Erzählexperiment Lenin wird wieder schick
Dietmar Dath hat mit »Waffenwetter« einen sehr sonderbaren Roman geschrieben
Sie ist neunzehn, macht gerade das Abitur, und wer Dietmar Daths neuen Roman liest, tut gut daran, sich mit der Art, wie ihr der Schnabel geht, zu arrangieren. »woher sie kommt, diese wut, so heftig, daß es wie ein greller rotknall vor den augen ist, einen würgenden moment lang, will ich gar nicht wissen: wahrscheinlich ist das ein erbteil von konstantin, meine eltern sind beide beherrschter, man könnte auch sagen: labbriger.« So präsentiert sich Claudia, die Heldin von Waffenwetter. Sie ist eigensinnig auf die superintelligente Art, sie will mal Physik studieren, zweifellos, um der Funktionsweise der Welt auf die Spur zu kommen. Wenn sie die Kleinschreibung praktiziert, dann sicher nur, um den Konventionen ein Schnippchen zu schlagen.
Ein rebellischer Teenager also. Doch wie der Roman bald ahnen lässt, ist Claudia noch viel mehr. Nämlich der Entwurf eines jungen Menschen unserer Tage, der anders ist als die emotional schlappen, verzweifelt abgeklärten Figuren, die in großer Zahl die jüngste deutsche Literatur bevölkern. Und ganz anders als die popkulturellen Konsumgeschichtenerzähler, die in ihren Generationenghettos schmoren. Mit all dem will Claudia ebensowenig zu tun haben wie mit ihren sozial und bildungsmäßig wohlbestallten Eltern (Vater: Musikkritiker). Sie sucht nach radikaleren Wegen. Ihre ersten Versuche in Liebe und Sex absolviert sie nicht mit einem grünen Jungen, sondern entscheidet sich ganz selbstbestimmt für einen Lehrer. Auch für ihre geistige Entwicklung hat sie einen ungewöhnlichen Mentor auserkoren. Der spricht so: »und bei diesem beispiellosen zerstörungswerk der postmodernen verbildung, beim großen unternehmen, alles, was seit ur und babylon an kultur erfunden ist, aus euren köpfen zu spülen, assistieren diesen sauberen schulen erstens: die presse, ja, dein vater, und zweitens: sämtliche sonstigen medien.«
Richtig: Wer sich derartig über Postmoderne, Schule und Medien äußert, muss ein Opa sein. Es handelt sich um Claudias Großvater, den besagten Konstantin, der nach wie vor als unbeugsamer Kommunist herabblickt auf die verkommene Gesellschaft, in der er es einst mit seinem Elektrohandel zum Millionär gebracht hat. Lustig, kein Zweifel. Trotzdem denkt der Autor keinen Moment daran, diesen Altkommunisten als Lachnummer zu verkaufen. Im Gegenteil, er macht Claudia und Konstantin zu einem bedeutsamen Paar, zu einem unzeitgemäßen Gespann.
Enkelin und Großvater, das hat Charme. Dessen Schwächen erweisen sich als seine größte Stärke. Konstantin ist bockbeinig bei Marx und Lenin stehen geblieben und verkörpert damit allem Anschein nach zugleich eine Liebhaberei des Autors Dietmar Dath. Jedenfalls sind es mächtige Signale im Distinktionswettbewerb, wenn einer dem Nachwuchs Staat und Revolution zum Studium empfiehlt. Die Botschaft lautet: Das aufklärerisch-emanzipatorische Denkmaterial erscheint verschlissen, es ist so »labbrig« geworden, wie Claudia ihre Eltern sieht. Da bekommt die Orthodoxie wieder eine Chance als radical schick. Was dem einen die lateinische Messe ist, ist eben dem anderen die Lenin-Lektüre.
Das heißt: Waffenwetter handelt von der Suche nach der verlorenen Radikalität, von dem Streben nach Repolitisierung. Aber Dath ist kein Mann der einfachen Botschaften. Er hat Claudias kurzen Marsch nach links so clever inszeniert, dass der Roman auch immer als Erzähl- und Gedankenexperiment lesbar bleibt. In einer nachgetragenen Notiz betont der Autor, dass der Text nicht nur nachahmt, wie die Heldin denkt, sondern »wie sie ist«. Der Textkörper ist Claudias Sprachkörper. Und der ist, linguistisch betrachtet, ziemlich sexy. Das ist ein görenhafter Kunstjargon, frisch und einfallsreich, von außerordentlichem Ausdrucksreichtum und stets geladen für ein Trommelfeuer kesser Formulierungen. Verachtung der Erwachsenenwelt mischt sich mit durchaus uncoolen, erhellenden Selbstbetrachtungen, Szenen von der friedlichen Koexistenz mit Großvater Konstantin wechseln ab mit rasanten Handlungsschilderungen. Die einzelnen Abschnitte beginnen und enden als Fragmente mitten im Satz. Doch das bereitet keinerlei Leseschwierigkeiten, sondern erhöht nur das Tempo. Wie seine Heldin ist auch dies ein Statement gegen den wieder allzu selbstsicheren Sprachnaturalismus, der ganz nebenbei in einer kleinen Einlage parodiert wird.
Allerdings bringt Dath seine gewichtigen Themen und Motive nicht nur auf virtuose, erstaunlich leichte Weise in vieldeutige Bewegung, er orakelt auch ein bisschen herum. Das Zeug dafür hat er. Seine vielseitigen Interessen liefern ihm den Stoff dazu, mit dem er bis vor Kurzem auch als FAZ- Feuilletonist die Kunst der gedanklichen Querverbindungen gepflegt hat. Genauso tummelt er sich in diesem Roman auf unterschiedlichen Spielfeldern. Mittendrin wechselt er das Genre. Was gerade noch eine kurze Geschichte über Claudias Weg ins linke Lager war, verwandelt sich unversehens in einen Polit-Thriller mit Science-Fiction-Komponenten.
Als Transformator vom erzählerischen Realismus ins Fantastische dient eine für solche Zwecke sehr geeignete, tatsächlich existierende Einrichtung: HAARP, eine Kurzwellensendeanlage in Alaska, deren offizielle Funktion darin besteht, die Ionosphäre zu erforschen. Inoffiziell ranken sich darum zahlreiche Verschwörungstheorien über das, was sich dahinter in Wahrheit verbergen mag: eine Superwaffe, eine Spionageanlage, ein Mittel zu Manipulation des Klimas oder sogar der Gedanken. Semantisch betrachtet, ist HAARP also zugleich ein Gerät, das Motive und Bedeutungen verwandelt. Und genau so eine Verwandlung vollzieht sich mit der Handlung des Romans.
Konstantin schenkt Claudia zum Abitur eine Reise zu der Weltbeherrschungsapparatur mit dem verschwörerischen Ziel, dem Klassenfeind eins auszuwischen. Im Verlauf dieser Aktion stellt sich heraus, dass Claudia gar nicht links werden musste, sondern es immer schon war. Sie wurde einst mit einem ganzen Trupp weiterer Schwestern in einem sowjetischen Zuchtlabor als Undercover-Agentin für den Einsatz im Westen erzeugt.
Genau genommen erzählt Dath die Politisierungsgeschichte seiner Heldin zweimal: als Entwicklungsromänchen und und als Sci-Fi-Thriller. Fragt sich nur, warum. So ganz glasklar lässt sich das nicht beantworten. Einerseits steckt dahinter womöglich eine Dietmar-Dath-Verschwörung mit dem Ziel, die Leserschaft durch abenteuerliche Paradoxien zu fesseln. Andererseits kann ja durchaus spekuliert werden, ob und woher heute linke Impulse wieder herkommen könnten: aus Großvaters Bibliothek, aus den Genen oder aus dem Widerstand gegen die Machtmaschinen?
Und was heißt das für den Roman? Waffenwetter ist ein hybrid zusammengesetztes Buch, bemerkenswert und absonderlich zugleich. Damit befindet sich der Autor durchaus auf der Höhe des Zeitgeistes, für den es nur ein kleiner Schritt ist vom soliden Infostoff zur abgefahrenen Spekulation. Abgesehen davon setzt Dath hier ein Zeichen, das sich auch bei anderen Autoren neuester Romane wie Ulrich Peltzer (Teil der Lösung) oder Thomas Weiss (Tod eines Trüffelschweins) findet. Zumindest mit Fragezeichen rückt da ein Aufbruch à la Claudia ins Blickfeld: vom Pop zur Politik, vom Promikult zum Protest, von Klingeltönen zu Protestsongs. Leser, höret die Signale…
- Datum 12.02.2008 - 04:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07
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