Berlinale Der israelische Traum
Vor sechzig Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Heute leben die Kinder und Enkel der Gründergeneration in einem zerrissenen Land. Ihre Filme spiegeln das wider
Es mag dem Zufall geschuldet sein, dass sich in diesem Jahr auf der Berlinale ein israelischer Länderschwerpunkt ergibt. Aber manchmal sind solche Zufälle die besten Programm-Macher. 60 Jahre nachdem der Staat Israel gegründet wurde, sehen wir Filme aus einer Gesellschaft, die sich ihrer selbst nicht sicher ist.
Das Leben junger Israelis verläuft in Extremen, und irgendwann führt es ziemlich sicher nach Indien. Man wird in die Armee eingezogen, drei Jahre lang kämpft man und bewacht die Grenzen, man muss vielleicht töten und hat immerzu Angst. Dann ist man plötzlich frei, man wird entlassen, erhält eine Abfindung und reist – nach Indien.
Von jährlich 50000 entlassenen israelischen Soldaten machen das etwa 30000 so. 90 Prozent dieser Reisenden machen Drogenerfahrungen. Tausende von ihnen brechen zusammen, bekommen schwere seelische und körperliche Probleme, in den Bergen Nordindiens oder an den Stränden Goas. »Flipping out« nennen das die Experten.
Früher hätte man gesagt: Sie lassen sich gehen. Der israelische Exsoldat reist nach Indien und wird zu seinem Gegenteil, er lässt sein hartes, gut geschnittenes Offiziersgesicht unter Bart und Locken verschwinden, als wolle er im Spiegel einen neuen Mann entdecken.
Man wird der, den man bekämpft hat, der unlesbare Guerillero, der unberechenbare Freak. Halb Israel schaukelt, so scheint’s, nach dem Militärdienst in Indien in den Hängematten, Dope schmauchend, Trips einwerfend, wallende Hippiekluft am Leib, die Erinnerung an Israel verdrängend mit dem Qualm, den Stilgesten, den Träumen der sechziger Jahre.
Man wohnt im Boarding-House für 50 Rupien die Nacht, man schaltet CNN ein und sieht sich den israelisch-libanesischen Krieg an: Die Kameraden verteidigen die Heimat, und wenn vorn, weit weg, in Israel, die Völker aufeinanderschlagen, versinken die Veteranen in ihren Räuschen.
Flipping Out – so heißt der Film des jungen israelischen Regisseurs Yoav Shamir (geboren 1970), der seinen Protagonisten mit der Neugier eines Ethnologen folgt. Shamir dokumentiert die Verwandlung seiner Landsleute in Freaks und Vogelfreie. Einige seiner Helden sind verrückt geworden, irgendwo im Gaza-Streifen oder im Westjordanland, und merken es erst jetzt, nachdem sie die Waffen abgelegt haben. In der Gebirgslandschaft Nordindiens entwickeln sie die Bilder, die sie in Israel blind gespeichert haben.
»Ein Jude ist auf der Suche, und wenn er nichts findet, so geht er in die Berge, steigt auf die Berge und nimmt Drogen, er sucht immerzu«, sagt der junge Rabbi, der in den Bergen unterwegs ist, um seine kranken Landsleute, die wirklich schweren Fälle, aufzuspüren und nach Hause zu schicken.
Familiär wirkt das alles und beinahe routiniert. Es gibt eine israelische Infrastruktur in Indien, die es den Veteranen erlaubt, ganz unter sich zu bleiben – fast ohne Inder, ganz ohne andere Touristen. Hier rasten sie nun, die Traumahippies aus dem Nahen Osten. Israel, Großmacht ohne Land, hat sich in den Bergen Indiens sein Hinterland geschaffen, ein riesiges Rückzugsgebiet. Die jungen Israelis hier sind schön und friedlich, sie haben weiche Bewegungen und müde Augen. Kaum vorstellbar, dass sie noch vor ein paar Monaten gekämpft, Häuser durchsucht, Grenzen bewacht haben. Und ebenso schwer ist es, sich vorzustellen, sie könnten zu Hause je wieder Fuß fassen.
Indien erscheint in diesem Film, der in der Berlinale-Sektion Forum zu sehen ist, als letzter Schauplatz eines israelischen Dramas, als Ort der Rückverwandlung eines Kriegers in einen Zivilisten. Aber wo soll er hin, wenn er es weder in Indien noch in Israel aushält?
Vielleicht nach New York? In die größte jüdische Stadt der Welt? Schauen wir uns dort um. Folgen wir Moshe; er lebt schon lange dort.
Auch Moshe, ein Israeli in den besten Jahren, hat sein Land nicht ausgehalten, er ist vor dem Krieg davongelaufen und vor der Enge der Gesellschaft, vor seiner Frau und dem drohenden Schicksal als Vater und
breadwinner.
