Film»Unser Kampf mit der Natur ist das Problem«

Ein Gespräch mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson über das Duell zwischen Geld und Glauben, den Preis des Fortschritts und die Rolle des Politischen in seinem Film »There Will Be Blood« von 

DIE ZEIT: Ihr Film There Will Be Blood beruht auf Upton Sinclairs 1927 entstandenem Roman Oil! über den Aufstieg eines amerikanischen Öl-Tycoons. Weshalb haben Sie ausgerechnet diesen aus den vielen sozialkritischen Romanen der damaligen Zeit ausgewählt?

Paul Thomas Anderson: Weil er alles besitzt, was für eine gute Geschichte notwendig ist: starke Charaktere, eindrucksvolle Landschaften und eine bewegende Geschichte. Sie handelt von einer Zeit und einer Welt, über die nicht sehr viel geschrieben worden ist.

ZEIT: Sie haben die Geschichte ziemlich verändert, auch die Figurenkonstellation. Warum?

Anderson: Es gibt hochinteressante Ideen bei Upton Sinclair, die er dann aber nicht weiter verfolgt hat. Ich habe mich auf die Ideen konzentriert, die er in seinem Roman bis zum Ende durchbuchstabiert hat, und versucht, die Sache als Zweikampf zu sehen. Als Kampf zwischen zwei willensstarken Männern: dem Pionier und Ölmagnaten Daniel Plainview und dem fanatischen Prediger Eli Sunday.

ZEIT: Das war aber nicht unbedingt die Sicht von Upton Sinclair. Sein Roman ist ja eher eine düstere Parabel auf den kapitalistischen Fortschritt und eine Kritik an dessen Menschenbild sowie dessen Verhältnis zur Natur.

Anderson: Ich mag keine Parabeln. Und ich denke, es wäre nicht gut gewesen, die Geschichte von Anfang an so zu sehen. Denn das kann durchaus eine ästhetische Bedrohung sein. Entweder solche Assoziationen ergeben sich, oder sie ergeben sich nicht.

ZEIT: Aber Sie geben dem Zuschauer die Freiheit, in Ihrem Film eine Parabel auf unsere Gegenwart zu sehen?

Anderson: Selbstverständlich!

ZEIT: Zunächst einmal inszenieren Sie einen Kampf zwischen Fortschrittsgläubigen und religiösen Traditionalisten, die ihre Scholle nicht verlassen wollen und einfach so weiterleben wollen wie bisher. Die neue Zeit kämpft gegen die alte…

Anderson: Da bin ich mir nicht sicher. Mir scheint, dass die meisten Kämpfe, die wir heute austragen, dieselben sind, die wir schon immer ausgetragen haben. Und es sind letztlich immer Familienkämpfe.

ZEIT: Sie zeigen in der Figur des Eiferers Eli eine Form von religiösem Wahn, die den Zuschauer zutiefst beunruhigen muss. Verbirgt sich darin ein dezenter Hinweis auf den islamistischen Fundamentalismus, überhaupt auf religiösen Funda-mentalismus?

Anderson: Ich glaube nicht. Das würde voraussetzen, dass ich sehr klug bin.

ZEIT: Ihr Film setzt jedenfalls diese Assoziationen frei.

Anderson: Es gefällt mir, wenn das bei Ihnen der Fall ist. Dennoch möchte ich dafür nicht haftbar gemacht werden.

ZEIT: Auf den ersten Blick könnten der kapitalistische Held und sein religiöser Gegenspieler unterschiedlicher nicht sein. Doch wenn man genauer hinschaut, sind sich Daniel und Eli auf eine vertrackte Weise ähnlich. Beiden geht es um Kalkül und Profit. Handelt es sich um ungleiche Zwillinge?

Anderson: Ich glaube, sie sind wie zwei alte Freunde, die sich hassen. Wenn man jemanden sieht, der dieselben Sprüche klopft und dieselben eiskalten Strategien verfolgt wie man selbst, dann ist das eine Bedrohung. Und das erkennen sie. Sie erkennen sich gegenseitig als das, was sie sind – eben als Verkäufer. Und von Daniels Gesichtspunkt aus ist es unverzeihlich, dass Eli den Glauben verkauft.

ZEIT: Hieße das im Umkehrschluss: Der eine verkauft seinen Glauben, und der andere glaubt an das Geld? Damit wäre der Kapitalismus, den Daniel vertritt, auch eine Art Religion.

Anderson: Sicher. Ich habe allerdings noch nie darüber nachgedacht. Es ist auf jeden Fall eine interessante Art, die Geschichte zu betrachten.

ZEIT: Warum sind Ihre Figuren von einer seltsamen Gier getrieben? Weil der Mensch einfach so ist?

Anderson: Nein, eine anthropologische Erklärung fände ich ausgesprochen unbefriedigend. Ich glaube, Gier kommt aus dem Willen, zu überleben. Und es war damals verdammt schwer, zu überleben. Aber gefährlich wird es, wenn das ganze Leben von diesem Kampf überwältigt wird. Wenn man nichts anderes mehr sieht außer den eigenen Ehrgeiz.

ZEIT: Was ist an Amerikas Pionierzeit für Sie so interessant? Verstehen wir unsere Gegenwart nur dann, wenn wir sie im Spiegel der Gründerzeit betrachten?

