Jobwechsel 100 Tage auf Bewährung
Wer eine neue Stelle antritt, muss die internen Spielregeln erst lernen. Ein paar Tricks helfen
Soll ich die Kollegen duzen? Sagt man in der Kantine »Mahlzeit«? Wer hilft mir, wenn ich nicht weiterweiß? Und wer ist hier eigentlich wirklich der Chef? Die ersten Wochen an einem neuen Arbeitsplatz sind eine Zeit der Unsicherheit. Das Vorstellungsgespräch war ein Erfolg, der Arbeitsvertrag ist unterschrieben; man könnte sich freuen und sich entspannen. Aber je näher der erste Arbeitstag rückt, desto mehr wird klar: Die eigentliche Prüfung kommt noch, viele Vorstellungsgespräche folgen – mit jedem Einzelnen der neuen Kollegen. Man muss sich Dutzende neue Gesichter merken, dazu Namen und Funktion – wie soll man da noch vernünftig arbeiten!
Wer eine neue Stelle antritt, bringt zwar in der Regel das nötige Fachwissen mit. Das geheime Wissen eines Unternehmens kann sich aber niemand vorher aneignen. Job-Coaches warnen daher davor, sich zu für die ersten Wochen zu viel vorzunehmen. Von niemandem wird erwartet, dass er gleich am ersten Tag zeigt, was er kann. Stattdessen kommt es erst einmal darauf an, die Arbeitsabläufe und die informellen Spielregeln kennenzulernen – und mögliche Fettnäpfchen zu umgehen. »Bevor Sie eine Bank überfallen, müssen Sie die Bank zuerst auskundschaften«, sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie in Berlin.
Die Karriereberaterin Carolin Lüdemann rät, sich gut auf die ersten Tage vorzubereiten. In Stellenausschreibungen schilderten Unternehmen den idealen Kandidaten, doch den gebe es nur selten. Daher warnt sie davor, nach einer Zusage leichtsinnig oder gar überheblich zu werden: »Dass Sie die Konkurrenz geschlagen haben, bedeutet nicht, dass Sie keine Schwächen haben.« Sie empfiehlt, noch einmal das Vorstellungsgespräch zu analysieren – Welche Anforderungen wurden genannt? Kann ich tatsächlich alle erfüllen? –, um gegebenenfalls Schwächen rechtzeitig auszubügeln.
Die ersten Tage sollte man mit niedrigen Erwartungen angehen, sagt Jürgen Hesse. »Viele Job-Neulinge rechnen damit, dass sie mit Blumen empfangen und beglückwünscht werden – das ist eine Illusion.« Meistens würden die Kollegen den Neuen erst einmal als Störfaktor sehen, bestenfalls als Investment: »Ihre Einarbeitung kostet Zeit und Nerven, Sie behindern eingespielte Abläufe und gefährden eventuell die Hierarchie.« Teilweise sei auch Neid im Spiel, mancher Kollege schmolle: Warum habe ich den Job nicht bekommen? Wen hat der Chef denn da ausgesucht?
Die Situation im ersten Monat vergleicht Hesse mit dem Aufstieg von der Grundschule aufs Gymnasium: »Die Großen lassen Sie nicht sofort mitspielen; zuerst müssen Sie sich unterordnen. Auch wenn es Ihnen schwerfällt: Sie fangen wieder ganz unten an.« Man dürfe nicht erwarten, dass die Kollegen sich kümmerten, im Gegenteil. »Sie sind derjenige, der sich überall vorstellen muss; Sie müssen um Hilfe bitten; Sie müssen durch freundliche Gesten überzeugen.« Ein Einstand wäre eine Möglichkeit.
Viele Neulinge dächten fälschlicherweise, sie müssten möglichst schnell ihr Fachwissen demonstrieren, sagt Carolin Lüdemann. Dabei gehe es zuerst darum, das Wohlwollen der anderen zu erlangen: »Nur über Ihre Kollegen kommen Sie überhaupt dazu, Ihr Fachwissen einzusetzen. Der Schlüssel zum Erfolg sind Beziehungen.« Ganz wichtig deshalb: beobachten. Carolin Lüdemann rät, auf die Machtverhältnisse zu achten: »Wer ergreift als Erster das Wort, wer ist der Platzhirsch? Ihn sollten Sie sich nicht zum Feind machen.«
Mit Beginn des zweiten Monats sollten die Hierarchien klar sein. Jetzt geht es darum, Beziehungen zu knüpfen. »Legen Sie sich nicht zu früh fest. Vor allem die Außenseiter kommen schnell auf Neulinge zu«, sagt Lüdemann. Die Außenseiter seien jedoch häufig die Nörgler und Bedenkenträger. Sich mit anderen frisch eingestellten zu einer Clique zusammenzuschließen sei auch keine gute Idee, »andere Neulinge kennen die ungeschriebenen Gesetze im Unternehmen genauso wenig«. Hilfe gebe es dafür bei den konstruktiven Problemlösern. Ob im Umgang mit Bedenkenträgern oder mit Problemlösern – in jedem Fall sei es heikel, sich an Lästereien zu beteiligen, sagt Lüdemann. »Alle, die mit Ihnen über andere Kollegen sprechen, sprechen auch mit anderen Kollegen über Sie.« Daher gilt die Regel: »Ohren auf, Mund zu.«
Der dritte Monat ist dann endlich die richtige Zeit, um sein Können zu demonstrieren, »schließlich müssen Sie auch mal zeigen, was Sie draufhaben«, sagt Jürgen Hesse. Wichtig sei allerdings, nicht als Besserwisser aufzutreten (»In meiner alten Firma haben wir das immer so gemacht«), sondern als taktvoller Problemlöser (»Könnte man das vielleicht so angehen?«).
