Mainmetropole. Schon der Turm der Commerzbank gleich nebenan ist höher. Von den Gehältern, die bei Goldman Sachs oder der Deutschen Bank gezahlt werden, können die Mitarbeiter der EZB nur träumen. Und doch hat kaum jemand so viel Einfluss auf Wirtschaft und Finanzmärkte wie sie.

Das wird deutlich, wenn Jean-Claude Trichet und seine Kollegen aus dem Zentralbankrat einmal im Monat tagen. Dann halten Aktienhändler und Devisenjongleure auf dem ganzen Erdball den Atem an. Eine Zentralbank versorgt die Wirtschaft mit Geld. Die Banken leihen sich dieses Geld bei den Währungshütern und bezahlen dafür einen Preis – den Leitzins. Den legt die Zentralbank fest. Er ist eine scharfe Waffe. Steigt der Leitzins, verlangen auch die Geschäftsbanken höhere Zinsen. Das bremst Konsum und Investitionen, belastet die Aktienkurse und wertet die Währung auf.

Die Unternehmen mögen noch so flexibel sein, die Arbeitskräfte noch so gebildet – eine zu straffe Geldpolitik kann jede Wirtschaft kollabieren lassen. Umgekehrt kurbeln niedrige Zinsen die Wirtschaft an. Doch das hat Grenzen: Wenn die Notenbanken es übertreiben und das Geld zu billig machen, steigt die Inflation, und es drohen Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten.

Deshalb beobachten in der EZB, der Federal Reserve oder der Bank of England Hunderte von Ökonomen jeden Tag das Wirtschaftsgeschehen. Sie analysieren, wie viel Geld die Konsumenten ausgeben und ob die Anleger Aktien oder Anleihen kaufen. Mit Hilfe komplexer Modelle berechnen die Volkswirte den angemessenen Zins. Und doch ist die Geldpolitik keine reine Wissenschaft. Daten müssen interpretiert, über Wirkungsmechanismen muss gemutmaßt werden.

Grob gesagt, gibt es dabei zwei Schulen: Die eine argumentiert, dass eine Notenbank in erster Linie dafür sorgen soll, dass die Preise stabil bleiben. Den Rest erledige der Markt. Das ist der Ansatz der EZB, die nach dem Vorbild der deutschen Bundesbank geformt wurde. Im EU-Vertrag, dem Gründungsdokument der Notenbank, ist Preisstabilität als vorrangiges Ziel festgeschrieben. Entsprechend weisen die Europäer alle Forderungen nach Zinssenkungen mit dem Verweis auf die hohen Inflationsraten zurück.

Die Federal Reserve hingegen ist per Gesetz dazu verpflichtet, sich sowohl um Geldwertstabilität als auch um eine hohe Beschäftigung zu kümmern. Als der Technologieboom der späten 1990er Jahre rapide endete, reizte sie die Freiheiten dieses Mandats so weit wie möglich aus. Alan Greenspan senkte den Zins auf ein Rekordtief von nur einem Prozent. Das billige Geld feuerte den Konsum an, eine Expansion auf Pump. Die Bürger der Vereinigten Staaten haben in der Summe bis zuletzt praktisch nicht mehr gespart.

Umstritten ist aber, ob die Niedrigzinspolitik auch für die Blase an den Immobilien- und Finanzmärkten verantwortlich ist, die jetzt die Märkte in Atem hält. Spekulationsexzesse an den Finanzmärkten sind in der Geschichte auch schon in Zeiten mit hohen Leitzinsen aufgetreten. Dass die Banken leichtsinnig mit Risiken umgehen, liegt traditionell eher an Löchern im Regulierungsgeflecht als an der Geldpolitik.

Vor einer Schuldzuweisung sollte man auch berücksichtigen, dass die US-Notenbank mit einer besonderen weltwirtschaftlichen Konstellation zu kämpfen hatte. Während die USA mehr und mehr Schulden machten, weigerte sich der Rest der Welt bis zuletzt, kräftig zu konsumieren.

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Ursachen. Die Schwellenländer Asiens sind seit der desaströsen Finanzkrise 1997 dazu übergegangen, gezielt den Exportsektor zu fördern und Devisenreserven anzuhäufen. Damit wollen sie sich vor neuen Turbulenzen schützen. Summierten sich die Ersparnisse in diesen Staaten 1980 nur auf 24 Prozent der Wirtschaftsleistung, sind es heute üppige 45 Prozent. Auch andernorts war nicht mehr viel los: Japan, die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft, kämpfte mehr als zehn Jahre lang mit den Spätfolgen einer geplatzten Immobilienblase. Und Deutschland, die dritte große Wirtschaftsmacht, litt an den Nachwirkungen der Wiedervereinigung.

