Ich würde sagen, an manchen Stellen kommt er der Wahrheit näher, als er ahnt, auch wenn man es, alles zusammengenommen, natürlich überhaupt nicht ernst nehmen kann.« So steht es da auf den letzten Seiten des Romans, und so stimmt es auch für den Roman selbst.

Man kann sich auf Georg M. Oswald verlassen. Der Münchner Anwalt erzählt saubere Geschichten aus der schmutzigen Welt der Banker, Berater und Anwälte. Und er tut es auf immer wieder gleiche Weise. Er, respektive sein Erzähler, ist halb drinnen und halb draußen, er ist Teil jener Welt des Geldadels, der Aufsteiger und der Intriganten, andererseits beobachtet er diese Welt von außen. In seinem ersten Roman Alles was zählt lehnt er sich an einen scheiternden Jung-Karrieristen an, der das Bankensystem, dem er diente, mit dessen eigenen Mitteln bekämpft. Für den Starnberger-See-Roman Im Himmel nimmt er gar die Perspektive eines melancholischen Jünglings ein, der das latente Grauen in der guten Gesellschaft empfindet, ihr und ihm aber nicht entkommen kann – es sei denn in der Erzählung, die er über diese Welt verfasst und die wir lesen.

Beide Erzählfiguren hat Georg M. Oswald jetzt ein weiteres Mal bemüht. Die Routine hat ihm Sicherheit gegeben, der Roman schnurrt noch in den höheren Gängen ruhig dahin wie der 7er BMW des Generalsekretärs einer bayerischen Volkspartei, der im Roman eine gewisse Rolle spielt. Das ist klug und unterhaltsam, doch alles in allem nicht wirklich ernst zu nehmen. Warum? Weil der Roman Vom Geist der Gesetze den Schematismus in der Konstruktion einer unmoralischen, über Macht- und Geldbeziehungen organisierten sozialen Sphäre nicht auf eine individuelle Erfahrung hin durchbricht, noch aus dem Schematismus selbst ein mitreißendes Spiel macht . Oswalds Sittenbild funktioniert wie in der gehobenen Fernsehunterhaltung. Und das ist besonders heikel, weil das Fernsehen im Roman der große Seelenvergifter ist, bei dem sich alle gesellschaftlichen Übel zum Talk traulich vereinen.

Am Anfang ist der Generalsekretär Schellenbaum blendender Laune, weil er am Vorabend bei einer Talkshow brilliert hat. Der Machtzyniker hat sich für die Akzeptanz einer Unterschicht ausgesprochen und auf diese Weise Freund und Feind verblüfft. Er ist so guter Laune, dass er seinen Fahrer auf dem Weg in die Staatskanzlei im Fonds des BMW platziert und selber fährt. Dabei kommt ihm ein armer Schlucker, der Drehbuchschreiber Richter, buchstäblich in die Quere. Er fährt ihn um und schickt dann seinen Fahrer zu dem leicht Verletzen hinaus, um ihn mit einer Handvoll Euro zum Schweigen zu bringen.

Nun faltet Oswald die beiden Sozialmilieus alternierend auseinander, jedes Kapitel aus anderer Perspektive erzählt. Ausführlicher und auch plastischer die Sphäre der Politik, der Justiz und des großen Geldes, eher bescheiden die antriebslahme Sphäre der Hungerleider und Durchwurstler, zu der auch ein weinseliger Anwalt gehört, der kaum begreift, welch große Räder jetzt ineinandergreifen, um den Fall Schellenbaum klein zu halten. Oswald hat einen sicheren Zugriff auf den Habitus der Oberschicht. Er weiß nicht nur, wie Freundschaft und Sex instrumentalisiert werden, er weiß vor allem genau Bescheid im praktischen Justizwesen. Wie hier gekungelt und gelogen wird, hat man selten in solch professioneller Nahsicht erfahren. Etwas ungeschickt hat Oswald in seinen eher harmlosen Plot noch einen gravierenden mit eingebaut, der die illegalen Waffenverkäufe und Schwarzgeldtransfers im notorischen Fall Schreiber in groben Zügen nachstellt. Damit macht er sich selber Plotkonkurrenz.

Trotzdem schnurrt all dies schön böse ab, mit Charme und Verve und vorwiegend heiter. Nein, da kann man nichts sagen, Georg M. Oswald versteht das Handwerk und beweist Humor, bis hin zum cleveren Ende, an dem das unter Einfallslosigkeit leidende Unfallopfer die ganze Politschnurre, in die er hineingeraten ist, aufschreibt. Und damit endlich Erfolg hat, jedenfalls wenn die Kulturstiftung der Volkspartei die Finanzierung übernimmt. Als deren Chef firmiert nun allerdings jener BMW-Fahrer Schellenbaum. Der liest jetzt, was wir lesen: Richters eher unterhaltsamen als künstlerisch wertvollen Bericht Vom Geist der Gesetze. Zu diesem prekären Lesevergnügen Schellenbaums gehört denn auch eine Schluss-Talkshow, bei der sich nach durchgespielter Intrige alle Beteiligten, also auch Schellenbaum, in heiterer Stimmung treffen, wo die wortgewandten Machiavellisten brillieren, das designierte Prekariat hingegen eher feige als moralisch-wach nur ein paar Stichworte beiträgt.

Und so ist auch die Gewichtverteilung im Roman selbst. Er hat seine Freude an der zynischen Rationalität der Machtelite, wo die Zweikämpfe mit hohem Einsatz und kaltem Herzen geführt werden. Und doch ragt der literarische Zugriff über den eines guten Fernsehkrimis kaum hinaus. Vom Geist der Gesetze ist unterhaltsam, aber harmlos. Die selbst auferlegte Konkurrenz zum Fernsehen hat Oswald nicht nur nicht gewonnen, er hat dessen Schauprinzipien letztlich übernommen. Deshalb würde ich sagen, an manchen Stellen kommt er der Wahrheit näher, als er ahnt, auch wenn man es, alles zusammengenommen, natürlich überhaupt nicht ernst nehmen kann.