Dresden

Ihr zersägt eure Enkel!

Warum wir Dresdner uns noch immer gegen die Waldschlösschenbrücke wehren

Der Dresdner, wie ich ihn immer verstand, ist einer, der noch Guten Tag sagen kann. Tagsüber im Elbsandsteingebirge umhergeklettert, sitzt er am Abend schon wieder in der Semperoper, im vierten Rang auf den billigeren Plätzen, hoch über den Stuttgarter Besserverdienern, die hier bei uns in Dresden nicht nur das Parkett besitzen. Bekanntlich dem Sandstein ähnelnd, lässt sich sein Charakter auch am Beispiel der Heiligen auf der Hofkathedrale studieren. Selbst generalüberholt aus der Werkstatt gekommen, verharren die gestenreichen Kollegen nicht lange im gedächtnislosen Weiß der Gegenwart, sondern dunkeln bald in Richtung Vergangenheit nach, bis durch die rußharten Gesichter wieder die Brandnacht schimmert: »Ich komme aus anderen Zeiten und werde in andere gehn.«

Hauptstrecke unseres Grußvermögens sind die sich beidseits durch die Stadt ziehenden Uferwiesen. Hier entlanggehend, empfängt der Dresdner die Nachricht, dass auch das Gebaute von Schönheit bestimmt sein kann: so er im Dreiklang von Stadtsilhouette, Flusslandschaft und ferner hinziehenden Bergen gelegentlich den Einklang verspürt – ein sich selbst nach vielen Dresdendienstjahren noch immer einstellender Schreckensmoment, weil alle Schönheit ja auch eine Last ist, das heißt, in einem erhalten und eingelöst werden will. Dies umso mehr, da Dresden beispielsweise bereits auf dem Postplatz – nur dreißig Schritte vom weltberühmten Zwinger entfernt – schon wieder zu Ende ist. Aber gerade weil die Dresdenbegeisterung und der Dresdenschock derartig dicht beieinanderliegen, konnte sich das Bewusstsein erhalten, dass Dresden weniger eine Tatsache denn eine Aufgabe ist. Auch als wir das Wort noch gar nicht kannten, sind wir schon Welterbe gewesen.

Auch Dresden wurde verhannovert und dortmundisiert

Als nach der Ostdeutschen Revolution von 1989 eine über den Zaun geschleuderte Colabüchse die allmähliche Durchdringung des Ostens durch den Westen anzeigte, musste ich auf den Elbwiesen plötzlich einen bayerischen Bierwagen erblicken. Bin selbstverständlich sofort hin, nicht, um ein Bier zu bestellen, sondern um den Kopf ins Innere zu stecken und »Hau ab, du Hirni!« zu sagen. Und wirklich – war es mein Anblick gewesen? oder die unwirschen sächsischen Laute? –, binnen Kurzem hatte sich der Bierwagen wieder unserer geheiligten Wiesen enthoben. »Hätten wir gleich den Westen gehabt«, lautete in jenen neunziger Jahren der Cantus firmus meines Denkens, »wäre manches längst wiederaufgebaut worden, aber die Elbaue zubetoniert.« So betrachtet, schien uns der Westen gerade im rechten Moment übernommen zu haben. Denn selbstverständlich hatte der Westen nun aus den Fehlern des Westens gelernt. Und selbst wenn sie Dresden auch dortmundisierten und verhannoverten – die Elbwiesen blieben unangetastet.