Bis hierhin galten alle Regeln für Frauen und Männer gleichermaßen. Doch es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede. »Männer wollen Neulinge direkt auf Herz und Nieren prüfen«, sagt Carolin Lüdemann. Sie stellten vor allem Fragen zum beruflichen Hintergrund. Weibliche Job-Neulinge reagierten darauf häufig zurückhaltend, dabei sollten sie gerade gegenüber männlichen Kollegen berufliche Erfahrung herausstreichen. Frauen dagegen gehe es bei der ersten Kontaktaufnahme mit Neulingen eher um ein harmonisches Miteinander, sagt Lüdemann. Entsprechend täten männliche Neulinge sich keinen Gefallen, wenn sie gegenüber den Kolleginnen ausführlich über die eigene Karriere referierten.
Bei allen Schwierigkeiten biete der Neustart auch eine große Chance, sagt Carolin Lüdemann. »Sie können sich ganz neu darstellen.«
- Datum 13.02.2008 - 04:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Der Artikel erfasst die Situation korrekt. Aber das macht das Ganze umso schlimmer: fürs Einkommen muss man sich in dieser Arbeitswelt zum opportunistischen Idioten machen. Schade eigentlich.
"...Jetzt geht es darum, Beziehungen zu knüpfen. »Legen Sie sich nicht zu früh fest. Vor allem die Außenseiter kommen schnell auf Neulinge zu«, sagt Lüdemann...." solche überaus sachdienlichen Hinweise liest man ja häufiger in der Flut von Karriereberatungliteratur mit der gerade Absolventen überschüttet werden aber in der ZEIT hätte ich so etwas (unkommentiert) nicht erwartet. Wie soll jmd., der solche Ratschläge bekommt, eingermaßen unverkrmapft in seinen neuen Job gehen??
"Wie soll jmd., der solche Ratschläge bekommt, eingermaßen unverkrmapft in seinen neuen Job gehen??"
Das frage ich mich auch!
Wenn man sich an alle Karriereberater halten wollte, würde man schnell wahnsinnig werden:
Wie kleide ich mich? Wie die erfolgreichen Kollegen!
Mit wem rede ich länger? Nicht mit den Außenseitern!
Wo esse ich mittag? Auf jeden Fall in der Kantine mit aufstrebenden jungen Kollegen!
Welche Hobbys soll ich haben? Die meiner potentiellen Förderer und dynamischer Nachwuchskräfte! (jedenfalls nicht lesen, denn das ist unkommunikativ)
Welches Auto soll ich fahren? Welche Frau sollte ich heiraten? Wie soll ich mein Haus einrichten? Welcher Partei soll ich angehören? Wo verbringe ich meinen Urlaub? etc.etc.etc.
Um Vorstand eines DAX 30 Unternehmens zu werden, muss man das alles vielleicht beachten.
Ich aber arbeite im Mittelstand, mein Chef steht hinter mir und dessen Chef auch. Und das reicht. Gott sei Dank!
Das Strategiespiel kann schnell nach hinten losgehen, wenn es von Kollegen als solches entlarvt wird. Ich denke, man sollte sich auf sein Herz verlassen, die Besonderheiten der Situation (von "beiden" Seiten) im Kopf durchspielen, aber sich keineswegs rundum die Uhr unter Strom stellen. Wer nachts nicht mehr richtig schlaeft, und tagsueber staendig dreissig wenns und abers ueberdenken muss, ist kein sehr hilfreicher Kollege.
einige wichtige Sachen, z.B. dass am Anfang als erstes Außenseiter bzw. Wichtigtuer oder Falschspieler auf einen zukommen. DAS kann ich voll und ganz unterschreiben. Ebenso, dass einen neue Kollegen erstmal misstrauisch beäugen und ggf. neidisch sind und gerade deshalb auf einen zukommen, um Schwächen auszuloten und einem diese im passenden Moment um die Ohren zu hauen. Deshalb: Zurückhaltend, freundlich, scherzhaft und privates bzw. sowie Aussagen über den alten Job nur relativ wohldosiert und neutral erzählen.Was Lästereien angeht, sehe ich die Sache ein bisschen anders: Nix sagen kommt auch nicht gut, aber eine Frage z.B. "ist der/die wirklich so eigenwillig?" bzw. ein relativ neutraler Kommentar zeigen, dass man aktiv ist zumindest nicht als passives Läster-Opfer taugt.Mit Fachwissen kann man auch ab Tag 1 auftrumpfen, wenn die Vorgesetzten es einfordern - mir ging es gleich am dritten Tag im neuen Job so, allerdings war ich auch als Experte für ein Fachgebiet eingestellt worden. Damit die Kollegen einen nicht für das Fachwissen hassen, ist es gut, sein Wissen den Kollegen derart zur Verfügung zu stellen, dass sie ihre Arbeit besser hinkriegen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren