In Luis Buñuels Autobiografie ist zu lesen, er sei 1957, als er Louis Malles Film Fahrstuhl zum Schafott im Kino sah, von meinem Gang fasziniert gewesen. Mir gegenüber hat er sich dazu nie geäußert. Er muss meinen Gang aber tatsächlich in Erinnerung behalten haben, denn Jahre später besetzte er mich in einem Film, in dem sich ein Fetischist an meinen Füßen und meiner Art zu gehen erfreut.

Zunächst aber wollte Buñuel gar nicht mit mir arbeiten. Als sein Produzent ihm 1963 vorschlug, mir die Hauptrolle in dem Film Tagebuch einer Kammerzofe zu geben, fürchtete er, ich sei ein Produkt der französischen Kinoindustrie, ein Star, der nur auf sein Image bedacht ist und hysterisch auf seine Linie achtet. Letztlich war es dann aber meine Art zu essen, die ihn überzeugte. In jener Zeit verbrachte ich meinen Urlaub in Südfrankreich, in einem winzigen Hotel in Saint-Tropez. Buñuel und sein Produzent kamen hin und luden mich zum Mittagessen ein. Ich weiß noch, dass es einer dieser wunderschönen Tage am Meer war. Die Sonne schien, ein Lüftchen wehte. Ich aß Fisch und Kartoffeln, Brot und Käse und trank Wein. Als Buñuel das sah, sagte er: »Jeanne Moreau kann die Rolle spielen.«

Meine Rollen funktionieren nie psychologisch und bewahren immer eine Art Geheimnis, und Célestine im Tagebuch einer Kammerzofe wurde eine meiner mysteriösesten Figuren. Sie kommt als Rätsel und bleibt ein Rätsel. Zu Beginn findet sie als Dienstmädchen Anstellung bei einer Adelsfamilie in der französischen Provinz. Sie begegnet dem fetischistisch veranlagten Hausherrn, seinem sexfixierten Sohn und dessen frustrierter Frau, die sich in ihren Ordnungswahn hineinsteigert. Außerdem einem bigotten Pfarrer und einem faschistischen Angestellten. Es ist ein fürchterlicher Haufen, eine Ansammlung unsympathischer, verlogener, skrupelloser, kleingeistiger Figuren. Célestine wirkt von alldem unbeeindruckt. Gelassen wischt sie Staub, räumt auf, holt Vorräte aus dem Keller und serviert den Tee. Wegen dieser Alltagsszenen, die sich großteils in der Dienstbotenküche abspielen, gilt Tagebuch einer Kammerzofe als eines der realistischsten Werke von Buñuel. Für mich bleibt er dennoch der Film eines Surrealisten. Und es ist Célestine, die das surrealistische Prinzip in den Film hineinträgt.

Sie hat etwas nicht Greifbares, in manchen Momenten fast Unwirkliches. Von Anfang an scheint sie über den Klassen und Milieus zu schweben, kleidet sich für ein Dienstmädchen zu elegant und trägt Parfum. Célestine ist eine subversive Kraft, ein Katalysator, auf den alle anderen reagieren, mit Begehren, Neid oder Ablehnung. Sie selbst bleibt davon aber völlig ungerührt. Sie bedient die anderen, weiß jedoch um ihre Macht über die Sexualität der Männer.

Für mich liegt das Anstößige, im besten Sinne Schockierende von Buñuels Filmen in der Selbstverständlichkeit, mit der er von Lüsten, sexuellen Impulsen und Abgründen erzählt, indem er sie in einen völlig unpsychologischen Rahmen überführt. In der berühmtesten Szene des Tagebuchs einer Kammerzofe muss Célestine vor dem Hausherrn mit ledernen Stiefeletten auf und ab laufen. Buñuel hat diese Szene nicht weiter erläutert; er gab nie Regieanweisungen oder Erklärungen. Und die vom fetischistischen Ritual völlig unbeeindruckte Célestine schien mir immer ein Spiegel seiner eigenen Haltung zu sein. So frei und neugierig wie dieses Dienstmädchen eine Entdeckungsreise in die Perversion eines anderen Menschen unternimmt, blickt Buñuel auf die Perversionen aller seiner Figuren. Daraus spricht nicht nur sein antibürgerlicher Impuls, sondern eine tiefe Einsicht in die Wahrheit und Notwendigkeit menschlicher Phantasmen und Obsessionen. Man denke an Catherine Deneuve, die in Belle de Jour als Prostituierte eigene erotische Fantasien und die ihrer Kunden auslebt. An Fernando Rey, der sich in Dieses obskure Objekt der Begierde in seine Obsession für eine junge Frau hineinsteigert. An die vielen Buñuel-Figuren, deren Begehren auf neurotische Weise an Objekte, Rituale, Spielzeuge und geheimnisvolle Kästchen gebunden ist. Und außerdem sind wir doch alle ein bisschen pervers.

Man muss Buñuels Figuren die Freiheit lassen, die er selbst ihnen ließ. Es führt nicht weiter, sie zu erklären oder zu interpretieren. Man kommt sofort auf falsche Fährten. Während der Dreharbeiten zum Tagebuch erzählte ich Buñuel jeden Tag Geschichten, die ich mir zu Célestines Figur ausgedacht hatte. Er reagierte darauf mit dem Interesse eines Menschen, der erstaunliche Neuigkeiten über einen fernen Bekannten erfährt. Er selbst hatte sich über ihren Hintergrund keinerlei Gedanken gemacht.

Eine Möglichkeit, sich diesen Filmen zu nähern, führt über Buñuels Verhältnis zur Religion. Im Tagebuch einer Kammerzofe konzentriert sich seine Verachtung von Kirche und Glauben auf den Pfarrer, gespielt von seinem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière. Dieser Pfaffe ist ein Opportunist, der sich für Kirchenspenden auf einen zwielichtigen Ablasshandel mit der reichen Hausherrin einlässt. Doch sosehr er den Klerus und die Religion attackierte und verspottete: Buñuel war ein von Gott besessener Atheist, ein jesuitisch erzogener Kirchengegner mit einem tief verwurzelten Sinn für das Rituelle und Symbolische. Ich war immer davon überzeugt, dass Buñuel die göttliche Präsenz nur deshalb so energisch verneinte, weil er zugleich eine große Sehnsucht danach verspürte. Der Wahnsinn des Surrealismus liegt in diesem Widerspruch: Man bekämpft etwas, was man zugleich mit agnostischer Wut negiert. Die Besessenheit, mit der sich die Surrealisten auf Tabubruch, Blasphemie und Sakrileg stürzten, ist von religiöser Inbrunst nicht so weit entfernt.