»Der Verlust des Welterbes ist verkraftbar«, lautete ein wohl in Deutschland noch immer viel zu unbekannt gebliebener Satz. Nicht etwa die Drohung eines Taliban, sondern der Ausspruch des derzeitigen sächsischen Ministerpräsidenten. Eines gewissen Milbradts, durch dessen Erwähnung ich mir nun auch noch diesen Text verderbe. Selbst in kulturloseren Gegenden hätte ein derartiger Satz zum sofortigen Rücktritt geführt. Nicht aber in Sachsen mit seinem tendenziellen Einparteiensystem. Auch dass der Mann aus dem Sauerland stammt, kann den Satz nicht hinreichend erklären. Gerade dem Sauerland wird viel zu oft unrecht getan. Allerdings gibt es gerade im Sauerland auffällig viele – oft durchaus imposant über die zersiedelten Täler hinwegführende – Autohochstraßen, so etwa in Richtung Frankfurt die sogenannte Sauerlandlinie. Kam daher nicht vielleicht doch das Bestreben, uns unter dem Namen Waldschlösschenbrücke wenigstens ein Stück Sauerlandlinie über die Elbwiesen zu spannen? Doch nein, ausgerechnet meine Bekannten aus dem Sauerland verneinen diesen Verdacht vehement: Als gelernte Westler wissen sie natürlich viel besser als ich, dass solcher Starrsinn meist weniger Herkunfts- denn Geldhintergründe hat. Wirklich beweisen können sie mir das allerdings nicht – genauso wenig, wie ich das zu widerlegen vermag. In den alten Zeiten – so meine Sauerlandfreunde –, als Deutschland noch bedeutend korrupter als heute gewesen sei, habe eine Zeitschrift namens Spiegel dergleichen noch aufzudecken gewusst.

Freilich, es hat eine Abstimmung gegeben. Der Dresdner, wie ich ihn immer verstand, ist auch in Dresden nicht mehrheitsfähig. Besteht doch auch Dresden vor allem aus Autos. Und wer hätte das nicht schon an sich selbst erfahren, dass er nur ins Auto einsteigen muss, um selbst wie ein Auto zu denken? Das weiß die herrschende Wirtschaftspartei. Und obwohl sie das Volk sonst kaum was fragt, fragt sie das Volk doch gern nach Verkehr, um weiteren Verkehr zu bekommen – auch wenn in den Tanksäulen der Benzinkathedralen längst eine andere Zeit heraufdämmert. Doch abgesehen davon, dass in einer langen Geschichte von Winkelzügen Alternativen von vornherein unterdrückt worden sind und bei der Abstimmung selbst unsereinem die eisenbögige Hässlichkeit der Sauerlandlinie nicht bewusst gewesen ist: Selbst die hartnäckigsten Freunde der Erderwärmung hätten mit einer eleganteren Lösung sicherlich zu leben vermocht. Dass Schönheit vielen schnuppe ist, kann auch seine Vorteile haben.

Und der Dresdner, wie ich ihn immer verstand? Hatte es ihn überhaupt je gegeben? Nun, ausgerechnet im Moment der größten Aussichtslosigkeit – als im März 2007 ein Gericht Baubeginn verfügte und der Satz von der Verkraftbarkeit des Welterbeverlustes fiel –, fand sich – selbst wenn die Ortspresse den Vorgang herabgestimmt hat – immerhin eine derartige Menschenmenge vor der Frauenkirche ein, dass man sich durchaus an jene Massen erinnert fühlen konnte, die im Dezember 1989 an derselben Stelle standen, just als Kanzler Kohl mit den Worten: »Ich lasse euch nicht im Stich!« Stadt und Land übernahm. Wobei es diesmal um nichts als Schönheit ging. Wo aber hätte man das je gehört, dass sich über zwanzigtausend Leute – nach anderen Zählungen sogar achtundzwanzigtausend – bereitgefunden hätten, für nichts als Schönheit zu demonstrieren? Wenn das nicht doch Ausdruck von Dresdens Besonderheit war. Einer Besonderheit, die ausgerechnet die dresdentümelnde Ortspresse nie recht begriffen hat. Der Dresdner, wie sie ihn immer verstand, ist einer, der auf dem Striezelmarkt schunkelt. Und sollte das Welterbe aberkannt werden, hätte auch sie Schuld daran.

