Klassiker der Moderne (97) Teufels Sägewerk
Jean Sibelius rebelliert gegen die Klassik: Seine Vierte Sinfonie von 1911 lässt das Finnisch-Naturhafte im Schraubstock der Avantgarde zersplittern.
Ein Leben liegt wie gelähmt darnieder. Keine Inspiration, horrende Schulden, Streit mit den Verlegern, Kehlkopfoperation, erzwungene Alkohol- und Tabakabstinenz, spottende Freunde. Es ist der September 1909, als der Finne Jean Sibelius beschließt, dieses Jammertal von erhöhter Position aus zu betrachten. Er reist nach Nordkarelien, besteigt den berühmten Berg Koli, lässt sich von Wind und Wildnis durchbürsten und schreibt in sein Tagebuch: »Viele Pläne.«
Doch was sind Pläne, wenn man eine Sinfonie zu schreiben gedenkt, die anders sein soll als alles zuvor? Sibelius umkreist das neue Werk wie einen »Himalaya«, wie er notiert, er will ein »Glaubensbekenntnis« schreiben – und dazu muss er erst die Klassizität der 3. Sinfonie C-Dur und die Bleigewichte seiner Berühmtheit wegräumen. Der Nullpunkt des neuen Denkens beginnt mit der Zerstörung der Ordnung, das Werk steht vom ersten Takt an unter dem Diktat des Tritonus-Intervalls, des diabolus in musica. Der Teufel sitzt also im Detail – und bei der Uraufführung 1911 auch im Publikum: kapitale Verwirrung in der heimischen Musikkritik, die Sibelius bis dahin ergeben war.
Sibelius schreibt in der 4. Sinfonie a-Moll op. 63 so sperrig und kühn wie nie zuvor. Finnisch-Naturhaftes splittert im Sägewerk der Avantgarde. Man erlebt den Willen des Komponisten, die Bögen und Melodien der sinfonischen Form zu perforieren und sie einem erzählerischen Gesetz zu unterwerfen, das einzig aus einem Intervall und dessen Beugung geboren ist. Damit verwandelt sich berechenbare Struktur in unvorhersehbaren Verlauf. Die klassischen vier Sätze sind Krücken, die beinahe zu schwach erscheinen, moderne Dramaturgie zu stützen.
Die Musik löchert die Tonalität, jede Dreiklangharmonie erscheint gefährdet, romantische Hornrufe und wuchtige Choräle hört man wie Klagelaute, welche die kontrapunktisch eingefädelte Dissonanz verzweifelt zur Ordnung rufen. Bereits im Kopfsatz lösen sich Einzelstimmen aus dem Verbund und suchen ihr vergebliches Glück in ziellosen, unbegleiteten Linien. Das fahrige Scherzo löscht die Dreiteiligkeit vorzeitig, das Finalrondo bricht schier auseinander und zitiert einmal, als besinne sich das gefrorene Leid der Vergangenheit, Wagners Parsifal. Am Ende hört die Musik einfach auf, wie sie überhaupt in jedem Satz leise endet, wie erschöpft vom sinfonischen Fortgang.
In rhythmischer Sicht ist diese Musik mit ihren zahllosen Synkopen und Akzenten eine Heimsuchung jedes Orchesters, und es bedarf eines an Sibelius geschulten Ensembles wie der Sinfonia Lahti unter Osmo Vänskä, damit das organisiert Poröse hinreißend und nicht wie Schlendrian klingt. Nun, das notorische Missverständnis, das Sibelius’
4. Sinfonie
hervorruft, hat glorreiche Paten: Die Wiener Philharmoniker empfanden sie 1912 als so befremdlich, dass sie die Aufführung empört absagten. Dabei ist es die Musik selbst, die rebelliert.
Jean Sibelius:
Sinfonie Nr. 4, op. 63; Sinfonie Nr. 1, op. 39; BIS CD 861/Klassik Center Kassel
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- Datum 06.02.2008 - 12:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
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konnte mit dieser Sinfonie nichts anfangen (wie überhaupt mit Sibelius). Grund genug, Sibelius' Werk mal kennezulernen.
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