Bücher Literatur muss nicht alles…

und darf die Gegenwart meiden. Denn dafür ist sie nicht zuständig.

Wie viel Gegenwart braucht die deutsche Gegenwartsliteratur? Sie sei retrospektiv, ins bloß Familienhistorische verliebt, hat der Kollege Kämmerlings dieser Tage in der FAZ geklagt, es mangele an dem, was unser Leben jenseits des Privaten bestimme: der Wirtschaft, der Technik, der Medizin. Sein Hinweis auf Amerikaner wie William Gaddis oder Tom Wolfe, deren Bücher eine minutiös recherchierte Gegenwart beherrscht, ist triftig, und leicht hätte er Ian McEwans Roman Saturday hinzufügen können, in dessen Mittelpunkt ein Hirnchirurg steht. Auch ist es wahr, dass es deutschen Autoren oft an jenem gesellschaftlich intervenierenden Ehrgeiz fehlt, der großen Journalismus auszeichnet. Aber es wäre ein Fehler, beides miteinander zu verwechseln, die Literatur und den Journalismus, von diesem zu verlangen, dass er poetische Qualität besitze, und von jener, dass sie uns die Gegenwart erkläre.

Die Literatur ist, um es herbe zu sagen, für die Gegenwart nicht zuständig. Dafür haben wir den Tatort . Immer rasender wird die Gegenwart zur Vergangenheit, und die Geschichte des Milliardenbetrügers Kerviel, die uns heute romanhafter vorkommt als ein Roman, wird in Kürze vergessen sein. Darüber muss man keinen schreiben. Es kann sein, dass die Neuübersetzung der Odyssee mehr zur Deutung unserer Lage beiträgt als ein sauber recherchierter Roman über die schmutzige Privatisierung einer Klinik.

Melville musste böse Jahre auf einem Walfänger erleiden, um Moby-Dick schreiben zu können. Proust durfte sein halbes Leben in einem dunklen Zimmer verbringen, hingegeben der Erinnerung, um seine Recherche zu verfassen. In der gewaltigen Prosa Adalbert Stifters hat die Realität seiner Zeit keine Rolle gespielt, weswegen ihn Hebbel verspottete. Umso bedeutender erscheint Stifters Werk uns heute. Und Peter Handke ist dann der Größte, wenn er sich über den Rand der Gegenwart, über den Rand unserer Wirklichkeit hinausdenkt in eine andere, wahre Welt, und dann am schwächsten, wenn er sich einmischt in die gewöhnliche.

Unter den Schriftstellern hat es immer zwei Richtungen gegeben, eine sozusagen angewandte Literatur, die beherzt in den »Schmutz der Wirklichkeit« griff (wie Hans Henny Jahnn einmal sagte), und eine reine Literatur, die sich entschlossen von ihm abwandte. Und vielleicht ist diese eher in der zentraleuropäischen Literatur beheimatet, jene eher in der englischsprachigen.

Was aber nun dieses Frühjahr betrifft, so erscheinen mindestens zwei Romane mit hochgradig politischer Absicht. Der Schweizer Lukas Bärfuss stürzt sich in seinem Buch Hundert Tage in das unfassbare Elend Ruandas, und Michael Kumpfmüller verdichtet in seiner Nachricht an alle die Krisenzeichen unserer Gegenwart zu einem schwarzen Zukunftsroman. Ob diese Versuche der Repolitisierung gelungen sind, ob sie gar unseren Realismusfreunden gefallen, wird man ja sehen.

 
Leser-Kommentare
  1. Henry James schien für die Aktivitäten seiner Charaktere in seiner Heimat der richtige Hintergrund zu fehlen, deswegen verließ er 1876 Amerika und ging nach Europa.<?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />
    Hemingway hat man vorgeworfen, daß seine Geschichten die amerikanische Wirklichkeit vernachlässigten.
    Emile Zola hat sich in "<?xml:namespace prefix =" st1" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:smarttags"" />La Bête Humaine" und "L'argent" schon sehr früh sowohl mit der Technik als auch mit der Hochfinanz beschäftigt.
    Deswegen halte ich nicht viel von dieser Katalogisierung in "angewandte" und "reine Literatur". Sie ist so falsch wie die von E-Musik und Pop-Musik. Es gibt nur gute oder schlechte Musik.

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