Das allerdings ist gleich klar gewesen, dass unmöglich so viele Leute über Monate hinweg Woche für Woche demonstrieren gehen würden. Und schließlich war auch unsereins lange Zeit Bestandteil der herrschenden Bevölkerungsballistik und hat außer Hannover und Dortmund auch das Sauerland besucht. Froh, die Elbwiesenprobleme hinter sich zu lassen. Die Last, ein Dresdner zu sein. Und wieder einmal den Vorteil zu genießen, sich in Gegenden aufzuhalten, in denen es schon so gut wie egal ist, welche Zerstörungen als Nächstes vorgesehen sind. Bin dann auf dieser Sauerlandslinie gleich noch rasch nach Frankfurt hinübergeschindert, um meinen Verlag um Gnade anzuflehen, weil ich vor lauter Dresdnerei schon wieder nichts geschrieben habe und mein Gesamtwerk noch immer keine Konturen annimmt. Doch als ich nach Hause kam, demonstrierten sie immer noch. Anfang Dezember war das, und absolute Finsternis herrschte. Und bis nach Sachsen reichte nun schon der Sauerlandregen. Und deutschlandweit rüttelten Orkane an unserer barocken Substanz. »Höchstens fünfzig Leute«, dachte ich, doch selbst jetzt waren es noch zweitausend. Erstaunlich viele Nachwuchsdresdner, die – konnten die denn schon Guten Tag sagen? – ihrerseits Nachwuchsdresdner in Kinderwagen bugsierten. Und außerdem auffällig viele, die ich schon von 89 her kannte und denen es dieser Milbradt eigentlich erst verdankte, uns überhaupt regieren zu dürfen. Ja, da spürte ich sie wieder, die alte Zugehörigkeit. Die Last, ein Dresdner zu sein. Und als ich uns 89er nun – als ob wir unsere eigenen Opas und Omas wären – mühsam die glitschige Böschung zur Staatskanzlei entern sah, wusste ich, dass es hier auch um uns selbst ging. Um unser eigenes Beharrungsvermögen. Denn die Ironie der Geschichte war ja, dass eine Aberkennung des Welterbes vor allem uns selbst träfe – ausgerechnet diejenigen, die das zu verhindern suchten. Und hätten sie uns erst einmal die Sauerlandlinie aufs Auge gedrückt, fiele es künftigen Milbradten leichter, für den vermeintlichen Fortschritt zu sorgen.

»Sie wollen uns unsere Seele nehmen!«, rief ich durch ein Megafon zur Staatskanzlei empor. »Den letzten Rest unserer Bürgerlichkeit, die selbst die DDR überstand! Sogar ein gewisser Honecker hat in den achtziger Jahren, als es um die Sprengung des Pöppelmannschen Barockhauses ging, im letzten Moment eingelenkt! Obwohl die Sprenglöcher schon angebracht waren!«, schrie ich mit scheppernder Stimme in Richtung Milbradtgranit. Doch das einzig erhellte Fenster da oben lämpelte ungerührt fort. – »Hau ab, du Hirni!« habe ich leider nicht gerufen.

Wenige Tage später fand ich mich früh um sieben Uhr unter einer Eiche wieder. Mit lauter Nachwuchsdresdnern dicht an dicht um einen Stamm geschart. So wie sich in dieser Waldschlösschenstraße auch noch um andere Eichenbäume der gewiss nicht schlechteste Teil der heutigen Jugend in kleinen Häufchen gruppierte: im Sitzen jeweils mit einem umlaufenden Unesco-Spruchband bedeckt, sodass mehr nur die Köpfe vorschauten und man – mit dem Rücken zum Stamm – gleichsam in einem Rundboot saß, was jedem der Sitzgrüppchen etwas Argonautenhaftes gab: als ob man sich gerade auf großer Fahrt befände, obwohl wir doch auf dem Pflaster festsaßen, während die apokalyptischen Sägen langsam näher kamen. Fern überm Hang ein gelb streifiger Himmel, zweifellos noch von Caspar David Friedrich gemalt. »Selbst wenn sie hier alles ab- und umhacken, hält sich dieser Jenseitshimmel«, dachte ich mit einigem Grimm.