Er hat einen Sohn gezeugt, aber dann ist er nach New York gezogen, wo er seitdem daran arbeitet,
immortal
zu werden, unsterblich – als großer Dichter, Frauenverschlinger, Lebenskünstler. Das war der Plan.
Heute ist Moshe, den in Amos Kolleks Film Restless der nervöse, fröhlich-selbstzerstörerisch wirkende Schauspieler Moshe Ivgy spielt, ein Straßenhändler für jedweden Kram, und nachts in den Bars kritzelt er Gedichte auf die Servietten.
Dann stirbt in Israel Moshes Frau, und nun muss er telefonieren mit seinem Sohn, den er seit 20 Jahren nicht gesehen hat. Tzach, der Sohn (Ran Danker), ist Scharfschütze in der israelischen Armee und insofern ein Kandidat für Nordindien und für den Film Flipping Out. In dem Moment, da Moshe mit seinem Sohn telefoniert, schiebt dieser Wache an einem israelisch-libanesischen Grenzübergang. Und als Tzach sich über eine Äußerung seines Papas erregt, geht das Soldatengewehr in seiner Hand los und trifft ein unschuldiges libanesisches Kind.
Magisch hängen hier Vater- und Sohneswelt zusammen. Moshe steht in Manhattan auf der Straße, die gelben Taxis rauschen um ihn her, die berühmten Polizeisirenen heulen in seinem Ohr, und dann, Schnitt, sind wir in der stillen libanesischen Wüste, und Moshes Sohn Tzach hält das blutende Kind in seinen Armen.
Restless ist ein großes Selbstgespräch des Regisseurs Kollek über die Frage, wo man zu leben habe als Israeli – in New York oder doch im Staat der Juden? Die Figuren, in deren Schatten er dieses Selbstgespräch führt, der Vater und der Sohn, sind am Ende ihres Weges angekommen, beide können allein nicht mehr weiter. Also führt der Regisseur sie wieder zusammen.
Kollek, der mit seinen New-York-Filmen Sue (1997), Fiona (1998) und Bridget (2002) berühmt geworden ist und selbst jahrelang in New York gelebt hat, hat sich entschlossen, wieder nach Israel zu übersiedeln. Restless, sein jüngster Film, der im Wettbewerb der Berlinale läuft, beschreibt die Gegenbewegung: Hier ist es der junge Mann aus Israel, der zum alten Mann nach New York reist. Warum, fragt er dort den Vater, als er ihn endlich aufgespürt hat, bist du gegangen? Und Moshe antwortet: »Alles, was ich wollte, war Moshe retten.«
Moshe wollte sich selbst retten – vor seiner Familie, aber auch vor seinem Land. Er ist keine unsympathische Figur. Amos Kollek sagt, er hoffe, der Zuschauer lerne diesen Mann zu lieben, der es gewagt habe, in einem Land, das vor allem Helden und Veteranen produziert habe, den Deserteur zu spielen.
Und es gibt wahrhaftig Gründe, aus diesem Land zu fliehen. In allen Filmen des jüngeren israelischen Kinos ist Angst ein Thema, die erdrückende Nähe und Unsicherheit der Grenzen. Die Tragikomödie Lemon Tree von Eran Riklis zwingt die Situation in eine bittere Parabel – zu sehen in der Berlinale-Sektion Panorama. Der israelische Innenminister hat sich ein Haus im Westjordanland gekauft, direkt am Grenzzaun zu Palästina. Hinter dem Zaun wächst ein schöner Zitronenhain, und dieser Hain bereitet den Sicherheitsbehörden Kummer: Arabische Terroristen könnten sich darin verstecken und auf den Innenminister feuern. Also wird der Hain abgeholzt. In der Schlussszene des Films aber sieht man den Minister, morgens, beim Öffnen der Jalousien. Über Nacht ist vor seinem Schlafzimmerfenster eine Mauer erstanden – es ist die Mauer, die Palästina und Israel für immer trennen soll. Der Minister ist zum Gefangenen seines Staates geworden. Heldin von Lemon Tree ist Salma, die palästinensische Besitzerin des Zitronenhains, um dessen Erhalt sie vergeblich kämpft (sie wird von der berühmten israelisch-arabischen Schauspielerin Hiam Abbass dargestellt).
Die israelischen Regisseure, die sich auf der Berlinale präsentieren, umkreisen ihr Land aus der Distanz, anstatt es zu durchqueren. Sie blicken mit den Augen der Fremden, der Feinde und der Außenseiter auf dieses Reich, das sich bis nach New York im Westen und bis nach Indien im Osten erstreckt. Einer der verblüffendsten Filme stammt allerdings aus dem Innersten Israels, und zugleich wagt er sich am weitesten hinaus ins Niemandsland: Er heißt Shahida und spielt im Gefängnis.