Anderson: Natürlich müssen wir uns fragen, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind. Wir bewegen uns doch in großer Geschwindigkeit auf das Ende zu. Wenn wir einen Augenblick innehalten und schauen könnten, wo wir herkamen, könnten wir vielleicht noch einmal die Richtung ändern.

ZEIT: Dennoch zollen Sie der Pionierzeit auch großen Respekt, ja Bewunderung.

Anderson: Ich verstehe die Menschen von damals. Die meisten haben bloß versucht, in der Wildnis zu überleben. Und in solch einem Überlebenskampf macht man sich die Kosten des Fortschritts einfach nicht bewusst. Man denkt nur von einem Tag auf den anderen. Die ganzen Spätfolgen der Naturzerstörung, daran hat kein Mensch gedacht. Wie denn auch?

ZEIT: Sie haben Verständnis für ihre Helden?

Anderson: Sie konnten nicht anders.

ZEIT: Und trotzdem stellen Sie ihre Ideologie infrage, Daniels Jagd nach dem absoluten Reichtum, seinen Fanatismus, seinen Glauben an Wachstum und Erfolg.

Anderson: All das bringt ihn doch nicht weiter, oder? Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet doch, welchen Preis wir für den Fortschritt bezahlen wollen. Welchen Preis muss der Held für seinen Reichtum bezahlen? Zu welchem Tausch ist er bereit? Hat es Sinn, für den Reichtum den Verlust seiner Familie in Kauf zu nehmen? Reicht uns das, um zu überleben? Ich glaube nicht.

ZEIT: Sie erinnern an die Mythen der Pionierzeit – und Sie dekonstruieren diese Mythen zugleich.

Anderson: Ja, diese Definition gefällt mir. Das trifft die Sache.

ZEIT: Am Ende ist der von Daniel Day-Lewis gespielte Öltycoon zwar am Ziel seiner Wünsche angekommen, aber er ist innerlich so zerstört, dass er seinen Reichtum nicht mehr genießen kann.

Anderson: In all seinem Überfluss ist der Held auch völlig allein. Was nützt ihm am Ende all das materielle Glück, wenn es niemanden mehr gibt, mit dem er es teilen könnte?

ZEIT: Auch in Ihrem Film Magnolia läuft von Anfang an etwas falsch. Aber was? Und wie hätte es besser laufen können?

Anderson: Oh je, das ist eine der schwierigsten Fragen, die mir je gestellt wurden. Natürlich muss man sich fragen, ob alles schon von Anfang an falsch lief. Landet man zwangsläufig in einer Sackgasse, wenn man erst einmal anfängt, in der Erde herumzuwühlen und nach Öl zu bohren? Behandelt man die Natur so, als sei sie ein Monster, dann wird sie früher oder später zurückschlagen. Sie wird ja von uns ständig herausgefordert. Doch diesen Kampf können wir nicht gewinnen. Und wenn wir die Natur dennoch einmal besiegen sollten, dann ist es ein Pyrrhussieg. Unser Verhältnis zur Natur war von Anfang an ein Kampf, und dieser Kampf ist das Problem.

ZEIT: Wie ist es Ihnen gelungen, einen eigenen Blick auf die amerikanische Landschaft des Westens zu entwickeln, die schon hundertmal gefilmt worden ist?

Anderson: Ich lebe in dieser Landschaft, und ich kenne sie, weil sie meine Heimat ist. Es ist ziemlich leicht, einen Film zu machen über den Ort, an dem man lebt. Und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie es damals gewesen sein muss.

ZEIT: Seit einiger Zeit setzt sich das amerikanische Kino so kritisch mit seinem Land und seiner Gesellschaft auseinander wie schon lange nicht mehr. Was halten Sie von dieser Entwicklung? Und wie würden Sie sich selbst darin verorten?

Anderson: Es stimmt, Hollywood ist im Vergleich zu früher viel politischer geworden. Aber in Zeiten wie den unseren, die ja irgendwie geisteskrank sind, war es schon immer die Aufgabe von Schriftstellern und Autoren, sich ihre Gegenwart vorzu-knöpfen. Aber bei meinem Film verhält es sich anders. Ich weiß, dass wir einen Film über Öl und Religion gedreht haben, ich bin ja nicht blöd. Dennoch wollte ich keinen Film machen, der bloß ein politisches Statement darstellt. Vielmehr wollte ich einen ganz altmodischen Zweikampf drehen, einen Kampf auf Leben und Tod. Politische Filme können gefährlich werden, wenn sie nicht mehr unterhaltsam sind. Ja, ich bin tatsächlich der Meinung, dass ein Film vor allem eines sein muss: nämlich unterhaltsam. Als Zuschauer will ich unterhalten werden.

ZEIT: Aber Sie drängen dem Zuschauer eine politische und gegenwartsbezogene Deutung förmlich auf…

Anderson: Aber das Politische ist nicht das Erste. Es kommt erst an zweiter, dritter oder gar vierter Stelle.

ZEIT: Steckt dahinter die Furcht des Künstlers, dass sein Werk auf eine politische Botschaft reduziert wird?

Anderson: Das ist der Punkt. Dagegen wehre ich mich.

Das Gespräch führte Thomas Assheuer

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service