Einmal kam ein Kameramann mit Okay-Frisur auf uns zu und filmte besonders mich sehr ausführlich, sodass ich insgeheim stolz darauf war, als deutscher Dichter auf diesem Pflaster endlich einmal Beachtung zu finden. Erst hernach fiel mir auf, dass auch der Kameramann einen Polizeianzug trug. Wie jedes der Baumsitzgrüppchen hatten wir Extrabewacher, die uns erklärten, hier nur ihren Job zu machen; Pflicht ist Pflicht, hieß das früher. Wobei die eine Polizistin neben mir grüne Augen hatte, sodass ich mir erlaubte, sie innerlich Renate zu nennen. Da aber durchbrach ein sehr junger Mann im Unesco-Anzug das Gitter, um eine entferntere Eiche zu schützen. Doch ob er sich auch am Stamm festkrallte – bald hatten sie ihn weggerissen. Und führten ihn mit hinterwärts verdrehten Armen an mir vorüber, wobei ich erst jetzt sah, dass das mein Sohn Moritz war.

Doch wer war jetzt hier nicht mein Sohn, da die apokalyptischen Sägen der Firma Rotzsch Weixdorf unmittelbar vor uns waren? – »Ihr zersägt eure Enkel!«, rief neben mir auf dem Pflaster ein Mädchen, auch das übertrieben und viel zu pathetisch und trotzdem die reine Wahrheit, da abermals eine Eiche umstürzte und selbst die Polizistin Renate Tränen in den Augen hatte. Derartig krachend schlugen die Bäume aufs Pflaster und wummerten im Nachfedern nachkrachend nach, als brächen einem die eigenen Rippen. Worauf sich die Mitarbeiter der Firma Rotzsch Weixdorf mit ihren Kettensägen sofort auf die gefallenen Saurier stürzten und sie gründlich in Kleinteile zerschnitten, ehe die Baggerschaufeln die Äste und Stammstücke zu großen Haufen zusammenschoben, als handele es sich hier um Müll.

Geschah dies, weil Verbrecher gewöhnlich die Spuren ihrer Untaten tilgen? Oder ging es hier eher darum, uns zu demoralisieren und zum Schweigen zu bringen? Wie kam es, dass die Männer der Firma Rotzsch Weixdorf jeden Blickkontakt mit uns vermieden? Nur weil wir grüne Spinner waren? Oder gab es bei ihnen doch einen Rest von schlechtem Gewissen? Noch einmal durchbrachen blutjunge Kerlchen die Gitter und griffen mit ihren Händen in die Kettensägen. Und wieder glaubte ich, dass ausgerechnet mein Sohn Moritz dabei wäre, obwohl ich doch wusste, dass er indessen abgeführt worden war. Aber wer war jetzt hier nicht mein Sohn, da jene Kerlchen bereits mit dem Bauch auf dem Pflaster lagen und hinterrücks die Handschellen zuschnappten? Und als sie dem nächsten Baum extra ein Seil um die ausladenden Äste flochten, hatte ich das auch schon auf den Passionsdarstellungen der alten Meister gesehen. Und ging es hier auch nicht um Kreuzaufrichtung, sondern ums Niederreißen, war es doch ebenfalls eine Hinrichtung.

Und auch aus mir brach ein Brüllen hervor, sodass ich mich immer wieder »Henker!« schreien hörte. Was mir die Arbeiter der Firma Rotzsch Weixdorf nach Möglichkeit verzeihen möchten, obwohl es die reine Wahrheit war. Da aber – denn jetzt kam unser Baum dran – hob man mich beidseits empor; ein Gefühl plötzlicher Leichtigkeit, das einmal zu erfahren ich eigentlich jedem empfehlen kann. Wobei meine Träger mich leise fragten, ob ich zu ihrer Entlastung nicht etwas mitlaufen könne. Aber gerade das war das Problem, dass ich mir im Jahr 89 nun einmal fest vorgenommen hatte, nie mehr im Leben Mitläufer zu sein. Kurz, die mich Schleppenden keuchten nicht schlecht. Und zum ersten Mal in meinem Leben bewährte sich der Umstand, dass ich über einen Bierbauch verfüge.