Im Hasharon-Gefängnis sitzen palästinensische Frauen, die an Terroranschlägen beteiligt waren. Kahira fuhr einen Selbstmordattentäter ins Zentrum von Jerusalem. Samar brachte den Männern von Hamas das Bombenbauen bei. Waffa wollte sich selbst in die Luft sprengen; fast verlegen erzählt sie, warum sie noch da ist. Der Schalter des Bombenzünders brach, als sie ihn auslösen wollte.
Shahida , zu sehen in der Sektion Forum, stammt von der jungen Israelin Natalie Assouline (geboren 1972). Der englische Titel lautet Brides of Allah . Unter diesen Bräuten hat sich Assouline zwei Jahre lang bewegt, und ihr Film ist ein verblüffendes Dokument der widersprüchlichen Affekte, Symbiosen, Solidaritäten, die sich in Israel überlagern und bekämpfen. Denn fast verschworen erscheinen die israelische Filmemacherin und die palästinensischen Terroristinnen. Als seien sie in ihrem Interesse völlig einig: Zeugnis abzulegen, den Geschehnissen gerecht zu werden.
Ein Rätsel ist die 22-jährige Waffa, die Terroristin, deren Opfer Allah nicht angenommen hat: eine lebende Tote, am Leben gehalten und versorgt von denen, die sie in die Luft sprengen wollte. Sie ist offenbar mit sich im Reinen, Waffa, die schon als kleines Mädchen davon träumte, viele Feinde zu töten. Nun wirkt sie demütig und stolz zugleich, als sei sie sich bewusst, dass Gott mit ihrer Hilfe etwas zeigen wolle: Sie ist das Wesen, das im Sturz festgehalten wurde.
Diese Frauen wirken sanft und weise, eher selbstgewiss und versonnen als von Schuld und Reue zerfressen. »Die Israelis haben Panzer, Flugzeuge, Waffen – wir haben nur unsere Körper«, sagt eine von ihnen, und es ist völlig klar, dass aus diesem Blickwinkel sie die Gerechten, die Lauteren und die Arglosen sind. »Ich war wirklich enttäuscht, dass ich nicht umgekommen war«, sagt Waffa. »Denn das war mein Ziel: tot zu sein, umgeben von lauter toten Juden.«
Sieht man diesen Film, dann versteht man die Soldaten aus Flipping Out, und man ahnt, warum sie das gleichgültige Riesenreich Indien brauchen, um Furcht, Terror und Widersprüche ihrer Heimat abzuschütteln.
- Datum 08.04.2008 - 14:02 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 07.02.2008 Nr. 07
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Die geschilderten Zustände sind ein Ausdruck dessen, was unter der Oberfläche liegt. Mit der Staatsgründung Israels geschah gleichzeitig ein großes Unrecht, nämlich die Vertreibung der Palästinenser aus ihrem Land und die Zerstörung ihrer Dörfer. Bis heute hat Israel es nicht geschafft, sich in die Region zu integrieren, in der es liegt und wäre lieber ein Teil Europas. Die Palästinenser geben keine Ruhe und fordern immer noch ihre Rechte ein, müssen immer brutaler unterdrückt werden. Wie alles, was eigentlich nicht sein darf und nicht sichtbar sein soll, fordert gerade dies eine immense Energie und führt zu Negativität ... Es wird sich nicht ändern, bevor nicht Wahrheit und Klarheit einkehren in dieser Region und Israel sich entschuldigt für das, was gewesen ist und die Hand ausstreckt für ein gleichberechtigtes Miteinander in einem Land mit gleichen Rechten für ALLE, nicht nur für Juden.
Den Israelis ist zu wünschen, daß sie sich emanzipieren von ihren "Unterstützern" um nicht länger deren Werkzeug zu sein in deren ewigem Kreuzzug oder was auch immer. Das wird schwer, aber viele aufrechte tun es bereits (Uri Avnery?). Gleichzeitig müssen sie sich bescheiden ( wie wir alle) und mit den Ressourcen ihres Landes auskommen. Erst dann wird sich herausstellen, welcher Art die Feindschaft der Nachbarn Israels wirklich ist - sie wird sich wahrscheinlich verlieren.Israel ist noch nicht souverain. Sie werden mißbraucht. Der erste Schrtitt wäre, keinen Dollar mehr aus Amerika anzunehmen, um wirklich eine Demokratie zu werden und König David zum Teufel zu jagen. Wie es jetzt ist, kann man als junger Israeli eigentlich nur in Drogen zuflucht suchen- denn es passiert nichts gutes dort (achtung, bei uns brennt es ebenso). Worauf soll man denn hoffen? Zudem ist es wirklich unfassbar, dass in Israel und in arabischen Ländern immer noch Jungs genital verstümmelt und auf diese Weise manipuliert werden (traumatisches Erlebnis, ewiges Unbefriedigtsein).Tja, eigentlich braucht Israel eine Revolution.
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