Afghanistan
Kreuz des Südens
Wenn Deutschland glaubhaft sein will, muss es notfalls seinen militärischen Einsatz in Afghanistan ausweiten
Napoleon wäre vielleicht als Kaiser von Europa in die Geschichte eingegangen, wenn die Preußen den Briten 1815 ausgerichtet hätten: »So sorry, bis Waterloo schaffen wir es nicht.« Tatsächlich kamen die Preußen in letzter Minute, und Napoleon ging in die Verbannung. Im Krieg kommt es eben darauf an, wer wann und wo aufmarschiert. In Afghanistan aber verweigern sich Blüchers Nachfahren dieser simplen Einsicht. Kanzlerin und Verteidigungsminister reagierten alsgleich mit einem scharfen Nein auf den Brief aus dem Pentagon, der die Verlegung deutscher Truppen in den umkämpften Süden forderte.
»Unangemessen«, »anmaßend« und »verwunderlich« sei dieser Brief, wurde an die Medien gestreut. »Verwunderlich«? Seit dem Spätherbst laufen die Demarchen über die üblichen, diskreteren Kanäle. Nicht nur die Amerikaner, auch Briten und Holländer fordern Verstärkung im Süden, wo die Verluste steigen. Dass Berlin die Notrufe ignorierte, hat einen guten Grund. Der Bundestag hat das Mandat für die 3.000 deutschen Soldaten strikt eingekastelt. Übrig blieb: kein Kampfeinsatz, es sei denn zur Selbstverteidigung.
Wohlweislich ist die Bundeswehr in den Norden gegangen, weil dort nicht gekämpft wurde und wird; in Kundus herrscht nicht halbwegs Ruhe, weil sich die Deutschen als freundliche Entwicklungshelfer nützlich machen. Verständlich ist die Vorsicht allemal: Wir mischen mit, riskieren aber wenig. Jetzt fechten die Verbündeten die gefällige Arbeitsteilung an.
Was soll Berlin tun? Ginge es allein um die Innenpolitik, könnte die Antwort nicht klarer sein: Lasst uns bitte in Ruhe; weiten wir diesen unpopulären Einsatz aus, riskieren wir mit dem Leben unserer Soldaten auch das Überleben der Großen Koalition. Leider folgt die Außenpolitik anderen Gesetzen, und die quälen gleich dreifach.
Erstens: Müssen wir der Nato nicht dankbar sein, dass sie uns vierzig Jahre lang beschützt hat – mit einer halben Million fremder Soldaten auf westdeutschem Boden? Nur ist Dankbarkeit ein schwächliches Moment im Leben der Staaten, und so fragt die kühle Staatsräson, was ist denn das deutsche Interesse hier und heute?
Deshalb, zweitens: Unverrückbar ist das Gebot, das Bündnis nicht in Afghanistan zugrunde gehen zu lassen und schon gar nicht, weil ausgerechnet Berlin den Luther gibt: »Hier stehe ich und kann nicht anders.« Das existenzielle Risiko für die Allianz liegt auf der Hand. Dann zögen die Holländer und Kanadier ab, wie sie es angedroht haben – es blieben die üblichen Verdächtigen USA und England. Niemand würde deshalb das Nato-Hauptquartier in Belgien abreißen, aber das wär’s dann auch: ein Bauwerk, kein Bündnis.
Drittens darf Afghanistan nicht wieder zur Erbpacht der Taliban, mithin von al-Qaida werden. Der SPD-Verteidigungsminister Struck hatte recht, als er dozierte, Deutschland müsse auch am Hindukusch verteidigt werden. Klassische Territorialkriege sind derzeit out in Europa, die Bedrohung kommt von weit her – von gescheiterten Staaten, Terrorbrigaden und Atomwaffen in den Händen derer, die von der Apokalypse träumen.
