Der Dresdner, wie ich ihn immer verstand, ist einer, der noch Guten Tag sagen kann. Tagsüber im Elbsandsteingebirge umhergeklettert, sitzt er am Abend schon wieder in der Semperoper, im vierten Rang auf den billigeren Plätzen, hoch über den Stuttgarter Besserverdienern, die hier bei uns in Dresden nicht nur das Parkett besitzen. Bekanntlich dem Sandstein ähnelnd, lässt sich sein Charakter auch am Beispiel der Heiligen auf der Hofkathedrale studieren. Selbst generalüberholt aus der Werkstatt gekommen, verharren die gestenreichen Kollegen nicht lange im gedächtnislosen Weiß der Gegenwart, sondern dunkeln bald in Richtung Vergangenheit nach, bis durch die rußharten Gesichter wieder die Brandnacht schimmert: »Ich komme aus anderen Zeiten und werde in andere gehn.«

Hauptstrecke unseres Grußvermögens sind die sich beidseits durch die Stadt ziehenden Uferwiesen. Hier entlanggehend, empfängt der Dresdner die Nachricht, dass auch das Gebaute von Schönheit bestimmt sein kann: so er im Dreiklang von Stadtsilhouette, Flusslandschaft und ferner hinziehenden Bergen gelegentlich den Einklang verspürt – ein sich selbst nach vielen Dresdendienstjahren noch immer einstellender Schreckensmoment, weil alle Schönheit ja auch eine Last ist, das heißt, in einem erhalten und eingelöst werden will. Dies umso mehr, da Dresden beispielsweise bereits auf dem Postplatz – nur dreißig Schritte vom weltberühmten Zwinger entfernt – schon wieder zu Ende ist. Aber gerade weil die Dresdenbegeisterung und der Dresdenschock derartig dicht beieinanderliegen, konnte sich das Bewusstsein erhalten, dass Dresden weniger eine Tatsache denn eine Aufgabe ist. Auch als wir das Wort noch gar nicht kannten, sind wir schon Welterbe gewesen.

Auch Dresden wurde verhannovert und dortmundisiert

Als nach der Ostdeutschen Revolution von 1989 eine über den Zaun geschleuderte Colabüchse die allmähliche Durchdringung des Ostens durch den Westen anzeigte, musste ich auf den Elbwiesen plötzlich einen bayerischen Bierwagen erblicken. Bin selbstverständlich sofort hin, nicht, um ein Bier zu bestellen, sondern um den Kopf ins Innere zu stecken und »Hau ab, du Hirni!« zu sagen. Und wirklich – war es mein Anblick gewesen? oder die unwirschen sächsischen Laute? –, binnen Kurzem hatte sich der Bierwagen wieder unserer geheiligten Wiesen enthoben. »Hätten wir gleich den Westen gehabt«, lautete in jenen neunziger Jahren der Cantus firmus meines Denkens, »wäre manches längst wiederaufgebaut worden, aber die Elbaue zubetoniert.« So betrachtet, schien uns der Westen gerade im rechten Moment übernommen zu haben. Denn selbstverständlich hatte der Westen nun aus den Fehlern des Westens gelernt. Und selbst wenn sie Dresden auch dortmundisierten und verhannoverten – die Elbwiesen blieben unangetastet.

»Der Verlust des Welterbes ist verkraftbar«, lautete ein wohl in Deutschland noch immer viel zu unbekannt gebliebener Satz. Nicht etwa die Drohung eines Taliban, sondern der Ausspruch des derzeitigen sächsischen Ministerpräsidenten. Eines gewissen Milbradts, durch dessen Erwähnung ich mir nun auch noch diesen Text verderbe. Selbst in kulturloseren Gegenden hätte ein derartiger Satz zum sofortigen Rücktritt geführt. Nicht aber in Sachsen mit seinem tendenziellen Einparteiensystem. Auch dass der Mann aus dem Sauerland stammt, kann den Satz nicht hinreichend erklären. Gerade dem Sauerland wird viel zu oft unrecht getan. Allerdings gibt es gerade im Sauerland auffällig viele – oft durchaus imposant über die zersiedelten Täler hinwegführende – Autohochstraßen, so etwa in Richtung Frankfurt die sogenannte Sauerlandlinie. Kam daher nicht vielleicht doch das Bestreben, uns unter dem Namen Waldschlösschenbrücke wenigstens ein Stück Sauerlandlinie über die Elbwiesen zu spannen? Doch nein, ausgerechnet meine Bekannten aus dem Sauerland verneinen diesen Verdacht vehement: Als gelernte Westler wissen sie natürlich viel besser als ich, dass solcher Starrsinn meist weniger Herkunfts- denn Geldhintergründe hat. Wirklich beweisen können sie mir das allerdings nicht – genauso wenig, wie ich das zu widerlegen vermag. In den alten Zeiten – so meine Sauerlandfreunde –, als Deutschland noch bedeutend korrupter als heute gewesen sei, habe eine Zeitschrift namens Spiegel dergleichen noch aufzudecken gewusst.

Freilich, es hat eine Abstimmung gegeben. Der Dresdner, wie ich ihn immer verstand, ist auch in Dresden nicht mehrheitsfähig. Besteht doch auch Dresden vor allem aus Autos. Und wer hätte das nicht schon an sich selbst erfahren, dass er nur ins Auto einsteigen muss, um selbst wie ein Auto zu denken? Das weiß die herrschende Wirtschaftspartei. Und obwohl sie das Volk sonst kaum was fragt, fragt sie das Volk doch gern nach Verkehr, um weiteren Verkehr zu bekommen – auch wenn in den Tanksäulen der Benzinkathedralen längst eine andere Zeit heraufdämmert. Doch abgesehen davon, dass in einer langen Geschichte von Winkelzügen Alternativen von vornherein unterdrückt worden sind und bei der Abstimmung selbst unsereinem die eisenbögige Hässlichkeit der Sauerlandlinie nicht bewusst gewesen ist: Selbst die hartnäckigsten Freunde der Erderwärmung hätten mit einer eleganteren Lösung sicherlich zu leben vermocht. Dass Schönheit vielen schnuppe ist, kann auch seine Vorteile haben.

Und der Dresdner, wie ich ihn immer verstand? Hatte es ihn überhaupt je gegeben? Nun, ausgerechnet im Moment der größten Aussichtslosigkeit – als im März 2007 ein Gericht Baubeginn verfügte und der Satz von der Verkraftbarkeit des Welterbeverlustes fiel –, fand sich – selbst wenn die Ortspresse den Vorgang herabgestimmt hat – immerhin eine derartige Menschenmenge vor der Frauenkirche ein, dass man sich durchaus an jene Massen erinnert fühlen konnte, die im Dezember 1989 an derselben Stelle standen, just als Kanzler Kohl mit den Worten: »Ich lasse euch nicht im Stich!« Stadt und Land übernahm. Wobei es diesmal um nichts als Schönheit ging. Wo aber hätte man das je gehört, dass sich über zwanzigtausend Leute – nach anderen Zählungen sogar achtundzwanzigtausend – bereitgefunden hätten, für nichts als Schönheit zu demonstrieren? Wenn das nicht doch Ausdruck von Dresdens Besonderheit war. Einer Besonderheit, die ausgerechnet die dresdentümelnde Ortspresse nie recht begriffen hat. Der Dresdner, wie sie ihn immer verstand, ist einer, der auf dem Striezelmarkt schunkelt. Und sollte das Welterbe aberkannt werden, hätte auch sie Schuld daran.