Die zweihundertjährige Buche haben sie nachts zu Mus verarbeitet

Inzwischen ist Januar 2008. Und während ich dies zu notieren versuche, liegt vor mir auf dem Tisch ein Stück Holz: Auch die berühmte, monatelang extra von jungen Leuten bewohnte, zweihundertjährige Buche haben sie als Symbol unseres Beharrungsvermögens inzwischen umgesägt : für eine bei sechs Zubringerspuren natürlich unverzichtbare siebente Fahrspur. »Keine Nacht-und-Nebel-Aktion«, versprach der Bürgermeister, aber dann kamen sie doch nachts ein Uhr. Und weil sie den Schlüssel immer noch hatten, agierten sie aus dem leeren Gebäude der Staatssicherheit hervor. Und wenn die Reihen der Polizisten den Journalisten die Sicht versperrten, hatten sie nach den Aussagen Betroffener auch die entsprechenden Mittel: Reizgas. Griff von hinten her ins Gesicht, wobei zwei Finger die Nasenlöcher des Delinquenten nach oben zerren. Beliebt auch das beiläufige Treten Vorbeigetragener durch Dritt- oder besser: Trittpolizisten. Trotzdem haben sie zwölf Stunden bis zur endgültigen Schlachtung der Problembuche gebraucht. Ehe sie zuletzt mit einem riesigen Sägeblatt den Baumstumpf zu Mus verarbeiteten. Doch trotz des Kreischens der Sägen war gleichzeitig aus dem Nachbargrundstück das Mozart- Requiem zu hören.

Kurzum: Wir wehren uns noch. Die Anzahl der allwöchentlichen Demonstranten hat letztens sogar zugenommen. Trotz des Versuchs, mit dem Baubeginn möglichst rasch Tatsachen zu schaffen, besteht ja weiterhin die Möglichkeit, die Milbradtsche Sauerlandlinie gleich unter der Elbe hinwegzuführen. Zumal ein neuer – immerhin! – Vorschlag zur Brückenkosmetik nicht einmal mit Brille einen wirklichen Unterschied macht. Auch der Dirigent Kurt Masur – ebenfalls ein alter Bekannter von 1989 – hat sich auf dem Dresdner Opernball für einen Tunnelkompromiss ausgesprochen. Und wenn das Mitteldeutsche Fernsehen den anschließenden Beifall auch nur gekürzt wiedergab, so war doch der Beifall beim Sender 3sat hernach wieder vollständig zu hören. Das sind so die kleinen Siege derzeit. Selbst eine Buche gibt es wieder. Unweit vom gefällten Baum wartet das Bäumchen im Kübel auf sein Eingepflanztwerden. Der Dresdner, wie ich ihn immer verstand, ist eine Widerstandsleistung.

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Leser-Kommentare

  1. ... eine sehr individuelle Sicht der Dinge! Der Dresdner, - wie ihn Herr Rosenlöchere zu verstehen vermeint -, sagt schon gerne Guten Tag , sitzt vielleicht tatsächlich eher auf den billigeren Plätzen der Staatsoper und wehrt sich gegebenenfalls auch tatsächlich noch immer gegen die Waldschlösschenbrücke. Alle anderen Dresdner, die in aller Regel trotz Rosenlöcherischem Vorurteil freilich ebenfalls grüßen, sich freilich nicht über Stuttgarter im Parkett der Oper aufregen und sich vielleicht nicht gegen die Waldschlösschenbrücke wehren, weil sie sie haben wollen und dazu nur wie ein Auto zu denken in der Lage sind - sie sind offensichtlich nicht nach Herrn Rosenlöchers Geschmack, haben sich offensichtlich von einem gewissen Milbradt und seinen Colabüchsen korrumpieren lassen.
    Ich glaube nicht, Herr Rosenlöcher, dass diese Ihre Strategie der Beschimpfung von Politikern und Dresdnern, die nicht vom 4. Rang der Oper auf die im Parkett sitzenden Besserverdienenden spuken möchten, der richtige Weg ist, die Welt glauben zu lassen, dass "wir Dresdner uns noch immer gegen die Waldschlösschenbrücke wehren"!

