Der Einberufungsbefehl, den der amerikanische Verteidigungsminister vergangene Woche an die Bundeswehr schickte, dürfte erst der Anfang eines großen, nunmehr öffentlichen Zerrens um einen gerechten Blutzoll in Afghanistan gewesen sein. »Wir werden unsere Verbündeten auf dem Nato-Gipfel in Bukarest erneut auffordern, mit uns gleichzuziehen, Soldat für Soldat, Euro für Dollar«, kündigte die amerikanische Nato-Botschafterin Victoria Nuland soeben in der Washington Post an.

Bis zum Gipfel im April wird die Dame nicht warten müssen. Schon Ende dieser Woche dürfte beim Verteidigungsministertreffen in Vilnius und erst recht bei der Sicherheitskonferenz in München der Ärger explodieren über die Scheinsolidarität, die aus Sicht der Amerikaner, Kanadier und Briten seit Jahren im Bündnis herrscht.

Die Nato gibt sich politisch noch immer gern als gemeinsame Benutzeroberfläche derer, die sich »Westen« nennen. Doch je mehr Kugeln und Raketen in Afghanistan fliegen, je mehr Soldaten im Einsatz sterben, desto gnadenloser fördert die Mission die gewaltigen Mentalitätsunterschiede zwischen den Nato-Staaten zutage, über die die Allianz seit 1990 beflissen hinwegsah. Doch jetzt hat, das zeigen Depeschen wie die von Robert Gates und Victoria Nuland, die Geduld der angelsächsischen Krieger mit den europäischen Brunnenbohrern allmählich ein Ende.

Der aktuelle Streit steht für mehr als ein Tauziehen um Anti-Taliban-Bataillone in Nord- und Südafghanistan. Auf dem Gefechtsfeld ist vielmehr ein echter Bruch des Nato-Westens zu besichtigen. Bei nüchterner Betrachtung nämlich plagen das 59 Jahre alte transatlantische Verteidigungsbündnis aus 26 Staaten schon seit einiger Zeit drei Probleme. Erstens, ist es noch transatlantisch? Zweitens, dient es noch der Verteidigung? Drittens, ist es noch ein Bündnis?

US-Militärs halten ihre deutschen Kameraden längst für Feiglinge

Diese Fragen spricht bisher im Brüsseler Hauptquartier allerdings kaum jemand laut aus. Denn lange ließen sich offene Konflikte innerhalb der Allianz aufs Personal abwälzen. Man reibe sich keineswegs an Amerika, bekräftigten die von Donald Rumsfeld als »alt« gestempelten Europäer seit der Irak-Krise 2003 – sondern nur am Stil eines George Bush. Gegenüber der nächsten, vermutlich europafreundlicheren US-Regierung wird dieses Abwehrargument nicht mehr ziehen.

Für die Nato nach Bush ist es an der Zeit, sich ehrlich zu machen darüber, ob es mehr gibt, was sie zusammenhält. Oder mehr, was sie entzweit. Zwar hat der 11. September 2001 ihr noch einmal einen Solidaritätsschock versetzt. Doch schon der nächste echte Belastungstest könnte die Allianz mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontieren: dass sie womöglich längst ein politischer Zombie ist, eine gut geschminkte Untote aus dem Kalten Krieg.