Zurück zur Innenpolitik. »Das Mandat steht nicht zur Disposition«, insistiert die Kanzlerin. Aber in dem Mandat von 2005 steht auch: »Deutsche Streitkräfte werden in den Isaf-Regionen Kabul und Nord eingesetzt. Darüber hinaus können sie (im Westen) sowie im Zuge der weiteren Isaf-Ausdehnung in anderen Regionen für zeitlich und im Umfang begrenzte Unterstützungsmaßnahmen eingesetzt werden (...).«
Hier öffnet sich ein goldenes Brücklein. Berlin könnte sich den Pelz waschen, ohne allzu nass zu werden. »Zeitlich und im Umfang begrenzt« heißt: Wir können unseren »Mitgliedsbeitrag« etwas erhöhen – etwa mit mobilen Spezialeinheiten – und so Holländern und Kanadiern das Argument fürs Bleiben liefern. Heldenhaft wäre das nicht, aber weise – ein Ausweg aus dem Mahlwerk der Innen- und Außenpolitik.
Oder so: Dieses Land, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, will nicht wirklich eine Mega-Schweiz sein. Wer aber die Macht will, muss auch Verantwortung tragen. Wie kann Berlin abermals einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat fordern, wenn es Einfluss für sich ohne Einsatz für das Ganze will? Alle Politik muss den Wählerwillen respektieren. Aber das Grundgesetz verbietet es den Regierenden nicht, für das außenpolitisch Gebotene zu werben.
- Datum 7.2.2008 - 07:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
- Kommentare 36
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Wenn Deutschland glaubhaft sein will, muss es notfalls seinen militärischen Einsatz in Afghanistan beenden.So herum, Herr Joffe! Alles andere ist perverse Kriegslogik! Ist es mal wieder soweit?
des christlichen glaubens, das kreuz des südens und daran lässt sich gut die zeit nageln. vorzugsweise natürlich nicht die eigene, sondern die von jungen männern oder wie man einen innerdeutschen generationskonflikt auch beenden möchte. pompös.
Es gibt den bekannten Satz: „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitten“ – und zu wessen Lasten? Wie viel Leben junger Soldaten ist den Autor die Nachfolge Blüchers wert? Welches Ziel soll militärisch erreicht werden?
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Unsinn zu widerstehen erfordert lutherischen Mut. So ist der Satz Luthers zu verstehen, der gegen „die geistliche Obrigkeit“ seine Erkenntnisse setzte und ein neues Zeitalter einläutete.
So ist es auch hier. Die NATO wurde als Verteidigungsbündnis gegen äußere militärische Bedrohung gegründet und hat uns 40 Jahre Frieden gebracht. Gewalt wird es immer geben, leider. Sich dagegen in Gemeinsamkeit zu schützen ist legitim und leider notwendig. Es ist kein Bündnis der Feiglinge, sondern von Menschen die die zerstörerischen Folgen von Gewalt und Gewaltpolitik erlebt und erlitten haben. Es ist nicht heroisch den falschen Weg fortzusetzen, sondern ihn zu verlassen.
Gibt es ein besseres Beispiel, wohin falsches Heldentum führt als den Irak?
Der Papst soll einmal scherzhaft gefragt worden sein, über wie viel Divisionen er verfüge. Über wie viele Divisionen mag wohl der Islam verfügen? Den Analogieschluss überlasse ich dem Leser. Es wäre das erste Mal in der Geschichte, wenn man eine Religion mit militärischen Mitteln besiegen könnte.
Wenn wir Einfluss im Weltsicherheitsrat anstreben, kann der Sinn nur darin liegen Unsinn und Gewalt zu verhindern und einen Ausgleich zwischen den Völkern zufördern.
Erwünschte Unterstützung bei der Bekämpfung von menschlicher Not und Krankheit, sind mehr wert als alle Divisionen der Welt.
wenn aus einem funktionierenden Abschreckungs- und Verteidigungsbündnis ein Großmacht-politisches Agressionsinstrument wird, dann kann die Vergangenheit nicht als Verpflichtung zur Teilnahme in der Zukunft umgedeutet werden, es sei denn, die US-Interessen liegen einem näher als die Deutschen. Das muss sich Herr Joffe schon fragen lassen! Der Afghanistan-Krieg ist bereits verloren, das wollen sich die Herren nur nicht eingestehen, da ändert auch ein Deutscher Einsatz nichts!