  2. Warum sie - die anderen, nicht mehrheitstragenden - Dresdener sich immer noch wehren, das ist mir durch den Artikel klargeworden -> Pathologisches Pathos. Was ich nicht begreifen kann, ist die Einseitigkeit und Emotionalität, mit der die causa "Waldschlösschenbrücke" in der "ZEIT", einer i. d. R. doch seriösen Zeitung, bisher immer wieder dargestellt wurde. Ein Höhepunkt war die unerträgliche, die Grenzen der Meinungsfreiheit einerseits und der Beleidigung und Verleumdung andererseits intensiv testende Suada von Evelyn Finger vor einigen Wochen auf "ZEIT online" - allein, viel richtiger liegt Herr Rosenlöcher auch nicht. Wann endlich gibt es in der "ZEIT" eine juristisch saubere Darstellung der Angelegenheit - und, daraus logisch folgend, endlich RUHE?

    P. S.: Ich wünsche mir an der Stelle auch keine Brücke, sondern mehr Rad-, Bus- und Straßenbahnfahrer, aber diese undifferenzierte Meinungsmache bezüglich eines rechtlich unstreitigen Sachverhaltes sogar in meiner Lieblingslektüre ist einfach widerlich!

    JoshWolf, SLDD

  3. .ein typisch (deutsches?) Argument, wenn ich selbst keine Verantwortung übernehmen will..Wie "Recht" und "Mehrheiten" entstehen wird dabei besser ausgeklammert.Ein Blick über die letzen 100 Jahre und die Menge der Leute die "nur im Sinn des geltenden Rechts" gehandelt haben und damit jegliche Verantwortung von sich wiesen, sagt wohl genug.."Wo Recht zu Unrecht ( in diesem Fall wohl zu DUMMHEIT) wird, wir Widerstand zur Pflicht!".Dieser Satz ist auch "Pathologisches Pathos", genau wie beharren auf einmal getroffenen Entscheidungen. auch wenn sie sich als falsch erweisen..Vielleicht "trifft" die Staatskanzelei ja doch einmal die göttliche Einsicht :-).Gruss Sikasuu.

  4. "Der Verlust des Welterbes ist verkraftbar", Georg MilbradtGibt es eigentlich Postkarten von Dresden, auf denen die Sprengung der Buddha-Statuen dargestellt wird - und darunter das Intakte Elbtal mit eben diesem Zitat?Zugegeben, das ist recht plakativ, aber es macht vielleicht deutlich, was gerade passiert: Während die internationale Aufregung seinerzeit groß war, als die Taliban die Statuen sprengen, wird über unsere Medien bei einem vergleichbaren Vorgang in unsererm Kulturkreis nur vermittelt, dass "Berufs-Neinsager" und Studenten protestieren.Ich bin ein Kind des Westens und kenne das Leben in Ostdeutschland kaum. Was ich aber sagen kann ist, dass es nicht wenige westdeutsche Städte gibt, die sich sehnlichst wünschen, Bausünden wie z.B. Stadt-Autobahnen aus den 70ern - mitten durch kleine und mittlere Städte - rückgängig machen zu können.Ich möchte wetten, dass sowohl die Dresdner wie auch die Touristen diese Brücke in Zukunft ebenso als Dresdner Bausünde und Schadfleck ansehen wird. Aber wenn man das doch schon im Vorfeld weiß - wie können sich dann einige kurzsichtige Politiker - und dann noch mit solchen Formulierungen - durchsetzen?F. Mayer

    • 09.02.2008 um 13:22 Uhr
    • wll

    "Wie "Recht" und "Mehrheiten" entstehen wird dabei besser ausgeklammert. Ein Blick über die letzen 100 Jahre und die Menge der Leute die "nur im Sinn des geltenden Rechts" gehandelt haben und damit jegliche Verantwortung von sich wiesen, sagt wohl genug."
    Es ist schon reichlich daneben, das Ergebnis eines demokratischen Volksentscheids mit der Willkürherrschaft barbarischer Diktaturen zu vergleichen. Wenn Sie allen Ernstes Ihre Privatmeinung über demokratisch gefällte Entscheidungen stellen wollen, sind wir wieder genau bei eben diesere Willkürherrschaft...