Die Politik verschärfte die Situation zusätzlich. Deutsche und Japaner unterzogen sich einer wahren Rosskur, um ihre Wirtschaft wieder fit für den Weltmarkt zu machen: Der Staat strich Ausgaben zusammen, die Unternehmen kürzten bei den Löhnen. Die EZB ließ sich lange Zeit, bevor sie die Zinsen lockerte, die japanische Zentralbank straffte zwischenzeitlich sogar die Geldpolitik. Für alle diese Maßnahmen kann man gute Gründe nennen– doch in ihrer Kombination bremsten sie fatalerweise die Nachfrage.

Deutschland, China, Brasilien – alle haben am US-Boom verdient

Übrig blieb der amerikanische Verbraucher. Er lieh sich das überschüssige Kapital, das aus der ganzen Welt in die Aktien- und Anleihemärkte der USA strömte, in Form von immer neuen Krediten aus – und kaufte sich dafür Konsumartikel. Davon profitierten nicht nur die USA selbst: Die Weltwirtschaft insgesamt hat in den vergangenen fünf Jahren eine der längsten Wachstumsphasen ihrer Geschichte erlebt. Ob deutsche Maschinenbauer, chinesische Spielzeugfabrikanten oder brasilianische Ölkonzerne – sie alle haben am Geschäft mit den einkaufsfreudigen US-Bürgern prächtig verdient. Selbst in vielen Entwicklungsländern ist der Aufschwung angekommen. Laut einer Studie der Weltbank lebt fast die Hälfte der Menschheit in Ländern, deren Wirtschaft zuletzt mit mindestens sieben Prozent gewachsen ist. Ein großer Teil dieses neu geschaffenen Wohlstands dürfte die Finanzkrise überdauern. Wenn die Federal Reserve den amerikanischen Konsum frühzeitig abgewürgt hätte, hätte die globale Konjunktur ihre wichtigste Stütze verloren.

Gut möglich, dass die Welt in diesem Fall heute auf eine lange Rezession zurückblicken würde. Dass das Vertrauen in die Fähigkeiten politisch unabhängiger Zentralbanken ernsthaft Schaden genommen hätte. Und es stimmt, dass Ben Bernanke mit seiner jüngsten Zinssenkung viel riskiert – aber es könnte noch riskanter sein, wenn die Federal Reserve weniger aggressiv vorginge.

Zumindest gilt das, solange die ungesunde Arbeitsteilung in der Weltwirtschaft anhält. Alle stünden wohl besser da, wenn die Lasten gleichmäßiger verteilt würden: Die USA müssen auf Konsum verzichten, die Deutschen auf den Titel des Exportweltmeisters und die Chinesen auf Devisenreserven. Die gute Nachricht ist, dass sich die Dinge allmählich in diese Richtung bewegen. Zwar kaufen die Amerikaner immer noch deutlich mehr ausländische Waren, als sie selbst in den Rest der Welt ausführen. Doch in Europa kommt der Konsum in Gang, und die asiatischen Schwellenländer setzen verstärkt auf die heimische Nachfrage. Derweil wächst in den internationalen Institutionen das Verständnis für die globalen Zusammenhänge der Krise. Dominique Strauss-Kahn, der neue geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), rief jene Staaten, die Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet haben, am Wochenende dazu auf, durch niedrigere Steuern oder höhere Ausgaben die Weltkonjunktur zu stützen. Dazu gehört auch Deutschland.

Vielleicht hat Ben Bernanke am Ende weniger zu tun als sein Vorgänger. Es ist unwahrscheinlich, dass er sich darüber ärgern würde.

 
Leser-Kommentare
  1. Das Los der Zentralbanker gleicht dem der Sonne:  Man erwartet einfach, dass sie stets scheint, ohne dies je besonders anzuerkennen.  Doch scheint sie mal nicht, so beschweren wir uns sofort -- ja, wir können sogar Versicherungen gegen Regen in der Ferienzeit abschließen.
    Die wichtigste Waffe der Zentralbanker ist der Leitzins.  Doch ist sie stumpf.  Reduziert man den Leitzins, um die Wirtschaft anzukurbeln, so erhöht sich die Inflationsgefahr.  Steigert man den Leitzins aber, um die Inflation zu bannen, so gefährdet man die Wirtschaft.  Selbst wenn man gar nichts täte, könnte das unter Umständen eine gefährliche Stagflation auslösen.
    Eine kleine Anmerkung:  Die "Zeit" nennt zwar die EZB eine Zentralbank; die amerikanische Zentralbank hingegen wird abweichend als "Notenbank" bezeichnet.  Dieser Brauch führt immer wieder zu einer Verwechslung mit der privaten Druckfirma "American Bank Note Co.", die einst im Auftrag der Regierung das Geld herstellte. 

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