Wer möchte in den Weltsicherheitsrat?Unter Realitätsverlust leidende ehemalige Aussenminister?Es würde ja so viel helfen, mit den Supermächten wie USA, Russland, China, GB, FRA an einem Tisch zu sitzen und über Resolutionen zu sinnen, die am Veto der einen oder anderen Seite scheitern.Wir sollten uns fragen, ob wir die NATO in dieser Form noch brauchen, da sich die politische Welt doch grundlegend verändert hat.Danken wir den Vätern der Grundgesetzes für das Verbot eines Angriffskrieges.Diese Grenze dürfen wir nicht überschreiten.
An Größenwahn leiden ja viele Menschen, die das Leben "in a little, brief authority" kleidet. Dazu zählen ohne Zweifel die Herren, die gerne global mitschwätzen möchten, und leider auch der Klugschreiber Joffe.
Hoffentlich liest der Gute die vielen klugen Gedanken in diesem Thread. Hoffentlich nimmt er sie sich zu Herzen.
Wer Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören, kann nicht ignorieren, daß Menschen nicht mit Kriegsgewalt zu überzeugen sind. Wo, wann wäre das je gelungen?
Amadeusw sagt es: nur mit erwünschter Hilfe können die Menschen gewonnen werden. Dem Kraut ist kein Fanatismus gewachsen. Man stelle sich mal vor, Israel hätte die letzten 60 Jahre dem Aufbau des Landes auch für die palästinensische Bevölkerung gewidmet, Schulen, medizinische Versorgung, Arbeitsplätze... wer würde heute noch der Hamas hinterherlaufen?
Und zwar nicht nur dafür, dass Sie Ihre Intelligenz für Kriegshetze einsetzen und damit missbrauchen. Sondern auch dafür, dass Sie Ihre Leser für so dumm halten, dass Sie glauben, mit derart schiefen historischen Vergleichen kommen zu dürfen.Der Verteidigungskrieg der verbündeten europäischen Mächte gegen das expansive napoleonische Frankreich, dass voller Sendungsbewusstsein und Imperialanspruch den ganzen Kontinent in Blut tauchte, war zutiefst gerechtfertigt und hat nichts mit dem NATO-Kolonialfeldzug in Afghanistan zu tun. Mit etwas historischer Bildung hätte Ihnen eigentlich auffallen müssen, dass die US-Politik unter Bush viel mehr Ähnlichkeit mit Napoleon als mit Wellington hat.Wen also sollen die Preußen retten, bevor es Nacht wird?Über die von Ihnen aufgeführten dreifachen Qualen der Außenpolitik sollte man eigentlich den gnädigen Schleier des Schweigens ziehen. Aber ein paar kurze Anmerkungen erscheinen mir notwendig.Erstens:Wer ist "wir", die der NATO dankbar sein müssen? Meinen Sie die Transatlantiker oder die Hamburger oder auch Berliner oder Dresdner? Die NATO hatte, ebenso wie der Warschauer Pakt, Deutschland als Schlachtfeld des nächsten Krieges betrachtet und vorbereitet. Einzig für diesen Zweck waren im Westen eine halbe Million Amerikaner/Briten/Franzosen/Kanadier und im Osten eine halbe Million Russen aufmarschiert - um den Krieg von ihren eigenen Ländern möglichst fern zu halten. Der sollte sich in Deutschland austoben.Dankbar dafür, dass unser Land zum Abriss freigegeben war? Dankbar bin ich den Russen und Franzosen und Kanadiern(?) für ihren Abzug. Die anderen machen sich hier immer noch breit und führen sogar von hier ihre Kriege.Zweitens:Deutschland gibt nicht den Luther, wie Sie verächtlich formulieren. Der Verteidigungsminister gibt lediglich die Grundlage seines Handelns