    "Wo Recht zu Unrecht ( in diesem Fall wohl zu DUMMHEIT) wird, wir Widerstand zur Pflicht!"
    Die einzige objektive Norm ist nun einmal kodifiziertes Recht, das für alle gleichermassen gilt. Wer soll denn bestimmen, ob jetzt das geltende Recht in einem Fall noch "Recht" bzw. "intelligent" ist, oder schon zu "Unrecht" bzw. "Dummheit" pervertiert ist? Sie etwa? Das wäre dann die nächste Diktatur auf deutschem Boden. Ignoranz gegenüber demokratischen Entscheidungen mit politischem "Widerstand" gleich zu setzen, halte ich übrigens für eine Beleidigung jedem gegenüber, der im Kampf gegen Diktaturen Freiheit, Gesundheit oder Leben risikiert oder gar eingebüsst hat.
    Wenn Sie mit dem Brückenbau nicht einverstanden sind, gibt es immer noch die dafür zuständigen Gerichte, die auch Ihnen offen stehen.
    Gerade die politische Linke, die sich immer so vehement für mehr plebiszitäre Elemente in unserem Staat eingesetzt hat, zeigt jetzt eine bemerkenswerte Intoleranz, auch von ihrer Meinung abweichende Ergebnisse zu akzeptieren.

    "Dieser Satz ist auch "Pathologisches Pathos", genau wie beharren auf einmal getroffenen Entscheidungen. auch wenn sie sich als falsch erweisen."
    "Richtig" oder "falsch" ist, von wenigen Grundwerten abgesehen, immer zwangsläufig ein sehr subjektives Empfinden und eignet sich daher kaum als objektive Richtschnur. Es stellt sich auch hier die Frage, wessen Empfinden hier zur Bewertung heran gezogen werden soll. Ihres oder auch meines kann es nicht sein, es sei denn Sie befürworten eine neue Diktatur in Deutschland.
    Ich halte es jedenfalls für höchst fragwürdig, das Ergebnis einer Volksabstimmung einfach ignorieren zu wollen, nur weil man mit diesem Resultat nicht einverstanden ist. Was für ein Demokratieverständnis soll das denn bitte sein? "Demokratie ja, aber nur wenn mir das Ergebnis passt"? Nein danke, kann ich da nur sagen.

    • 09.02.2008 um 13:36 Uhr
    • wll

    "Gibt es eigentlich Postkarten von Dresden, auf denen die Sprengung der Buddha-Statuen dargestellt wird - und darunter das Intakte Elbtal mit eben diesem Zitat?"
    Na ja. Die Taliben waren weder demokratisch legitimiert noch haben sie meines Wissens vor der Sprengung eine demokratische Volksabstimmung durchgeführt. Insofern hinkt der Vergleich gewaltig.
    Im Übrigen ist der Souverän in Deutschland laut dem Grundgesetz das deutsche Volk. Entscheidungen hier zu Lande obliegen also ausschliesslich seinen gewählten Vertretern bzw. der stimmberechtigten Bevölkerung bei Volksentscheiden. Im Gegensatz zur EU hat gegenüber der UNESCO niemals eine Abtretung von Souveränitätsrechten bzw. Befugnissen statt gefunden.
    Die Verleihung des Titels "Weltkulturebene" kann man als eine Art Vertrag Deutschlands mit der UNESCO sehen. Solange keine wesentlichen Veränderungen durchgeführt werden, darf die betreffende Region diesen Titel führen. Das entbindet die Gebietskörperschaften aber nicht davon, die geltenden Gesetze und die jeweilige Landesverfassung bzw. das Grundgesetz zu befolgen. Dementsprechend wurde der Baubeginn ja auch gerichtlich angeordnet.
    Die einzige Befugnis der UNESCO besteht darin, diesen Titel bei "Fehlverhalten" wieder abzuerkennen, was sie meinetwegen auch gerne darf. Allein massgeblich kann aber nur das demokratisch zu Stande gekommene Ergebnis des Volksentscheids sein.

