Hoteltest Beim König zu Hause

Das Corral del Rey in Sevilla ist Spaniens kleinstes und feinstes Hotel

Rezeptionisten sind lächelnde Zerberusse, und selbst in Grandhotels behandeln diese ranghohen Uniformierten des Beherbergungsgewerbes den erschöpften Ankömmling oft wie einen Landstreicher, Zechpreller, Scheinasylanten. Leicht kann man wegen verschlampter Reservierung in ein Verhör geraten, routinemäßig werden Kreditkarten beschlagnahmt, manchmal sogar Personalausweise kopiert, und wer nicht demütig wartet, wird von einer Fünfsternewachtmeisterin angeblafft.

Geht begrüßen auch anders? »Gracias a dios! Gott sei Dank, dass Sie da sind«, ruft der junge Mann, der das uralte eisenbeschlagene Tor öffnet und die verspäteten Gäste mit weiter Willkommensgeste sozusagen hineinträgt in Andalusiens jüngstes Nobelhotel, »wir haben uns schon Sorgen gemacht!« Das Corral del Rey liegt im palastprächtigen Sevilla, in einer schmalen Altstadtgasse, aber auf einem vollkommen anderen Planeten als gewisse neureiche Kronleuchterresidenzen. Es gehört dem Sproß einer spanisch-britischen Landadelsfamilie und führt zu Recht den König im Namen, weil es seine bürgerlichen Gäste augenblicks in eine Atmosphäre aristokratischer Generosität, Höflichkeit, Geborgenheit entrückt. Das Corral hat nur sechs Zimmer, und man fühlt sich hier wie zu Besuch bei vornehmen Verwandten.

Verwandte fragen nicht nach Kreditkarten, sondern bieten Zitronenlimonade an. Verwandte hantieren nicht mit dem Gepäck ihrer Gäste, ehe diese Platz genommen haben. Weich sinkt man auf ein Sofa im schattigen Patio. Der Hoteldirektor Enrique sagt, er lasse einen mit der Limonade erst mal allein, und später, wenn es recht sei, werde der Besitzer Patrick sich vorstellen. Eine angenehm kühle Stille breitet sich aus. Sevillas berühmteste Touristenattraktion, die Giralda, ist kaum ein paar Hundert Meter entfernt, doch man wird durch dicke Mauern vorm Lärm geschützt und lässt den Blick nun die Wände des Innenhofs hinaufwandern: zur dunklen Schnitzerei überm Türstock (eine Sammlertrophäe aus Usbekistan), zum feinen, schon etwas verblassten Gobelin (Bali), zum altersfleckigen Spiegel (Burma), über die matt schimmernden Estuco-Wände und die umlaufenden Holztreppen hinauf in den Himmel. » Gracias a dios!«, seufzt man auch.

Der Erschaffer dieses Miniaturparadieses heißt Patrick Reid Mora-Figueroa, ist noch keine 30, aber besitzt den Charme eines spanischen Granden und die Parkettsicherheit eines britischen Club-Gentleman. Er sitzt mit aufgeklapptem Laptop in der Bar neben dem Patio, die zugleich der Frühstücksraum ist und wo der Hausherr täglich einen Teil seiner Büroarbeit erledigt, um wie ein guter privater Gastgeber unaufdringlich präsent zu sein. Nie aber würde er auftauchen, ehe erschöpfte Neuankömmlinge Gelegenheit hatten, sich zu renovieren.

Wie oft betritt man ein Hotelzimmer, in dem man sofort heimisch ist? Fast nie. Doch diese hier sind so einladend, als habe eine geschmackssichere, weltgewandte Dame sie für sich selbst eingerichtet. Auf einem schlichten Bett liegt ein rot gemusterter Paschmina-Schal. In einer Ecke neben einem wandhohen Fensterladen steht ein zarter Mahagoni-Sekretär. Der runde Glastisch hat einen Elefantenfuß. Im Corral ist das Teure nicht goldglänzend, das Ausgesuchte nicht vom Designer, sondern aus verschiedenen Kulturen und Epochen. Als Einrichterin fungierte »Mum«, Mutter Mora-Figueroa, deren eklektischer Stil wohl herkunftsbedingt ist. Patricks Großvater mütterlicherseits belieferte einst die Queen mit Pferden aus eigener Zucht, die Familie besaß gut ein Dutzend Haciendas, ihr Brandzeichen dient nun als Hotellogo. Einerseits das Britisch-Protestantisch-Dezente, andererseits das Spanisch-Katholisch-Noble, dazu der Entdeckergeist zweier kolonialer Imperien.

Jedes Jahr im Januar reist Patrick mit Bruder Anthony und »Dad«, dem aus Schottland gebürtigen Vater Reid, nach Fernost, um schöne alte Dinge zu kaufen. Merkwürdig, wie alles im Corral harmoniert. Oder wirkt das nur so dank der ausgetüftelten indirekten Beleuchtung (21 Lichtquellen allein in der Junior-Suite)? Fühlt sich das nur so an dank der Musik, die man vom allermodernsten handtellergroßen Steuermodul aus regelt? Technik ist Patricks Steckenpferd, deshalb hat er geschafft, was in anderen denkmalgeschützten Hotels meist misslingt: zeitgemäßen Komfort einzubauen, aber unsichtbar. Da wäre zum Beispiel das sündteure Elektrolysesystem, das den typischen Palastmuff aus dem alten Gemäuer vertreibt, wären 156 Lichtschaltkreise und über hundert Meilen Kabel. Seine prominenten Audiotechniker haben schon Häuser von George Michael und David Beckham beschallt. Aber der wahre Triumph war, alle Bauauflagen zu erfüllen, die bei einem sevillanischen Stadtpalast aus dem 17. Jahrhundert von drei verschiedenen Behörden dekretiert und nicht aufeinander abgestimmt werden. Historische Stiegen durften nicht angetastet, aber sollten doch für die Feuerwehr passierbar gemacht werden. Der unterirdische Fluss wurde in eine besondere Kanalisation umgeleitet. Am Ende musste nur noch der Mut gefasst werden, einige überflüssige Accessoires wegzulassen, die angeblich zwingend in teure Hotels gehören: Zerberusse, Protzmarmor, Flachbildschirme, Minibars, Frühstücksbuffets.

Im Corral gibt es morgens ein Körbchen Gebäck und ein Glas frisch gepressten Saft an den Tisch, guten Kaffee natürlich, auf Wunsch Ei oder Obstsalat oder Schinken oder alles zusammen, aber keine Anreize, den Zimmerpreis »herauszufressen«. Stattdessen schaut Patrick vorbei und schlägt einen Ausflug auf den Familienlandsitz vor oder einen Besuch im neuen Flamenco-Museum, gleich um die Ecke. Und dann gehen die Gäste natürlich auf Besichtigungstour, aber mindestens dreimal täglich kehren sie unter Vorwänden ins Hotel zurück, obwohl es dort weder Schwimmbad noch Massage, noch sonstige Ablenkungen gibt: einfach auf eine Tasse Tee im Patio oder ein Stündchen im Zimmer. Direktor Enrique verkneift sich nur halb das Schmunzeln, wenn man schon wieder auftaucht als lebender Beweis, wie perfekt das Corral del Rey seinen Sinn erfüllt, nämlich Unterkunft zu bieten, wo man sich wohlfühlt. Das klingt wenig, ist aber viel, eigentlich alles.

Corral del Rey , Sevilla, Spanien, Tel. 0034-954/500708. DZ mit Frühstück 280 Euro pro Nacht

 
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