zur Kenntnis, den Bundestagsbeschluss. Nur der ist für Herrn Jung verbindlich, nicht irgendwelche Briefe von Herrn Gates. Zumal dieser Beschluss ohnehin schon viel weiter geht, als die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes überhaupt will. Auch wenn das in der veröffentlichten Meinung nur allzu selten erwähnt wird.Drittens:Was aus Afghanistan wird, ist zunächst mal Problem der Afghanen. Dort tobt ein Dauerkonflikt zwischen verschiedenen Ethnien, zwischen Islamisten und Gemäßigten, zwischen Zentralregierung und separatistischen Feldkommandeuren, zwischen Drogenbaronen, Warlords und gewöhnlichen Räuberbanden. Das alles unter dem Label "Taliban" verkaufen zu wollen, zeugt entweder vom Willen zur Lüge oder von bemerkenswerter Uninformiertheit.Ganz sicher ist es nicht Aufgabe der NATO, und schon gar nicht der Bundeswehr, dieses Gewirr unübersichtlicher Konfliktlinien zu entknoten.Ganz sicher wird das die NATO nicht schaffen. Das ist Aufgabe der Afghanen.Was haben Sie eigentlich gegen die Schweiz? Sie hat sich durch ihre kluge Neutralitätspolitik überall auf der Welt hohes Ansehen erworben. Ein solcher Status für Deutschland wäre m.E. wünschenswert.Werter Herr Joffe, hören Sie bitte auf, Ihre Leser für dumm zu verkaufen. Faseln Sie nicht vom Sitz im UNSR - den wird es für Deutschland nicht geben. Und schon gar nicht als Belohnung für Niebelungentreue in ungewinnbaren Kriegen.Eine solche wurde in deutschen Zeitungen zuletzt vor 63 Jahren gefordert.Und nun von Ihnen.Schämen Sie sich, Herr Joffe.
nur steht halt immer noch Herrn Joffes Artikel unter dem namhaften und einflussreichen Emblem der "ZEIT" im Internet.
Und er ist ein kluger Mann! Ich erinnere mich recht gut an seine oft konservativen, aber meist zutrefenden Komentare zu wichtigen Themen in den vergangenen Jahren. Natuerlich geht es da um Politik. Und nicht nur um den Sitz im Weltsicherheitsrat, das ist nur wieder so ein Zuenglein an der Waage, das in der Lage ist, die Fusssohlen des kleinen Mannes zu kitzeln, auf das sie Beifall stampfen.
Es ist auch nicht gesagt, dass Europa unter einem Kaiser Napoleon eine schlechtere Entwicklung genommen haette als unter siegreichen Briten und Preussen. Ueberhaupt, hier Lehren aus der Geschichte einzufordern, ist ein listiger Zug, der aber gerade zum Bumerang werden kann.
Denn erstens verschreibt man sich natuerlich mit der Unterstuetzung der Besatzungspolitik der Amerikaner und ihres militaersich-industriellen Komplexes auf Gedeih und Verderb deren aggressiver Politik und beraubt sich jeglichen kuenftigen Handlungsspielraumes, ohne dem Volk die Wahrheit ueber diesen Krieg mitzuteilen.
Keine Ahnung, oder hoechstens das, was wirklich hinter diesem Krieg steckt, aber Sympathie fuer die Afghanen, die ihr Land nun schon seit fast vielen Jahren gegen auslaendische Invasoren verteidigen kann man leicht in sich hervorrufen, wenn man sich vorstellt, wie es uns Deustchen im umgekehrten Falle ginge: wenn etwa sagen wir chinesische oder sonstige Soldatenkoalitionen unser Land besetzen und uns sagen, was wir von unseren Gebraeuchen und Gewohnheiten halten sollen. Da wuerde mir auch das Messer in der Tasche aufgehen.
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