  5. 7. @wll

    Barbarei ist also völlig in Ordnung, wenn sie nur demokratisch legitimiert ist?

  6. 8. An wll

    Schwarzbart zustimmend möchte ich noch anfügen, dass in den USA ja auch nicht gefoltert wird - aber nur, weil die demokratisch legitimierte Regierung eine eigene Definition des Begriffs Folter verwendet. Und weder das Waterboarding noch so manch anderes, was physisch nicht nachweisbar ist aber sehrwohl übelste Qualen bei den Delinquenten auslöst, wird man freiwillig als Folter bezeichnen wollen - denn in einem Rechtsstaat gehört sich sowas bekanntlich nicht ..Zugegeben, das ist ebenfalls ein drastischer Vergleich, aber er verdeutlicht wie dreist uns seit dem 11. September eine doppelzüngige Moral vermittelt wird. Und wenn ein Politiker ein Weltkulturerbe mit so leichtfertigen Worten auf dem Friedhof der Geschichte entsorgt, dann ist es mir grade mal egal, ob er nun der CDU oder der Taliban angehört - er ist ein Barbar ..Aber genau daran, wie solche Entscheidungen durchgesetzt werden und wie man mit den Gegnern einer Entscheidung umgeht, kann man den tatsächlichen zustand der Demokratie ablesen. Und was dort zu sehen ist, ist IMO schen ziemlich erschreckend. Wir sollten - und da komme ich abschließend auf die "Legitimierung" der demokratisch gewählten Regierungen zurück - ganz fürchterlich vorsichtig sein, uns hier irgendwelche Arroganz zu leisten: Mit der Wende zum starken Staat und der allgegenwärtigen Überwachung seit dem 11. 9. 2001 lassen sich eben die Bürger viel effizienter unter Kontrolle zu halten als Terroristen oder "organisierte Kriminelle" fassen.Und ehrlich gesagt möchte ich nicht wissen, was für unser friedliches Zusammenleben die größere Gefahr darstellt: Dass Al-Quaida ein Flugzeug über der deutschen Bank in Frankfurt abstürzen lässt oder dass (aus welchen Gründen auch immer) eben diese Bank pleite geht und kein Geld mehr auszahlen kann ..Wer das für unmöglich hält möge sich doch mal das hier ansehen:http://www.minyanville.comOk, das sind die USA, aber wieviel Geld müssen jetzt in West-LB, ikb, Sachsen-LB, LBBW, etc. gesteckt werden? Wie ist das doch mit den Rücklagen und was passiert, wenn es noch andere Ausfälle jenseits der Müll-Kredite amerikanischer Bürger gibt, für die jetzt die deutschen Steuerzahler blechen müssen?Jetzt habe ich etwas weit ausgeholt, aber es geht ja um folgendes: Jemand wie Herr Milbradt ist eben kein Garant für Demokratie. Auch wenn er durch freie Wahlen bestimmt wurde ist er ein Barbar. Er reiht sich eben nahtlos in eine Linie der ahnungsloser Marionetten ein, die den dümmlichen Argumenten einer vermeintlichen Finanzelite folgt. Und ob nun ein Osama Bin-Laden den Islamismus herbei bomben will oder ob eine wild gewordene Finanzelite die Menschen der westlichen Demokratien in turbulenten Zeiten informationell unter ihre Kontrolle bringen will - wo ist da der Unterschied?F. Mayer

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  • Von Thomas Rosenlöcher
  • Datum 9.2.2008 - 08:36 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
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